Zur Entstehungsgeschichte und Gestaltung der Schulhandlung: Maria Lehrs-Röschl
Zur Opferfeier
In der Besprechung, die wir Religionslehrer am 9. Dezember 1922 mit Rudolf Steiner hatten, brachten wir auch vor, daß Johanna Wohlrab, eine Schülerin der damals obersten Klasse, gefragt hatte, ob nun die Schüler der Oberklassen nach beinahe zweijähriger Teilnahme an der Jugendfeier nicht eine Sonntagshandlung bekommen könnten, die über die Jugendfeier hinaus weiterführt. Ich erinnere, daß wir Lehrer diese Frage als zumindest verfrüht ansahen und keineswegs erwarteten, daß Rudolf Steiner positiv darauf eingehen würde.
Doch er griff diese Anregung besonders nachdenklich auf und bezeichnete sie als von weittragender Bedeutung. Er wolle es weiter erwägen. Eine Messe wolle er in die Handlungen, die mit unserem Religionsunterricht verbunden waren, nicht hereinnehmen, «aber etwas Messe-Ähnliches können wir machen».
Am 13. März 1923 übergab Rudolf Steiner in Stuttgart den Text der Opferfeier Dr. Hahn, Dr. Schubert und mir. Wir sollten ihn uns abschreiben. Am Palmsonntag, 25. März, hielten wir drei diese Feier zum ersten Mal für die Schüler der 11. Klasse und die Lehrer.
Es traten danach Kollegen an uns heran mit dem Ersuchen, die Opferfeier für die Lehrer allein zu wiederholen. Wir waren unsicher, ob nicht auch diese Handlung wie die bisher gegebenen nur für die Schüler - wenn auch unter Teilnahme von Lehrern und Eltern - gegeben sei. Ja, wir neigten ausgesprochenerweise zu dieser Meinung. Es wurde mir aufgetragen, Rudolf Steiner diese Frage vorzulegen.
Ich fragte ihn in einer Formulierung, die bereits zeigte, ich sei der Meinung, es gehe nicht an, die Opferfeier anders als für Schüler zu halten. Rudolf Steiner aber blickte mich mit weit geöffneten Augen an (ich kannte diese Geste als seinen Ausdruck überraschten, leicht mißbilligenden Erstaunens) und sagte: «Warum nicht? Diese Handlung kann überall gehalten werden, wo Menschen sind, die sie wünschen.»
So hielten wir die Opferfeier zum ersten Mal ohne Schüler vor Lehrern allein am Karfreitag, den 30. März 1923. In der Folgezeit wurde sie in dieser Weise wiederholt gehalten, insbesondere zum Gedenken an verstorbene Kollegen und bei den jährlichen Begegnungen der ehemaligen Schüler, bisher zunächst nur für die früheren Teilnehmer am freien Religions-Unterricht.
Für das Verständnis dieser Handlung gilt es zu versuchen, Rudolf Steiners Ausspruch «etwas Messe-Ähnliches» in seinem Sinne zu erfassen. Man kann ja diese Worte verschieden interpretieren und darunter etwas verstehen, was in der Entwicklungslinie der Messe vor oder auch nach dieser einzureihen ist was rangmäßig unter oder über der Messe steht. Hier können sich leicht subjektive Tendenzen geltend machen, die mit der objektiven Entwicklung dieser Art von Kulthandlungen in Widerspruch stehen. Der Ausdruck «Messe-Ähnliches» besagt ja, daß einerseits Messe-Gleiches vorliegt, andererseits aber doch keine volle Übereinstimmung vorhanden ist.
In frühen Ausführungen Rudolf Steiners (z. B. 17. März 1905) finden wir den Hinweis, daß die katholische Messe ihrem Ursprung nach auf Mysterien zurückführt, die von Persien und Ägypten herüberkamen und in diesen Kulturströmungen eine besonders populäre Form angenommen hatten.
