Übungen mit dem Meditationsspruch «Strahlender als die Sonne ...» und Sätzen aus «Licht auf den Weg ...»

Entsprechend dem Gebot der Kontinuität im esoterischen Wirken knüpfte Rudolf Steiner 1904 an die Esoteric School of Theosophy in London an. Deshalb gab er anfänglich auch deren Meditationsspruch: « More radiant than the sun / Purer than snow / Subtler than the ether / Is the Self / The Spirit of my heart / I am this Self / This Self am I» in der sehr wahrscheinlich von ihm stammenden Übersetzung: «Strahlender als die Sonne ...», und einzelne Sätze aus «Licht auf den Weg» von Mabel Collins: «Bevor das Auge sehen kann ...» und «Suche den Weg ...». Zu diesen Anfängen siehe auch «Zur Geschichte und aus den Inhalten der ersten Abteilung der Esoterischen Schule 1904-1914», GA 264.

Meditation.

Morgens:

1.) Aum

2.) Erhebung zum höheren Selbst durch die Formel:

«Strahlender als die Sonne
Reiner als der Schnee
Feiner als der Äther
Ist das Selbst
Der Geist in meinem Herzen
Dies Selbst bin Ich. Ich bin dies Selbst.»

3.) Kontemplative Meditation in «Licht auf den Weg»

a.) 14 Tage: «Bevor das Auge ...»
b.) 14 Tage: «Ehe das Ohr ...»
c.) 14 Tage: «Ehe vor den Meistern ...»
d) 14 Tage: «Ehe vor ihnen stehen ...»

4.) Devotionelle Hingabe an das absolut verehrungswürdige Ideal.

Abends:

Tagesrückschau. Anfang mit den letzten Erlebnissen und Handlungen am Abend und aufsteigend bis zum Morgen.

Anfang der Meditation: Dienstag [Donnerstag], 8. Dezember!1 bis dahin probeweise Vorübung.

Für die ersten Wochen bitte ich folgendes zu beobachten:

I. Eine Morgenmeditation, die in folgendem besteht.

  1. Man erhebt sein Gefühl zum höheren Selbst. Es kommt dabei weniger an, sich irgendwie theoretisch über das höhere Selbst zu unterrichten, vielmehr darauf, daß man in ganz lebhafter Weise fühlt: man hat in sich eine höhere Natur. Man stellt sich vor, daß das gewöhnliche Selbst wie eine Schale diese höhere Natur umgibt, daß also diese letztere in dem niederen Selbst wie dessen Kern vorhanden ist. Hat man sich in ein solches Gefühl versetzt, dann spricht man gebetartig zu dem «höheren Selbst» die folgenden Worte (nicht laut, sondern in Gedanken):

Strahlender als die Sonne
Reiner als der Schnee
Feiner als der Äther
Ist das Selbst
Der Geist in meinem Herzen
Dies Selbst bin «Ich»; «Ich» bin dies Selbst.

Während man dies sich ganz genau vorhält, soll sich keine andere Vorstellung einmischen. Man soll nur den Seelenblick nach dem höheren Selbst gerichtet fühlen. Von den Worten der obigen Sätze fühlt man allmählich eine wunderbare Stärkung ausgehen. Man fühlt sich wie aus sich selbst herausgehoben. Es tritt allmählich ein Zustand ein, wie wenn die Seele Flügel bekäme. Dies ist der Anfang, auf den dann weiter gebaut werden wird. Dies soll 2-3 Minuten dauern.

  1. Man versenkt sich ganz in den ersten Satz von «Licht auf den Weg»:

«Bevor das Auge sehen kann,
muß es der Tränen sich entwöhnen»

Man läßt keinem andern Gedanken Zutritt zur Seele. Man geht ganz in diesem Gedanken auf. Der Sinn muß dann einem jeden selbst wie blitzartig aufgehen. Das kommt ganz gewiß an einem Tage, wenn man die Geduld hat. Es muß nun durch einige Minuten hindurch völlige Stille in der Seele herrschen. Diese muß wie blind und taub sein gegen alle äußeren Sinneseindrücke und gegen alle Gedächtnisbilder. Wieder 2-3 Minuten.

