Esoteric Lessons 1913–1923
GA 266III
4. Erinnerungsnotizen von Herbert Hahn
Nach der Photokopie eines durch H. Hahn handschriftlich datierten und signierten Memorandums von 1963.
[Briefkopf:] C. Brumberg Hansen
[in unbekannter Handschrift:] Von Herbert Hahn diesem Freunde erzählt und von diesem zugleich geschrieben.
Notizen aus der Erinnerung (Zum 16. Oktober 1922)
Rudolf Steiner sprach unter anderem vom Jungsein und Altwerden. Er sagte etwa: «Das ist ja unvermeidlich, daß Sie einmal hier ein graues Haar, dort eine Runzel bekommen werden, denn der physische Leib soll und muß ja alt werden. Doch achten Sie auf das eine: es ist gar kein Anlaß da, daß dann die Seele mit alt wird. Ja, sie darf eigentlich nicht mit alt werden. Für jedes graue Haar, das da plötzlich sich auftut, und für jede Runzel, die sich einschreibt, kann die Seele sich ein frisches, junges Etwas zulegen. Nur dann geht das Altern erst so vor sich, wie es vom Geist gewollt ist.»
Wohl im Zusammenhang damit sprach er davon, daß wir die Impulse, die uns jetzt zur Gründung einer Gemeinschaft führen, immer wieder lebendig machen sollten wie am ersten Tag. «Sehen Sie» - sagte er - «in der alltäglichen Welt gilt ja das Wort: Neue Besen kehren gut. Man will damit sagen, daß die Borsten am Besen sich doch allmählich abnutzen, sie mögen im Anfang noch so gut gewesen sein. Das darf nicht gelten für Sie! Ihr Besen muß täglich neue Borsten bekommen.»
Ein andermal sprach er von der Begeisterung und führte-aus, daß die wahre Begeisterung so selten sei. Denn die echte Begeisterung bestehe nicht darin, daß wir in uns selbst und für uns selbst entflammt sind. Erst dann sei die Begeisterung echt und stark genug, wenn die Flamme in uns so stark brennt, daß andere sich an ihr ein Feuer anstecken können. Dieses war es, was er - meiner Erinnerung nach - mit den Worten meinte: «Entwickeln Sie den Grips». Wir verstanden dieses Wort erst im trivialen Sinne der Gescheitheit oder Pfiffigkeit. Daraufhin gab er die vorangehende Erläuterung.
Im Zusammenhang mit der intellektualistischen Kultur der Gegenwart führte er aus, daß die Einseitigkeiten und die Gefahren dieser Kultur heute schon von gar nicht wenigen Menschen eingesehen werden. Doch entstehe die Neigung, den Kopf gleichsam abzutakeln, um in die wohltuend irrationalen Regionen des Gefühles und der dunklen Willenstiefen zu versinken. Um sich vollwertig als Mensch zu erleben, wähle man also den Weg vom Kopf nach unten. Wir sollten - so sagte er - uns der Gefahren und Täuschungen bewußt werden, die mit diesem abwärts verlaufenden Wege verbunden sind. Denn dieser Weg ist ein Abweg, der völlig dem widerspricht, was der Zeitgeist will.
Der Kopf - so betonte Rudolf Steiner - hat sich nicht umsonst bei aller Einseitigkeit Klarheit erworben. Diese Klarheit darf nicht verloren gehen, sondern muß auf dem vom Zeitgeist gewollten Geisteswege mitgenommen werden. Und zwar muß sie mitgenommen werden auf dem Wege: Vom Kopf nach oben über den Kopf hinaus. Auf diesem Wege wird das Irrationale durch Über-Klarheit gewonnen. Dies ist der Weg, der von einem michaelischen Denken eingeschlagen werden will.
Über die Meditation und das Meditieren sagte Rudolf Steiner unter anderem das Folgende: Die Meditationen sind für bestimmte Tagessituationen beziehungsweise Tageszeiten angegeben und sollten, wann und wo die Umstände es nur immer erlauben, zu bestimmten Zeiten gemacht werden. Doch irgendeiner von der werdenden Gemeinschaft wird immer der erste sein, der zum Beispiel die Morgenmeditation macht, ein anderer der letzte. Aber beide Meditationen, überhaupt alle Morgen-Meditationen der Gemeinschaft, gehen aufeinander zu. Das vollzieht sich so, daß sich die Meditation, die zuerst gemacht wurde, in den Äther eingeschrieben hat. Alle anderen, die dann folgen, kristallisieren sich um diese erste. In gewissem Sinne gilt für die Meditationen also eine «virtuelle Zeit», die sich aus der Situation ergibt und die auch die letzte dieser Morgenmeditationen, die durch unvorhergesehene Umstände vielleicht spät gemacht wurde, doch noch «Morgenmeditation» sein läßt.
