Esoteric Lessons 1913–1923

GA 266III

1. Ausführungen Rudolf Steiners zur Begründung des esoterischen Jugendkreises

Auszug aus dem Bericht von Ernst Lehrs «Entstehungsgeschichte des Jugendkreises»

Es ist hier nur der auf Rudolf Steiner direkt bezügliche Teil des Berichtes ausgezogen. Die Zwischentitel sind von Lehrs. Sperrungen und Unterstreichungen, die den Sinn nicht verändern, sind nicht übernommen worden. Ohne Markierung ausgelassen sind einige von Lehrs selber in Klammern gesetzte Kommentare. Andere für das Ganze unwichtige Auslassungen sind mit drei Punkten markiert. Alle Eingriffe der Herausgeber sind in eckige Klammern eingeschlossen, so auch die Seitenzahlen im Original, deren Angabe für Querverweise dient.

Es sei noch einmal darauf hingewiesen, daß diese Aufzeichnungen aus einer mehr oder weniger entfernten Erinnerung geschrieben wurden und nicht in allen Details stimmen können; an den wenigen überprüfbaren Stellen kann man das sehen

Worte Rudolf Steiners aus den verschiedenen,
die Kreisgründung vorbereitenden Besprechungen

[S. 15:] Der Darstellung der weiteren zur eigentlichen Begründung der Gemeinschaft führenden Ereignisse sei hier eine Zusammenstellung von Äußerungen Dr. Steiners zu der ihm vorgelegten Frage [nach einer esoterischen Gemeinschaftsbildung] vorangeschickt, beginnend mit der ersten dieser Frage gewidmeten Zusammenkunft, auf der sie, gemäß seiner Anweisung, erstmals vor allen Kursteilnehmern ausgesprochen wurde. In der Form, in der diese Äußerungen hier wiedergegeben werden, entsprechen sie Aufzeichnungen des einen oder anderen Freundes, die entweder während Dr. Steiner sprach oder nachträglich aus der Erinnerung heraus gemacht worden sind. Entbehren sie somit auch der Vollständigkeit und Wörtlichkeit, so enthalten sie doch alles Wesentliche und geben ein deutliches Bild von der Art, wie er uns durch diese Vorbereitungsarbeit geführt hat. Diese [S. 16] Führung bestand darin, daß er uns dazu verhelfen wollte, daß wir uns in aktivem Denken so klar wie möglich wurden über das von uns Erstrebte und dabei auch mancherlei in uns bestehende Illusionen über die kommende Zeit und die von uns zu leistenden Aufgaben abstreiften. Es waren Tage der Sorgen und Schmerzen - auch nach der Beilegung der Auseinandersetzungen mit den anderen - aber auch Tage der Freude und des Glückes des Beschenktwerdens, die wir auf diese Weise durchlebten.

Bei der ersten Zusammenkunft, die gemäß seiner Anweisung mit sämtlichen Kursteilnehmern stattfand, sprach Dr. Steiner selber nur wenig, Nachdem einige von uns versucht hatten darzustellen, was sie als Wesen und Aufgabe einer Gemeinschaft wie der von uns erstrebten erblickten, sagte er:

«Ich möchte vorausschicken, daß ich gerne von den verschiedensten Seiten hören würde, wie Sie sich vorstellen, daß ihre Gemeinschaft, die da werden soll, zusammengehalten werden soll, wie sie arbeiten soll, und was der Zusammenhalt für Sie eigentlich bedeuten soll. Mißverstehen Sie mich nicht. Natürlich wird aus dem, was hier beabsichtigt ist, nur dasjenige herauskommen können, was in der Sache begründet ist. Aber es wird sich darum handeln, daß zuerst wirklich von den verschiedensten Seiten gesagt wird, was man sich vorstellt, daß da herauskommen soll, damit wir sehen, inwieweit wirklich, nicht bloß vermeintlich, ein freies, ein ganz freies persönliches Wollen vorliegt. Sie können natürlich auf die verschiedenste Weise mitarbeiten im Sinne der allgemeinen Ziele, die hier während unserer gemeinsamen Kampagne besprochen werden. Aber einige von Ihnen haben noch speziellere Ziele, oder, ich will sagen, sie haben vor, die gemeinsamen Ziele auf eine speziellere Art zu erreichen. Und da müßte ich unbedingt von den verschiedensten Seiten hören, was eigentlich gewünscht wird, bevor es möglich ist, diese Sache in einen objektiven Rahmen zu fassen, was Sie selber als Vorstellungen. haben über:das, was Sie wollen:

Man kann einer solchen Sache nur als ganz freier Mensch beitreten. Deshalb möchte ich Sie bitten, diese Stunde zu benutzen, um sich frank und frei, unbeirrt um alles andere auszusprechen, zu gleicher Zeit aber auch alles zu berücksichtigen, was für Sie zu einem freien Entscheid in Betracht kommt. Das andere werde ich dann sagen, - wenn von den verschiedensten Seiten her die Aussprache erfolgt ist.»

Als bei der zweiten Versammlung die Aussprache ins Stocken kam, weil ja ein beträchtlicher Teil der Versammlung sich in ausgesprochener Opposition befand oder zumindest gar nicht verstand, worum es sich handelte, sagte Dr. Steiner:

«Eine Anzahl von Ihnen wissen mit aller Energie, was sie wollen. Ein anderer Teil weiß das noch nicht. Ein Kreis soll formiert werden. Der Umfang des Kreises ist noch nicht bestimmt. Diejenigen, die etwas in einem bestimmten Sinne tun wollen - das lag in der Auseinandersetzung des Herrn Rath [am Abend des 3. Oktober vor Rudolf Steiners erstem Vortrag] - wollen einen Kreis bilden, der eine geistigwesenhafte Substanz in sich birgt, der sich zum Träger eines Geistig-Wesenhaften macht. Das gibt dem Kreis einen esoterischen Charakter - obwohl ich Sie bitten möchte, dieses Wort nicht zu mißbrauchen. Unter einem «Esoterischen Kreise» stellen sich die Leute allerlei vor. Ich meine nicht Sie, aber andere. Es handelt sich um das, was man will. Auf die Namengebung kommt nicht viel an. - Wenn ich selber etwas eingehen soll auf das, was ich unter «Esoterisch» verstehe, so lassen Sie mich sagen: Wenn Sie das Esoterische ernst nehmen wollen, so müssen Sie sich sagen, daß es ein Handeln ist nach konkreten Impulsen aus der geistigen Welt heraus. Dem kann man nur zustreben. Dazu ist Anthroposophie ein Weg. Eine solche Gemeinschaft zu bilden, wäre dann der Entschluß, diesen Weg zu betreten. Das würde dann zu verschiedenen Maßnahmen führen, die geeignet sind, zu diesem Ziele hinzuführen. Wenn Sie von «geistigem» Inhalt sprechen, so müssen Sie sich klar sein, daß es sich da um ein Lebendiges handelt. Das Geistige ist. ein Lebendiges, und ein solcher Kreis kann daher auch nicht etwas Totes sein. Mit anderen Worten, er muß ein Kraftkreis sein. Der hat dann die Eigenschaft [S. 17] eines Lebendigen. Da kommt dann allerlei heraus, was eine gewisse Analogie mit einem Organismus hat. Nehmen Sie den menschlichen Organismus. Da ist die Gesundheit jedes Teiles die Gesundheit des Ganzen. Und so auch die Krankheit. Da leidet der kleine Finger mit, wenn etwas in der kleinen Zehe nicht in Ordnung ist. Wenn Sie eine wirkliche Gemeinschaft wollen, so müssen Sie wollen, daß das Ganze ebenso durch den Einzelnen wie der Einzelne durch das Ganze beeinflußt ist. Es ist ein gegenseitiges Aufnehmen von Karma, das in einem solchen Gemeinschaftsorganismus geschaffen wird. Da gibt es dann gemeinsame Leiden zu durchleben, aber auch (mit starker Betonung und warmer Stimme) gemeinsame Freuden.