Dem Schüler solcher Geheimschulen wurde ursprünglich zunächst die Entstehung der Welt und des Menschen, seine Bedeutung in der Welt verkündet, wie der Weltengeist sich ergoß in jede Erscheinungsform der Schöpfung der Naturreiche, und wie der Mensch ein Zusammenfluß von all dem Geschaffenen sei — die kleine Welt innerhalb der großen. Wie dann der Mensch, der in diese reine Welt durch seine Leidenschaften und Unvollkommenheiten Trübung hineinbrachte, durch die Opferung seiner niederen Natur zur Katharsis, dadurch zur Wandlung seines Wesens und so zur Vereinigung mit seinem göttlichen Ursprung kommen konnte, wurde dem Schüler auf einer nächsten Stufe durch Handlungen vorgeführt.
Aus solchen Handlungen jener Mysterien ist die Messe hervorgegangen. Und bis heute entfaltet sich die christliche Messehandlung in.den:vier Teilen: Evangelium (Verkündigung), Offertorium (Opferung), Wandlung und Kommunion. So ist auch die Opferfeier aufgebaut, und darin gleicht sie der Messe.
Keineswegs gleich, also nur ähnlich, ist sie der Messe bezüglich der Substanzen des Opfers und der Wandlung. Es wäre unrichtig zu meinen, in der Opferfeier gäbe es keine Substanzen. Sie sind da in Gestalt des Leibes und des Blutes des Menschen, der sich in seinem Bewußtsein zutiefst durchdringen möchte mit dem inneren Erleben des Opfers des Christus auf Golgatha — entsprechend den Worten:
Die Andacht unserer Seelen
Führe in diesen Opferraum
Das Erleben von Christi Menschheitsopfer,
mit denen der Teil der Opferfeier schließt, der dem einleitenden «Staffelgebet» der Messe entspricht. Es beginnt also die Ähnlichkeit, daß heißt die Nicht-Gleichheit mit der Messe im zweiten Teil der Opferfeier.
Für das Geschehen auf dem Altar hat Rudolf Steiner diese Veränderung als in der Entwicklungslinie der Messehandlung gelegen schon 1909 und 1911 sehr klar aufgezeigt, und zwar in der Besprechung der Transsubstantiation zunächst im 14. Vortrag des Kasseler Johannes-Evangelium-Zyklus. Da ist darauf hingewiesen, daß wir erst am Anfang der christlichen Entwicklung leben. Die Zukunft dieser Entwicklung wird in der vollen Erfassung der Tatsache bestehen, daß Christus durch das Mysterium von Golgatha einen neuen Lichtmittelpunkt in der Erde geschaffen hat, so daß seine Worte der Einsetzung des Abendmahls aussprechen, er habe die Erde zu seinem Leib gemacht. Das wird kultisch realisiert an den Substanzen von Brot und Wein.
«Und diejenigen Menschen, welche imstande sind, den richtigen Sinn dieser Worte des Christus zu fassen, die machen sich Gedankenbilder, die anziehen in dem Brot und in dem Rebensaft den Leib und das Blut Christi, die anziehen den Christus-Geist darinnen. Und sie vereinigen sich mit dem Christus-Geist. So wird aus dem Symbolum des Abendmahls eine Wirklichkeit. Ohne den Gedanken, der an Christus anknüpft im menschlichen Herzen, kann keine Anziehungskraft entwickelt werden zu dem Christus-Geist beim Abendmahl. Aber durch diese Gedankenformen wird solche Anziehungskraft entwickelt. Und so wird für alle diejenigen, welche das äußere Symbolum brauchen, um einen geistigen Actus zu vollziehen, nämlich die Vereinigung mit dem Christus, das Abendmahl der Weg sein, der Weg bis dahin, wo ihre innere Kraft so stark ist, wo sie so erfüllt sind von dem Christus, daß sie ohne die äußere physische Vermittlung sich mit dem Christus vereinigen können. Die Vorschule für die mystische Vereinigung mit dem Christus ist das Abendmahl — die Vorschule. So müssen wir diese Dinge verstehen. Und ebenso wie alles sich entwickelt vom Physischen zum Geistigen hinauf unter dem christlichen Einfluß, so müssen sich zuerst unter dem christlichen Einfluß heranentwickeln die Dinge, die zuerst da waren als eine Brücke: Vom Physischen zum Geistigen muß sich das Abendmahl entwickeln, um hinzuführen zur wirklichen Vereinigung mit dem Christus. Über diese Dinge kann man nur in Andeutungen sprechen, denn nur wenn sie aufgenommen werden in ihrer vollen heiligen Würde, werden sie im richtigen Sinne verstanden.»
