Lessons for the Participants of Cognitive-Cultic Work 1906–1924

GA 265a — 21 May 1923, Oslo

Der Hüter Der Schwelle

Wiedergabe des Inhaltes einer von Rudolf Steiner gehaltenen Stunde der Michaelschule vom 21. Mai 1923 in Kristiania (Oslo) [in Marie Steiners Notizbuch Nr. 1 datiert auf «(Kristiania) 18, Mai 1923»] durch Aufzeichnungen von Nanna Thorne in der Übersetzung von Agnes Steineger und Karl Engquist in einem Brief vom 20. November 1966 von Karl Enggvist (Mölle, bei Helsingborg) an Edwin Froböse (Dornach)

Lieber Herr Froböse! Auf einer Woche Erholung in einem Kurhaus (nahe Helsingborg) konnte ich die Übersetzung machen. Es ist ja wirklich, wie Sie sagten, ein geschichtliches Dokument. Vielleicht schreiben Sie mir eine Karte, um den Empfang zu bestätigen? Herzliche Grüsse
Ihr Karl Engqvist

Mehr oder weniger bewusst lag bei jedem Esoteriker der Drang vor, in die seelisch-geistige Welt hereinzudringen. Um dies zu erreichen, haben wir uns entschlossen, den esoterischen Weg zu gehen. Dieser Entschluss möge für uns als der wichtigste gelten, den wir in (diesem) unserem Leben gefasst haben. Alles andere wird klein im Vergleich damit; denn die Arbeit, die wir als Esoteriker verrichten, die tun wir im Bewusstsein, dass sie nicht nur für uns selber, sondern für die Menschheit ist. Sie reicht über die Zeiten hinaus, in die Ewigkeit hinein. Die höhere Erkenntnis wird erst durch Übung (Training im norwegischen Text) erreicht. Deshalb haben wir unsere Übungen und Mantras erhalten, die so intensiv und lebendig wie möglich durchgenommen werden müssen. Ohne dies kommt man nicht ans Ziel. Sie bilden das Tor, durch das der Esoteriker gehen muss, wenn sich die geistige Welt ihm öffnen soll.

Ebenso wichtig, wie die Übungen zu verrichten, ist es, die richtige Stimmung der geistigen Welt gegenüber zu entwickeln. Wir müssen uns bewusst werden, das alles um und in uns verdanken wir den Wesen, die dort leben, sogar unser eigenes Leben und den Seeleninhalt, der während der Meditation hereinströmt. Wir müssen uns bewusst werden, dass wir uns diesen hohen, göttlichen Wesen nähern.

Deshalb soll der Esoteriker sich diesen Wesen in tiefer Ehrfurcht nähern, und er soll versuchen, ein lebendiges Erfühlen dessen zu bekommen, [dem] er nun begegnet - er muss lernen, das, was ihm von ihnen entgegenströmt, zu lieben.

Durch sein Gedankenleben erreicht man Verbindung mit der Welt des Geistes, wenn man mit seinen Gedanken in anderer Art umgeht als sonst. Wenn sie ihm ebenso real werden wie äußere Dinge: Bei intensiver Meditation merkt man nämlich, dass in der inneren Stille der Gedankenarbeit sich etwas viel Höheres und Wirklicheres als die Dinge der Außenwelt offenbart. Die Gedanken bekommen Leben, sie werden selber lebend. Sie sind nimmer schattenhaft und abstrakt: Man hört in sich eine Stimme, unerkannte Wesen sprechen durch die Gedanken zu einem in der Stille. Man lauscht einem inneren Wort, einer inneren Sprache.

Ein solches Leben der Seele in Gedanken, das sich mehr und mehr zu einem Leben im Geiste erweitert, wird Meditation genannt. Und sie ist das Mittel zu jeder übersinnlichen Erkenntnis.

Auch auf einem anderen Wege kann man zu dem inneren Worte gelangen. Nicht nur durch das Suchen nach innen - sondern auch durch das Suchen nach außen.