So etwas setzt dann voraus, daß man es nicht so macht, wie man es gewöhnlich heutzutage in Gesellschaften macht, daß man sagt: Paragraph 1, Paragraph 2 des Programms, und dann sind die verschiedenen Mitglieder unter einem Programm vereinigt. Die Menschen müssen sich als Menschen nehmen, nicht als Glieder einer Programmgemeinschaft, als Menschen, als Mitmenschen mit allen Unvollkommenheiten. Daher ist es eine grundlegende Aufgabe, daß sich die Menschen finden, die sich unter den Gesichtspunkten vereinigen wollen, die Herr Rath, Herr Lehrs und Herr Maikowski angeführt haben. Haben Sie einen solchen Kreis zusammengefunden, so kann er dann auch seinen Weg esoterisch gehen. Das wird sich finden, wenn der Kreis erst einmal da ist. Man muß erst den Kreis haben, um sagen zu können, ob er einen esoterischen Weg gehen kann. Einen solchen haben wir noch nicht. Er präsentiert sich aber wohl noch. - Deshalb sagte ich, es gibt Persönlichkeiten, die energisch wissen, was Sie wollen, wie zum Beispiel Herr Lehrs, der mir das in einem Briefe an mich zum Ausdruck gebracht hat [siehe Seite 393]. Es haben aber noch nicht alle dies getan. Diese Klarheit müssen Sie erst schaffen, darauf müssen Sie hinarbeiten.»

Zur Charakterisierung des Wesens einer wirklichen Gemeinschaft erinnerte Dr. Steiner bei einer dieser anfänglichen Besprechung daran, wie Herman Grimm einmal von der Freundschaft zwischen Goethe und Schiller gesprochen hat. Wolle man diese in einer mathematischen Formel ausdrücken, so dürfe man nicht sagen: «G + S», sondern «G + S + S + G». Eine wahre Gemeinschaft sei stets mehr als die bloße Summe ihrer Mitglieder. Zu dem, was zwei in solcher Art sich findende Menschen darstellten, komme stets noch ein neues Drittes hinzu.1

Mit zu den ersten grundlegenden Worten über das wirkliche Wesen dessen, was wir da suchten, gehören die folgenden:

«Ich werde schon dafür sorgen, daß Sie für das, was Sie wollen, einen Inhalt bekommen. Wir werden da schon zur Bildung einer solchen Gemeinschaft kommen. Lassen Sie mich Ihnen heute nur noch das Folgende wie einen Ratschlag sagen: Das, [S. 18] worum es sich handelt, wird sein, daß Menschen der allerverschiedensten Lebenswege sich zusammenfinden werden. Der eine wird den, der andere jenen Weg im Leben gehen. Das wird einfach das Leben bringen. Dieses Leben wird in der allernächsten Zeit sehr, sehr kompliziert werden. Da werden wir schon den Rahmen für diese Gemeinschaft so stellen müssen, daß die verschiedensten Berufe und Lebensweisen darin sein können. Es handelt sich aber darum, daß jeder einzelne den Geist, den man durch die Gemeinschaft sucht, so konkret wie möglich nimmt. Das aber heißt, daß Sie folgendes verstehen.

Was Sie suchen, das ist, einen Freund zu finden in der geistigen Welt. Einen solchen zu finden, ist nicht einmal schwer. Worauf es aber ankommt, das ist, wenn er einmal gefunden ist, ihm die seelische Treue zu halten. (Dies wurde mit unendlicher Wärme in der Stimme gesagt.)

Daher ist die erste Bedingung, von der ich Ihnen sprechen muß (und es sind immer Bedingungen, von denen ich Ihnen Mitteilung mache) diese, daß Sie ganz präzise lernen, was seelische Treue ist. Sie müssen imstande sein, sich selbst etwas zu versprechen und sich selber treu zu bleiben. Sie werden allerlei Ratschläge von mir bekommen können. Aber das wird immer nur die eine Hälfte sein können für das, was Sie suchen. Es wird schon dasjenige sein, was Sie zur Grundlage brauchen. Aber die andere Hälfte müssen Sie selber dazubringen. Für alles, was man im Geiste erreichen will, ist nötig die Treue zu dem, was man sich im Geiste gesetzt hat. Was sind die Schäden der heutigen Zeit? Die Menschen haben kein Verlangen, dem, was sie sich selber versprechen, getreu zu bleiben. Diese Treue gegenüber dem sich und anderen einmal gegebenen Versprechen ist der feste Stab im Leben.

Das, was als Geist lebensvoll in der Anthroposophie ist, das ist keine «Lehre. Es ist vielmehr ein Tatsächliches, ein reales Wesen, das einen durchs Leben geleitet. Was Sie wollen, ist, eine Gemeinschaft begründen, die etwas von einem solchen freundschaftlichen Leiten durch das Leben hat. Solche Dinge erfährt man dann, wenn man das konkrete Geistige als ausgedehnt nimmt über das ganze Leben.

Ihre Gemeinschaft wird etwas in sich haben von dem, was das Urgeheimnis ist aller menschlichen Gesellschaft, daß dasjenige, was wir selber innerhalb der Gesellschaft tun, nicht Früchte trägt für uns selber, sondern für die anderen, und daß alle Früchte für uns selbst von den anderen kommen.»

Einmal, bei Gelegenheit dieser ja noch unter allen stattfindenden Besprechungen, gab er uns ein Beispiel dafür, was er - im Sinne des ihm von uns genannten Zieles unseres Strebens - unter «konkret aus dem Geistigen heraus sprechen» verstand, worauf er in einem der Vorträge auch bereits allgemein eingegangen war. Ein junger, als Landwirt tätiger Freund hatte in einer vorangegangenen Besprechung versucht, etwas über Christus zu sagen. Es war ein ziemlich unbeholfenes Stammeln gewesen, doch in unserem Bemühen, ‹positv› zu sein, meinten wir, seinem Versuch innerlich Anerkennung zollen zu müssen. Außerdem hatte er auch etwas über seine landwirtschaftliche Tätigkeit erzählt und dabei auch über sein Erleben des Mistes gesprochen. Dieses letztere nun fanden wir wenig «am Platze. Beides hatten wir jedoch nicht laut werden lassen. Am folgenden Tage aber, als wieder einige von uns bei Dr. Steiner waren, um den Fortgang der Zusammenkünfte zu besprechen, sagte er plötzlich: «Das, was der junge Mann da gestern über den Christus gesagt hat, war ja reichlich unbedeutend. Aber was er über den Mist gesagt hat, war ausgezeichnet. Dazu möchte ich in der heutigen Zusammenkunft gerne selber noch etwas sagen.» - Das Folgende ist ein Versuch, wiederzugeben, wie er das tat. Es muß dabei bemerkt werden, daß damals der landwirtschaftliche Kurs2 noch nicht gehalten war. Dr. Steiner sagte:

«Es war interessant, was Sie gestern als Landwirt gesagt haben. Ich habe nicht Zeit, noch lange hier zu bleiben, und will daher wenigstens kurz dieses sagen.

Auch in der Landwirtschaft sucht man das Geistige. Auch dort glaubt man, daß neue Methoden gefunden werden müssen bis in die Behandlung des Materiellen hinein. Wenn Sie zu der heutigen materialistischen Wissenschaft gehen, so finden [S. 19] Sie nicht viel Liebe für die Landwirtschaft. Die heutige Wissenschaft meint, daß, wenn man so und so viel Stickstoff im Acker braucht, man ihn in dieser Menge in den Acker hineinbringen muß. Da weiß man nicht, daß man nur um den Acker herum systematisch die Esparsette anzupflanzen braucht, um durch Strahlung die nötige Menge Stickstoff in den Acker

Ein Mutiger unter uns, der nicht wußte, welche Pflanze das sei, fragte darum. Dr. Steiner antwortete sogleich und zwar so, daß man erlebte, er sprach nicht «über» diese Pflanze noch überhaupt von ihr als etwas Abwesendem, sondern so, daß durch das Intime seines Tonfalles, die Besinnlichkeit seiner Haltung, die Bewegung seiner Hände die unmittelbare geistige Gegenwart dessen, wovon er sprach, tief eindrucksvoll erlebbar wurde. Die Esparsette «entstand» gleichsam unter seinen Worten und Gesten. Das muß versucht werden, zwischen den hier folgenden Worten zu empfinden.

