An Mathilde Scholl in Köln
Berlin, 28. Dezember 1903 Verehrtes liebes Fräulein Scholl!
Beifolgend den Anfang zur Interpretation von «Licht auf den Weg». Diese soll den Weg geben, auf dem über das Buch meditiert werden soll. Ich setze baldigst für Sie die Interpretation fort.
Die Diplome sende ich spätestens morgen nach. Ich möchte, daß dieser Brief sogleich an Sie abgeht. Grüßen Sie herzlichst Ihre lieben Hausgenossen [Künstlers]
und nehmen Sie selbst die herzlichsten Grüße entgegen Ihres
Dr. Rudolf Steiner
Berlin W, Motzstrasse 17
«Bevor das Auge sehen kann, muß es der Tränen sich entwöhnen. Bevor das Ohr vermag zu hören, muß die Empfindlichkeit ihm schwinden. Eh’ vor den Meistern kann die Stimme sprechen, muß das Verwunden sie verlernen. Und eh’ vor ihnen stehen kann die Seele, muß ihres Herzens Blut die Füße netzen.»]
Was der auf das Endliche gerichtete Verstand (Kama Manas)1 die Wahrheit nennt, das ist nur eine Unterart dessen, was der Esoteriker als «die Wahrheit sucht». Denn die Verstandeswahrheit bezieht sich auf dasjenige, was geworden ist, was offenbar ist. Und das Offenbare ist nur ein Teil des Seins. Jedes Ding unserer Umwelt ist zugleich Produkt, Geschöpf (das heißt Gewordenes, Offenbares) und Keim (Unoffenbares, Werdendes). Und erst, wenn man ein Ding als die beiden Aspekte (Gewordenes und Werdendes) betrachtet, dann hat man vor Augen, daß es ein Glied des Einen Lebens ist, des Lebens, das die Zeit nicht außer sich, sondern in sich hat. So ist auch die endliche Wahrheit nur ein Gewordenes; sie muß belebt werden durch eine werdende Wahrheit. Die erstere erfaßt man, die zweite «beachtet» man. Alle bloß wissenschaftliche Wahrheit gehört zur ersten Art. Wer solche Wahrheit allein sucht, für den ist «Licht auf den Weg» nicht geschrieben. Es ist geschrieben für die, welche die Wahrheit suchen, die heute Keim ist, um morgen Produkt zu werden; und die nicht das Gewordene erfassen, sondern das Werdende beachten. Will jemand die Lehren von «Licht auf den Weg» verstehen, dann muß er sie als seine eigenen erzeugen und doch als völlig andere lieben, wie eine Mutter ihr Kind als eigenes erzeugt und als anderes liebt.
Die vier ersten Lehren sind solche, die die Eingangspforte zur Esoterik eröffnen, wenn sie verstanden werden. — Was bringt der Mensch den Gegenständen seines Erkennens entgegen? Wer immer sich prüft, wird finden, daß Freude und Schmerz seine Antwort auf die Eindrücke der sinnlichen und übersinnlichen Welt sind. Man gibt sich so leicht dem Glauben hin, daß man Lust und Unlust abgelegt habe. Man muß aber in die verborgensten Winkel seiner Seele hinuntersteigen und seine Lust, seine Unlust heraufholen; denn nur, wenn alle solche Lust und alle solche Unlust verzehrt wird von der Seligkeit des höheren Selbst, dann ist Erkenntnis möglich. Man denkt: man werde dadurch ein kalter und nüchterner Mensch. Das ist nicht der Fall. Ein Stück Gold bleibt dasselbe Stück Gold - nach Gewicht und Farbe -, auch wenn es zum Schmuckgegenstand umgeformt wird. So bleibt Kama2 das, was es ist - nach Inhalt und Intensität —, auch wenn es spirituell geformt wird. Die Kama-Kraft soll nicht ausgerottet werden, sondern in den Inhalt des göttlichen Feuers einverleibt werden. So soll des Auges Zartsinn nicht in Tränen sich entladen, sondern die empfangenen Eindrücke vergolden. Löse jede Träne auf und verleihe den perlenden Glanz, den sie hat, dem Strahl, der in das Auge dringt. Verschwendete Kraft ist deine Lust und dein Schmerz; verschwendet für die Erkenntnis. Denn die Kraft, die in diese Lust und diesen Schmerz ausfließt, soll einströmen in den Gegenstand der Erkenntnis.
«Bevor das Auge sehen kann, muß es der Tränen sich entwöhnen.»