  1. Es folgt eine devotionelle Hingabe an dasjenige, was man als das höchste Göttliche verehrt. Es kommt auf die Stimmung dabei an. Inbrünstiges Aufschauen und Sehnsucht nach Vereinigung mit diesem Göttlichen.—

II. Am Abend vor dem Einschlafen hat man eine kurze Rückschau darüber zu halten, was man am Tage erlebt hat. Es kommt dabei nicht auf Vollständigkeit an, sondern darauf, daß man sich wirklich so richtend gegenübersteht wie wenn man eine andere Person wäre. Man soll von sich selbst lernen. Das Leben soll immer mehr und mehr Lektion werden. Man beginnt mit dem Abend und schreitet bis zum Morgen vorwärts.

Allmählich merkt man, daß das Traumleben einen regelmäßigeren Charakter annimmt. In diesem fließt zunächst die spirituelle Welt ein. Die Meditation ist der okkulte Schlüssel dazu. Man soll ein Büchlein sich anlegen, und morgens ganz kurz, mit ein paar Worten, charakteristische Träume aufschreiben. Dadurch erhält man Praxis im Behalten dessen, was aus den höheren Welten einem zufließt. Es ist dies die erste elementare Methode, durch die man später dazu kommt, daß man die spirituellen Erlebnisse durchbringt, d.h. daß sie in das helle Tagesbewußtsein hereinbrechen. Träume, die nur Reminiscenzen aus dem täglichen Leben sind, oder die auf körperlichen Zuständen (Kopfschmerz, Herzklopfen etc. etc.) beruhen, haben zur dann einen Wert, wenn sie sich in eine symbolische Form kleiden. Z. B. wenn das klopfende Herz als ein kochender Ofen erscheint, oder das schmerzende Gehirn als ein Gewölbe, in dem Tiere kriechen etc. etc. Nur die Symbolik hat dabei Wert, nicht der Inhalt des Traumes. Denn die Form der Symbolik wird zuerst von der spirituellen Welt dazu benutzt, um uns überhaupt in die Kräfte der höheren Welten einzuführen. Man muß deswegen auf die Feinheiten dieser Symbolik achten. Bei Ihnen - nach Ihrer Anlage - wird es ferner gut sein, wenn Sie die Träume, die Ihnen bewußt werden, mit den Erlebnissen des nächsten Tages vergleichen. Denn wahrscheinlich werden Ihre Träume in nicht sehr ferner Zeit etwas vorbedeutendes annehmen. Tritt dieser Punkt ein, dann werden wir weiter davon sprechen, wie diese Sache für Ihr spirituelles Leben fruchtbar gemacht werden kann.

Bitte es mit dieser Anweisung nun zu versuchen, und mir nach etwa 8 Tagen zu sagen, wie alles gelingt.

An die bisherige Übung,2 die ich bitte beizubehalten bis auf weiteres, ist nunmehr folgendes anzuschließen, und zwar unmittelbar an die Stelle, wo das «Er will» über die ganze Körperoberfläche strömt:

Es sind von der Körperoberfläche Ströme (Strahlen) zu bilden und diese gegen das Herz, als den Mittelpunkt hinzuziehen. Das Ganze ist langsam und mit dem stillen Ruhen des Bewußtseins auf dem Vorgange zu machen.

Während dieses Vorgangs ist der Gedanke (aus «Licht auf den Weg») zu meditieren:

Suche den Weg

Dann bitte ich still mit der ganzen Empfindung im Herzen zu ruhen und dabei zu meditieren:

Suche den Weg in der innern Versenkung

Dann ist der Strom gegen die Körperoberfläche wieder zurückzuleiten und dabei zu meditieren:

Suche den Weg, indem kühn du heraus aus dir selbst trittst.

Es wird bald eine Zeit kommen, in welcher Sie die angegebenen Strahlen als wirkliche Wärmeströmungen wahrnehmen werden.

Diese Übungen bereiten den Zusammenschluß der eigenen Persönlichkeit (Mikrokosmos) mit der großen Welt und ihren Geheimnissen (Makrokosmos) vor, so wie die bisher schon angegebenen Übungen die Erweckung der eigenen Individualität vorzubereiten haben.