«Esparsetten — das sind Pflanzen — die haben Blütenstäinde — Schmetterlingsblüten — die sind lilafarbig — sie haben gefiederte Blätter —» Und nun fortfahrend ‹über› die also gegenwärtig gemachte Pflanze zu sprechen: «Diese Pflanze hat die merkwürdige Kraft in sich, den Boden auf weite Strecken mit dem zu durchdringen, was die Menschen auf eine möglichst künstliche Weise in ihn hineinbringen wollen. - Glauben Sie, das ist Unsinn? Nein! Das sind allerdings Dinge, die man durchschaut, wenn man mit der Geisterkenntnis konkret bis ins Materielle vorzudringen vermag.»

Das Folgende sind Aufzeichnungen aus den Besprechungen der Zusammenkünfte nach der Trennung von den Opponenten, zunächst noch im weiteren Rahmen, dann in dem engeren der an der eigentlichen Begründung Beteiligten. Diese Besprechungen wurden von Dr. Steiner in gewissem Sinne seminarartig gestaltet, indem er uns Fragen stellte, die wir gleich oder am nächsten Tage beantworten sollten. Eine erste solche Frage war, was wir uns als Aufgabe einer künftigen Jugendbewegung vorstellten. Dabei wurde unter anderem von einer Freundin, die eine Zeitlang der zionistischen Jugendbewegung in Österreich angehört hatte, von ihren Erlebnissen und Erfahrungen in dieser berichtet. Dr. Steiner hörte sichtlich interessiert zu, sagte dann aber:

«Es wäre gut, wenn Sie in Ihre Rede einfließen ließen etwas von der positiven Aufgabe, die Sie sich setzen wollen. Es fließt in die Jugendbewegung etwas ein von einer gewissen Unbestimmtheit. Es ist das Eigentümliche, daß die meisten, die aus der Jugendbewegung sprechen, nicht bestimmt sprechen, sondern aus einem gewissen Fühlen heraus. Aber auch aus dem Gefühle kann man manche Dinge bestimmt bezeichnen, und es wäre in diesem Augenblicke gut, wenn solche konkreten, positiven Empfindungen zum Ausdruck kämen. Sie haben die zwei Bewegungen, durch die Sie gegangen sind (Zionismus und ‹Wandervogel›) gut charakterisiert. In der zionistischen Bewegung herrscht ja eine bestimmte Sehnsucht nach Regeneration des Judentums. Aber es würde, damit wir nicht auch mit dieser Gemeinschaft hier in ein Unbestimmtes, sondern in ein Bestimmtes, hineinkommen, gut sein, wenn Sie versuchen würden; etwas zu umreißen dasjenige, was Sie sich selber vorgestellt haben. Also zum Beispiel, wenn Sie eingehen würden auf die Frage, was Sie in der Jugendbewegung ursprünglich gesucht haben. Nicht als ob ich mich informieren wollte, sondern damit Sie selber sich sagen müssen: ich habe dieses und jenes Bestimmte gesucht in der Jugendbewegung. Solche Dinge wachsen zwar aus dem Unbestimmten heraus, aber man kann doch versuchen, einiges von dem genauer zu charakterisieren, was man da angestrebt hat.»

Daraufhin wurde etwas gesagt über den Gegensatz zwischen der älteren und jüngeren Generation, wie man sie zu erleben meinte, und dabei auch die Bedeutung von Nietzsche und Spitteler für die Opposition der Jüngeren erwähnt. Dr. Steiner ergriff wieder das Wort und sagte:

[S. 20] «Sehen Sie, sagt uns nicht dasjenige doch etwas, was seiner eigenen Natur nach ja nur ein Übergang sein kann? Denn, nicht wahr, vermeiden kann man es ja nicht, älter zu werden. Daher fragt es sich, ob man dabei stehen bleiben darf, eine in der Zeit abgeschlossene Sache anzustreben, während wir doch weitergehen. Wenn Sie die Charakteristik nehmen, die Sie soeben gegeben haben, so ist die in der Zeit abgeschlossen. Der Einwand, daß es die nächste Generation leichter haben wird, ist nicht gültig. Sie wird es zum Teil leichter haben, wenn diejenigen die älter werden, dann auf ihre eigene Jugend zurückschauen und sich zu ihren Kindern nicht mehr so verhalten werden, wie sich die frühere Generation verhalten hat. Aber Sie dürfen andererseits nicht vergessen: den Enthusiasmus, die große Begeisterung, die Sie gehabt haben, verdanken Sie der Opposition. Diese saß als Feuer in Ihnen. Dieses Feuer wird die nachfolgende Generation gerade dann nicht haben können, wenn Sie es ihr

leichter machen. Daher werden in den nächsten Zeiten schon Schwierigkeiten auftreten, die aufgewogen werden müssen durch etwas, was Sie sich noch aus den Kräften der Opposition haben holen können.

Das Leben geht ja weiter und schafft immer neue Bedingungen. Wer beobachten kann im Leben, der darf sagen: Es ist immerhin gut, daß sich einmal eine Generation, nämlich die vom Anfange dieses Jahrhunderts, etwas erkämpft hat, das seinen Charakter durch einen rein inneren Grund gehabt hat. Es ist schon so, daß mit dem Ende des 19. Jahrhunderts ganz neue Bedingungen aufgetaucht sind. Die Kinder, die 1897, 98, 99 geboren worden sind, die sind unter kosmisch ganz anderen Bedingungen geboren worden als die früheren. Von daher schreibt sich die neuere Oppositionsstimmung eigentlich. Den Gegensatz zwischen jüngerer und älterer Generation hat es ja immer gegeben, aber nicht diese besonderen Oppositionsgeister. Gerade dies führt dazu, für die kommenden Generationen große Schwierigkeiten zu sehen. Die stehen vor der großen Gefahr, haltlos zu werden, keinen Kern zu haben. Und da möchte ich denn gerne wissen, was für Gedanken Sie sich darüber machen, wie die nächste Generation einen Kern bekommen kann. Die nächste Generation wird von Nietzsche nichts mehr wissen wollen, auch von Spitteler nichts. Wenn Sie zurückdenken, wie Sie bei der Jugendbewegung waren und etwas gefunden haben in der Mystik des Baal Schem,3 so werden Sie sich sagen müssen: eine nächste Generation wird nicht in der Art begeistert sein können, wie Sie es waren. Das ist die Schwierigkeit, die jetzt vor uns steht.

Was für ein Bild können wir uns machen für die nächste Generation? Wir müssen doch für den Fortgang der Menschheit arbeiten. Deshalb möchte ich, daß Sie etwas vom Positiven sagen. Dazu ist nicht nötig, daß man umfassende Worte macht und umfassende Ideale ausdenkt, sondern das hängt oftmals von scheinbaren Kleinigkeiten ab, die aber in Wirklichkeit Großigkeiten sind.»

(Das gleiche Thema wurde dann von Dr. Steiner im Kursus selber im sechsten Vortrag4 besprochen, wo es am Ende heißt, daß die Jugendbewegung einen Januskopf haben muß, indem sie nicht nur hinschaut auf die Forderungen, die man gegenüber den Älteren hat, sondern auch auf die noch unbestimmten Forderungen, «die mit Riesengewalt an uns; heranstürmen, die die kommende: Jugend an uns,stellen wird.»)

Als man in diesem Sinne auf das Erziehungsproblem zu sprechen kam, sagte Dr. Steiner:

«Unter den vielen Kritiken, die gegen die Waldorfschule erhoben worden sind, ist eine, daß bei uns die Kinder zum Teil mit neun Jahren noch nicht perfekt lesen und schreiben können. Es ist nichts dagegen zu sagen: sie können es wirklich nicht, Aber wir. selber sind auch gar nicht der Ansicht, daß Kinder mit acht, neun Jahren fertig lesen und schreiben können sollen, weil für den, der die Natur des Menschen völlig’ kennt, die Fertigkeit die durch die heutige Volksschule entwickelt wird, den Menschen zum halben Denkautomaten macht. Statt den Kindern Buchstaben zum Abschreiben zu geben, lassen wir sie mit Farben herumwirtschaften. Dadurch, daß sie dabei etwas empfinden lernen, erhalten sie sich das Leben ihrer Seele, während dieses sonst erstirbt.»

[S. 21] Durch solche Aufgabenstellungen wie die, über die künftigen Aufgaben einer Jugendbewegung zu sprechen, wurde uns erst bewußt, wie schwer es war, zu wirklichen Begriffen zu kommen über das, was man selber wollte. Gegenüber der auch bei uns waltenden, damals stark herrschenden Jugendtendenz, beim bloßen Fühlen stehen zu bleiben, sprach Dr. Steiner die immer scheinbar so unjugendliche Forderung aus: «Formulieren Sie noch genauer, was Sie wollen!»