Etwas sehr Entscheidendes und Aufrufend-Verpflichtendes sagte Rudolf Steiner über Aufgabe und Wirkung der Meditationen. Während sie einerseits für den einzelnen und für die Gemeinschaft ein Organ der höheren geistigen Entwicklung sind, dienen sie andererseits der ganzen Erde. Die moralischen Kräfte der Erde - so führte er aus - sind in unserem Zeitalter so sehr vom Verfall bedroht, daß diese meditative Tätigkeit eine ungemein bedeutungsvolle, die Erde heilende Wirkung hat. Besonders, wenn sich, wie es in einer spirituellen Gemeinschaft geschieht, die meditativen Kräfte in ihrer Wirkung potenzieren.
In diesem Zusammenhang erwähnte Rudolf Steiner auch die ins Leben tretende Christengemeinschaft. Sie sei eine mit Dank zu begrüßende Helferin in diesem Dienst für die Erhaltung der moralischen Kräfte der Erde. Dieser Hinweis auf die objektive Bedeutung der Christengemeinschaft wird dadurch um so bedeutungsvoller, daß Rudolf Steiner an anderer Stelle sehr betont darauf hinwies, daß die Christengemeinschaft eine unabhängige Bewegung sei, bei deren Begründung er nur eine vermittelnde Rolle gespielt habe. Über die Wirkung der Meditation in der werdenden Gemeinschaft selbst sagte er dann unter anderem auch dieses: «Es wird sich bei geistgemäRer Einstellung ein eigenartiges Verhältnis ergeben in bezug auf die durch die Meditationen gebildete geistige Substanz, ein Verhältnis jedes Einzelnen zum Ganzen. Dieses Verhältnis wird sich so gestalten können: Zu gegebenen Zeiten und für bestimmte Aufgaben wird sich alles, was durch die Gemeinschaft erarbeitet wird, auf einen Einzelnen konzentrieren. Er wird dann für seine Aufgaben gewissermaßen mit der ganzen spirituellen Substanz der Gemeinschaft begnadet.
Wenn die anderen, die zur Gemeinschaft gehören, nun richtig verstehen, was geschieht, werden sie neidlos, ja mit einer berechtigten Mitfreude darauf hinschauen, wie dem Einen in diesem Augenblick alles gegeben ist. Dieser Eine wird umgekehrt nicht nur seinen eigenen Tugenden oder Talenten zuschreiben können, wenn ihm jetzt viel gelingt. Er wird das Bewußtsein haben, daß er in wesentlichen Teilen mit aus dem heraus arbeitet und wirkt, was ihm die anderen gegeben haben. Und das wird ihn zur Bescheidenheit und Dankbarkeit aufrufen.»
Als sich die Gespräche zur Begründung der Gemeinschaft noch mehr verdichtet hatten, sagte Rudolf Steiner eines Tages weiter, wir sollten sehen, wie die meditative Tätigkeit im Sinne der neuen, jetzt entstehenden Esoterik einen bestimmten Zusammenhang habe mit einem nur dem Eingeweihten bekannten Zeitphänomen. Und er charakterisierte dieses Zeitphänomen wie folgt. Es gibt - so sagte er - heute nur wenige wirklich gut inkarnierte Menschen, deren Ich wirklich in ihren Leib eingezogen ist. Die Leiber der Menschen sind mehr und mehr so geworden, daß eine volle Inkarnation immer schwieriger wird. Wenn wir nun - so fuhr er fort - diese Gemeinschafts-Meditationen machen werden, dann wird sich durch sie erst eine tiefere Verbindung unseres Wesenskernes mit dessen Hüllen vollziehen. Das aber kann, weil es ein Geburtsvorgang ist, mit einem Leid- oder Schmerzgefühl verbunden sein. «Es kann sich» so etwa sagte er wörtlich — «des einen oder des anderen von Ihnen zeitweise eine unerklärliche Melancholie bemächtigen.» Vor dieser Melancholie - so betonte Rudolf Steiner weiter — sollten wir nicht erschrecken. Wir sollten sie durchschauen und erkennen als das, was sie ist, als den Schatten eines nachgeholten Inkarnationsvorganges. Für den, der diese Seelenverdüsterung nicht als das erkennt, was sie wirklich ist, kann sonst eine Gefahr auftreten. Sie wird sich zeigen in einer plötzlich auftretenden Neigung, sich betäuben zu wollen. Und es wird sich dann nicht nur um Betäubungen im trivialen Sinne handeln, sondern um raffiniertere Betäubungen, wie etwa durch übertriebene Geschäftigkeit und Ähnliches.
