Esoteric Lessons 1910–1912

GA 266II — 9 June 1912, Oslo

Esoterische Stunde

Aufzeichnung A

Das vorige Mal wurden die inneren Gründe auseinandergesetzt, warum man in der Schule ist. Heute wird mehr von den äußeren Bedingungen die Rede sein.

Die allererste Eigenschaft, die man braucht, ist Wahrhaftigkeit, der Wille, wahr zu sein. Daß die Theosophische Gesellschaft ein Ausfluß von den Lehren der Meister der Weisheit und des Zusammenklanges der Empfindungen ist, das braucht nicht weiter erklärt zu werden, das steht fest. Das «Warum» auseinanderzusetzen, erlaubt nicht die Zeit; die Menschheitsentwicklung forderte es eben. Nie aber soll vorgeschrieben werden der Glaube an den Meister. Wer gewissenhaft den Pfad wandelt, wird gewiß zu ihm geführt werden, wenigstens zu dem Begriff, dem Glauben, der Erkenntnis: er besteht. Aber wenn das von vorneherein Bedingung wäre, wäre es eine Lüge: Aus:der inneren Vernunft heraus soll das Dasein der Meister erkannt werden; aus dem, was exoterisch mitgeteilt wird, kann schon die Wahrheit gefunden werden und so aus dem Exoterischen zum Esoterischen der Weg gefunden werden. Eine Esoterik, die den Glauben - an die Meister - vorschreiben würde, ist keine.

Es sollen dem Schüler aber nicht bloß Lehren gegeben werden. Kräfte soll er in sich selbst entdecken, die da sind, und er soll sie gebrauchen lernen; er weiß nur nicht, daß er sie hat.

Wozu ist die Schule da? Ratschläge werden gegeben, um schneller und leichter vorauszueilen, weil die Menschheit solches braucht. Es ist aber auch unvermeidlich, daß dadurch an den Egoismus des Menschen appelliert wird. Dazu sind aber die Nebenübungen da, um dasjenige zu bekämpfen, was man zu seiner Egoität hinzufügt. Unterläßt man diese, so werden unweigerlich Ehrgeiz und Eitelkeit beim Schüler auftreten. Die soll man bei sich selbst sehen.

Es soll jeder immer auf sich selber achten in unserem Zusammensein, dem andern aber Gewissenhaftigkeit und Wahrhaftigkeit zuschreiben. Man soll nicht denen, die irgend etwas zu vertreten haben, Ehrgeiz und Stolz zuschreiben, sondern bei sich selbst beginnen. Wer aber dem andern Weihrauch streut, der schädigt sich und den andern. Man soll immer nüchtern bleiben, die reine Vernunft sprechen lassen. Aus dem, was exoterisch gegeben ist, soll man die Wahrheit in sich reden lassen, sie daraus erfahren.

Wenn der Mensch sich mit voller Kraft der Meditation widmet, werden ihm Denkvermögen, Gedächtnis, Erinnerung schwinden. Das soll so sein. Aber im gewöhnlichen Leben des Alltags sollen sie um so besser wirken.

Es kann als Folge der unrichtig betriebenen Übungen GröRenwahn auftreten oder ein Sich-dem-Größenwahn-anderer-Ergeben. Oder auch Rückgang des Gedächtnisses, der Vernunft überhaupt. Dagegen soll man anstreben pflichtgemäße Wahrhaftigkeit. Man beobachte sich selber, man studiere Theosophie, strebe nicht nur danach, selber wahr zu sein, sondern untersuche die Wahrheit in allem, was einem entgegentritt.

Es ist eine alte jüdische Überlieferung: Vier Rabbis wollten in den «Garten der Reife» eintreten. Der erste wird wahnsinnig, das heißt verliert die Vernunft; der zweite wird toll, das heißt handelt nicht mehr mit Maß; der dritte stirbt, er unterliegt der Krankheit - das kann durch unsere Übungen niemals geschehen -; nur der vierte tritt in den Garten ein. Er erlangt die «Liebe zur Natur» als eine gute Folge seines Strebens. Es ist nicht im großen Stil gemeint wie bei Menschen, die sich nur an mächtigen Seen, im hohen Gebirge ergötzen können - das entspringt nur dem Streben nach Sensation —, sondern man erlebt diese Liebe auch am Kleinen, Unscheinbaren. Auch das ist Arbeit der Götter. Sie freuten sich an ihrer Umgebung und trugen sie hinunter in die physische Welt, den Menschen zu erfreuen. Solche Empfindungen wirken im Menschen nach. Alles, was im Menschen ist, wird einmal heraustreten, offenbar werden, wenn auch erst in einer späteren Inkarnation.