Alles in der äußeren Natur hat einen Namen bekommen. Die Menschen haben allen Dingen, jedem Tier, jeder Pflanze und jedem Mineral den Namen gegeben. Und der Name ist nicht nur eine Bezeichnung, [sondern] hinter dem Namen verbirgt sich etwas Geistiges, das wirksam ist. Sogar Gefühle und Begriffe haben einen Namen bekommen. Durch den Namen, durch das Wort, kann der eine Mensch in intimere Verbindung mit einem anderen kommen. Durch die Worte lernt man das Seelenleben eines anderen Menschen kennen, seine Gedanken und Gefühle.

Aber soll man auf diesem Weg zu dem «inneren Wort» gelangen, ist es nicht genügend, dass man nur oberflächlich einen Begriff von dem Seelenleben eines anderen bekommt; man muss tiefer gehen. Und das erreicht man erst, wenn man beim Zuhören [...] sich gewöhnt, die eigenen Gefühle und Meinungen zu unterdrücken, auch wenn sie denjenigen des anderen ganz entgegengesetzt sind. Dann erst wird man durch die Worte die Seele des anderen hören - man muss sich da hereinlauschen.

Lauscht man durch die Worte auf das Seelenleben des anderen, dann entwickeln sich die okkulten Organe im Astralleib und später im Ätherleib, sodass man fähig wird, Stimmen, Worte aus der Geisteswelt aufzufassen: Sie sind nicht für das äußere Ohr hörbar, aber die Fähigkeit, das «innere Wort» aufzufassen, wird zum Leben geweckt.

In stillen Augenblicken spricht die innere Stimme zu dem Schüler, und die geistige Welt gibt sich dadurch zu erkennen. Der Alltagslärm muss dann verstummt sein, sodass es in dem Menschen stille ist. Die Worte, das Zusammensein mit der anderen Welt füllen seine ganze Seele, und geistige Wahrheiten werden ihm nach und nach offenbart. Ein starkes Glücksgefühl begleitet dies Erlebnis. Es ist, als ob ein inneres Licht in ihm angezündet würde, und neues Leben strömt ihm entgegen aus der göttlichen Welt.

(Die Erwerbung der Fähigkeit, das innere Wort aufzufassen, nimmt verschieden lange Zeit.) Die Fähigkeit, das innere Wort aufzufassen, nimmt — um sich zu entwickeln - bei den verschiedenen Menschen verschieden lange Zeit; einige erleben es nach einer ganz kurzen Zeit, andere erst nach einer Folge von Jahren. Geduldig muss man arbeiten und warten, bis dies erreicht ist. Durch die Nebenübungen und die speziellen Übungen wird die Fähigkeit entwickelt und [dies] bringt einen das erste Stück Weg vorwärts zu der geistigen Welt.

Wenn die Meditation mit dem intensiven Gedankenleben beendet ist, versucht man vollkommene Stille in seinem Inneren zu schaffen - in dem seelischen Element leben. Dann fühlt man eines Tages — wenn man einen gewissen Punkt in seiner Entwicklung erreicht hat -, als ob man von einer großen Finsternis umgeben wäre, einer Leere, einem leeren Weltenraum, und gleichzeitig fühlt man, als ob man sich mehr und mehr erweitern würde, ja es ist, als ob man sich selber verlieren würde in die dunkle Unendlichkeit. Man wird von Furcht ergriffen. Aber da soll man innen in sich sagen: «Ich lebe», um nicht ganz wegzugleiten, sich zu verlieren.

Da wird man in der schweigenden Finsternis ein Licht gewahren, das von einem selber ausgeht, und mit diesem Licht bewegt man sich in das Unendliche hinein. Plötzlich ertönt es aus dem großen Unendlichen, aus dem Weltenwort: «O Mensch, erkenne dich selbst.» Mächtig, gewaltig tönt es (das norwegische «runger» ist fast «tosen», «donnern») dem Esoteriker entgegen.