Alles dies sagte Rudolf Steiner mit einem besonders großen Ernst. Man hatte den Eindruck, als schaue er auf große Gefahren hin, die aus der in Einseitigkeiten fortschreitenden Zeit auf uns zukommen. Als er uns in der anschließend zu beschreibenden unvergeßlichen Geistes-Stimmung die Meditationen übergeben hatte und zu uns über sie sprach, sagte er etwas tief Impulsierendes. Diese Meditationen könnten bei richtigem Gebrauch zu so etwas werden wie zu Fenstern in die geistige Welt. Die gegebenen Worte und Bilder stellen aber nur die Hälfte dessen dar, was uns anvertraut werde. Die «andere Hälfte» sollten wir selber durch spirituelle Aktivität finden.
In dem soeben angedeuteten Augenblick, in dem die Meditationen übergeben wurden, vollzog sich aber das Folgende. Rudolf Steiner sagte, während er das violette Taschenbuch, in welchem die Meditationen stehen, entweder in der Hand hielt oder vor sich liegen hatte: «Sie können das so betrachten, daß ich gleichsam beauftragt wurde, Ihnen dieses zu überbringen.»
Für den Schreiber dieser Zeilen war dieses einer der höchsten Eindrücke, die er je im Leben von der Persönlichkeit Rudolf Steiners empfangen hat. Mehr und mehr hatte er erleben dürfen, wie sich im Wirken und Auftreten Rudolf Steiners selbst, als einer hohen geistigen Individualität, die übersinnliche Welt in ihrer Vollmacht offenbarte. In diesem Augenblick aber wurde wie von einem Blitz ein nur zu ahnender geistiger Hintergrund hinter dem Träger der neuzeitlichen Initiation aufgerissen. In diesem Erlebnis war ein unbeschreibliches Geistes-Aroma, das sich für immer mit diesen Meditationen verbindet.
Unter den mancherlei Ausführungen, die Rudolf Steiner über unser Darinnenstehen in der heutigen Kultur und Zivilisationswelt machte, hebt sich mir in der Erinnerung ein sehr ernster Appell besonders hervor. Rudolf Steiner warnte uns davor, unsere Initiativen, unsere Tätigkeiten, dort, wo sie auf große Ziele gerichtet sind, auf die in der Außenwelt bestehenden, von der Routine geschaffenen Formen aufzubauen. Diese Formen - sagte er - sind alt und brüchig geworden, sie gehen rettungslos ihrem Untergang entgegen. Wir müssen überall darauf sehen, uns einen neuen Grund und Boden zu erarbeiten, auf dem wir uns geistgetragen bewegen können.
Diese Äußerung war wie alle anderen, die er im Zusammenhang mit der Gemeinschafts-Gründung machte, in eine sehr große Perspektive gerückt. Wohl die allergrößte tat sich auf, als er im Hinblick auf die Zukunft der werdenden Gemeinschaft sagte: «Wenn diese Gemeinschaft gegründet werden wird, dann dürfen Sie daran denken, daß sie zu einem weitreichenden Wirken bestimmt ist. Es könnte zum Beispiel der Fall eintreten, daß keines der Mitglieder der Gemeinschaft zu einer gegebenen Zeit mehr auf Erden weilt, so daß sie im alltäglichen Sinne als ausgestorben gelten würde. Sie wird dann doch nicht ausgelöscht sein. Mit dem ersten Angehörigen der Gemeinschaft, der sich wieder inkarniert, würde sie auf die Erde zurückkehren.»
Die zuletzt angeführte Äußerung beantwortet in restlos befriedigender Weise eine Frage, die öfters von später dazugetretenen Mitgliedern der Gemeinschaft gestellt wurde. Es war die Frage: Ob nicht durch die Weihnachtstagung auch dieser esoterische Jugendkreis als aufgelöst zu betrachten sei.
Abgesehen davon, daß Rudolf Steiner die Gemeinschaft durch eine neue wesentliche Begegnung während der Weihnachtstagung nochmals bestätigt und aufgerufen hat, wird jeglicher Zweifel durch das soeben Hervorgehobene beseitigt. Der Hinweis auf das Hindurchtragen des Gemeinschafts-Impulses durch die Inkarnationen spricht durch sich selbst. Viel näherliegend ist wohl der Gedanke, daß die Gründung der jungen esoterischen Gemeinschaft vom Oktober 1922 als einer der vorbereitenden Schritte auf die Weihnachtstagung 1923 betrachtet werden darf. Und noch zweifelloser ist gewiß, daß dieser Gemeinschaft für das Durchtragen der großen Impulse der Weihnachtstagung eine innere Verpflichtung von besonderer Art gegeben ist.
Herbert Hahn,
Kopenhagen-Charlottenlund,
12. - 14. Aug. 1963