Vierzehnte Konferenz
Rudolf Steiner reiste am 23. Juli an und blieb bis Anfang August in Stuttgart. Am nächsten Morgen hielt er eine Ansprache zum Abschluss des ersten Schuljahres («Habt ihr eure Lehrer lieb?», in GA 298). Nach der Feier nahmen die Schüler ihre Zeugnisse in Empfang und die Sommerferien begannen. Am Abend fand die Konferenz statt, in der Molt Steiner und der Lehrerschaft für die Arbeit im ersten Schuljahr dankte.
In Stuttgart nahm die Aktiengesellschaft «Der Kommende Tag» ihre Arbeit auf. Walter Kühne wurde zum Leiter des Bundes für Dreigliederung berufen. Lange Nachtsitzungen folgten. In diesen Tagen fanden dann wieder vier Konferenzen mit den Lehrern statt.
Die Geldsorgen waren so drückend, dass die Fortführung der Schule in Gefahr war.
Themen: Zweiter Teil des Jahresrückblicks. Über den Materialismus und über Kompromisse und Vorgeburtlichkeit. Die 5. Klasse von Caroline von Heydebrand mit 51 Schülern soll geteilt werden. Es brauchen keine Schüler herunter- oder heraufversetzt zu werden. Vorschlag zu einem klassenübergreifenden Fremdsprachenunterricht. Turnen und Eurythmie. Der Erweiterungsbau. Fehlende Lehrerwohnungen. Weltschulverein. Geldsorgen.
Bemerkungen: Im Rückblick stellte Steiner die Mission der Schule in einen historischen Kontext, es komme darauf an, das Geistig-Seelische des Menschen nicht an den Materialismus verloren gehen zu lassen. Die Waldorfpädagogik brauche keine abstrakt richtigen Ideen, sondern sie müsse aus den richtigen Taten leben. «Es ist wirklich im ersten Jahr dieser Geist in Ihren Seelen schon lebendig.»
Denn werde eine erste Erörterung der Finanzlage der Schule gemacht; wobei sich zeigte, dass es so eigentlich nicht weitergehen könne, weder mit den Lehrern noch mit den Räumlichkeiten.
Dieses Thema sollte die nächsten Konferenzen beherrschen.
RUDOLF STEINER: Dann darf ich Herrn Molt das Wort erteilen.
EMIL MOLT dankt den Lehrern für ihre Arbeit im verflossenen ersten Schuljahr und spricht insbesondere den Dank aus an Rudolf Steiner. Er erinnert an dessen Worte über Kraft, Mut, Licht beim Kursbeginn 1919.
RUDOLF STEINER: Meine lieben Freunde, auch ich muss gedenken der Stunde, in der wir unsere Kursbemühungen begonnen haben im Herbst des vorigen Jahres, und es wird wohl so sein, dass in unseren Seelen die dazumal angeregten Impulse, die versucht worden sind, aus dem geistigen Leben herab in unsere eigenen Geister zu leiten, dass diese nachgewirkt haben. Ich möchte gerade an diesen Augenblick erinnern und von allen über unserer Sache waltenden guten Geistern erflehen: Möge in unsere Herzen hinein der Segen und die Kraft für unsere Arbeit herabfließen.