Über die vorige Inkarnation von führenden Persönlichkeiten wurde niemals innerhalb von hundert Jahren nach ihrem letzten Tode etwas bekannt; wenn es hier oder da geschah, so nur vertraulich, als Mitteilung im engeren Kreis, aber nie öffentlich wie jetzt A. B(esant) spricht —. Persönlich wäre es mir (Dr. Steiner) lieber, zu sagen: Alles ist gut und wahr innerhälb der Theosophischen Gesellschaft, aber das wäre nicht pflichtgemäß gegenüber der Wahrhaftigkeit gehandelt. - Wenn man in Berührung mit okkulten Sekten kommt, ist okkulter Fortschritt auch da immer möglich; aber die Frage ist: Wie geht es hinein in die geistige Welt? Auf dem richtigen Wege wird man immer demütiger, immer bescheidener.

Das alles, was hier gesagt worden ist, soll man auf das Gefühl wirken lassen. Man soll nicht so üben, wie man eine Beschäftigungsarbeit vollbringt, man soll nicht geschäftig nach der Wahrheit suchen, sondern ruhig abwarten können.

Aufzeichnung B

Es gibt Grundbedingungen für das esoterische Leben, es gibt Mittel zum Ziele, und ein solches ist Wahrheit, nicht nur wahr zu sein, sondern auch die Wahrheit zu suchen. Als die Theosophische Gesellschaft gegründet wurde, stand sie ursprünglich unter sehr günstigem Gestirn. Es war die Zeit gekommen - es würde zu weit führen, hier die inneren Gründe dafür zu besprechen -, wo es nötig war, das Wissen, welches früher nur an kleine Kreise mitgeteilt wurde und welches geschöpft wird aus Quellen, die den gewöhnlichen Menschenkräften nicht zugänglich sind, der ganzen Menschheit zugänglich zu machen. Dadurch wurden diejenigen, welche das auf sich nahmen, in eine ungemein schwierige Lage versetzt, denn sie mußten die Impulse, die aus solchen Quellen fließen, den heutigen Zeitansprüchen vermitteln, die ja nur das allgemein Menschliche gelten lassen wollen. Also: Wissen [zugänglich machen], das der allgemeinen Menschheit bisher nicht zugänglich war einerseits, und die Bedingungen des allgemein Menschlichen andererseits. Sie [die Impulse] wurden vermittelt durch die bekannten drei Grundsätze. Betrachten wir sie. Die Grundsätze sollen also [so] gehalten sein, daß niemand auf der ganzen Welt ausgeschlossen werden soll von dieser Bewegung. Erfüllt der erste Grundsatz diesen Anspruch: Den Kern [einer allgemeinen Brüderschaft der Menschheit] zu bilden, der das allgemein Menschliche erkennt in jedem, ohne Unterschied der Nationalität, der Rasse, der Farbe oder des Geschlechts. - Das kann heutzutage jeder unterschreiben. Und wie soll man seinen Mitmenschen verstehen lernen, wenn man sich nicht vertieft in seine Denkart, seinen Glauben? Daher der zweite Grundsatz. Aber — wird man sagen — der dritte schließt doch eine Menschensorte aus, nämlich: die Materialisten. Aber ist dies wirklich so? Sehen Sie, der Grundsatz, der wie ein Leitmotiv unsere ganze Bewegung durchzieht, heißt ja: kein Bekenntnis, kein Glauben geht über die Wahrheit. - Nach Wahrheit sollen wir streben, wir sollen sie erforschen. Nun, kein Mensch, der redlich die okkulte Welt erforscht hat, hat sie je abgelehnt, das ist noch nie geschehen. Auch der Materialist, wenn er sie erforscht, wird das nicht tun. Aber wenn er es ablehnt, auf dieses Forschen einzugehen, ja dann sucht er eben keine Wahrheit, sondern Meinung, Bekenntnis, Glauben. Schließt also dieser Grundsatz jemand aus? Nein, denn jeder wird unterschreiben, daß vor allem nach Wahrheit gestrebt werden soll. Glaube wurde also in keinem dieser Grundsätze zur Bedingung gemacht, auch nicht Glaube an die Quellen, aus welchen diese Bewegung floß und zur Stunde noch fließt. So fest wie nur irgendeine Erkenntnis in einer Seele wurzeln kann, so fest wurzelt die Erkenntnis, die da bezeichnet wird als die Meister der Weisheit und des Zusammenklanges der Empfindungen. Aber jedem von Euch steht es frei, derselben zuzustimmen oder sie zu verwerfen. Wenn Ihr durch die esoterische Schule geht, werdet Ihr den Weg zu ihnen finden, aber ich würde Euch den Weg verrammeln, Euch die denkbar größten Hindernisse in den Weg legen, wenn ich von Euch verlangte als Bedingung zum Eintritt in diese Schule den unbedingten Glauben an solche Meister. Es ist das untrüglichste Zeichen, das jede in ihnen wurzelnde esoterische Schule an ihrer Stirne trägt, daß sie keinen Glauben verlangt, von welcher Art auch, also auch keinen Glauben an einen Meister. Außerhalb der esoterischen Schulen zugänglich der ganzen Menschheit ist nur ein Meister: Christus. Und an den wird auch kein Glaube verlangt, denn das ist Sache des intimen Privatlebens eines jeden und stützt sich auf ...