In dieser wie in der hier folgenden Ausführung geht Rudolf Steiner aus von einem Hinweis auf das herannahende Atomzeitalter. Im Jahre 1911 besprach er im Zyklus «Von Jesus zu Christus» (9. Vortrag) den exoterischen Weg, der den Menschen zum Christus führen kann durch das Abendmahl und die Evangelien. Er betont im weiteren, daß dadurch, daß die Menschen durch ihr Streben auf dem inneren Pfade, den die Geisteswissenschaft gibt, reif werden können in ihrem Inneren,
«nicht bloß Gedankenwelten, nicht bloß abstrakte Gefühlsund Empfindungswelten zu leben, sondern sich in ihrem Inneren zu durchdringen mit dem Element des Geistes, dadurch werden sie die Kommunion im Geiste erleben. Dadurch werden Gedanken — als meditative Gedanken - im Menschen leben können, die eben dasselbe sein werden, nur von innen heraus, wie es das Zeichen des Abendmahles - das geweihte Brot - von außen gewesen ist.»
Dieser Weg - so fährt er fort - soll in Zukunft ein exoterischer Weg für die Menschen werden.
«Aber dann werden sich auch alle Zeremonien ändern, und was früher durch die Attribute von Brot und Wein geschehen ist, das wird in Zukunft durch ein geistiges Abendmahl geschehen. Der Gedanke jedoch des Abendmahles, der Kommunion, wird bleiben.»
Diese beiden Stellen von 1909 und 1911, zusammengeschaut, machen klar, wo die Opferfeier auf der Linie historischer Entwicklung einzureihen ist: nicht vor, sondern nach der Messe mit Brot und Wein. Sie ist also nicht - weil sie scheinbar keine Substanzwandlung bringt — eine Vorstufe, eine Vorbereitung auf eine Messe mit Brot und Wein. Denn das empfangene Brot und der genossene Wein werden im Menschen aufgenommen von jener Kraft, die in unbewußten Tiefen seines eigenen Leibes stoffverwandelnd wirkt, und von da aus im Bewußtsein allmählich Klärung, Umwandlung erzeugen kann. Während die Kommunion im Geiste, wie sie in der Opferfeier erlebt wird, ein Bewußtseinsakt ist, der sich immer heller klären und bis ins Physische des Menschen auswirken kann. Die zitierten Stellen weisen deutlich auf die Wandlung und Kommunion hin, wie sie Rudolf Steiner zwölf Jahre später in der Opferfeier gegeben hat. In Fortsetzung des oben Zitierten stellt er als Voraussetzung für eine solche Kommunion im Geiste hin,
«daß gewisse innere Gedanken, innere Fühlungen ebenso weihevoll das Innere durchdringen und durchgeistigen, wie in dem besten Sinne der inneren christlichen Entwicklung das Abendmahl die Menschenseele durchgeistigt und durchchristet hat. Wenn das möglich wird - und es wird möglich -, dann sind wir wieder um eine Etappe in der Entwicklung weitergeschritten. Und dadurch wird wieder der reale Beweis geliefert werden, daß das Christentum größer ist als seine äußere Form.»
Die Form für diese weihevollen, das Innere durchdringenden und durchgeistigenden Gedanken ist in der Opferfeier gegeben. Man muß sich bloß von dem Vorurteil frei machen, als seien Gedanken immer nur ein abstraktes Etwas. Ihre Art hängt vom denkenden Subjekt ab. Gedanken können ein Erlebnis werden, das die Macht hat, bis ins Physische gestaltend zu wirken. So kann es geschehen durch die Opferfeier bis in Leib und Blut des nach dem Christus strebenden Menschen.