(In vier Etappen) Auf vier Stufen hört man dies Wort ausgesprochen. Es kommt dem Esoteriker vor, als ob die Sonne morgens aufgeht, und sie steigt zum Mittag auf; sie sinkt abends, und der Mond geht auf und geht wieder herunter. Es wird Morgen, und es wird Abend, es wird Mitternacht und wieder Morgen, und in jedem dieser Abschnitte hört man ein Wort tönen: O Mensch, erkenne dich selbst.

Und doch dauert das ganze Erlebnis vielleicht nur einige Augenblicke, höchstens ein oder zwei Minuten. Es ist nicht die Zeitdauer, auf die es ankommt, sondern auf die Intensität der Versenkung. In den zwei Minuten kann das Erlebnis so stark sein, wenn man diese Worte hört, dass es ist, als ob man einen ganzen Tag und [eine ganze] Nacht erleben würde mit dem Aufgehen und Untergehen der Sonne, dem Aufgang und Untergang des Mondes.

Aus der Welt des Geistes kommen die Worte, und sie werden als überwältigend erfühlt. Sie donnern (runger) einem entgegen. Es ist etwas Ähnliches wie das, was die alten Hebräer erlebten bei dem Aussprechen des Wortes Jahwe. Da war es, als ob der Kosmos mit Donnergetöse zusammenstürzte, so verstärkt kam der Laut zurück. Er hörte ihn als in einer kurzen und in einer langen Silbe.

In derselben Weise werden die Worte: «O Mensch, erkenne dich selbst» in kurzen und langen Silben uns entgegentönen. Dann sterben die Worte hin, und es wird ganz still.

Aber jetzt wird eine Stimme gehört (die der Schüler jetzt von einem Engel kommend versteht), von der der Schüler jetzt versteht, dass sie von einem Engel kommt:

«So tönt das Weltenwort.
Du hörst es seelenkräftig.
Du fühlst es geistgewaltig.»

Wieder wird es stille. Ängstlich und sinnend spürt der Schüler sich selber: «Wer spricht so weltenmächtig?»

Die dritte Strophe wird gelesen.

O Mensch, erkenne dich selbst!
So tönt das Weltenwort.
Du hörst es seelenkräftig,
Du fühlst es geistgewaltig.
Wer spricht so weltenmächtig?
Wer spricht so herzinniglich?
Wirkt es durch des Raumes Weitenstrahlung
In deines Sinnes Seinserleben?
Tönt es durch der Zeiten Wellenweben
In deines Lebens Werdestrom?
Bist du es selbst, der sich
Im Raumesfühlen, im Zeiterleben
Das Wort erschafft, dich fremd
Erfühlend in Raumes Seelenleere,
Weil du des Denkens Kraft
Verlierst im Zeitvernichtungsstrome.

Die Welt des Geistes ist nahe, das fühlt man, und ein Wunsch entsteht, in den Besitz eines Messstabes zu kommen, der einem die Großartigkeit (die Größe) des geistigen Lebens zeigen kann im Vergleich mit der Kleinheit des alltäglichen Lebens.

Einen solchen Messstab haben wir in unserem Atem im Verhältnis zu Tag und Nacht.

Wir vergleichen unseren eigenen Atem mit dem kosmischen Atmen. Der Kosmos atmet uns aus im Verlauf eines Tages. Wir erwachen morgens und leben bewusst in der physischen Welt - ein Ausatmen des Kosmos. [Wir schlafen hinein in die geistige Welt- ein Einatmen - und erwachen wieder morgens.] Ein Tag und eine Nacht hier ist für den Kosmos wie für uns ein Atemzug (ist für den Kosmos, wie es einer unserer Atemzüge für uns ist).

Lasst uns genauer bedenken, was es eigentlich heißt, dass unsere 24 Stunden für den Kosmos dasselbe sind wie ein einziger Atemzug für uns.

Normalferweise] hat der Mensch 18 Atemzüge pro Minute; Kinder etwas mehr, ältere etwas weniger, aber durchschnittlich sind es 18 Atemzüge pro Minute. In einer Stunde wird es 18 x 60 = 1080 und im Laufe eines Tages und einer Nacht 25920 Male. Der Mensch atmet also 25920 Male in 24 Stunden.

