Esoteric Lessons 1913–1923
GA 266III
3. Weitere Notizen von Ausführungen Rudolf Steiners in den die Begründung des Jugendkreises vorbereitenden Gesprächen
Folgendes ist wahrscheinlich ebenfalls eine sehr alte Kompilation von Äußerungen Rudolf Steiners, die häufig abgeschrieben wurde. Lehrs hat sie alle ziemlich wörtlich in seinen Bericht aufgenommen. - Die als Vorlage dienende Abschrift im Archiv ist mit Schreibmaschine geschrieben; der beim Abschreiben hinzugefügte letzte Absatz zeigt, daß dieses Exemplar aus der Zeit nach 1950 stammt.
Über Wesen und Wirkung unserer Gemeinschaft
(Ausführungen Rudolf Steiners in den die Begründung vorbereitenden Gesprächen, aus der Erinnerung jeweils gleich hernach niedergeschrieben)
«Eine wahre Gemeinschaft ist stets mehr als die bloße Summe ihrer Mitglieder. So hat Herman Grimm von der Freundschaft zwischen Goethe und Schiller gesagt: Will man sie in Gestalt einer mathematischen Formel ausdrücken, so genügt es nicht ‹G + S› zu sagen, sondern da muß es heißen ‹G + S + S + G›. Da kommt zu dem, was zwei sich in solcher Art findende Menschen darstellen, stets noch ein Drittes hinzu.»1 [Lehrs S. 17].
«Bei dem, was Sie bilden wollen, handelt es sich darum, daß Menschen der allerverschiedensten Lebenswege sich zusammenfinden. Der eine wird den, der andere jenen Weg im Leben gehen. Das wird einfach das Leben bringen. Dieses Leben wird in der allernächsten Zeit sehr, sehr kompliziert werden. Da wird es nötig sein, daß jeder einzelne den Geist, den man durch die Gemeinschaft sucht, so konkret wie möglich nimmt. Das aber heißt, daß Sie folgendes verstehen: Was Sie suchen, das ist einen Freund zu finden in der geistigen Welt. Einen solchen zu finden, ist nicht einmal schwer. Worauf es aber ankommt, das ist, wenn er einmal gefunden ist, ihm die seelische Treue zu halten. Sie müssen imstande sein, sich selbst etwas zu versprechen und dem Versprochenen treu zu bleiben. Was ich Ihnen werde geben können, das wird immer nur die eine Hälfte sein können. Das wird dasjenige sein, was Sie zur Grundlage brauchen. Die andere Hälfte müssen Sie selber dazubringen. - Die Treue gegenüber dem sich und anderen einmal gegebenen Versprechen ist der feste Stab im Leben.» [Lehrs S. 18].
«Das, was als Geist lebensvoll in der Anthroposophie ist, das ist keine «Lehre. Es ist vielmehr ein Tatsächliches, ein reales Wesen, das einen durchs Leben geleitet. Was Sie wollen, das ist, eine Gemeinschaft begründen, die etwas von einem solchen freundschaftlichen Leiten durch das Leben hat. Solche Dinge erfährt man, wenn man das konkrete Geistige als ausgedehnt nimmt über das ganze Leben.» [Lehrs S. 18].
«Ihre Gemeinschaft wird etwas in sich haben von dem, was das Urgeheimnis ist aller menschlichen Gemeinschaft, daß dasjenige, was wir selber innerhalb der Gesellschaft tun, nicht die Früchte trägt für uns selber, sondern für die anderen, und daß alle Früchte für uns selber von den anderen kommen.» [Lehrs S. 18].