Ich möchte an dasjenige noch einmal anknüpfen, das ich schon am Morgen mit einigen Worten berührt habe. Ich sagte zu Ihnen, meine lieben Freunde, dass es besonders zu schätzen ist, dass Sie in einem bedeutungsvollen Augenblicke der europäischen Menschheitsentwicklung den Glauben gehabt haben, Sie müssten Ihre Tätigkeit und Ihre ganze Persönlichkeit einsetzen für dasjenige, was mit der Waldorfschule gewollt werden soll. Bedenken wir doch das Folgende: Ich habe auf das, worauf jetzt hingedeutet worden ist, in einem Kurs, den ich in Basel über Pädagogik hielt, gleich in der Einleitung hingewiesen. Ich habe gesagt: Pädagogen, die Erziehungs- und Unterrichtsgrundsätze hervorragender Art aufgestellt haben, gibt es sehr viele, und es kann nicht die Aufgabe derjenigen pädagogischen Kunst sein, an die wir uns wenden als Anthroposophen, etwa gegenüber demjenigen, was durch das Erarbeiten von Pestalozzi, Fröbel und durch alles dasjenige, was durch Diesterweg und Dittes heraufgekommen ist, zu dem etwas anderes hinzuzufügen oder es ganz durch etwas anderes zu ersetzen. Im Prinzip ausgesprochen und in der Weise /?]: Die abstrakten Grundsätze, die von großen Pädagogen des 19. Jahrhunderts herüberkamen, werden sich vor einer didaktisch-pädagogischen Beurteilung im Grunde genommen recht gut ausnehmen, und man setzt sich einer gerechten Kritik aus, wenn man von einer Erneuerung der pädagogischen Wissenschaft sprechen will.
Aber in Wirklichkeit handelt es sich um etwas ganz anderes. Wer heute Pestalozzi liest, wer Fröbels Schriften liest, wer Herbart liest und außerdem bis zu Dittes herauf, der wird finden: Viel Schönes in pädagogischer Beziehung ist ausgesprochen worden. Aber wer hier ins innere Getriebe des Unterrichts- und des Erziehungswesens hineinschaut, selbst wenn man in das innere Getriebe der Pestalozzi’schen Schule selbst hineinschaut, dann zeigt sich, dass ein Geist darin nicht waltet, der diesen ausgesprochenen Grundsätzen, zu denen man sich durchaus in abstrakter Beziehung bekennen kann, entspricht. Man braucht nur zu verfolgen, was Fröbel an herber Kritik gegenüber Pestalozzi’schen Anstalten geschrieben hat. Und gerade wenn man die Entwicklung des Erziehungs- und Unterrichtswesens im 19. Jahrhundert verfolgt, wird man sehen, dass, trotzdem die Leute vielfach pädagogisch richtig denken, das Richtige nicht bewirkt, [nicht] getan wird. Woher kommt das? Darauf gibt es nur eine Antwort. Es ist die, dass [das] 19. Jahrhundert - gleichgültig auf welchen Kulturzweig man die Aufmerksamkeit richtet, [es ist] überall dasselbe -, dass das ganze Jahrhundert stand unter dem Einfluss der materialistischen Zeitströmung. Und wenn wir heute aus unserer anthroposophischen Grundüberzeugung heraus irgendeinen Erziehungsgrundsatz formulieren, so kann er wörtlich gleichklingen dem, was Pädagogen des 19. Jahrhunderts gesagt haben - wir müssen es anders meinen. Wir sprechen aus dem Geiste heraus, diese haben aus dem sie überwältigenden Impuls der materialistischen Weltanschauung gesprochen. Wenn die Dinge noch so idealistisch klingen, so sind sie dennoch aus dem Geiste des Materialismus gedacht. Es handelt sich nicht darum, in abstrakter Beziehung etwas Neues zu finden, sondern darum, einen neuen Geist zu finden.