Nun ist es nicht nur das Atmen des Menschen, das im Verhältnis zu dem Kosmischen so viel größer ist in der geistigen Welt, [sondern] alles müssen wir uns 25920 Mal vergrößert denken. - Kleine Dinge, die wir hier wenig bemerken, ein kleiner Fehler zum Beispiel, den wir fast übersehen, vertönt sich anders in der geistigen Welt. Da hat er einen gewaltigen Einfluss. Alles in unserem Seelenleben bekommt Bedeutung dadurch, dass es 25920 Mal vergrößert wird.

Aber nicht nur das moralische Leben des Menschen hat diese großen Dimensionen in der geistigen Welt, sondern auch alle anderen Eindrücke, die die Seele von den Dingen hier unten empfängt, sind dort im entsprechenden Grade vergrößert. Die Schönheitseindrücke, die die Menschen von allem Schönen in der Natur bekommen, von Blumen, Wolken, Meer und Gebirge, wie schön es sich auch hier vertönt, können doch nicht verglichen werden mit den Schönheitseindrücken, die man dort erlebt - so erhaben, so majestätisch sind sie. So wie der physische Atem sich zu dem seelisch-geistigen Atem verhält — so viel mächtiger und mehr ehrfurchtseinflößend ist die geistige Welt im Verhältnis zu der physischen.

Deshalb ist auch das kosmische oder himmlische Wort - das Weltenwort, das dem Schüler aus der geistigen Welt entgegentönt und das er durch die Meditation kennenlernt - im entsprechenden Grade gröRer als die Worte, die die Menschen aussprechen oder ausgesprochen haben mit dem gewöhnlichen Atem. Vor diesen geistig-kosmischen Dimensionen muss er - bildlich gesprochen - seine Schuhe ausziehen.

Es ist für den Esoteriker gut, sich im Voraus in dies Bewusstsein hereinzuleben, sonst würde er ganz überwältigt werden, wenn er einmal bewusst die geistigen Welten erlebt. Er soll versuchen, so stark wie möglich sich in diesen Unterschied hereinzuleben, auch wenn er die kosmischen Worte meditiert:

O Mensch, erkenne dich selbst.

Die Erlebnisse, die hier besprochen worden sind, liegen alle diesseits der Schwelle, aber sie dienen im hohen Grade, den Esoteriker zu stärken, sodass er feste stehen kann, wenn er einmal die Schwelle überschreiten soll und die ungeheuren Dimensionen der geistigen Welt sich ihm öffnen.

Bevor dies geschieht, begegnet er indessen dem Hüter, der niemanden hereinlässt ohne gewisse Bedingungen.

Zuerst und vor allem fordert er, dass man seine Fehler, böse Begierden und Leidenschaften, auf dieser Seite der Schwelle zurücklassen soll: Sie können nicht in die höheren Welten mit hereingenommen werden.

Aber wer wird dann hereingelassen werden?

Würde der Hüter verlangen, dass alle Fehler bei dem Esoteriker ausgerottet wären, dann würde er das Unmögliche verlangen. Denn niemand ist frei von Fehlern. Die Fehler sind da. Jeder Mensch ist voll [...] von schlechten Wünschen und Begierden und erliegt den Leidenschaften. Wenn jemand sich etwas anderes einbildet (wenn jemand sich einbildet, er habe sie nicht), dann [wird] er, wenn nicht eher, vor dem Hüter etwas ganz anderes erkennen. Dort wird er alle seine Fehler in ihrer Hässlichkeit schen. Mut und Furchtlosigkeit müssen da sein, um die Wahrheit über sich selber zu schen. Der Hüter zwingt den Menschen zur Selbsterkenntnis und lässt den Schüler nicht ein, bevor er [nicht] seine Fehler zugibt. Dies muss sein. Jedenfalls sich selber gegenüber muss er seine Fehler eingestehen (einräumen), dass er von Egoismus durchdrungen und voller schlechter Begierden und vieler anderer Fehler ist. Ein chrliches, wahres Zugeben, dass es so ist, ist die erste Bedingung, die der Hüter stellt, um den Esoteriker hereinzulassen.