Auf Rudolf Steiners Frage an uns, was wir uns konkret als Ziel anthroposophischen Jugendstrebens vorstellten, antwortete eine Freundin, daß man in allen Büros der Welt so freundliche Gesichter findet, wie sie ihr beim Besuche eines damals in Stuttgart bestehenden Unternehmens - «Der Kommende Tag - begegnet seien. Hierauf Rudolf Steiner: «Darauf kommt es nicht an, sondern auf etwas anderes. Das bisherige soziale Leben gleicht einem Mechanismus, und da ist nicht die Aufgabe, dahin zu wirken, daß die Hebel und Kurbeln des bestehenden Mechanismus mit etwas lächelnderen Gesichtern betätigt werden. Sondern das Ziel muß sein, daß dieser Mechanismus ersetzt werde durch einen Organismus. Und da kann dasjenige, was Sie wollen, zunächst nichts anderes sein als das Ziehen eines zarten Pflänzchens. Denken Sie sich das Tote des heutigen sozialen Lebens als große Steine und das Pflänzchen zwischen diesen Steinen. Was tot ist, hat gewissermaßen ein viel zäheres Leben als das Lebendige, denn es kann ja nicht sterben. Es kann höchstens zerrieben werden. Und die Steine werden zerrieben werden! Und da müssen Sie dann darauf achten, daß das Pflänzchen nicht zwischen diesen Steinen mit zerrieben wird.» [Lehrs S. 21].
«Die Seelen der heutigen Menschen kommen als Folge der allgemeinen Entwicklung an die Grenze zwischen der Intellektualität und dem Geiste. Da geht es ihnen wie dem Fisch. Wenn der Fisch an die Oberfläche des Wassers gerät und beim Hinausschnappen das Element der Luft spürt, so reagiert er hierauf mit dem Impuls, besonders tief ins Wasser zurückzutauchen. So werden in der kommenden Zeit die Menschen den Drang haben, wenn sie unversehens an die Grenze der Intellektualität geraten, ganz tief unter das Intellektuelle hinunterzutauchen. Demgegenüber wird es Ihre Aufgabe sein, durch die Intellektualität vorzudringen zur Überintellektualität, durch die Klarheit zur Überklarheit.» [Lehrs S. 22).
Zur Frage, die Möglichkeit künftiger Erweiterung der Gemeinschaft betreffend, sagte er: «Werder Menschensucher!» (Dieses Wort empfanden wir als eine zeitgemäße Metamorphose des Wortes Christi an die Jünger: «Werdet Menschenfischer!» - Im Zeitalter der sich entwickelnden persönlichen Freiheit tritt an die Stelle des «Fischens» das «Suchen».) [Lehrs S. 22].
Im Hinblick auf die frühere Zugehörigkeit einer der Beteiligten zur zionistischen Jugendbewegung, für deren Bericht über ihre Erfahrungen er sich sichtlich interessierte, sagte er zu uns allen gewandt: «Sie wollen ja nicht so etwas Kleines begründen, wie es der Zionismus ist.» [Lehrs S. 22].
«Es gibt zwei parallel laufende Geschichtsströme: einen offenbaren und einen unoffenbaren. Allgemein bekannt wird den Menschen nur der erstere. Aber hinter ihm läuft im Verborgenen der andere. Dieser, der eigentlich bewirkende, darf niemals versiegen. Zu diesem Zwecke müssen sich von Zeit zu Zeit Menschengruppen zusammenfinden, die in ihm weiterwirken. In diesen Strom wollen Sie sich durch Ihre Gemeinschaft hineinstellen.» [Lehrs S. 22].
«Wenn Menschen kommen und den Geistesforscher um einen gemeinsamen Meditationsstoff bitten, und wenn sie ein wirklich ernsthafter Wille dazu führt, dann kann eine größere Kraft entstehen, um etwas in der Welt auszurichten, als ein noch so großer Staatsmann erreichen könnte.» [Lehrs S. 22].