Im Sinne dieser Forderung hatte er einmal von einer Besprechung zur anderen einem von uns die Aufgabe gestellt, sich konkrete Gedanken zu machen über Ziele des anthroposophischen Jugendstrebens hinsichtlich einer Veränderung der gegenwärtig herrschenden Verhältnissen unter den Menschen im äußeren sozialen Leben. In großer Sorge rang dieser Freund um die am nächsten Tage zu gebende Antwort, vergeblich bei uns anderen Hilfe suchend. So sah er ziemlich verzagt der nächsten Zusammenkunft entgegen. Da schien sich ihm ein erlösender Fingerzeig zu geben durch die im Vergleich zu anderen heutigen Büros bemerkenswerte freundliche Art des Empfanges in den Büros der damals bestehenden anthroposophischen Wirtschaftsunternehmung «Der Kommende Tag. Und so wurde denn dies am nächsten Tag vorgebracht mit der Bemerkung, wir sollten es uns als soziales Ziel setzen, daß in allen Büros der Welt solch freundliche Gesichter zu finden wären. - Dr. Steiner hörte sich das mit unverhohlenem Schmunzeln an und sagte lächelnd: «No5 - abgesehen davon, ob das Beispiel wirklich ganz stimmt» (wer mit dem inneren Leben des «Kommenden Tag bekannt war, wußte, welch große menschliche Schwierigkeiten da zu bewältigen waren) - dann plötzlich sehr ernst werdend - «es kommt wirklich auch auf etwas ganz anderes an. Das bisherige soziale Leben gleicht einem Mechanismus, und da ist denn nicht damit etwas geschehen, daß die Hebel und Kurbeln des bestehenden Mechanismus mit etwas lächelnderen Gesichtern betätigt werden. Sondern es kommt darauf an, daß dieser Mechanismus ersetzt werde durch einen Organismus.» - Und mit eindringlichem Tone fortfahrend: «Und da müssen Sie sich klar darüber sein, daß dasjenige, was Sie wollen, zunächst nichts anderes sein kann als das Ziehen eines zarten Pflänzchens. Denken Sie sich das Tote des heutigen sozialen Lebens als große Steine und das Pflänzchen zwischen diesen Steinen. Was tot ist, hat gewissermaßen ein viel zäheres Leben als das Lebendige, denn es kann nicht sterben. Es kann höchstens zerrieben werden. (Mit Nachdruck) — Und die Steine werden zerrieben werden. Aber da gilt es für Sie, darauf zu achten, daß das zarte Pflänzchen nicht zwischen diesen Steinen mit zerrieben wird.»

Mitten zwischen den immer wiederholten Zeichen seiner Unbefriedigtheit konnte er sich sofort angeregt und bejahend zeigen, wenn dazu Veranlassung war. So einmal, als einer von uns im Hinblick auf die von Dr. Steiner im Kurs geschilderte Gefahr der Haltlosigkeit der künftigen Jugend aus mangelnder Gelegenheit zur Opposition meinte, es müßten geistige Inhalte an die Seelen der jungen Menschen gebracht werden, denn dadurch entstünden immer neue Rätsel, an denen sich immer wieder Impuls und Kraft entzünden können zum geistigen Weiterdringen. - Besonders erfreut zeigte er sich, als ausgesprochen wurde: Ebenso wie im Physischen das soziale Leben aus gemeinsam verbrachten Taten besteht, so streben wir nach gemeinsamen Taten im Geiste, also eigentlich nach einem sozialen Wirken im Übersinnlichen. Sogleich wollte er wissen, was man sich unter Taten, und besonders gemeinsamen, im Geiste vorzustellen habe. Als ganz zaghaft geantwortet wurde, daß solches doch wohl durch das Meditieren eines gemeinsamen Geistinhaltes zustande käme, zeigte er sich offensichtlich befriedigt.

Auf diese Weise fanden wir uns wie später noch mehrmals in unserer Auffassung der Meditation bestätigt, die wir nicht nur als Mittel der privaten Selbstvervollkommnung ansehen wollten, sondern als ein in eine objektive Geistsphäre hineinwirkendes Tun.

[S. 22] Das Folgende sind Aussprüche Dr. Steiners nach Aufzeichnungen einzelner Freunde, deren Zusammenhang mit den verschiedenen Besprechungen sich in der Erinnerung nicht mehr hat feststellen lassen.

«Die Seelen der heutigen Menschen kommen als Folge der allgemeinen Entwickelung des menschlichen Wesens an die Grenze zwischen der Intellektualität und dem Geiste. Da geht es ihnen wie dem Fisch. Wenn der Fisch an die Oberfläche des Wassers gerät und beim Hinausschnappen das fremde Element der Luft spürt, so reagiert er darauf mit dem Impuls, besonders tief ins Wasser zurückzutauchen. So werden Sie sehen, daß in der kommenden Zeit die Menschen den Drang haben werden, wenn sie unversehens an die Grenze der Intellektualität geraten, ganz tief unter das Intellektuelle hinunterzutauchen. Demgegenüber wird es Ihre Aufgabe sein, durch die Intellektualität vorzudringen zur Überintellektualität, durch die Klarheit zur Überklarheit.»

«Auf dem Wege, den Sie sich vorgenommen haben, wird man empfindlicher, als man vorher gewesen ist für die ahrimanischen Wirkungen in der Welt. So werden Sie darunter mehr zu leiden haben als andere Menschen. Und da werden Sie darauf zu achten haben, daß Sie nicht der Versuchung verfallen, mit den gleichen Mitteln diesem Erleben zu entfliehen, mit dem Sie sich zuerst diese Empfindlichkeit erworben haben.» (Wir glaubten zu verstehen, daß wir uns nicht in ein vornehmlich meditatives Leben wie in einen schützenden Hafen zurückziehen dürften.)

Auf die Frage eines von uns, wo sich heute die ahrimanischen Kräfte am stärksten geltend machten, antwortete Dr. Steiner: «Soweit ich habe beobachten können, ist das im Kino und bei der Schreibmaschine der Fall. Nicht daß es nicht andere Maschinen gäbe, die ihrer Konstruktion nach ahrimanischer sind. Aber was die Wirkung auf den Menschen betrifft, ist es so, wie ich Ihnen gesagt habe.»

Bei einer Gelegenheit sagte er zu uns mit großer Eindringlichkeit: «Werder Menschensucher!» (Dieses Wort empfanden wir wie eine zeitgemäße Metamorphose des Wortes Christi an die Jünger: «Werdet Menschenfischer.» Im Zeitalter der Freiheit des Individuums wird das «Fischen» zum «Suchen».)

Das menschheitlich Umfassende des von uns Erstrebten kam zum Ausdruck in dem Worte in Anknüpfung der Besprechung über die zionistische Jugendbewegung: «Sie wollen ja nicht etwas so Kleines begründen, wie es der Zionismus ist.»

Stark wurden wir an die Bestrebungen der Gottesfreunde erinnert durch die folgende Erklärung: «Es gibt zwei parallel verlaufende Geschichtsströme,6 einen offenbaren und einen unoffenbaren. Allgemein bekannt wird den Menschen nur der erstere. Aber hinter ihm verläuft im Verborgenen der andere Strom. Dieser, der der eigentlich bewirkende ist, darf niemals versiegen. Und zu diesem Zwecke müssen sich von Zeit zu Zeit Menschengruppen zusammenfinden, die in ihm weiterwirken und ihn weitergestalten. In diesen Strom wollen Sie sich durch Ihre Gemeinschaft hineinstellen.»

«Wenn Menschen kommen und den Geistesforscher um einen gemeinsamen Meditationsstoff bitten» - (später erfuhren wir, daß dies in der von uns getanen Weise zum ersten Male in der Geschichte des Okkultismus geschehen war) - «und wenn Sie ein wirklich ernsthafter Wille dazu führt, dann kann eine größere Kraft entstehen, um etwas in der Welt anzurichten, als ein noch so mächtiger Staatsmann erreichen könnte.»

