Aufzeichnungen von zwei esoterischen Stunden II
Der Spruch:
Strahlender als die Sonne
einer als der Schnee
Feiner als der Äther
Ist das Selbst,
Der Geist in meinem Herzen
Dies Selbst bin Ich,
Ich bin dies Selbst
erhebt uns jeden Morgen zu unserem höheren Selbst. Solche Sprüche sind nicht durch die Willkür einer Persönlichkeit ersonnen, sondern sie sind herausgeholt aus der geistigen Welt. Viel mehr ist deshalb in ihnen enthalten, als man gewöhnlich glaubt. Und man denkt dann richtig über sie, wenn man voraussetzt, daß man ihren Inhalt nie ganz ergründen kann, sondern immer mehr in ihnen finden kann, je mehr man sich in sie vertieft. Von der Esoterischen Schule können daher immer nur einzelne Hinweise gegeben werden, wie man den Inhalt sucht. Einige solche Hinweise werden im Folgenden gegeben.
Strahlender als die Sonne
Der Mensch sieht die Gegenstände um sich herum nur, wenn diese von der Sonne beschienen werden. Was sie sichtbar macht, sind die von ihnen in das Auge des Beschauers zurückgeworfenen Sonnenstrahlen. Wäre kein Licht, so wären die Dinge nicht sichtbar. Aber durch dieses äußere Licht werden nur die Gegenstände der physischen Welt sichtbar. Ein Licht, das «Strahlender ist als die Sonne», muß dem Menschen leuchten, wenn er die seelischen und die geistigen Wesen und Dinge sehen soll. Dieses Licht geht von keiner äußeren Sonne aus. Es geht aus von der Lichtquelle, die wir in uns selbst entzünden, wenn wir in unserm Innern das höhere, ewige Selbst aufsuchen. Dieses höhere Selbst ist andern Ursprungs als das niedere Selbst. Das letztere empfindet die alltägliche Umgebung. Aber, was in dieser alltäglichen Umgebung lebt, ist einmal entstanden und wird vergehen. Was wir daran empfinden, hat so selbst nur einen vergänglichen Wert. Und aus solchen Empfindungen und den Gedanken darüber ist auch unser vergängliches Selbst aufgebaut. Alle Dinge, welche durch die Sonne sichtbar werden, sie sind einmal nicht gewesen und sie werden einmal nicht mehr sein. Und auch die Sonne ist einmal entstanden und wird dereinst vergehen. Aber die Seele ist gerade dazu da, in den Dingen das Ewige zu erkennen. Wenn einstmals die ganze Erde nicht mehr sein wird, dann werden noch die Seelen sein, die sie bewohnt haben. Und was diese Seelen auf der Erde erlebt haben, das werden sie als eine Erinnerung anderswohin tragen. Es ist, wie wenn mir ein Mensch Gutes getan hat. Die Tat vergeht. Aber was er in meine Seele dadurch verpflanzt hat, das bleibt. Und das Band von Liebe, das dadurch mich mit ihm verbunden hat, das vergeht nicht. Was man erlebt, ist immer der Ursprung von etwas Bleibendem in uns. Wir selbst holen so aus den Dingen das Bleibende heraus und tragen es in die Ewigkeit hinüber. Und wenn die Menschen dereinst auf einen ganz anderen Schauplatz verpflanzt werden, dann werden sie das mitbringen, was sie hier gesammelt haben. Und ihre Taten in der neuen Welt werden aus der Erinnerung an die alte gewoben sein. Denn kein Same ist, der nicht Frucht erzeugt. Sind wir mit einem Menschen in Liebe verbunden, so ist diese Liebe ein Same, und die Frucht erleben wir in aller Zukunft, indem wir mit einem solchen Menschen zusammengehören in aller Zukunft. So lebt etwas in uns, was mit der göttlichen Kraft verwoben ist, die alle Dinge zum ewigen Weltgewebe verbindet. Dieses «Etwas» ist unser höheres Selbst. Und dieses ist «strahlender als die Sonne». Das Licht der Sonne beleuchtet nur einen Menschen von außen. Meine Seelensonne beleuchtet ihn von innen. Deshalb ist sie strahlender als die Sonne.
Reiner als der Schnee
In sich ist jedes Ding rein. Verunreinigt kann es nur werden, wenn es sich mit anderem verbindet, was nicht so mit ihm verbunden sein sollte. Das Wasser für sich ist rein. Aber auch das, was als der Schmutz im Wasser enthalten ist, wäre rein, wenn es in sich wäre, wenn es sich nicht unrechtmäßigerweise mit dem Wasser verbunden hätte. Kohle für sich ist rein. Zum Schmutze wird sie nur, wenn sie sich mit dem Wasser unrichtig verbindet. Wenn nun das Wasser seine eigene Form im Schneekristall annimmt, dann sondert sie aus alles, was sich unrechtmäßig mit ihm verbunden hat. So wird die Menschenseele rein, wenn sie alles aussondert, was zu Unrecht mit ihr verbunden ist. Und zu ihr gehört das Göttliche, das Unvergängliche. Jedes Ideal, jeder Gedanke an etwas Großes und Schönes gehört zur inneren Form der Seele. Und wenn sie sich auf solche Ideale, auf solche Gedanken besinnt, dann reinigt sie sich, wie sich das Wasser reinigt, wenn es Schneekristall wird. Und weil das Geistige reiner als aller Stoff ist, so ist das «höhere Selbst», das heißt die Seele, die im Hohen lebt, «reiner als der Schnee».