Sehen Sie, auch Ihnen möchte ich heute etwas vorbringen, was ich in der letzten Zeit an einzelnen Orten schon wiederholt gesagt habe, was gerade in unserer Zeit berücksichtigt werden muss. Man hat heute die Meinung, wenn man von Materialismus spricht, dass der Materialismus eine falsche Weltanschauung ist, dass er [abzulehnen ist] /27, weil er nicht richtig ist. So einfach verhält sich die Sache nicht. Der Mensch ist ein seelisch-geistiges Wesen, er ist ein leiblich-physisches Wesen. Aber das Leiblich-Physische ist ein getreues Abbild des Seelisch-Geistigen, insofern wir leben zwischen Geburt und Tod. Und wenn die Menschen so verphilistert sind in den materialistischen Gedanken, wie das geworden ist im Laufe des 19. Jahrhunderts und bis in die Gegenwart hinein, dann wird immer mehr das Leiblich-Physische ein Abdruck dieses Seelisch-Geistigen, das selbst in den materialistischen Impulsen lebt. Dann ist es nicht etwas Falsches, wenn man sagt, das Gehirn denkt, dann wird es richtig. Es werden durch das Fest-darin-Stecken im Materialismus nicht bloß Menschen erzeugt, die schlecht denken über das Leibliche, Seelische und Geistige, sondern es werden materiell denkende und materiell fühlende Menschen erzeugt. Das heißt, der Materialismus bewirkt, dass der Mensch ein Denkautomat wird, dass der Mensch ein Wesen wird, das als physisches Wesen denkt, fühlt und will. Und es ist nicht bloß die Aufgabe der Anthroposophie, an die Stelle einer falschen Weltanschauung eine richtige zu setzen — das ist eine theoretische Forderung —, das Wesen der Anthroposophie heute besteht darin, dass angestrebt wird nicht nur eine andere Idee, sondern eine Tat: das Geistig-Seelische wieder herauszureißen aus dem Leiblich-Physischen, den Menschen heraufzuheben in die Sphäre des Geistig-Seelischen, damit er nicht ein Denk-, Fühl- und Empfindungsautomat sei. Die Menschheit steht heute in der Gefahr - einiges soll auch morgen im Zweigvortrag angedeutet werden -, das Seelisch-Geistige zu verlieren. Denn das, was leiblich-physisch ein Abdruck des Geistig-Seelischen ist, das steht heute, weil viele Menschen so denken, weil das Geistig-Seelische schläft, vor der Gefahr, in die ahrimanische Welt überzugehen, und das Geistig-Seelische wird sich verflüchtigen im Weltall. Wir leben in einer Zeit, [in der] die Menschen die Gefahr vor sich haben, durch den materialistischen Impuls die Seele zu verlieren. Dies ist eine ernste Sache. Dieser Tatsache steht man gegenüber. Diese Tatsache soll eigentlich heute das Geheimnis, das immer mehr und mehr offenbar werdende Geheimnis werden, [aus dem heraus] wir überhaupt fruchtbar wirken wollen. Sehen Sie, aus einer Erkenntnis dieser Notwendigkeit eines Hinwendens der Menschheit zu einer spirituellen Betätigung — nicht bloß zu einer Umänderung einer Theorie —, aus dieser Erkenntnis heraus sind solche Dinge entstanden wie die Didaktik und Pädagogik der Waldorfschule. Und aus einem solchen Geiste heraus sollte hier gewirkt werden.
Das ist vor allem zu schätzen, dass sich in Ihnen hier ein Kreis gefunden hat, der aus einem mehr oder weniger deutlichen Gefühl heraus sich sagt: Es muss so gewirkt werden. Sie brauchen nur die Keime, die hier gelegt werden in der Waldorfschule, mit all dem wüsten Zeug, das als feindlicher Sturm heraufzieht, [zu vergleichen].
Wir haben [die Schule] begründet unter den letzten Nachwirkungen dessen, was wir von Stuttgart vom April 1919 an versuchten. Seit der Zeit hat sich ja so herrlich viel vollzogen. Vollständig versagt, meine lieben Freunde, das dürfen wir nicht vergessen, vollständig ins Wasser gefallen ist dasjenige, was da unternommen werden sollte mit dem gut gemeinten Aufruf zum Kulturrat im vorigen Jahre. Warum er versagen musste, das zeigt der wüste Skandal am Goetheanum, das zeigt dieser krasse Niedergang des deutschen Geisteslebens, das sich doch nur als in einem Symptom [in den Dingen] am Goetheanum ausdrückt. Wir werden natürlich jetzt nötig haben in einer noch ganz anderen Weise, als wir es getan haben, unsere Kräfte darauf zu verwenden, um diesem Niedergang entgegenzuarbeiten. Das kann ja natürlich nicht von der Waldorfschule allein ausgehen, aber durch jene Erkenntnis, die unsere Waldorflehrer gezeigt haben, indem sie sich dieser Aufgabe gewidmet haben, sind sie die Berufenen, um nach dieser Richtung hin allgemein anthroposophisch-kulturell zu wirken.