«Es scheint in der Gegenwart vieles glatt zu gehen, weil es maschinell geht. Aber der Lauf der Maschine läuft über der Menschen Köpfe hinweg. Das wird immer mehr eine Riesenkraft, die von selber wirkt, und die die Menschen mit ihren vorhandenen Kräften nicht mehr aufhalten können. Gegen diese Kraft kann man nur gewachsen sein durch ein Streben, das sich bemüht, bis in die äußersten Konsequenzen seiner [$. 23] Handlungen Geist hineinzutragen. Das allein wird es möglich machen standzuhalten gegenüber der Überrumpelung durch die Kulturmaschine, daß man Geist und Liebe in seinen Willen hineinbringt. Zu wenig Menschen entwickeln gegenwärtig wirkliche Initiative. Es ist viel Wunsch da, aber wenig Wille.»

«Man muß unterscheiden zwischen Gebet und Meditation. Das gewöhnliche Gebet dient heute zumeist einer Befriedigung des eigenen Selbstes. Die wahre Meditation aber ist ein Vollziehen des geistigen Willens, der den Zeitgeist in sich trägt. Wo solche Meditation geübt wird, da vermag eine geistige Kraft in das irdische Geschehen hineinzuwirken. Geistige Welten wollen heute in das irdische Geschehen hineinwirken, aber sie können dieses nur, wenn durch menschliche Meditation Raum dafür geschaffen wird. Es geschieht dadurch etwas wie eine Aussparung im physischen Felde, in die sich geistige Wesen mit ihren Wirkungen hineinbegeben können.»

«Wenn auch physisch viel vernichtet werden wird; wenn auch im Äußeren scheinbar wenig erreicht werden wird: was auf solche Weise geistig geschaffen wird, das bleibt, das behält seinen Wert für die Zukunft.»

«Jetzt ist eine Zeit gekommen, wo der Materialismus die Leiber so verhärtet hat, daß die Individualität sich nicht genügend inkarnieren kann. Viele Menschen gehen daher gegenwärtig so herum, daß sie einen Teil ihres Wesens wie einen Begleiter neben sich haben, der nicht in dem Leibe wohnen kann. Der bleibt hinter der Sinneswelt verborgen. Zu ihm gilt es durchzudringen. Dazu ist die Meditation ein Mittel.»

Die letzte Phase der Vorbereitung

Nach einigen wenigen Zusammenkünften der engeren Gruppe kam ein Tag - es war Mittwoch, der 11. Oktober -, an dem Dr. Steiner uns wissen ließ, daß er keine Zeit für eine Besprechung mit uns habe. Äußerlich gesehen, ließ sich das mit seiner außerordentlich vielseitigen Inanspruchnahme begründen. Wir selber fanden aber, daß wir darin einen geistigen Wink zu sehen hätten, daß von uns etwas Entscheidendes erwartet wurde, worauf wir wieder einmal ganz durch uns selber zu kommen hätten.

[...]

Bei dem Rückblick auf das Zustandekommen des Kursus und das allmähliche Entstehen der neuen Gemeinschaftsidee, den wir jetzt anstellten, mußten unsere Gedanken allerdings an Einem haltmachen. Das war die von uns erstrebte Verankerung unserer Gemeinschaft in der geistigen Welt: unser Streben, dadurch dem lenkenden Geiste unserer Zeit, Michael, zu dienen.

[...] [S. 24] [...]

In unserer Not wandten wir uns nach dem Ende einer Sprachgestaltungsstunde7 an Frau Dr. Steiner, indem wir ihr unsere Lage kurz schilderten, ohne dabei jedoch ins Konkrete des uns vorschwebenden Namens zu gehen. Ohne Zögern antwortete sie, indem sie mit der Hand eine entsprechende Bewegung über ihrem Kopfe machte: «Ja, ja, der Doktor will schon auch von dem da etwas von Ihnen hören.» Wir hatten den unmittelbaren Eindruck, daß sie durch Dr. Steiner selber informiert war wohl in der Vorausschau unseres Ringens und der Erwartung, daß wir uns an sie wenden würden.

Sogleich kamen wir wieder unter uns zusammen und berieten in großer innerer Erregung, auf welche Art ein jeder von uns, wenn Dr. Steiner uns wieder zusammenriefe, versuchen würde, der von ihm gehegten Erwartung zu genügen. Es war nun klar, daß einer von uns von unserem Wollen zu Michael hin zu sprechen haben würde. Da Wilhelm Rath es gewesen war, der in der Zeit der Vorbereitung des Kursus zuerst diesen Namen im Sinne der Orientierung unseres geistigen Strebens ausgesprochen hatte, so waren wir anderen uns einig, daß er es auch sein solle, der für uns alle dieses Dr. Steiner gegenüber ausspräche. In tiefem Ernste nahm Rath dies an.

Als wir den Raum verließen, in dem wir dieses besprochen hatten, kam Dr. Steiner an uns vorbei. Zagend fragten wir ihn nach der Möglichkeit einer nächsten Zusammenkunft. Ohne Zögern beraumte er sie für den folgenden Tag an.

Donnerstag, der 12. Oktober 1922

Dr. Steiner begann sofort mit der Frage: «Nun, was haben Sie mir noch zu sagen?» Was da ein jeder von uns gesagt hat, war ein Versuch, etwas von der geistig-wesenhaften Seite unserer Zielbildungen zu sagen, wobei zum Schluß Rath den Namen Michaels aussprach. Im Folgenden sei einiges von dem wiedergegeben, was bei dieser Gelegenheit ausgetauscht worden ist.

Einer sagte, er meine, unser Ziel solle sein, daß wir lernen, selbst über Tische und Stühle so geistig zu sprechen, wie man sonst nur über die Hierarchien spräche. Jeder von uns war überzeugt, daß da einmal etwas gesagt war, das Dr. Steiners Zustimmung finden würde, Anstelle dessen schüttelte er lächelnd den Kopf und sagte: «Nein, vielmehr sollen Sie sich die Aufgabe stellen, über die Hierarchien so natürlich zu sprechen, wie man sonst nur über Tische und Stühle spricht.» Er gab sogleich ein alle zuhöchst überraschendes Beispiel. Er sagte, man müsse fähig werden, zu erkennen und aus solcher Erkenntnis heraus davon sprechen zu können, daß Ibsen gedichtet habe aus einer Inspiration des luziferisch gewordenen Erzengels Gabriel. Dabei fügte er hinzu, daß das nicht so verstanden werden dürfe, als ob Gabriel an sich ein luziferisches Wesen sei. Aber er sei von dem Impuls erfaßt worden, seinen Einfluß über die ihm zur Verfügung stehende Zeit hinauszudehnen. An sich sei sein Zeitalter im Jahre 1879 abgelaufen gewesen, aber er habe da von seiner Kulturherrschaft nicht abtreten wollen. So sei ein solches Drama wie Ibsens «Gespenster, das ganz auf der Vererbungsidee aufbaue, zustandegekommen. [S. 25] In solcher Art Vergangenes über seine ihm zustehende Zeit hinaus wirksam zu erhalten, sei stets etwas Luziferisches. Da sei also Gabriel von einem luziferischen Impuls erfaßt worden. Und er fügte hinzu: «Aus dem unrechtmäßigen Fortwirken Gabriels entstehen Kulturauswüchse, die bewirken, daß auf eine mystische Art Wünsche von doch nur intellektueller Natur ihren Weg ins Übersinnliche suchen.»

Der Freund, der, wie früher in diesem Bericht angedeutet, an einem der Priesterkurse teilgenommen hatte, knüpfte an das an, was Dr. Steiner dort über das Wesen Anthroposophie gesagt hatte. Er meinte, damit dieses Wesen auf Erden wirksam werden könne, müsse ihm ein Leib bereitet werden. Dürften wir denken, daß die von uns erbetene Gemeinschaft ein Organ in diesem Leibe werden solle? - Dem stimmte Dr. Steiner grundsätzlich zu, sagte aber, daß es sich nicht um eine Inkarnation, sondern eine Inkorporisation dieses Wesens handele. «Im Erdendasein kann dieses Wesen nur bis zur Inkorporisation schreiten. Eine Inkarnation wird erst unter anderen als den Erdenverhältnissen möglich sein.»

[Hier wurde eine Stelle ausgelassen über das Zusammenleben der europäischen Völker, die in ihrer überlieferten Form sicher nicht authentisch ist.]