Feiner als der Äther
Der Äther ist der feinste Stoff. Aber aller Stoff ist noch dicht im Verhältnis zum Seelischen. Nicht das Dichte ist das Bleibende, sondern das «Feine». Der Stein, an den man denkt als Stoff, vergeht als Stoff. Aber der Gedanke an den Stein, der in der Seele lebt, bleibt. Gott hat diesen Gedanken gedacht. Und er hat daraus den dichten Stein gemacht. Wie das Eis nur verdichtetes Wasser ist, so ist der Stein nur ein verdichteter Gedanke Gottes. Alle Dinge sind solche verdichtete Gedanken Gottes. «Das höhere Selbst» aber löst alle Dinge auf, und in ihm leben dann die Gottesgedanken. Und wenn von solchen Gottesgedanken das Selbst gewoben ist, dann ist es «feiner als der Äther».
Der Geist in meinem Herzen
Erst dann hat der Mensch ein Ding begriffen, wenn er es mit dem Herzen erfaßt hat. Verstand und Vernunft sind bloß Vermittler für die Auffassung des Herzens. Durch Verstand und Vernunft dringt man zu den Gottesgedanken. Aber wenn man so den Gedanken hat, dann muß man ihn lieben lernen. Der Mensch lernt nach und nach alle Dinge lieben. Das will nicht sagen, daß er urteilslos sein Herz an alles hängen soll, was ihm begegnet. Denn unsere Erfahrung ist zunächst eine trügerische. Aber wenn man sich bemüht, ein Wesen oder Ding auf seinen göttlichen Grund hin zu erforschen, dann beginnt man es auch zu lieben. Wenn ich einen verworfenen Menschen vor mir habe, so soll ich nicht etwa seine Verworfenheit lieben. Dadurch würde ich nur im Irrtum sein, und ihm würde ich nicht helfen. Wenn ich aber darüber nachdenke, wie dieser Mensch zu seiner Verworfenheit gekommen ist, und wenn ich ihm beistehe, die Verworfenheit abzulegen, dann helfe ich ihm, und ich selbst ringe mich zur Wahrheit durch. Ich muß überall suchen, wie ich lieben kann. Gott ist in allen Dingen, aber dieses Göttliche in einem Dinge muß ich erst suchen. Nicht die Außenseite eines Wesens oder Dinges soll ich ohne weiteres lieben, denn diese ist trügerisch, und da könnte ich leicht den Irrtum lieben. Aber hinter aller Illusion liegt die Wahrheit, und die kann man immer lieben. Und sucht das Herz die Liebe der Wahrheit in allen Wesen, dann lebt der «Geist im Herzen». Solche Liebe ist das Kleid, das die Seele immer tragen soll. Dann webt sie selbst das Göttliche in die Dinge hinein.
Die Mitglieder der Schule sollen manche freie Minute des Tages benützen, um solche Gedanken an die göttlichen Weisheitssprüche zu knüpfen, die uns von den Meistern aus einer unermeßlich großen Welterfahrung gegeben sind. Nie sollten sie glauben, daß sie einen solchen Spruch schon ganz verstanden haben, sondern immer voraussetzen, daß noch mehr darinnenliegt, als sie schon gefunden haben. Durch solche Gesinnung erlangt man das Gefühl, daß in aller wahren Weisheit der Schlüssel liegt zum Unendlichen, und man verbindet sich durch solche Gesinnung mit diesem Unendlichen.
Nicht darauf kommt es an, daß man viele Sätze meditiert, sondern darauf, daß man weniges immer wieder in der ruhig gewordenen Seele leben läßt.
In der Meditation selbst soll man wenig spekulieren, sondern gelassen den Inhalt der Meditationssätze auf sich wirken lassen. Aber außer der Meditation in den freien Augenblicken des Tages soll man immer wieder auf den Inhalt der Meditationssätze zurückkommen und sehen, welche Betrachtungen man aus ihnen saugen kann. Dann werden sie lebendige Kraft, die sich in die Seele senkt und diese stark und kräftig macht. Denn wenn die Seele sich mit der ewigen Wahrheit verbindet, lebt sie selbst im Ewigen. Und wenn die Seele im Ewigen lebt, dann haben die höheren Wesen den Zugang zu ihr und können ihre eigene Kraft in sie senken.