Esoteric Lessons 1910–1912
GA 266II — 11 June 1912, Oslo
Esoterische Stunde
Es ist Euch schon an vorigen Betrachtungen klar geworden, daß, wenn Ihr Euch in ernster und würdiger Weise Euren Übungen ergebt, sich gewisse Wirkungen einstellen werden. Und eine treue gewissenhafte Selbstbeobachtung ist nötig, wenn Ihr gewisse Folgen rechtzeitig bemerken wollt. Die Selbstbeobachtung soll jedoch nicht so getrieben werden, daß sie in Selbstgefälligkeit entartet, das ist eine große Gefahr für den Esoteriker. Die Übungen wirken schon; wenn aber in Euch gewisse Neigungen vorhanden sind auf dem Boden Eurer Seelen, wie Hochmut etc., dann wirken sie auf Euch nicht gut. In jedem Menschen steckt diese Neigung, aber im gewöhnlichen Leben wird dieser GröRenwahn bald durch die äußeren Tatsachen korrigiert. Der Mensch bemerkt dort eben recht bald, daß er manches nicht kann, wenn er es sich vorher auch einbildete. Im okkulten Leben tritt diese korrigierende Wahrnehmung nicht so direkt auf und man muß eben strenge Selbstzucht anwenden, um der Gefahr des Hochmuts zu entgehen.
Die zweite Gefahr besteht in Unwahrheit, indem Verstand und Gedächtnis sich verschlechtern, und dies entartet zuletzt in Unbeherrschtheit im Handeln. Die Mittel gegen diese Übel sind zu finden in den Nebenübungen, in dem Studium der Theosophie, in der Freude an der Natur. Wollen, Fühlen und Denken werden da gestärkt. Durch das Studium der Theosophie soll man den Verstand üben. Denn es genügt nicht, das alles auf Autorität und Glauben hinzunehmen; das würde einen völligen Verlust des Verstandes und zuletzt auch des Moralischen herbeiführen. Man würde dann geneigt werden sein Gewissen zu beschwichtigen, indem man sich auf Autorität beriefe. Prüfen soll man alles an seinem Verstande, denkend prüfen. Darum ist alles eingekleidet in solche Begriffe und Worte, die man verstehen kann, die an den Verstand appellieren. Man soll die Theosophie denkend begründen.
Die Liebe für die Schönheit der Natur. Im Kleinen genießen. Dann wird man nicht, wie der materialistische Mensch von heute, der nur nach Sensation verlangt, die Natur nur empfinden am majestätischen Meer oder in den majestätischen Bergen, sondern in dem, was überall zu finden ist. Nicht soll der Mensch, dem die höheren Welten aufgehen, sich verschließen für die Außenwelt. Er soll die Natur nicht kritisieren ohne Sympathie, sondern sie kennen lernen, zu verstehen suchen. Dann kann jedes Tierchen ihn etwas lehren. Nicht soll einer etwa sagen: «Es ist nur Maja». Dem müßte man antworten: «Ja, es ist nur Maja, aber Göttermaja — und sie ist schön.» Warum kann der Mensch sich heute freuen an einem Baum? Weil die Götter sich einst gefreut haben an dem, was in ihrer Umgebung war. Schlimm wäre es für die Zukunft, wenn der Mensch teilnahmslos durch die Welt schritte, eine freudenlose Welt würde er da hinterlassen. Nicht nur für ihn selbst, sondern auch für die anderen wird in der Zukunft etwas hervorgehen aus jeder Freude, die man an Kleinem gehabt hat. Hier gilt: alles Verborgene wird offenbar werden.
Diese drei Sachen sollen gesundend wirken auf Denken, Fühlen, Wollen. In der alten hebräischen Mystik drückte man die Folgen vom Eintritt in den Garten der Reife drastisch aus. In alten Zeiten waren die Menschen ja viel robuster und es waren auch die Übungen drastischer als die, welche man jetzt mit nervösen Menschen pflegt. Nervöse Angst muß man unterdrücken lernen und sich daher auch nicht scheuen, von den Gefahren der ES [esoterischen Schulung] zu hören. Die alten Hebräer erzählen, daß von vier [Rabbis], die in den Garten der Reife eingingen, der erste wahnsinnig, größenwahnsinnig wurde; der zweite toll, er beging tolle Handlungen, der dritte starb. Das ist drastisch ausgedrückt, um hinzuweisen auf die körperlichen Schwierigkeiten, die auftreten können beim Esoteriker als Folge moralischer und intellektueller Fehler. Auch bei dem gewöhnlichen Menschen tritt das auf, aber nicht so unmittelbar, und er kennt die Beziehungen zum Beispiel zwischen Lüge und Krankheit nicht. Der Esoteriker macht seinen Körper viel mehr empfänglich. Er soll denn auch in allen Schwierigkeiten und Gebrechen eine Warnung sehen, welche die Götter ihm senden, daß etwas nicht in der Ordnung ist; dann soll er noch mal so aufmerksam, vorsichtig sein. Der Mensch soll nur sagen, was wahr, was geprüft ist. Es genügt nicht, daß er sich entschuldigt mit einem «ich sagte es in gutem Glauben». Das genügt nicht. Ein anderes, was ein Esoteriker nicht gebrauchen soll, ist das Wort «Ich kann nichts dafür». Das ist ein Verleugnen des Karma und hilft nichts, denn Karma stellt sich doch ein. Eintreten soll man für seine Taten und sie bessern.
Es wäre mir ein Leichtes und gewiß recht sensationell, zu sagen, meine Schule sei inspiriert - wie sie es auch tatsächlich ist —, aber das geht die Außenwelt nichts an. Dort muß man appellieren an die Vernunft, so daß die Leute einsehen, was gesagt wird. Daher muß so geschrieben werden, daß es dem menschlichen Verstande einleuchtet. Nicht das hat Wert, daß man sich beruft auf Inspiration oder das Buch eines Jünglings der Welt anbietet, in dem man verkündigt, er sei inspiriert von einem Meister der Weisheit.
Wenn Esoteriker anderer Schulen einem einwenden, daß sie auch die anderen Welten betreten, dann muß es einem klar sein, daß es nicht so sehr darauf ankommt, was man da sicht, als darauf, wie man sie betritt. Man kann ein hoher Seher sein und doch alles verkehrt sehen. Wenn die Esoteriker der anderen Schulen dies hören, werden sie, wie das ja so gerne geschieht, dies d. Int. [?] aussagen. Aber dieser Anklage muß man sich unterziehen, denn es gilt, für die Wahrheit einzutreten.