Über das Wesentliche des Übens

Niederschrift für Prof. Dr. Hans Wohlbold, München Mai 1917

Das Wesentliche des Übens liegt in der Aneignung derjenigen Vorstellungstätigkeit, die geistige Wirklichkeit zur Erkenntnis erheben kann. Das Wesentliche ist, daß diese Vorstellungsbetätigung in Unabhängigkeit von der physischen Organisation erlebt wird. Es ist Sache der Erfahrung, zu wissen: nunmehr bemerke ich, wie ich zu denken etc. vermag, ohne daß die gewöhnlichen Bedingungen des an die Leiblichkeit gebundenen Vorstellens mitsprechen. Dieser Zeitpunkt tritt im Verfolg des Übens ein. Im besonderen rate ich:

1.) Abends ein Rückwärts-Vorstellen der Tages-Erlebnisse. Dadurch wird ein erster Schritt gemacht mit dem Vorstellen, das sich nicht an den gewöhnlichen Verfolg des Vorstellens bindet. Das Vorstellen wird freier. 2.) Sich in voller Ruhe konzentrieren auf einen kurzen Denk-Inhalt. Derselbe soll völlig überschaubar sein, so daß man nicht unbewußte oder unterbewußte Vorstellungsreminiszenzen etc. einmischt, sondern wirklich mit restloser Bewußtheit in einer geistigen Tätigkeit verharrt. Dann läßt man im Bewußtsein den Denk-Inhalt fallen und sucht, die Energie zu behalten, kurze Zeit bewußt zu verharren ohne Denk-Inhalt. Man bringt dadurch die Erkenntnisfähigkeit zu jener ruhigen Energie, die nötig ist, um das Geistige zu erfassen, das einem sonst gewissermaßen zwischen den Maschen des gewöhnlichen Denkens durchfällt, und das dadurch nicht zum Bewußtsein kommt. Übung 1. und 2. rate ich für abends.

Am Morgen ist es gut, eine der 2. ähnliche Denk-Konzentration zu machen. Dabei kann gut das bildliche Vorstellen eine solche Rolle spielen, wie ich sie mit der Rosenkreuzübung im 2. Teile der «Geheimwissenschaft» prinzipiell auseinandergesetzt habe.

Um die notwendige Ruhe der Gedankenkonzentration zu gewinnen, ist es gut, die im 2. Teile meiner «Geheimwissenschaft» geschilderten 6 Übungen (als Hilfsübungen) zu machen.

Der Sinn des Übens liegt zum Teil in dem Aufbringen der stärkeren Seelenbetätigung gegenüber der gewöhnlichen. Wie beim physikalischen Geschehen an kritischen Punkten naturgemäß das Quantitative in das Qualitative umschlägt, so wird die Steigerung der gewöhnlichen Erkenntnisfähigkeit zu derjenigen, die zum Objekt die geistige Welt haben kann.

German original of On the Essence of Practice · ← Previous · Next →