Lessons for the Participants of Cognitive-Cultic Work 1906–1924
GA 265a — 1 May 1910, Hanover
Überwindung des Egoismus
Aufzeichnungen von Günther Wagner oder Martina Limburger-von Hoffmann
Was wir heute in dieser Sitzung sozusagen als Hilfsmittel auf dem okkulten Pfade betrachten wollen, steht vollständig unter der Verantwortung derer, die wir nennen die «Weisen der Meister des Ostens». Die Worte, welche gesprochen werden sollen, sind geradezu als eine Inspiration von dieser Seite aufzufassen. Wir wollen einmal näher eingehen auf das, was wir Selbsterkenntnis nennen, nicht jene Selbsterkenntnis, die der Mensch zu finden glaubt dadurch, dass er beständig in sich hinein brütet, sondern Selbsterkenntnis, die für das esoterische Streben von der größten Wichtigkeit ist, um die Meditation und Konzentration wirksam und fruchtbar zu machen in unserer Seele.
Wenn wir in der rechten Weise eingehen in die heiligen Augenblicke der Meditation, so ist das zu vergleichen mit der Saite eines Musikinstrumentes, die wir antönen lassen in unserer Seele, eine Zeit lang daran festhalten und dann langsam abklingen lassen, sodass der Nachhall noch längere Zeit darin verbleibt. Aber nicht nur das muss geschehen, wenn wir eine weitgehende Wirkung erzielen wollen. Wir müssen nämlich versuchen, unsere Seele ganz auszuhöhlen, ganz leer zu machen von allen Eindrücken, selbst von der Wirkung der Meditation. Dann wird man bemerken, zwar erst nach langer, langer Zeit, aber nach der entsprechenden Zeit wird man bemerken, dass man den geistigen Welten, die man ja schon vorher geahnt und gefühlt hat, dass man diesen geistigen Welten immer näher kommt, dass man sie mit einer größeren Sicherheit fühlt, auch wenn das [noch nicht] hellsichtige Auge sie nicht schauen kann.
Aber noch etwas anderes wird eintreten, ebenfalls nach längerem Zeitraum, denn dieser Vorgang ist sehr fein und subtil. Es wird sich aus diesen geistigen Welten etwas eingießen in diese leere Seele. Wie ein Lichtstrahl wird es hineinfallen, und wir werden imstande sein, die geistigen Wahrheiten, die wir bisher in uns aufgenommen hatten, in der Zukunft nicht nur mit dem Verstande zu begreifen, sondern wir werden dazu gelangen, auch die notwendigen Schlüsse und Folgerungen in der rechten Weise daraus zu ziehen. Es wird uns dann zum Bewusstsein kommen, wie zur höheren Selbsterkenntnis nicht nur notwendig ist, seine Charaktereigenschaften zu kennen und zu verstehen - denn das ist das individuelle Karma des einzelnen Menschen -, sondern wir werden dazu kommen, zu erkennen, durch welche Seelen wir beeinflusst werden zwischen Tod und neuer Geburt, in wessen Gesellschaft wir lebten während dieser Zeit im Devachan, denn es ist durchaus nicht gleichgültig, zu wissen, was wir durch dieses Zusammensein mit diesen anderen Seelen in uns aufgenommen haben. Es ist dies entscheidend für unser Wirken im Staat, in der Familie und so weiter.
Die Seelen, die jetzt in den physischen Leibern verkörpert sind, waren zusammen eine Zeit zwischen Tod und neuer Geburt mit den Seelen derer, die da lebten etwa im sechsten, siebenten, achten Jahrhundert nach dem Erscheinen des Christus Jesus auf der Erde, und auch mit den Seelen derjenigen, die Zeitgenossen waren des Christus Jesus.