In der Zukunft wird der Mensch in einem viel intimeren Zusammenhange mit der Weltgesetzlichkeit stehen als gegenwärtig. Und der Geheimschüler nimmt diese Intimität in der Entwickelung voraus. Der Kopf mit dem Gehirn ist nur ein Übergangsorgan der Erkenntnis. Das Organ, welches die eigentlich tiefen und zugleich machtvollen Blicke in die Welt tun wird, hat seine Anlage in dem gegenwärtigen Herzen. Aber wohlgemerkt: die Anlage zu diesem Organ ist im heutigen Herzen. Um Erkenntnisorgan zu werden, muß sich das Herz noch in der mannigfaltigsten Weise umbilden. Aber dieses Herz ist der Quell und Born zur Menschheitsstufe der Zukunft. Die Erkenntnis wird dann, wenn das Herz ihr Organ sein wird, warm und innig sein, wie heute nur die Gefühle der Liebe und des Mitleids sind. Aber diese Gefühle werden aus der Dumpfheit und Dunkelheit, in der sie heute nur tasten, sich zu der Helligkeit und Klarheit hindurchringen, welche heute erst die feinsten, logischen Begriffe des Kopfes haben.

Zu solchen Dingen bereitet sich der wahre Schüler vor. Und die Vorbereitung ist nur die richtige, wenn er dies mit der angedeuteten Gesinnung in seiner Seele tut. Diese Gesinnung ist die Mutter der Perspektive, welche er braucht. Ich bitte eben durchaus festzuhalten, daß wir durch unsere Meditations- und Konzentrationsübungen nur dann erreichen, was wir erreichen sollen, wenn wir sie durchdrungen von den großen, erhabenen Zielen in heller, voller Klarheit vollbringen.

In diesem Sinne bitte ich stets die Übungen zu betrachten und vorzunehmen. Dadurch gliedern Sie sich ein in die Gemeinschaft der Geister, die aus den Inkarnationen der Gegenwart heraus zu den Sehenden und Helfenden der Zukunft werden sollen. Wir können zur Fortentwickelung der Welt nichts besseres tun, als uns selbst fortentwickeln. Das aber müssen wir tun. Und wir zweifeln keinen Augenblick daran, daß wir es müssen, sobald wir die Wahrheit über unser eigenes Wesen und den Zusammenhang dieses Wesens mit der Welt erkannt haben. Diese Erkenntnis aber kann nur allmählich erkannt werden. Sie ist ein Kind

des Willens und der Geduld.

Versuchen Sie bitte die verschiedenen Auseinandersetzungen dieses Winters mit den 4 ersten Sätzen in «Licht auf den Weg» in Zusammenhang zu bringen und zwanglos Ihre Gedanken darüber niederzuschreiben.

Sie werden finden, daß diese vier Sätze

  1. «Bevor das Auge ....»
  2. «Bevor das Ohr ...»
  3. «Eh’ vor den Meistern ...»
  4. «Und eh’ vor ihnen ...»

unendlich viel enthalten, und daß die wichtigsten theosophischen Welt- und Selbsterkenntnislehren nach und nach intuitiv vor Ihre Seele treten werden, wenn Sie ganz in diesen Sätzen leben. Diese Sätze sind eben nicht bloß Sätze, sondern Kräfte, die Wahrheit und Kraft und Leben wecken, wenn man sich an sie hingibt.

Alle vier Wochen ungefähr schreiben Sie mir regelmäßig, und wenn etwas besonderes in Ihrem geistigen Leben sich ereignet, so oft sie wollen - über Fortschritte, gewonnene Ideen, senden mir etwaige Ausarbeitungen. Meine Antworten werden Sie dann jeweilig weiter leiten. Friede.

I. Morgenmeditation.

ganz wach

a.) Erhebung zum höheren Selbst:

Strahlender als die Sonne
Reiner als der Schnee
Feiner als der Äther
Ist das Selbst
Der Geist in meinem Herzen
Dies Selbst bin Ich
Ich bin dies Selbst.

b.) Meditation.

  1. vierzehn Tage: Ehe das Auge sehen kann, muß es der Tränen sich entwöhnen.
  2. vierzehn Tage: Ehe das Ohr vermag zu hören, muß die Empfindlichkeit ihm schwinden.
  3. vierzehn Tage: Ehe vor den Meistern kann die Stimme sprechen, muß das Verwunden sie verlernen.
  4. vierzehn Tage: Ehe vor ihnen stehen kann die Seele, muß ihres Herzens Blut die Füße netzen.

c.) Devotion. Hingabe an sein höchstes Ideal.

II. Abends

Können Sie einschlafen! Rückschau.
Habe ich genügend Nutzen gezogen aus dem Erlebnis?
Habe ich so gehandelt, daß ich mir nicht vorstellen kann, besser zu handeln.