Das ist dasjenige, was ich heute am Schlusse des ersten Schuljahres so lebhaft empfinden musste, was ich mit den ernsten Worten gemeint habe, die ich in Gegenwart der Kinder heute Morgen ausgesprochen habe. Die Kinder werden die Worte nicht verstanden haben, aber das macht nichts. Wir wissen, dass es sich nicht darum handelt, dass [nur] das herangebracht wird, was die Kinder verstehen, sondern manches, was später in den Seelen der Kinder lichtvoll aufgeht. Der Dank, den Herr Molt ausgesprochen hat, der wird auch von mir selbst warm empfunden im Namen desjenigen Geistes, der die Waldorfschule durchdringen soll, der immer mehr und mehr der Geist der mitteleuropäischen Kultur werden soll. Diejenigen, die sich selbst [materialistisch] machen, die ihre Seele verlieren, sodass die Zivilisation eine materialistische Zivilisation würde, diejenigen Menschen wären heute noch zu retten, wenn das, was wir hier an Waldorfschulgeist haben, weiter in der Welt verbreitet werden könnte.
Wir müssen selbstverständlich die Waldorfschule behüten vor jedem Scheinwesen. Wir müssen uns klar sein darüber, dass wir gewissermaßen immer zurückhaltender und zurückhaltender sein müssen gegenüber all denjenigen Leuten, die, nachdem sie gehört haben, die Waldorfschule ist begründet worden, es nun als nächste Aufgabe betrachten, ihr Welt-Herumlungern darauf auszudehnen, dass sie auch in die Waldorfschule hineinriechen, um hier zu hospitieren, um hier einiges mitzunehmen, um etwas Ähnliches da oder dort einfließen zu lassen. Wir müssen uns klar sein darüber, dass es sich nicht darum handelt, das Kommen zu fördern, dass möglichst viel Welt-Herumlungerer hier hospitieren, sondern dass es darauf ankommt, dass der [anthroposophische] Geist [klar] da sein muss, aus dem heraus die Nachfolgeschaft der Waldorfschule entstehen soll.
Zu mir kam vor einigen Monaten eine Persönlichkeit, die auch in Frankreich etwas Ähnliches begründen will wie eine Waldorfschule, [und fragte], ob ich nicht Ratschläge dazu geben könne, ob sie nicht hier in der Waldorfschule hospitieren könne. Ich habe ihr gesagt, anerkannt, als im Geiste der Waldorfschule gehalten, würde dasjenige, was sie in Frankreich, in Paris, begründen will, von mir nur dann, wenn es ganz genau ebenso eingerichtet würde, wie die Waldorfschule eingerichtet ist. Es müssten sich sodann die französischen Freunde zunächst bereit [erklären], mich dorthin zu rufen, um einen Kurs abzuhalten, nicht wahr, und ausdrücklich erklären, dass die Schule aus demselben Geist hervorgegangen ist. [Sonst] würde ich es strikt ablehnen, dass so etwas wie eine Nachfolgerschaft vorliegt.