Aber er verlangt mehr. Voller Fehler, wie er ist, darf der Esoteriker nicht die schlechten Wünsche und Begierden in die geistige Welt mit hereinnehmen. Jedes Mal, wenn der Esoteriker meditiert, kommt er mit den höheren Welten in Verbindung. Aber dann darf er seine niedere Natur nicht mitnehmen; er verunreinigt die andere Welt, wenn er persönliche, egoistische Gedanken in seine Meditation hereinflicht, und die Folge wird, dass sie als finster und leer gefühlt wird. Er kann dann nach der Meditation von dort weder etwas schen, hören oder erleben. Die geistige Welt bleibt geschlossen, solange der Esoteriker selber während der Meditation nicht aufhören kann, in sich selber und in seinen egoistischen Begierden herumzuschwirren. Die wenigen Minuten, die er meditiert, soll er sich über das Alltagsleben hinausheben und sich von seinem niederen Ich loslösen (freimachen) und sich stattdessen ganz dem Geistigen hingeben. Wenn er dies nicht kann, wird die geistige Welt trotz aller Meditation doch finster und leer für ihn bleiben. Alles wird ja dort 25000 Mal verstärkt; deshalb darf nichts Disharmonisches hereingelassen werden, und aus diesem Grunde steht der Hüter da, um aufzupassen, dass das niedere Ich zurückbleibt diesseits der Schwelle.

Der Hüter nimmt außerdem dem Esoteriker alles, was er in sich durch seinen Verstand und seine Intelligenz aufgenommen hat. Alle Gedanken, die sich um das Physische bewegen, sind ohne Bedeutung in der anderen Welt, da handelt es sich um ganz andere Fähigkeiten. Nur die Gedanken, die einem zu einer stets größeren Selbsterkenntnis geholfen haben, dürfen durch das Tor hereingelassen werden. Selbsterkenntnis aber erreicht niemand nur durch die Hilfe der Sinnesorgane und durch verstandesmäßiges Denken. Geistige Mächte müssen zuerst dem Esoteriker ihr Licht und ihre Kraft gesandt haben, und der Esoteriker muss einen ehrlichen Willen entwickelt haben, wenn er zu einer Begegnung mit dem Hüter gelangen soll und [wenn er] erreichen [will], dass dieser ihn lehrt, die Schwelle zu überschreiten.

Die zweite Strophe wird gelesen («Erkenne erst den ernsten ...»).

Erkenne erst den ernsten Hüter,
Der vor des Geisterlandes Pforten steht,
Den Einlass deiner Sinnenkraft
Und deines Verstandes Macht verwehrend,
Weil du im Sinnesweben
Und im Gedankenbilden
Aus Raumeswesenlosigkeit,
Aus Zeiten Truggewalten
Des eignen Wesens Wahrheit
Dir kraftvoll erst erobern musst.

Wenn der Hüter dem Esoteriker zulässt, in der geistigen Welt zu sehen und zu hören, dann fühlt er in intensiver Weise: «Ich lebe.»

Es ist etwas ganz anderes als das Gefühl, das er hat, wenn er dieselben Worte sagt. Dies auch wird über 25000 Mal vergrößert. Und was er in der geistigen Welt auffasst und sicht, ist so erhaben, so majestätisch, dass unser Gedanke es niemals hat denken können. Durch das Ganze tönt es: «O Mensch, erkenne dich selbst!»