Auf die Bemerkung eines der Freunde hin, daß wir nach einer uns allen gemeinsamen Führung strebten, sagte er: «Ja, Sie wollen eine bewußte Gruppenseele werden.»

Nachdem auf diese Weise von jedem von uns etwas von der Art gesagt worden war, von der wir meinten, daß er es von uns hören wollte, kam die Reihe an Rath, der mit fast bebenden Lippen das entscheidende Wort aussprach, indem er sagte, wir wollten uns mit dieser Gemeinschaft unter die Führung Michaels stellen. - Alles, was hierauf von Dr. Steiners Seite erfolgte, war, daß er auf seine Uhr schaute und sagt:

«Heute muß ich Sie leider verlassen, weil ich noch eine andere Verabredung habe. Aber morgen werden wir uns am Abend wieder treffen, und dann werden Sie von mir bekommen, wonach Sie mich gefragt haben.»

Freitag, der 13. Oktober 1922

Wir versammelten uns zur angegebenen Stunde in dem uns dafür zugewiesenen Raum und erwarteten Dr. Steiner in feierlich-erwartungsvoller Stimmung. Er betrat den Raum zusammen mit Frau Dr. Steiner in bemerklich ernster Haltung. In der Hand hatte er ein in violettes Leder [Leinen] gebundenes Büchlein, aus dem er später die Meditationen vorlas und abschreiben ließ. Beim Betreten des Raumes blieb er einen Augenblick in der Türe stehen und zählte uns ab, indem er mit dem Finger auf jeden [$. 26] von uns der Reihe nach deutete. Dabei wurden wir selber uns zuerst bewußt, daß wir in der Zahl Zwölf beieinander waren.

Danach begab er sich zu dem für ihn vorbereiteten Platz am Tische und setzte sich nieder, indem er uns aufforderte, uns ebenfalls zu setzen. Sodann öffnete er das Buch und sagte mit tiefer, sehr ruhevoller Stimme: «Ich habe den Auftrag, Ihnen das Folgende zu übermitteln.» — Darauf las er uns die Worte vor und wies einen von uns an, sie abzuschreiben.8 Danach gab er verschiedene Anweisungen zur Praxis des Übens im allgemeinen, sowie zu bestimmten Stellen der uns überlieferten Meditationen. Diese sind in einem besonderen, diesem Berichte beigefügten Teil wiedergegeben.9 Zuletzt gab er noch verschiedene Hinweise auf das Wesen und die Bedeutung einer solchen Gemeinschaft.

Da sagte er über die Wirkung, die ein Meditieren solcher gemeinsamer Übungen hätte: «Nehmen Sie an, Sie seien insgesamt zehn, und ein jeder von Ihnen bringe beim Üben die Kraft ‹zwei› auf. Dann ist die Gesamtwirkung nicht (2 \times 10), sondern (2^{10}). Mit anderen Worten: die Vermehrung der Kraft geschieht nicht nach dem Gesetz der Multiplikation, sondern der Potenzierung.»

Unser persönliches Verhalten zueinander als Angehörige des Kreises betreffend sagte er: «Die einzelnen von Ihnen werden ja in sehr verschiedenen Kulturaufgaben zu stehen kommen. Nicht alle von Ihnen werden in gleichem Maße nach außen zu wirken haben. Einige werden weiter vorne, andere mehr im Hintergrund stehen, je nach Schicksal und Begabung. Da müssen die einen sich freuen über die Erfolge der anderen. Jedes Empfinden von Rivalität muß Ihnen fern bleiben, indem im Bewußtsein aller lebt, daß, was der eine leistet, er durch die Kräfte aller anderen leistet.»

«Sich durch ein gegenseitiges Versprechen zum Streben nach einem gemeinsamen geistigen Ziel verbinden und sich dabei im Handeln und Urteilen im Leben gegenseitig ganz frei lassen - eine auf solches gegründete Gemeinschaft ist etwas ganz Neues in der Entwicklung der Menschheit und etwas, das heute als ein Allernotwendigstes gebraucht wird.»

«Für jemanden, der auf dem esoterischen Wege zu bestimmten Ergebnissen kommt, besteht immer die Gefahr des Größenwahns. Dagegen kann eine solche Gemeinschaft wie die Ihre ein Schutz sein. Denn in ihr streben Sie ja gemeinsam zum Überschreiten der Schwelle der geistigen Welt hin. Und da hat sich denn jeder zu sagen, daß er das persönlich Erreichte den Anstrengungen aller anderen mitverdankt.»

Im Zusammenhang hiermit führte Dr. Steiner einen entsprechenden Fall in der katholischen Kirche an. Dort sei einmal in einem Kreise von Geistlichen der Gedanke aufgetaucht, daß doch der einzelne Priester durch sein Wort den Christus in das Tabernakel zitiere, somit also Christus dem Worte des Priesters gehorche. Darauf habe der Bischof der betreffenden Diözese, als er bemerkte, daß dieser Gedanke Verwirrung anzurichten begann, einen Hirtenbrief10 erlassen, worin er klarlegte, daß der einzelne Priester diese Gewalt doch nur habe als Angehöriger des gesamten Klerus der Kirche. Der Geist der Kirche aber sei der Christus, und dieser damit der Geist des gesamten Klerus. In Wahrheit zitiere sich also in der heiligen Handlung der Christus nur selber durch den einzelnen Priester.

Betreffend die Einordnung des übenden Lebens in das äußere Leben des Tages sagte er: «Nun müssen Sie Ihr Leben zwieteilen! (Dieses Wort war mit scharfem Nachdruck ausgesprochen.) Der eine Teil spielt sich in Ihren Übungen ab, der andere verläuft im äußeren Leben. In jenem saugen Sie den Geist ein, dann wird er in dem anderen schon von selber in das Leben ausströmen. Dazu aber ist nötig, daß Sie sich ganz in dieses äußere Leben hineinstellen.»

[S. 27] Als Letztes auf dieser Zusammenkunft kam er nochmals auf das Durchhalten der einmal übernommenen Übungen zu sprechen. Er beschrieb die Bedeutung der Taten, die wir durch ein solches Tun auszuüben vermöchten. «Im physischen Felde ist heute die ahrimanische Macht so stark, daß kein einzelnes menschliches Ich ihr gewachsen ist. Daher kann heute kein menschliches Ich dafür garantieren, daß es einen Entschluß, sofern er eine physische Tat betrifft, auch wirklich ausführen kann. Das Feld aber, auf dem Sie sich nun vorgenommen haben, Taten zu tun, ist eines, zu dem die ahrimanische Macht keinen Zutritt hat. Daher ist die Durchführung dessen, was Sie sich hier vorgenommen haben, allein von Ihnen selber abhängig. Daher haben Sie hier die erste Gelegenheit, Taten in Freiheit zu tun, und somit die erste Gelegenheit, Treue zu üben.»

Wieder war, wie in der allerersten Zusammenkunft mit ihm, das Wort von der Treue mit besonderer Wärme gesprochen. Damit war gewissermaßen der Bogen zurückgeschlagen zu jenem anderen Wort von der nötigen Treue zu dem einmal in der geistigen Welt gefundenen Freund.

Hier ist nachzutragen, daß Dr. Steiner, bevor er die Übungen vorlas, einige einleitende Worte gesprochen hat, an die sich aber niemand der Anwesenden im Einzelnen erinnern kann. Nur ein Freund meint sich deutlich zu erinnern, daß Dr. Steiner während dieses seines Sprechens in einigen Abständen die drei Rosenkreuzersprüche «gleichwie aus Urwelttiefen» hätte hereintönen lassen.

Zum Abschluß sagte Dr. Steiner, er wolle uns in den nächsten Tagen noch etwas geben, wodurch wir in der Lage sein würden, den Kreis in Zukunft zu erweitern. «Da werden wir Ihre Gemeinschaft formen in einer Weise, die nach Ihrem Herzen sein wird.» Er entließ uns für dieses Mal, indem er jedem von uns herzlich die Hand gab, und ebenso auch Frau Dr. Steiner, mit der zusammen er den Raum verließ. In den letzten Worten erlebten wir die Antwort auf eine von uns im Laufe der Vorbesprechungen gemachte Bemerkung, daß wir uns dächten, die Bedeutung der von uns gesuchten Gemeinschaft müsse durch den Akt ihrer Gründung und die Form des Beitrittes zum Ausdruck kommen.