«Es scheint in der Gegenwart vieles so glatt zu gehen, weil es maschinell geht. Aber der Lauf der Maschine läuft über der Menschen Köpfe hinweg. Das wird immer mehr eine Riesenkraft, die von selber wirkt, und die die Menschen mit ihren vorhandenen Kräften nicht mehr aufhalten können. Gegen diese Kraft kann man nur gewachsen sein durch ein Streben, das sich bemüht, bis in die äußersten Konsequenzen der Handlungen hinein Geist zu tragen. Das allein wird es möglich machen, standzuhalten gegenüber der Überrumpelung durch die Kulturmaschine, daß man Geist und Liebe in seinen Willen hineinbringt. Zu wenige Menschen entwickeln gegenwärtig wirkliche Initiative. Es ist viel Wunsch da, aber wenig Wille.» [Lehrs S. 22].
«Man muß unterscheiden zwischen Gebet und Meditation. Das gewöhnliche Gebet dient heute zumeist einer Befriedigung des eigenen Selbstes. Die wahre Meditation aber ist ein Vollziehen des geistigen Willens, der den Zeitgeist in sich trägt. Wo solche Meditation geübt wird, da vermag eine geistige Kraft in das irdische Geschehen hineinzuwirken. Geistige Welten wollen heute in das irdische Geschehen hineinwirken, aber sie können dies nur, wenn durch menschliche Meditation Raum dafür geschaffen wird. Es geschieht dadurch etwas wie eine Aussparung im physischen Felde, in die geistige Wesen mit ihren Wirkungen sich hineinbegeben können. — Wenn auch physisch viel vernichtet werden wird, wenn auch im Äußeren scheinbar wenig erreicht werden wird: was auf solche Weise geistig geschaffen wird, das bleibt, das behält seinen Wert für die Zukunft.» [Lehrs S. 23]
«Jetzt ist eine Zeit gekommen, wo der Materialismus die Leiber so verhärtet, daß die Individualität sich nicht genügend inkarnieren kann. Viele Menschen gehen daher gegenwärtig so herum, daß sie einen Teil ihres Wesens wie einen Begleiter neben sich haben, der nicht in dem Leibe wohnen kann. Der bleibt hinter der Sinneswelt verborgen. Zu ihm gilt es durchzudringen. Dazu ist die Meditation ein Mittel.» [Lehrs S. 23].
Auf die von einem Freunde geäußerte Meinung, unser Ziel solle sein, selbst über Tische und Stühle so geistig sprechen zu können, wie man sonst nur über die Hierarchien spräche: «Nein, vielmehr sollen Sie sich zur Aufgabe stellen, zu lernen, über die Hierarchien so natürlich zu sprechen, wie man sonst über Tische und Stühle spricht.» [Lehrs S. 24].
Auf die Frage eines Freundes, ob unsere Gemeinschaft gemeint sei, ein Organ an dem Leibe zu bilden, der dem Wesen Anthroposophie bereitet werden müsse, um auf Erden wirksam werden zu können: «Gewiss, aber nicht für eine Inkarnation, sondern für eine Inkorporisation. Im Erdendasein kann dieses Wesen nur bis zu einer solchen schreiten. Eine Inkarnation wird erst unter anderen als den Erdenverhältnissen möglich werden.» [Lehrs S. 25].
Auf die Frage nach der Gemeinsamkeit des Erlebens unter den Angehörigen der Gemeinschaft: «Ja, Sie wollen eine bewußte Gruppenseele werden.» [Lehrs S. 25].
Hinsichtlich der Wirkung solcher gemeinsamer Übungen: «Nehmen Sie an, Sie seien insgesamt zehn und ein jeder bringe die Kraft «zwei auf; dann ist die Gesamtwirkung nicht 2 x 10 sondern 2". Mit anderen Worten: Die Vermehrung der Kraft vollzieht sich nicht nach dem Gesetz der Multiplikation, sondern der Potenzierung.» [Lehrs S. 26).