Es gibt Esoteriker, welche meinen, dass sie sich um das Hellsehendwerden nicht kümmern wollen, da so viele Schwierigkeiten und Gefahren damit verbunden sind. Sie schrecken zurück. Ja, es ist wahr, da sind unzählige Gefahren und Schwierigkeiten, die jedem Esoteriker begegnen, ehe er hellsehend wird, und ebenfalls nachdem er [das Hellsehen] bekommen hat. Luzifer und Ahriman versuchen ja immer, die Menschen in ihre Macht zu bekommen, aber niemals so stark (kräftig) wie nach dem Erreichen der höheren Erkenntnis. Man darf sich deswegen nicht blind machen und aus diesem Grunde unterlassen, alles zu tun, um diese Fähigkeit zu erlangen; das ist die absolute Pflicht eines Esoterikers. Die Menschheitsentwicklung hat jetzt den Punkt erreicht, da im Grunde jeder Mensch bewusst danach streben sollte, den okkulten Weg zu gehen. Die Geisteswelt steht jetzt im Grunde dem menschlichen Bewusstsein so nahe, wenn die Menschen sich nur bemühen wollten, den letzten Schleier wegzukriegen. Aber versäumen sie dies, wird die Entwicklung misslingen, und die Menschen werden ertrinken in allem, was sie von dem Geistigen wegzieht, in Materialismus, Anbetung des Mammons, Eigeninteresse und so weiter. Deshalb muss auf jeden Fall eine kleine Anzahl Menschen die Geisteswissenschaft in sich aufnehmen, das Spirituelle, den esoterischen Weg gehen.

Und noch klarer wird dies vor uns stehen, wenn wir daran denken, was die geistigen Mächte für uns getan haben, schon bevor wir in diese Inkarnation eintraten. Wie sie uns alle in die Michaelschule in der geistigen Welt aufgenommen haben. Michael selber hat in uns die Sehnsucht nach ihr gelegt und uns die Gelegenheit zur höheren Erkenntnis gegeben. Wir sind dazu auserkoren, deshalb muss es als eine Pflicht empfunden werden, alles zu tun, um sie zu erreichen. Es sollte ja im Grunde nicht wie ein Pflichtgebot empfunden, nein weit weg davon, es sollte vielmehr als eine Gnade empfunden werden, so groß, dass wir von der tiefsten Dankbarkeit erfüllt werden sollten.

Wir haben nicht das Recht, uns zurückzuhalten, weil die Gefahren und Schwierigkeiten da sind. Luzifer versucht ja ganz gewiss, die Esoteriker zu Schwärmern und Fantasten zu machen, um sie für sein Reich zu erobern, und verleitet die Esoteriker zu Egoismus in allen Formen. Besonders leicht ist es, der Eitelkeit, dem Ehrgeiz und dem Hochmut zu erliegen.

Auch Ahriman unterliegen wir. Er versucht uns zu Materialisten zu machen, und möchte, dass das Esoterische, das wir in der Esoterik empfangen, zu Dogmen versteifen und versteinern soll. Er möchte uns auch zu einer Sekte machen. Und gleichzeitig versucht er, unser Interesse für die physischen Dinge zu steigern, sodass die Gedanken sich wesentlich um sie herumbewegen und wir für unsere Übungen träge und gleichgültig werden. Und wenn jemand ein bisschen Hellsichtigkeit erreicht, tut [Ahriman] alles, um falsche Vorstellungen und Illusionen zu wecken. Dies muss jedem Esoteriker klar sein.

Aber ebenso sicher, wie Luzifer und Ahriman kämpfen, um über den Esoteriker Macht zu bekommen und die okkulte Entwicklung zu verhindern, ebenso sicher ist es, dass gute Mächte immer den Esoteriker umgeben und bereit sind, ihm Widerstandskraft diesen Feinden gegenüber in allen Versuchungen zu geben. Aber Furchtlosigkeit und guter Wille sind die besten Bundesgenossen, und da steht Michael-Christus bereit zu helfen, sodass die bösen Mächte weichen müssen.

Wenn der Esoteriker meditiert und ins Alltagsleben zurückkehrt, wenn er wieder unter die Menschen gehen muss, ihre Kälte fühlen, ihren Egoismus - und seinen eigenen Egoismus -, wird er bemerken, dass er durch die Meditation eine neue Kraft bekommen hat, die ihm im Laufe des Tages eine Rüstung wird: Er wird der Versuchungen leichter gewahr, und die Schwierigkeiten werden leichter bewältigt, sowohl in ihm wie um ihn. Und was auch kommen mag, darf er nie vergessen, dass alle Esoteriker eine spezielle Kraft bekommen von den Hierarchien, die daran arbeiten, den Menschen eine bewusste Verbindung mit der geistigen Welt zu geben. Wir dürfen dies nie ganz. aus unserem Bewusstsein lassen, es soll in uns wie ein Untergrund liegen. Aber da verlieren wir auch nie den Mut, und wir werden erfahren, dass uns Kraft gesandt wird, um die Schwierigkeiten und Gefahren zu überwinden.