Es kommt auf die Gesinnung an (nicht Vollständigkeit)
- vom Abend gegen Morgen. - Ohne Reue.

Festgesetzte Stunde möglichst einhalten.
Gar kein Alkohol.
Vegetarische Diät wird nicht unbedingt erfordert, aber bei Möglichkeit empfohlen.

Morgenmeditation

1.) Strahlender als die Sonne
Reiner als der Schnee
Feiner als der Äther
st das Selbst
Der Geist in meinem Herzen
Dies Selbst bin Ich
Ich bin dies Selbst. (5 Minuten.)

2.) Einatmung: Suche den Weg (tief, ruhig) (1 Zeit)

Atemhalten: Suche den Weg in der Versenkung (3 Zeiten)

Ausatmen (nicht stoßweise): Suche den Weg indem kühn du heraus aus dir selbst trittst. (2 Zeiten)

14 Tage: Bevor das Auge sehen ....
14 Tage: Bevor das Ohr ....
14 Tage: Ehe vor den ....
14 Tage: Ehe vor ihnen .... (5 Minuten.)

3.) Devotionelle Hingabe an das eigene göttliche Ideal. (5 Minuten.)

Ausklingen:
1. Monat: Selbstvertrauen
2. Monat: Selbstbeherrschung
3. Monat: Geistesgegenwart
4. Monat: Energie

Abends:

Rückschau auf den Tag:

Bei einem Erlebnis: Habe ich genügend daraus gelernt?
Bei einer Handlung: Kann ich sie nicht besser machen?

Ohne Reue. Bloß mit der Absicht, vom Leben zu lernen.

Von rückwärts nach vorn. Vom Abend gegen Morgen.

Ohne allen Alkohol.

Selbst Stunde festsetzen, dann einhalten.—

Morgenmeditation.

ganz wach

1.) Erhebung zum höheren Selbst mit der Formel:

Strahlender als die Sonne
Reiner als der Schnee
Feiner als der Äther
Ist das Selbst
Der Geist in meinem Herzen
Dies Selbst bin Ich
Ich bin dies Selbst.

2.) Konzentration:

  1. 14 Tage: Bevor das Auge ...
  2. 14 Tage: Bevor das Ohr ...
  3. 14 Tage: Ehe vor den Meistern ...
  4. 14 Tage: Ehe vor ihnen ...

3.) Devotionelle Hingabe an sein göttliches Ideal

Abends:

Rückschau auf den Tag:
Bei allem Erlebten: Hab ich genügend daraus gelernt?
Bei allem Getanen: Würde ich, ein zweites Mal in derselben Lage, mich ebenso verhalten?
Ohne Reue. Umgekehrt von Abend gegen Morgen.

Morgens

I.) Strahlender als die Sonne
Reiner als der Schnee
Feiner als der Äther Vollständiges
Ist das Selbst Wachsein.
Der Geist in meinem Herzen
Dies Selbst bin Ich
Ich bin dies Selbst.

II.) Gedanke an linke Hand und Herz und dabei die Vorstellung:

Suche den Weg

Nun hält man beim Herz und denkt:

Suche den Weg der innern Versenkung

Nun denkt man an die rechte Hand und faltet sie über die linke, dabei stellt man sich vor:

Suche den Weg, indem kühn du heraus aus dir selbst trittst.

III.) Devotionell sich hingibt an dasjenige, was man als sein göttliches Ideal ansieht.

Abends

Rückschau auf den Tag.
Ohne Reue.
Vom Abend zum Morgen. Rückwärts.
Dabei kann man einschlafen!!!

[Morgens] 🕈

Strahlender als die Sonne
Reiner als der Schnee
Feiner als der Äther
Ist das Selbst
Der Geist in meinem Herzen
Dies Selbst bin Ich
Ich bin dies Selbst.

[Abends]

Ich bin das Selbst
Das Selbst bin Ich
Der Geist in meinem Herzen
Ist das Selbst
Es ist feiner als der Äther
Reiner als der Schnee
Strahlender als die Sonne



  1. Zu dieser Art von Datumangaben: Siehe Hinweise am Schluß des Bandes. ↩

  2. Diese Übung liegt nicht vor. Es muß sich aber um eine Übung mit der Formel «Ich bin - Es denkt - Sie fühlt - ...» gehandelt haben. ↩

German original of “More radiant than the sun ...” and sentences from “Light on the Path ...” · ← Previous · Next →