Nun ist der Christusimpuls zwar in die Welt gekommen, um die Menschheit herauszureißen aus dem Egoismus, in den sie nach und nach gefallen war, und er musste kommen, damit die Menschen nicht ganz verhärteten in ihrem eigenen Ich. Aber er konnte nicht so wirken, wie es notwendig gewesen wäre, denn er kam zu einer Zeit, wo die Egoität am stärksten war auf der Erde, und noch heute steht er erst am Anfang seiner eigentlichen Mission.
Das Band, das sich schlingen soll von Seele zu Seele, muss erst nach und nach geknüpft werden. Geisteswissenschaft weist in der rechten Weise darauf hin, wie sich zu entwickeln hat die echte Bruderliebe in zukünftigen Zeiten.
Nun entstand, durch die Aufnahme, die der Christusimpuls gerade in dieser Zeit in den Seelen fand, eine ganz eigentümliche Religiosität, die sich erhalten hat bis in unsere Zeit. Die Menschen verstricken den Christus so ganz in ihre Egoität hinein, da sie nur darnach streben, selbst selig zu werden, sich selbst ein Plätzchen im Himmel zu sichern. Was kann ich tun, damit zch selig werde? Sie ahnten nicht und ahnen noch heute nicht, wie sich darin ein größerer Egoismus ausdrückt, als wenn der eine dem andern sein Hab und Gut nicht gönnt und es ihm zu entreißen versucht.
Nun waren die heute wiederverkörperten Seelen, zum größten Teil wenigstens, auch noch mit anderen Seelen zusammen während ihres Aufenthaltes im Devachan-Sein. Sie waren noch zusammen mit den Seelen derer, die herabgestiegen waren im vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert, die diese Egoität, die sie mitbrachten in diese Verkörperung, so umgesetzt hatten, dass sie nur ihre eigene Meinung für die rechte hielten, nur diese gelten lassen wollten, wodurch die großen Religionsstreitigkeiten entstanden waren, Calvin, Luther und so weiter. Mit diesen Seelen waren wir zwischen Tod und neuer Geburt zusammen. Dies zu wissen, ist von der größten Wichtigkeit, denn nur dadurch, dass man alle diese Tatsachen weiß, gelangt man zur wahren Selbsterkenntnis, die so notwendig ist für das Weiterkommen auf dem okkulten Pfade.
Das Mysterium auf Golgatha ist zwar nun das größte Opfer, das der Menschheit gebracht wurde zur Erlösung aus den Banden des Egoismus, aber es ist keineswegs das einzige. Zu allen Zeiten hat es Individualitäten gegeben, die herabgestiegen sind auf die Erde, dort eine Zeit lang gewirkt haben und dann ihre drei Hüllen geopfert haben zum Wohle der Menschheit. Solche hat es immer gegeben. Es sind gleichsam Vorläufer gewesen für das Mysterium von Golgatha; das gewaltigste Opfer aller Zeiten war das von Johannes, dem Vorläufer des Christus Jesus auf Erden.
Ein solches Hinopfern der drei Hüllen lässt nun für lange, lange Zeit einen gewaltigen Eindruck zurück in der geistigen Atmosphäre, in der das geschah. Es hat sich zugetragen ein solches Ereignis vor vielen, vielen Jahren im Süden Europas. Als ich vor einiger Zeit in Palermo auf Sizilien Vorträge zu halten hatte, da fiel mir die eigentümliche Atmosphäre, die geistige Atmosphäre auf, die dort herrschte, und die okkulte Forschung ergab, dass ein solches Opfer dort stattgefunden hatte. Es lebte wirklich dort eine Individualität, und die wirkte so unter den Menschen, dass sie dann ihre Hüllen für sie hinopferte. Es war Empedokles, der, nachdem er sein Wirken als Philosoph und Staatsmann abgeschlossen hatte, seine drei Hüllen verließ und sich in den Ätna stürzte.
Indem wir uns bewusst werden aller dieser Tatsachen, die heute vor unsere Seele getreten sind, werden wir einen Schritt vorwärts tun zur wahren Selbsterkenntnis.