Lessons for the Participants of Cognitive-Cultic Work 1906–1924
GA 265a — 28 October 1911
Weisheit, Schönheit, Stärke
Aufzeichnung von Unbekannt (nach anderer Überlieferung Weihnachten 1911, Aufzeichnung C von Unbekannt, siehe S. 96)
Mancher von uns, der nun fortwährend geistige Wahrheiten aufnimmt, ohne sie weitergeben zu können, wird sich schon gefragt haben, ob das nicht ein geistiges Genießen sei, wodurch er seine Kraft anderen Dingen entzieht, statt sie für seine Mitmenschen nutzbar zu machen. Dem ist nicht so. Diejenigen, die geistige Wahrheiten - so viel sie können - in sich aufnehmen, tun für die gesamte Menschheit sehr viel, wenn sie diese spirituellen Wahrheiten mit wahrer Hingabe auf sich wirken lassen. Es gibt da ein okkultes Gesetz. Alles Materielle wird durch den Genuss zerstört, alles Geistige wird mit dem Genuss erst geboren.
So wie die Pflanze, wenn sie zur Frucht gelangt ist, wieder ihren Samen der Erde anvertrauen muss, um weiter zu leben, so müssen die Menschen da sein, um die spirituellen Wahrheiten zu empfangen. Und diejenigen, die Verkündigung aus den höheren Welten erhalten, sollten sich sehr prüfen, ob sie die empfangenen Weisheiten weitergeben dürfen, und es immer als Karma betrachten und achtgeben, ob Karma sie dazu aufruft.
Macht Ihnen das Mitteilen der geistigen Wahrheiten noch Freude, dann ist es besser, Sie unterlassen es. Ist es aber mit Schmerz verbunden, klebt Herzblut daran, so mögen Sie es getrost tun, es wird Segen bringen. Auch die Bücher der äußeren Wissenschaft haben nur Wert, wenn sie aus dem Leid, dem Schmerz geboren sind. Wer nicht Jammer und Leid durchgemacht hat, sollte keine Bücher schreiben. Er tut besser, im stillen Kämmerlein ein gutes Buch zu lesen, als ein schlechtes zu schreiben. Die gewonnenen geistigen Wahrheiten haben mehr Zweck als alle die materialistischen Bücher unserer Zeit zusammengenommen. Raffaels Madonna hätte keinen bleibenden Wert, wenn nicht Menschen da wären, sie zu bewundern. Erst dadurch bekommt ein Kunstwerk Ewigkeitswert, dass es von der Umwelt angeschaut wird. Nicht das Kunstwerk selbst ist unsterblich, sondern das Bleibende sind die Gefühle, Empfindungen derer, die es genießen. Der Künstler hat seine Hauptaufgabe erfüllt, seinen Genuss erschöpft, bevor er beginnt zu schaffen, das heißt äußerlich darzustellen. Da war er im Konnex mit der geistigen Welt, und für den wahren Künstler ist es ein Opfer, seine Ideen in feste Formen zu prägen - es klebt Herzblut daran. 1911
Daher ist es falsch, will man in der Akasha-Chronik etwas über Raffael oder Michelangelo erfahren, diese selbst aufzusuchen. Die Leute, die zu seiner Zeit gelebt haben, auf die er gewirkt hat, die muss man beobachten.
Es ist viel notwendiger für die Menschheit, wenn wir mit wahrer Hingabe geistige Wahrheiten in uns aufnehmen, als wenn wir zum Beispiel eine Stiftung machen, wodurch oft nur ein scheinbares Glück hervorgerufen wird. Denn wer da hineinschaut, sieht, wie oft schon in der nächsten Generation Unglück daraus erwächst. Diese materialistischen Sachen vergehen, während die geistigen Wahrheiten dauernd bleiben. Es kann jetzt noch hundertmal mehr genossen werden, da wir in einer so vermaterialisierten Atmosphäre leben, dass dies noch lange nicht ausgeglichen ist.