Zu diesem Akt wurden wir dann auf Montag, den 16., in aller Frühe vor Dr. Steiners Abreise nach Dornach bestellt.

Bevor dieses Ereignis geschildert wird, muß von einem Vorfall in den Zwischentagen berichtet werden, weil dieser zum Anlaß wurde, daß Dr. Steiner das Beisammensein in einer bestimmten Weise begann und uns auf eine uns obliegende Aufgabe im Gesamten der Anthroposophischen Bewegung hinwies.

Begegnung mit der jungen Bewegung für religiöse Erneuerung

[S. 27/28: Es wird hier berichtet, daß einige Kreisgründer im Einverständnis mit Dr. Rittelmeyer und Dr. Steiner die Absicht hatten, am Sonntag, den 15. Oktober, an der ersten Menschenweihehandlung der Christengemeinschaft teilzunehmen, bei der auch andere als nur die Priester anwesend sein konnten. Es war dies im Rahmen der Vorbereitung im inneren Kreis, bevor die Menschenweihehandlung am ersten Advent in den Gemeinden zum ersten Mal öffentlich zelebriert werden sollte. In der vorausgehenden Besprechung, in der Einzelheiten der Handlung bekannt gemacht wurden, verlangte Lic. Emil Bock, daß alle Teilnehmenden sich durch ihre Teilnahme verpflichteten, sich für den Aufbau der Christengemeinschaft einzusetzen. Daraufhin zogen sich die Kreisgründer von ihrem Vorhaben zurück.]

Die Stiftung des Kreises am Montag, den 16. Oktober 1922

[S. 28] Wegen der frühen Abreise Dr. Steiners fand die Zusammenkunft um 7 Uhr morgens statt. Wir erwarteten ihn außerhalb des Raumes, zu dem wir bestellt waren, auf dem Absatz der Haustreppe. Auf dieser kam er uns entgegen und fragte uns noch vor Betreten des Raumes mit dem Ausdruck interessierter Erwartung, ob wir an der Menschenweihehandlung am Tage vorher teilgenommen hätten. Wir verneinten dies unter Hinweis auf eine seitens der Priesterschaft entstandene Schwierigkeit. Darauf sagte er mehrmals mit Nachdruck, daß von ihm aus dem nichts im Wege gestanden hätte. «Kommen Sie nur herein; das wollen wir gleich besprechen. Da müssen Sie mir berichten, was sich Ihnen da in den Weg gestellt hat!»

So begann die Zusammenkunft, die der feierlichen Stiftung des Kreises gewidmet war, mit einem Bericht von uns über das an jenem Abend Erlebte und den uns dadurch aufgenötigten Entschluß sowie mit einer grundsätzlichen Darlegung Dr. Steiners über sein Verhältnis zur Christengemeinschaft und im Unterschiede dazu seiner Stellung in der anthroposophischen Bewegung, Er machte uns deutlich, daß er über die Bedingung zur Teilnahme an dem Kultus durchaus ein anderes Urteil habe, als es uns dort entgegengebracht worden sei. Aber die Christengemeinschaft sei in solcher Weise begründet worden, daß darin nicht seine, sondern der Priester Urteile maßgebend seien und er dafür, was für Urteile sich im Leben dieser Bewegung geltend machten, selber nicht verantwortlich sei. Die Christengemeinschaft habe er selber weder begründet, noch sei er ihr verantwortlicher Leiter. Um sein Verhältnis zu ihr richtig zu sehen, bedürfe es subtiler Begriffsunterschiede. So habe er den Kultus den Priestern nur demonstriert, ihn aber niemals selber zelebriert. Zum ersten Male zelebriert worden sei er durch Dr. Rittelmeyer. Anders sei sein Verhältnis zur Anthroposophischen Bewegung. Da sei er dafür verantwortlich, daß richtige Urteilsbildungen in ihr herrschen. «Da aber ist es oft so: Alles in dieser [S. 29] Bewegung ist von klaren Impulsen ausgegangen. Oftmals sind diese aber später - und manchmal gerade aus gutem Willen der Mitglieder heraus - in die Unklarheit gebracht worden. Und da sollte es sich schon ein Kreis wie der Ihre zur Aufgabe stellen, dazu zu helfen, daß die Ausgangsimpulse in ihrer Klarheit erhalten bleiben, oder, wo sie in die Unklarheit geraten sind, wieder in die Klarheit zuückgeführt werden.»

Dann ging er zu anderem über. Wir erinnern uns, daß er Gelegenheit nahm, von H.P. Blavatsky zu sprechen, wohl im Zusammenhange mit einer Darstellung der der Anthroposophie vorausgegangenen okkulten Bewegungen der neueren Zeit. Doch kann sich da niemand an Einzelheiten erinnern als nur, daß Dr. Steiner von dieser Persönlichkeit als von einem «welthistorischen Medium» gesprochen hat.

Als Nächstes erklärte er uns einiges über unser Darinnenstehen in der Welt als Angehörige unserer Gemeinschaft. Von nun an würde es für jede Menschengruppe in der äußeren Welt - also etwa Studenten an einem Lehrerseminar, an dem einer von uns studiere von karmischer Bedeutung sein, daß unter ihnen sich einmal ein Mitglied dieses Kreises befunden hat. Ebenso würden Schicksalswirkungen auftreten zwischen mit uns «physisch oder physisch-seelisch» verbundenen Menschen - er wiederholte - von guter oder schlechter Art, je nachdem wir gut oder schlecht in unserer Sache darinnenstünden. Doch warnte er, daß man dies nicht ohne weiteres richtig beurteilen könne. Dazu bedürfe es einer Fähigkeit, die man besser in der englischen Sprache ausdrücken könne: occult discrimination.

«Betrachten Sie sich selbst als die Wurzel des Kreises», sagte er im Hinblick auf das künftige Wachsen desselben.

Zur Handhabung künftiger Aufnahmen sagte er nur, daß wir niemanden unter 21 Jahren aufnehmen sollten. Denn da hat der Mensch noch keine juristische Verfügbarkeit über sich selber, und so könnte man da in Konflikt mit den Eltern und dadurch mit der öffentlichen Rechtsprechung kommen. Das aber müsse unter allen Umständen vermieden werden, daß der Kreis in irgendeine Berührung mit den Instanzen des öffentlichen Lebens gerät. - Ferner riet er uns, möglichst keine verheiratete Frau aufzunehmen, deren Mann nicht dabei sei, beziehungsweise bei dem man damit rechnen müsse, daß er selber keinen Zugang dazu finden wird.

Dr. Steiner schloß diesen Teil der Besprechung damit ab, daß er unter merklicher Änderung seiner Haltung sagte, er wolle uns nun eine Formel geben - er nannte sie ‹Angelobeformel› - durch deren Verlesung in Gegenwart anderer der Eintritt in die Gemeinschaft vollzogen würde. So sollten wir uns zunächst gegenseitig aufnehmen, indem jeder den anderen die Formel vorliest. Künftighin solle sie uns dann dazu dienen, den Kreis in eigener Verantwortung zu erweitern. Er ersuchte, daß jemand Schreibzeug und Papier vornehme, und diktierte die Formel11 dann frei, indem er sie Wort für Wort im Sprechen selbst gleichwie aus dem Geistigen herunterholte, wobei er den Blick sinnend vor sich gerichtet hielt. Sodann machte er eine kurze Pause, legte Arme und Hände still vor sich zusammen und sagte mit tiefem Ernste und einer Stimme, in der Weltenfestigkeit mit demütiger Stille gepaart schienen: «Und nun betrachten Sie Ihre Gemeinschaft als von der geistigen Welt selbst gestiftet.» Darauf erhob er sich und wir mit ihm. Sodann ging er zu jedem einzelnen von uns hin, stellte sich ruhig vor denselben, nahm dessen rechte Hand in seine beiden Hände und blickte ihm eine kurze Zeit in die Augen mit einem Blick, den man in Worten nicht beschreiben kann - vielleicht darf man, einer Schilderung von ihm in einem der später (Januar 1924) gehaltenen Rosenkreuzer-Vorträge12 gedenkend, sagen: mit einem Sternenblick. Hier durfte man in Augen blicken, von denen kein persönlicher Blick ausging, sondern durch die hindurch Geisteswelten schauten und erstrahlten.