Und wenn Ihr je eine pseudo-esoterische Schule antrefft, dann erkundigt Euch ja, ob da irgendwelcher Glaube von vornherein verlangt wird; und wenn das der Fall ist, so wißt, daß diese mit der Wahrheit nichts gemein hat. Ich will es noch präziser fassen, damit Ihr mich ja recht versteht. Wo Ihr eine solche Schule antrefft, da wisset, daß die nicht wurzelt in denen, die wir kennen: die Meister der Weisheit und des Zusammenklanges der Empfindungen.

Ich habe das Wort in mir zu erkennen gesucht [?], das eine Seite in Euch berühren konnte. Alle diejenigen möchte ich dieser Schule ferne halten, die sich ihr nur nähern um der persönlichen Autorität willen. Den inneren Grund, warum man Esoteriker wird, den haben wir vorgestern besprochen. Was soll der äußere Grund sein, der Euch zu Esoterikern macht? Nicht das Stützen auf Autorität, sondern das Prüfen an der Vernunft. So wie Ihr seid, seid Ihr ein Stück Menschheit. Daß Ihr klar und geordnet denken und folgern könnt, das verdankt Ihr der menschlichen Entwicklung, Kultur. Wer nun in den exoterischen Büchern studiert hat die okkulten Wahrheiten, sie an seinem Verstand geprüft hat und sie als wahr und vernünftig eingesehen hat, der kommt hierher im Vertrauen, daß ihm auch weitere Wahrheit gezeigt werden wird, daß er auch weitere Wahrheit finden wird. Und unter keiner anderen Voraussetzung sollte jemand hier eintreten. Wenn nun aber jemand eintritt, reißt er sich los von seinem Zusammenhang mit der Menschheit. Er löst sich los von dem gesamten Gang der Menschheit, um [seine Entwicklung] bedeutend zu beschleunigen. Und dies ist, seien wir uns völlig klar darüber, eine egoistische Handlung, welche wieder ausgeglichen werden muß. Aber der Mensch, welcher sagt: «Ich will diese egoistische Handlung nicht, ich will nur helfen, nur dienen», handelt der etwa weniger egoistisch? Weiß er etwa, wie den Menschen, wie der Welt am besten geholfen wird? So zu reden, ist Hochmut.