Wer noch den Verbrecher verabscheut in dem gewöhnlichen Sinne, und wer noch den Heiligen anbetet in diesem gewöhnlichen Sinne, der hat nicht sein Auge der Tränen entwöhnt. Verbrenne alle deine Tränen in dem Willen zum Helfen. Weine nicht über den Armen; erkenne seine Lage und hilf! Murre nicht über das Böse; verstehe es und wandle es in Gutes. Deine Tränen trüben nur die reine Klarheit des Lichtes. Du empfindest um so zarter, je weniger du empfindlich bist. Der Klang wird dem Ohr klar, wenn diese Klarheit nicht gestört wird durch das Entzücken, durch das Sympathisieren, die ihm beim Eingange in das Ohr begegnen.
«Bevor das Ohr vermag zu hören, muß die Empfindlichkeit ihm schwinden.»
In anderer Art gesprochen, heißt das: Lasse die Herzschläge des andern in dir widerklingen und störe sie nicht durch die Schläge deines eigenen Herzens. Du sollst dein Ohr öffnen und nicht deine Nervenendigungen. Denn deine Nervenendigungen werden dir sagen, ob dir ein Ton behaglich ist oder nicht; aber dein offenes Ohr wird dir sagen, wie der Ton selbst ist. Wenn du zu dem Kranken gehst, so laß jede Fiber seines Leibes zu dir sprechen und ertöte den Eindruck, den er dir macht.
Und zusammengefaßt die ersten zwei Sätze: Kehre deinen Willen um, laß ihn so kraftvoll wie möglich werden, aber laß ihn nicht als den deinen in die Dinge strömen, sondern erkundige dich nach der Dinge Wesen und gib ihnen dann deinen Willen; laß dich und deinen Willen aus den Dingen strömen. Laß die Leuchtkraft deiner Augen aus jeder Blume, aus jedem Sterne fließen, aber behalte dich und deine Tränen zurück. Schenke deine Worte den Dingen, die stumm sind, damit sie durch dich sprechen. Denn sie sind nicht eine Aufforderung an deine Lust, diese stummen Dinge, sondern sie sind eine Aufforderung an deine Tätigkeit. Nicht, was sie geworden ohne dich ist für dich da, sondern was sie werden sollen, muß durch dich da sein.
Und solang du deinen Wunsch einem einzigen Dinge aufdrückst, ohne daß dieser dein Wunsch aus dem Dinge selbst geboren ist, solange verwundest du das Ding. Solange du aber irgend etwas verwundest, solange kann kein Meister auf dich hören. Denn der Meister hört nur jene, die seiner bedürfen. Niemand aber bedarf des Meisters, der sich den Dingen aufdrängen will. Des Menschen niederes Selbst ist wie eine spitze Nadel, die sich überall eingraben will. Solange sie das will, wird kein Meister ihre Stimme hören wollen.
«Eh’ vor den Meistern kann die Stimme sprechen, muß das Verwunden sie verlernen.»
Solange noch die spitzen Nadeln des «/Ich will» aus den Worten des Menschen ragen, solange sind seine Worte die Sendboten seines niederen Selbst. Sind diese Nadeln entfernt und ist die Stimme weich und schmiegsam geworden, daß sie sich wie ein Schleiergewand um die Geheimnisse aller Dinge legt, dann webt sie sich selbst zum Geistgewand (Majavirupa), und des Meisters zarter Laut kleidet sich in sie. Mit jedem Gedanken, den der Mensch im wahren Sinne des Wortes der inneren Wahrheit der Dinge widmet, webt er einen Faden zu dem Kleide, in das sich der Meister hüllen mag, der ihm erscheint. - Wer sich selbst zum Sendboten der Welt macht, zum Organ, durch das die Tiefen der Welträtsel sprechen, der «ergießt seiner Seele Leben in die Welt», sein Herzblut netzt seine Füße, auf daß sie eilends ihn dahin tragen, wo gewirkt werden soll. Und wenn die Seele da ist, wo nicht das niedere Ich ist, wenn sie nicht da ist, wo der Mensch genießend steht, sondern da, wohin ihn die tätigen Füße getragen haben, dann erscheint auch da der Meister.
«Und eh’ vor ihnen stehen kann die Seele, muß ihres Herzens Blut die Füße netzen.»
Wer in sich stehen bleibt, kann nicht den Meister finden; wer ihn finden will, muß seiner Seele Kraft - seines Herzens Blut - in sein Tun - in seine tätigen Füße - fließen lassen.
So ist der erste Sinn der vier Grundlehren. Wer mit diesem ersten lebt, dem kann der zweite enthüllt werden und dann die folgenden. Denn diese Lehren sind okkulte Wahrheiten, und eine jede okkulte Wahrheit hat mindestens einen siebenfachen Sinn. —