In allen okkulten Vereinigungen hat man erkannt, dass auf [Weisheit, Schönheit, Stärke] aller Fortschritt beruht.
I. Wenn sich der Mensch auf dem physischen Plan bestrebt, zur Wahrheit des Denkens durchzudringen, so wird er merken, dass sie zu ihm fließt als Weisheit vom Astralplan. Die Weisheit, die auf dem Astralplan zu Hause ist, wirft ihr Schattenbild in die physische Welt als Wahrheit des Denkens. Daher sollen wir uns hüten, anders als in diesem höchsten Sinne von Weisheit zu reden, sie zum Beispiel nicht anzuwenden auf materielles Wissen. — Dagegen kann weise sein ein ganz naiver Mensch, der in einem grünen Blumenblatte das wohltätige Schaffen der Gottheit sieht.
II. Die Schönheit, wie sie auf dem niederen Devachanplan zu Hause ist, findet ihr Schattenbild auf dem physischen Plan im wahren Frommsein. Aber es ist dies etwas anderes, als was man auf der Erde Schönheit nennt. Wer diese Schönheit sehen will, muss rein und wahr sein. Wer lügt, wird hier nicht zugelassen, denn Lüge würde hier erscheinen als Hässlichkeit. Nun wäre es möglich, dass ein Mensch, der in einer früheren Inkarnation zum Beispiel entwickelt war, jetzt durch irgendwelche Umstände zur schwarzen Magie gekommen wäre. Ein solcher ist nun sehr dem Irrtum ausgesetzt; er kann glauben, wundervolle Engelgestalten zu sehen, aus seinen Erinnerungen webt er ihnen ein herrliches Gewand der Schönheit; in Wahrheit aber sind es grässliche teuflische Wesenheiten.
III. Die Stärke hat ihr Schattenbild auf Erden in der tätigen Tugend. Sie ist auf dem höheren Devachanplan zu Hause. Dort ist keine Tugend aus dem einfachen Grunde, weil es dort keine Untugend gibt, kein Böses; das wird dort nicht zugelassen.
Daher kommt es, dass der Mensch nach seinem Tod erst durch das Kamaloka hindurchgehen muss, sich von seinen Begierden und Leidenschaften reinigen muss, bevor er ins Devachan eingehen kann; denn hier wird nur das Gute aufgenommen, das er sich im Leben erarbeitet hat. Schreitet er dann zu einer neuen Inkarnation, so werden seine Begierden sich wieder mit ihm vereinen, sodass er sie als Karma in einem neuen Leben abtragen kann. Nun wäre die Möglichkeit, dass jemand ganz schlecht ist, gar nichts Gutes aus seiner Inkarnation mitbringt. Ein solcher Mensch kommt gar nicht ins Devachan, sondern schreitet vom Astralplan zu einer neuen Inkarnation.
Wie kommt nun der Mensch zu der tätigen Tugend? Wenn er vor allen Dingen seinen Egoismus besiegt, das heißt seinen Ehrgeiz, seine Eitelkeit, Ängstlichkeit, Furchtsamkeit. Wer wirklich fromm ist, der fühlt sich immer umgeben vom Weltengeiste, kann also nicht furchtsam sein. Er wird auch bald einsehen, dass Eitelkeit, Ehrgeiz auf den höheren Planen eine Dummheit sind. Trotzdem besteht eine gewisse Schwierigkeit für den, der schon weitergekommen ist, gewisse okkulte Wahrheiten empfängt und sie an seine Mitmenschen weitergeben darf. Sehr leicht entsteht da unter seinen Zuhörern das Gefühl persönlicher Verehrung, ja Anbetung. Davon muss er sich ganz frei machen, immer in sein Inneres als tiefstes Geheimnis verschließen, was ihm aus höheren Welten zufließt. Dann wird auch die Anerkennung aus den geistigen Welten nicht ausbleiben, sondern auf ihn herabrieseln in Gestalt von Stärke.