Lessons for the Participants of Cognitive-Cultic Work 1906–1924

GA 265a — 11 May 1913, Cologne

Das Erleben der Natur und das Christus-Prinzip

Aufzeichnungen aus dem Nachlass von Elisabeth Vreede Erster Grad

Wenn wir zurückschauen auf die Art und Weise, wie die Seelen vor dem Mysterium von Golgatha das Sonnenwendfest feierten das, was wir jetzt ungefähr Johannistag nennen -, wie die Seelen damals empfunden und erlebt haben, dann kommen wir zu ganz anderen Empfindungen als diejenigen sind, welche die Seelen der Gegenwart in diesem Augenblick des Jahres erleben. Früher lebten die Seelen - und das sind ja unsere eigenen Seelen - das Leben der Natur als eine Realität mit. Das Herunterfallen der Schneeflocken, das Säuseln des Windes im Walde, das Licht, das aus dem Blitz zuckt, das Rollen des Donners, das Rieseln des Regens, das alles war für die Seelen damals das Sprechen der Götter; und sie verstanden jene Sprache und lebten das Leben der Götter mit. Wenn im Winter um die Weihnachtszeit die Sonne sich kaum mehr zeigte, dann wurde es auch in ihrem Innern einsam und finster, und mit den herabfallenden Schneeflocken fühlten sie, wie sie abgeschlossen waren von den Tätigkeiten der Götter. Und wenn dann der Frühling kam und alles anfing zu spricßen und zu sprossen, dann lebten die Seelen selber wieder auf, dann wurde es warm in den Seelen. Und in dem Maße, wie die Sonne ihre Strahlen zur Erde sandte, konnten sie wiederum lauschen dem Gespräch der Götter; dann fühlten sie sich eins mit der Natur und mit allem, was aus ihr sprach. Aber dieselben Seelen können dasselbe jetzt nicht mehr hören, nicht mehr erleben. Die Götter schweigen immer mehr, und wir sehen die Jahreszeiten sich abwechseln, ohne dass wir uns mehr damit verbunden fühlen. Woher kommt das?

Das kommt daher, weil nach dem Mysterium von Golgatha alles anders werden musste. Dasjenige, was früher von außen auf den Menschen eingewirkt hat, soll jetzt innerlich im Menschen selber arbeiten. Alle diejenigen Kräfte, die früher in der Natur unmittelbar auf den Menschen wirkten, wirken auch jetzt noch, aber wirken jetzt von innen her auf den Menschen. Mit unseren inneren Seelenkräften, die durch das Herabsteigen des Ich in uns stärker werden sollen, müssen wir die Kräfte in uns selber finden, die früher von außen her zu uns sprachen im Donner und Blitz, im Regen und Wind. Nun sprechen sie zu uns in unserer Erkenntnis, nun bringen sie in uns sittliche Kraft und Weisheit hervor, nun erwärmen sie uns innerlich und machen uns fähig, alle Menschen zu verstehen, von Mensch zu Mensch zu sprechen und die Liebe zu begründen, die alle Seelen miteinander verbinden soll, sodass die Menschheit sich wie eine große Einheit wiederfinden wird, da in eines jeden Herzen die ganze Menschheit ausgebreitet daliegt.

Die Feste, die der Mensch jetzt feiert bei dem Wandel der Jahreszeiten, sind keine äußeren Feste mehr, bei denen man jauchzte oder stille wurde zusammen mit der Natur, sondern es sind jetzt innere Feiern geworden. Und die Hoffnung entsteht, dass wir sie einmal in voller Erkenntnis ganz miterleben werden. Wenn jetzt das junge Grün aufsprießt und alle Frühlingskeime erwachen, dann erwacht innerlich bei uns die Empfindung, dass in uns der schlummernde Keim des Geistes erwachen wird, und wir feiern das Osterfest in dieser erwärmenden Hoffnung. Und wenn wir uns dem Pfingstfest nähern und damit dem Höhepunkt des Jahres, dann erwarten wir, dass dieser Geist als Heiliger Geist, als der Geist der Wahrheit in uns kommen soll, der uns die Erkenntnis, die Weisheit bringen wird. Diejenigen Menschen, welche in der nachchristlichen Zeit die Feiertage festgesetzt haben, haben dieses aus tiefster Weisheit und Intuition getan.

Die luziferischen Geister haben dem Menschen dasjenige geben wollen, was sie auf dem alten Monde schon hatten, das Geistselbst oder das fünfte Prinzip, bevor noch der Mensch ganz fertig war mit der Entwicklung des vierten Prinzips oder des Ich. Unreif erhielt der Mensch also das fünfte Prinzip. Die wahre Gestalt des vierten Prinzips zeigt uns der Christus, und dies wird uns angedeutet in den vierzig Tagen oder viermal einem kleinen Zyklus von zehn Tagen, die verlaufen zwischen der Auferstehung und der Himmelfahrt. Dann erst kann das fünfte Prinzip in der richtigen Art zu den Menschen kommen. Und das ist angedeutet in dem Pfingstfest, dem Fest des Herabsteigens des Heiligen Geistes, das wiederum zehn Tage darauf - oder als fünfter Zyklus - kommt nach der Himmelfahrt.

Wir wissen, dass die Elohim uns die Kräfte des Ich auf Erden haben geben wollen, wodurch wir die spirituelle Weisheit in unseren Verstand aufnehmen können. Das aber kann erst langsam und allmählich geschehen, und dazu wird noch die ganze weitere Entwicklung zur Verfügung stehen. Die luziferischen Geister, die schon auf dem alten Monde die Kräfte des Ich aufgenommen hatten und daher dem Menschen weit voran waren, wollen jetzt schon dem Menschen das fünfte Prinzip geben. Sie tun das, indem sie die Aufmerksamkeit lenken auf die Möglichkeiten der Erde, die ganz mit dem Verstande begriffen werden können. Alle hochmütige Naturwissenschaft stammt aus Luzifers Willen. Er will den Menschen durchdringen mit dem fünften Prinzip mit Übergehung des vierten Prinzips. Die Ich-Kräfte werden gebraucht, um den Verstand zu schärfen für irdische Zwecke; sie bringen ihn immer weiter ab von der Berührung mit den Göttern, die uns ihrer Weisheit teilhaftig machen wollen, so wie diese jetzt in den theosophischen Lehren aus der okkulten Welt herabströmen. Nehmen wir diejenigen Lehren auf, die aus diesem Tempel herausgegeben werden, dann wird die Weisheit, die darin enthalten ist, allmählich von unserem Verstande (aufgenommen) verarbeitet werden können und die Kräfte unseres Ich erstarken, sodass wir an inneren moralischen Kräften zunehmen werden, die uns die wahre Freiheit bringen werden, die von innen heraus im Menschen bestimmt wird.

German original of Experiencing Nature and the Christ Principle · ← Previous · Next →