Hier sollen wir lernen, wie am besten zu dienen ist. Ihr müßt nur Zutrauen zu Euch selber fassen, daß Ihr die Kräfte schon in Euch habt, die Ihr hervorholen sollt. Ihr kommt nicht hierher, um etwas zu empfangen, damit Euch etwas gegeben wird, sondern um etwas heraus zu bringen, was schon vorhanden ist. Das sieht man an den Nebenübungen: Gelassenheit, Positivität etc. Nur muß Euer Zutrauen kein falsches sein. Ihr habt die Kraft wohl, aber Ihr müßt Euch sagen: Ich habe sie bisher nicht angewendet, nicht genügend beobachtet, ich will sie nun immer besser und besser anwenden. - Ihr werdet das Ziel erreichen, wenn Ihr die Mittel genügend anwendet, und nicht in Hochmut und Stolz sollt Ihr die Schwelle dieses Tempels überschreiten. Das wäre nicht die rechte Gesinnung, wenn man käme, weil man etwas hier erwartet zu empfangen, was andere nicht haben, und nur um sich über den anderen erheben zu wollen. Nein, wir sollen im Geiste der Demut kommen, indem wir uns sagen: «Meine Schwäche treibt mich hierher; weil meine Kräfte eine Stütze brauchen, die ich hier finde, deshalb überschreite ich diese Schwelle». Das wäre die rechte Gesinnung. Denn nie wurde in einer esoterischen Schule von den frühesten Zeiten an etwas gelehrt, was nicht auch im Exoterischen gelehrt wurde.

Es entspricht durchaus den Tatsachen, wenn ich sage, daß alles, was zum Beispiel abends hier gesagt wird,1 okkulte Kräfte in sich birgt, die den Menschen in die okkulte Welt führen können, wenn sie nur mit Aufwendung aller Seelenkräfte verarbeitet werden. Wenn der Mensch alle seine Energie darauf verwendet, diese Dinge nicht nur anzuhören als eine Theorie, sondern sie praktisch zu verwerten, so ist er Esoteriker. Weil man aber fühlt, daß man zu schwach dazu ist, darum sucht man Unterstützung seiner Kräfte, Rat und Hilfe in dieser esoterischen Schule. Da wird einem geholfen, sich den Weg zu verkürzen. «Wie weit» könnte man nun fragen, «soll man sich in diesen Egoismus begeben? Wo soll man einhalten?» Dafür sorgen die Götter, die zeigen einem schon, wo das Zuviel eintritt; zunächst zeigen sie einem das in der Seele. Daher ist Selbstbeobachtung notwendig, fortwährende Aufmerksamkeit auf sich selbst. Wenn zum Beispiel einer ganz wütend auf seine Übungen losgeht, wird es sich einstellen, daß er das Gedächtnis verliert auch für die gewöhnlichen Dinge des Lebens. Daß das eintritt, ist schon ganz richtig, es muß so sein, wenn etwas Höheres sich einstellen soll, aber der Mensch soll darum nicht sich gehen lassen und weniger Gedächtnis haben und weniger wahr sein als seine Mitmenschen. Er soll viel, viel mehr Gedächtnis haben und viel, viel mehr wahr sein als seine Mitmenschen. Es genügt nicht, daß der Mensch ebenso wahr bleibt wie früher, sondern daß er immer wahrer wird. Er soll um sein Gedächtnis kämpfen. Er soll nicht später etwas sagen, das er nur sagen kann, weil sich ihm das Frühere zugedeckt hat oder weil er sich nicht erinnern will. Und darum sind die Nebenübungen gegeben, die sollen da ausgleichend wirken. Und nun noch einen Rat: Hütet Euch vor Eitelkeit und Ehrgeiz in Euch selber und auch in anderen. Wir sind nicht stark genug, um alles allein zu tun, wir müssen uns gegenseitig helfen. Gebt keinen Anlaß zur Eitelkeit und zum Ehrgeiz. Nährt die Freudigkeit und den Mut, indem Ihr das Gute an anderen in vollstem Maße gelten laßt, aber gebt ihnen nicht ein nicht zu rechtfertigendes blindes Vertrauen. Glaubet nicht auf irgendeine Autorität hin, sondern prüft an Eurer Vernunft. Schon mancher, der eine führende Stelle einnahm, ist gescheitert, indem man an seine Eitelkeit appellierte, und wenn er nur ein Quentchen davon hat, ist das eine Gefahr.



  1. Bei den Vorträgen für die Mitglieder der Gesellschaft («Der Mensch im Lichte von Okkultismus, Theosophie und Philosophie», GA 137). ↩

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