Glauben Sie nicht, dass solche Antworten nur eigensinnige Dinge sind. Sie müssen sich klar sein darüber: Wir kommen nicht weiter, wenn wir uns nicht auf den Standpunkt des bestimmt Anthroposophischen stellen, wenn wir uns nicht freihalten von jeder irgendwie gearteten Kompromisslerei. Stellen wir uns auf einen scharf begrenzten Standpunkt, dann ist es nicht ausgeschlossen, dass wir selbst in Paris eine Waldorfschule begründen können. Es kommt nur darauf an, dass wir uns nicht bewegen lassen, irgendwie Kompromisse zu schließen. Heute ist es so, dass man am weitesten kommt, wenn man sich fest auf einen bestimmten Standpunkt stellt. Nach außen mag man konziliant sein in, aber innerlich, wenn es sich um Prinzipielles handelt, da kommt es darauf an, dass man ganz fest auf seinen Standpunkt sich stellt. Dazu ist es notwendig, die Kraft zu haben, die Dinge wirklich radikal zu durchschauen und keine Neigung zu irgendwelchem Kompromiss zu haben. Sie wissen ja, wenigstens im Sinne und Geist der Führung nach haben wir uns bemüht, während des ersten Jahres solche festen Standpunkte anzustreben. Ich hoffe, dass sie immer mehr zum Ausdruck kommen werden. Sie selbst als Lehrer der Waldorfschule werden sich immer mehr in die Durchschlagskraft des Geistes hineinfinden und die Möglichkeit finden, alle Kompromisse beiseitezulassen. Wir können nicht darum herumkommen, dass allerlei Leute von außen in die Angelegenheiten der Schule hineinreden. Wenn wir [nur] selbst in unserem Gemüte nichts von der notwendigen Anschauung, die wir haben müssen, aufgeben, dass im Grunde genommen jede Zustimmung, die von irgendwelcher pädagogischen Seite von heute kommt, zu dem, was in der Waldorfschule geschieht, uns eher traurig stimmen könnte als heiter. Wenn solche Leute, die im heutigen pädagogischen Leben drinnenstehen, uns loben, da müssen wir denken, da muss etwas bei uns nicht stimmen. Wir brauchen nicht jeden gleich hinauszuwerfen, der uns lobt, aber wir müssen uns klar sein, dass wir sorgfältig untersuchen, was wir niöhtsrichtig machen, wenn wir gelobt werden:von: denjenigen; die im heutigen Erziehungswesen drinnenstehen. Das muss unsere gründliche Überzeugung werden.
Indem ich ganz lebhaft empfinde, was es eigentlich von Ihnen bedeutet, dass Sie sich mit Ihrer ganzen Persönlichkeit der Angelegenheit der Waldorfschule gewidmet haben, möchte ich an das Gesagte dieses eine [noch] hinzufügen: Wir müssen auch innerlich, dem Gemüte nach, tatsächlich Anthroposophen sein im tiefsten Sinne des Wortes als Waldorflehrer und müssen Ernst machen können mit einer Idee, die auf anthroposophischem Boden wiederholt ausgesprochen worden ist, die für uns wichtig ist: Wir sind zu einer bestimmten Zeit heruntergestiegen aus den geistigen Welten in die physische Welt. Diejenigen, die uns als Kinder entgegentreten, sind später heruntergekommen, sie haben die geistige Welt noch eine Zeit lang durchlebt, in der wir schon hier in der physischen Welt waren. Es ist etwas ungeheuer innerlich Erwärmendes, etwas ganz in der Seele Wirkendes, wenn man in einem Kinde sieht ein Wesen, das einem etwas herunterträgt aus der geistigen Welt, das man nicht selbst mitgemacht hat in der geistigen Welt, weil man älter ist. Dieses Ältersein bedeutet für uns noch etwas ganz anderes. Wir empfangen mit jedem Kinde eine Botschaft aus der geistigen Welt über Dinge, die wir nicht mehr miterlebt haben.