Über die notwendige Art unseres gegenseitigen Verhaltens: «Die einzelnen von Ihnen werden in sehr verschiedenen Kulturaufgaben zu stehen kommen. Nicht alle von Ihnen werden im gleichen Maße nach außen zu wirken haben. Einige werden weiter vorne, andere mehr im Hintergrund stehen, je nach Schicksal und Begabung, Da müssen die einen sich freuen über die Erfolge der anderen. Jedes Empfinden von Rivalitit muß Ihnen fern bleiben, indem im Bewußtsein aller lebt, daß, was der eine leistet, er durch die Kräfte aller anderen leistet.» [Lehrs S. 26].
«Sich durch ein gegenseitiges Versprechen zum Streben nach einem gemeinsamen geistigen Ziel verbinden und sich dabei im Handeln und Urteilen gegenseitig ganz frei lassen - eine auf solches gegründete Gemeinschaft ist etwas ganz Neues in der Entwicklung der Menschheit und etwas, das heute als ein Allernotwendigstes gebraucht wird.» [Lehrs S. 26].
«Für jemanden, der auf dem esoterischen Wege zu bestimmten Ergebnissen kommt, besteht leicht die Gefahr des Größenwahns. Dagegen kann eine Gemeinschaft wie die Ihre ein Schutz sein. Denn in ihr streben Sie ja gemeinsam zum Überschreiten der Schwelle der geistigen Welt hin. Und da hat sich ein jeder zu sagen, daß er das persönlich Erreichte den Anstrengungen aller anderen verdankt.» [Lehrs S. 26]
Nach der Übergabe der Texte der Übungen: «Nun müssen Sie Ihr Leben zwieteilen. Der eine Teil spielt sich in Ihren Übungen ab, der andere verläuft im äußeren Leben. In jenem saugen Sie den Geist ein, dann wird er in dem anderen schon von selber in das Leben hinausströmen. Dazu ist es nötig, daß Sie sich ganz in dieses äußere Leben hineinstellen.» [Lehrs S. 26].
«Auf dem Wege, den Sie sich vorgenommen haben, wird man empfindlicher, als man vorher gewesen ist, für die ahrimanischen Wirkungen in der Welt. So werden Sie darunter mehr zu leiden haben als andere Menschen. Und da werden Sie darauf zu achten haben, daß Sie nicht der Versuchung verfallen, mit den gleichen Mitteln diesem Erleben zu entfliehen, mit denen Sie sich zuerst diese Empfindlichkeit erworben haben.» (Dieses meinten wir so verstehen zu sollen, daß wir uns davor hüten, uns in die Meditation als einen schützenden Hafen zurückzuziehen.) [Lehrs S. 22].
«Im physischen Felde ist heute die ahrimanische Macht so stark, daß kein einzelnes menschliches Ich ihr gewachsen ist. Daher kann heute kein menschliches Ich dafür garantieren, daß es einen Entschluß, sofern er eine physische Tat betrifft, auch wirklich ausführen kann. Das Feld aber, auf dem Sie sich vorgenommen haben, Taten zu tun, ist eines, zu dem die ahrimanische Macht keinen Zutritt hat. Daher ist die Durchführung dessen, was Sie sich vorgenommen haben, allein von Ihnen selber abhängig. Daher haben Sie hier die erste Gelegenheit, Taten in Freiheit zu tun, daher die erste Gelegenheit, Treue zu üben.» [Lehrs S. 27].
Hier sei noch ein Wort hinzugefügt, das wir bei einer Zusammen kunft mit ihm wenige Tage nach dem Brand, um die wir gebeten hatten, von ihm gesagt bekamen. (Näheres über dieses Beisammensein findet sich in dem gesonderten Bericht «Aus der Anfangszeit des Kreises.)2 Da sagte Rudolf Steiner im Zusammenhang [mit] seiner Aufforderung, uns immer wieder auf die Urimpulse des Kreises zu besinnen: «Sie müssen verstehen, daß Sie beschlossen haben, Freiheit zu opfern um einer höheren Freiheit willen.»