Und so können sich im Verfolg dieses Erlebens - dank dem Werdebild von Welt und Mensch, das uns die Geisteswissenschaft gibt - die Worte des Offertoriums der Opferfeier, die mit erhobenen Armen gesprochen werden, und diejenigen, die darauf der rechts Stehende spricht, weihevoll weiten zum Gedanken der kosmischen Biographie des Wesens Mensch: Es kann vor uns stehen die Schilderung der Zeit, da die Sonne heraustrat aus der Mondgefesselten Erde. Mit der Sonne verließ die Erde auch das hohe Wesen des Menschheits-Ich, das wir jetzt Christus nennen. Es verließen uns die hierarchischen Urbilder des Menschen, die bloßen Abbilder zurücklassend. Das hieß: Der Mensch nahm im Dienste der Weltentwicklung das Opfer auf sich, tiefer hineinzusteigen in die nun sich bildende Finsternis der Stoffeswelt - ein Entwicklungsmoment, vor dem hohe Geistwesen, die dem Menschen in diesen Abstieg nicht folgen wollten, «ihr Antlitz verhüllten».
In eine noch weiter zurückliegende Entwicklungsphase kann der Gedanke zurücktauchen: als das vor-saturnische Geistwesen der Menschheit, das eine sehr hohe Entwicklung ohne Stoffesverbundenheit (allerdings ohne Entfaltung des freien Ichs) hätte durchmachen können, eintrat in diesen Weltenzyklus, um eben diesen Weg der physischen Gesetzmäßigkeit durchzumachen. (Siehe hierzu «Das Michaelsmysterium», Kap. XIV, auch Köln, 27. April 1905.)
Dieser Schritt war es, der
das Opfer
Unseres Menschenseins
Unseres beseelten Leibes
Unseres durchgeisteten Blutes
eingeleitet hat, jenen Abstieg in die Finsternis des Stoffes, aus dem wir ohne die Kraft des Christus die Möglichkeit zum Wiederaufstieg nicht gewinnen könnten. Wesen einer Zukunftwelt können entstehen, wenn der Mensch im Laufe seiner Entwicklung die Kraft findet, jenes «wesenschaffende Liebe-Feuer» entstehen zu machen, das «von Mensch zu Gott» und auch von «Mensch zu Mensch» walten kann.
Gewiß wird nicht jeder Teilnehmer der Opferfeier diese Bezugnahme auf weit zurückliegende kosmische Phasen des Menschheitsweges aufgreifen können oder wollen. Verschiedenheiten in der Erlebnisweise gibt es ja bei jeder Art von Kulthandlungen.
Um die Zielsetzung handelt es sich hier, denn diese wirkt. Und das Ziel der Opferfeier ist, sich in Leib und Blut, bis ins Physische, mit dem Menschheits-Ich zu verbinden. Daß dieses Ziel erreichbar ist in unserer Gegenwart, hat Rudolf Steiner auch in persönlichen Gesprächen betont, so zu Friedrich Rittelmeyer, wie dieser in seinem Buche «Meine Lebensbegegnung mit Rudolf Steiner» mitteilt, indem er daran eigene wesentliche Gedanken über die zwei Arten der Kommunion anknüpft.
So waren Anfrage und Forderung jener Schülerin von weittragender Bedeutung und gaben Rudolf Steiner die Möglichkeit, was er schon 1909 und 1911 angedeutet hatte, in Kultform der Menschheit zu geben.
Auf die Frage, wie es sich damit verhält, daß dieser Kult von Menschen ohne Priesterweihe vollzogen wird, soll Rudolf Steiner geantwortet haben, er sei hier so weit gegangen, wie er eben mit Nichtgeweihten gehen könne. Diese Antwort ist auch von weittragender Bedeutung: Was in der Entwicklung der Christenheit als Sehnsucht und Streben nach Laienpriestertum immer wieder erstand - allerdings auch immer wieder verfolgt und schließlich zum Verschwinden gebracht wurde -, das hat hier durch Rudolf Steiner eine neue Keimlegung erfahren, die je nach der Schicksalsführung des Einzelnen ihre Früchte zeitigen kann. Dies wird erreicht sein, wenn durch innerstes Streben in der Begegnung mit dem höchsten Selbst, dem Christus, die Weihe erworben ist.
Eckwälden, Ostern 1964