[S. 30] Vor seinem Fortgehen ersuchte er uns dann noch, ihn davon zu unterrichten, falls jemand sich doch noch entschlossen haben sollte, dem Kreise nicht beizutreten. Dies überraschte uns, da uns nach all dem Vorangegangenen so etwas gar nicht denkbar schien. Später ließen uns auftretende Schwierigkeiten im Rückblick seine Vorsorge verstehen. Einen Gebrauch von dieser noch einmal zur Verfügung gestellten Freiheitssituation hat damals aber niemand gemacht. Immerhin sagte es uns für unser eigenes künftiges Verhalten, daß dem Zutritt Ersuchenden noch nach dem Bekanntwerden mit den Inhalten eine letzte Überprüfung seines Entschlusses gewährt werden solle.

Uns selber war es wichtig gewesen, daß wir uns in dem Gedanken einer solchen Gemeinschaft von Anfang an gefunden hatten ohne Rücksicht auf gegenseitige seelische Sympathie. So meinten wir auch für die Zukunft, in diesem Teil unseres Wesens keine Näherung aneinander erstreben zu sollen. Wie überrascht waren wir daher, als Dr. Steiner im Fortgehen sich nochmals freundlich zu uns zurückwandte und warmherzig sagte: «Und nun lernen Sie einander gut kennen!» Zunächst gab uns dies den Gedanken ein, bei unserer gegenseitigen Aufnahme am gleichen Abend einander unser Leben zu erzählen, was dann zum bleibenden Usus bei Aufnahmen geworden ist.

In der ihm vor seiner Abfahrt verbleibenden Zeit erlaubte uns Dr. Steiner, ihm alle möglichen Fragen mehr oder weniger persönlicher Art zu stellen. Da fragte einer um Rat für seine Studien und bekam das Thema für eine Doktordissertation. Ein anderer bekam wichtige Hinweise für seine geschichtlichen Forschungen. Wieder ein anderer bekam genaue medizinische Anweisungen für ein ihn plagendes Leiden. Unter diesen Fragen war auch eine, die hier, wegen des allgemein bedeutenden Charakters der von Dr. Steiner gegebenen Antwort, mitgeteilt sei.

Die Frage ging nach Dr. Steiners Stellung zu dem, was bis zum Jahre 1914 als eine Art esoterischer Sektion13 innerhalb der damaligen Gesellschaft bestanden hatte, und dem, was sich jetzt neu gebildet habe. Hierzu sagte er:

«Als ich anfing zu lehren, mußte ich versuchen, an die Ausläufer der alten Tradition anzuknüpfen. Das so Entstandene mußte in einem Moment äußerer Geschehnisse abgebrochen werden. Was jetzt geschehen ist, das ist ein Erstmaliges in der nachchristlichen Zeit, daß Menschen sich in Freiheit vor der geistigen Welt aus sich heraus entschlossen haben, sich esoterisch zusammenzuschließen.»

Hierzu sei aus später von uns Erfahrenem Folgendes hinzugefügt. Als nach dem Ende des ersten Weltkrieges einige ältere esoterische Mitglieder Dr. Steiner nach der Möglichkeit einer Wiederaufnahme des bei Kriegsbeginn Abgebrochenen fragten, habe er diesen zur Antwort gegeben, daß das Alte nicht wieder aufgenommen werden könne, daß es aber wohl zu neuen esoterischen Gestaltungen innerhalb der Gesellschaft kommen könne. Das sei aber davon abhängig, daß erst einmal Menschen aus Freiheit zu ihm kämen und um eine gemeinsame Esoterik anfragten. Solches könne aber nur in Mitteleuropa und von Angehörigen der jüngeren Generation geschehen. Darauf müsse er warten.14 So verstanden wir denn auch sein so überraschend positives Verhalten, als Rath in jener Komiteebesprechung vor dem ersten Vortrag des Kursus unsere Frage aussprach.

Als Rudolf Steiner schließlich den Raum verließ, um mit dem schon bereitstehenden Wagen nach Dornach zu fahren, wandte er sich an der Türe mehrmals um und winkte herzlich mit beiden Händen.

[Ende des Berichtes von Ernst Lehrs]



  1. Herman Grimm, «Goethe, Vorlesungen an der Kgl. Universität zu Berlin», Berlin 1877, 21. Vorlesung: «Wenn zwei Männer von hervorragenden Mitteln sich zu gemeinsamer Activität vereinigen, so verdoppelt sich nicht ihre Kraft, sondern vervierfacht sich. Jeder von beiden hat den Andern unsichtbar neben sich. Die Formel würde nicht lauten G + S, sondern (G + S) + (S + G). Jedem wächst die Kraft des Andern zu.» ↩

  2. Koberwitz, 7. bis 16. Juni 1924, GA 327. hineinzubekommen. Dazu genügt schon, daß man die Esparsette in einer einzigen Reihe um den Acker herum anpflanzt.» ↩

  3. Dies bezieht sich entweder auf die kabbalistische Mystik des hebräischen Gottesnamens oder auf den Rabbi, der um 1740 in der Ukraine die ostjüdische Sekte der Chassiden begründete. ↩

  4. Stuttgart, 8. Oktober 1922, GA 217. ↩

  5. No = österreichisch für «Nun». ↩

  6. Darauf hat Rudolf Steiner des öfteren hingewiesen, z.B. im Vortrag Dornach, 14.12.1918, «Die soziale Grundforderung unserer Zeit - In geänderter Zeitlage», GA 186. ↩

  7. Rudolf Steiner hatte veranlaßt, daß von Marie Steiner für die Teilnehmer des Jugendkurses auch ein Sprachgestaltungkurs gegeben wird. ↩

  8. Siehe Seite 488. ↩

  9. Dieser Teil ist hier nicht aufgenommen, da die allgemeinen Anweisungen gegenüber den in dieser Reihe bereits enthaltenen nichts Neues bringen; die speziellen in zur Jugendkreis-Meditation findet man auf Seite 491 in der Form, wie Kolisko notiert hat. ↩

  10. Diese Erinnerung von Lehrs trügt: Die Verwirrung wurde nicht geklärt, sondern gestiftet durch den Hirtenbrief «Die dem katholischen Priester gebührende Ehre» vom 2. Februar 1905 des Erzbischofs von Salzburg, J. B. Katschthaler, abgedruckt in Carl Mirbt, «Quellen zur Geschichte des Papsttums und des römischen Katholizismus», 4. Auflage, Tübingen 1924, und in den Hinweisen zu GA 197. — Rudolf Steiner zitierte diesen Hirtenbrief öfters (9. 3. 1920, GA 197; 17.7.1920, GA 198; 1.10.1921, GA 343) als Illustration für die Absurditäten, die entstehen, «wenn aus dem modernen Bewußtsein heraus dasjenige ergriffen wird, was in einer ganz anderen Stimmung erfaßt werden muß», ohne dort aber die Auflösung des so entstandenen Problems zu geben. ↩

  11. Eine Originalniederschrift von Rudolf Steiner liegt dafür nicht vor. Lili Kolisko hat sich diese Formel am 11. November 1924 in ihrem Notizbuch so notiert: «Ich verspreche hiermit, daß ich in diese Gemeinschaft, soweit mir bewußt ist, mit reinem Denken und reinem Willen eintrete und daß ich anerkenne, daß die Beurteilung meines Wesens durch die Aufnahme in die Gemeinschaft geistigen Wesen anheimgestellt ist. - Ich will mir zum Bewußtsein bringen, daß ich durch jede Verfehlung gegen dieses Versprechen wider die Absichten der geistigen Wesen handle, in deren Dienst sich diese Gemeinschaft stellt. - Meine Seele würde den Folgen einer solchen Verfehlung verfallen sein.» ↩

  12. Siehe «Mysterienstätten des Mittelalters. Rosenkreuzertum und modernes Ein weihungsprinzip ..», GA 233a. ↩

  13. Siehe den Band «Zur Geschichte und aus den Inhalten der ersten Abteilung der Esoterischen Schule 1904-1914», GA 264. ↩

  14. Dies kann von Rudolf Steiner in dieser Form nicht gemeint gewesen sein, wie durch die esoterischen Stunden von 1920 bis 1923/24 (siehe Teil II) deutlich wird. ↩

German original of Rudolf Steiner's Remarks On The Founding Of The Esoteric Youth Circle · Next →