Im Vertrauen zu diesen Mächten und durch die Meditation werden wir fortdauernd in stärkere Verbindung mit ihnen kommen. Aber auch durch das Studium der Natur und des Kosmos kann diese Verbindung verstärkt werden; durch das Erkennen der Gesetze, Wesen und Kräfte, die dort wirken, und allmählich die geistigen Kräfte zu empfinden, die die treibenden sind. Hier lernt man die Sprache der Hierarchien, Gottes Sprache, zu verstehen - Welten-Gedanken sind darin verborgen.

Im Anfang ist es nicht leicht, diese Sprache zu verstehen. Zu sagen, dass alles in der Natur ein Ausdruck der Göttlichkeit ist, ist ziemlich leicht. Aber um zu verstehen, welche Gedanken und was überhaupt hinter der Natur und dem Kosmos verborgen liegt, also diese Sprache ganz verstehen, das lernt man erst durch okkulte Erlebnisse in der geistigen Welt. Aber dann wird es auch eine lebende Sprache, die einleuchtend macht, welche Gedanken dem Mineral, der Pflanze, dem Tier und dem eigenen physischen Menschenleib zugrunde liegen. Dann versteht man, dass eine Gotteskraft dies alles geschaffen hat und die Seele und den Sinn des Menschen in die physische Welt hineingeführt hat, um durch das Leben in der Materie die Kraft zu entwickeln, um sich aus seinem eigenen bewussten Ich eine stets stärkere Verbindung mit den Hierarchien und den geistigen Welten zu erarbeiten.

Soll der Esoteriker dies erleben, dann darf er nicht der Pflicht entweichen, die die esoterische Schule ihren Schülern auferlegt, das Hellsehen zu entwickeln; dies ist das sicherste Mittel, um eine lebendige Verbindung mit der höheren Welt zu bekommen.

Als eine Hilfe dazu ist jede esoterische Stunde gemeint. Es sollte so sein, dass jedes Mal, [wenn] wir uns zu einer esoterischen Stunde versammeln, wir dann die Empfindung (bekommen) haben, dass wir — wenn auch nur für einen Augenblick — einen Blick in die geistige Welt bekommen haben und dadurch eine heilige Stimmung, die neue Kraft gibt, um es wieder mit den Schwierigkeiten des Lebens aufzunehmen.

Diese Stimmung wird dann uns weiter folgen, insofern dass sie die bestimmende wird für Gedanken, Gefühle und Handlungen, die uns das Leben aufzwingt.

Wohl ist es so, dass kein Esoteriker das Recht hat, das, was er in einer esoterischen Stunde lernt, an außerhalb der Schule Stehende zu geben, und die Mantren sind nur für die Esoteriker, aber die Frucht von dem Gelernten, sie soll über sein ganzes Leben leuchten und jedem zeigen, dass er aus einer unsichtbaren Kraft schöpft.

Wird das Esoterische die Richtschnur für sein Leben, das Licht auf seinem Lebensweg, dann hat er die esoterische Stunde in der rechten Weise empfangen und erlebt.

Die erste Strophe wird gelesen («Ich trat in diese ...»).

Ich trat in diese Sinnes-Welt,
Des Denkens Erbe mit mir führend,
Eines Gottes Kraft hat mich hereingeführt.
Der Tod, er steht an des Weges Ende.
Ich will des Christus Wesen fühlen.
Es weckt in Stoffes-Sterben Geist-Geburt.
Im Geiste find’ ich so die Welt
Und erkenne mich im Weltenwerden.

Ex Deo Nascimur In Christo Morimur Per] Spiritum Sanctum Reviviscimus

German original of The Guardian of the Threshold · ← Previous · Next →