Dieses Bewusstsein gegenüber der Botschaft, die das Kind herunterträgt, das ist ein positives Gefühl, das in vollem Ernst Platz greifen kann in der Waldorflehrerschaft, das der abwärtsgehende Kulturverlauf bekämpft, sogar getreten hat. [Das tun auch] die traditionellen Religionsbekenntnisse, die von allen Kanzeln die Ewig keit predigen, die Post-mortem-Ewigkeit, jene Ewigkeit, auf die die Leute hinschauen aus dem verfeinerten Egoismus ihrer Seele heraus, weil sie nicht zugrunde gehen wollen. Der Mensch geht nicht zugrunde, aber es handelt sich darum, wie man zur Überzeugung kommt von der Ewigkeit der Seele, ob aus Egoismus heraus, oder ob man lebendig, aus der Anschauung, drinnensteht in der Erfassung der ewigen Menschenseele. Hier in dieses lebendige Darinnenstehen führt [das Hinschauen auf] die Präexistenz der Seele, das Hinschauen [auf das], was der Mensch vor der Geburt erlebt, das Hinschauen auf den Menschen hier in der physischen Welt, wie sein Leben eine Fortsetzung desjenigen ist, was er vorher erlebt hat. Die traditionellen Bekenntnisse, die versumpft sind, diese Bekenntnisse bekämpfen am schärfsten die Präexistenz, dasjenige, was den Menschen selbstlos machen kann, dasjenige, was niemals zielt auf dieses dumpfe, versumpfte erkenntnislose Glauben, das zielen muss auf Wissen, auf das klare Licht [der Erkenntnis].
Solche Dinge werden praktisch, wenn wir sagen: Dieses Kind ist später heruntergekommen aus der geistigen Welt als ich selbst. Ich kann erraten aus dem, was es mir entgegenlebt, was geschehen ist [in der geistigen Welt], nachdem ich selbst die geistige Welt verlassen habe. Dass wir das als lebendiges Gefühl in uns tragen, das ist eine rechte Lehrermeditation von einer ungeheuer großen und starken Bedeutung. Und durch ein solches bestimmtes Ausleben des anthroposophischen Wesens werden wir in Wahrheit dasjenige, was Lehrer sind, die aus anthroposophischem Geist heraus wirken. Das Beste, was hier in Anthroposophie entwickelt wird, ist nicht dasjenige, was die Welt-Herumlungerer bei uns heraushospitieren wollen, das Beste ist dasjenige, was sich in Ihren Gemütern, [in Ihren Seelen], als der Geist der Waldorfschule entwickelt. Es ist wirklich im ersten Jahre dieser Geist in Ihren Seelen schon lebendig. Und es soll unser Bemühen sein - das wollte ich mit diesen Worten zu Ihnen sprechen -, gerade diesen Geist in der Folgezeit weiter zu pflegen.
Aus diesem Geiste heraus wollen wir auch versuchen, alle [Einzel] maßnahmen vorzunehmen. Es hat mir leidgetan, dass ich erst am 24. kommen konnte, und bei [der] Ausgestaltung der Zeugnisse wäre ich gerne dabei gewesen. Das, was ich sage, [praktisch]-pädagogische Psychologie zu treiben, das muss ausgebaut werden. Ich sehe, wie sehr Sie sich haben angelegen sein lassen, diese Psychologie sich zur Kraft werden zu lassen. Wir wollen weiter streben, denn wenn wir uns entschlossen haben, Waldorflehrer zu sein aus einem welthistorischen Impuls heraus: wir wollen es im ernstesten Sinne bleiben, wiederum aus einem großen welthistorischen Impuls heraus.
Wir wollen jetzt weitergehen in unseren Verhandlungen.
Rudolf Steiner, der bis dahin stehend gesprochen hatte, setzt sich nieder.
RUDOLF STEINER: Namentlich werden wir einiges zu besprechen haben, was sich uns in der letzten Zeit ergeben hat, und dann werden wir zu sorgen haben für die Art und Weise, wie unser Unterricht und die Führung weitergehen sollen.
KARL STOCKMEYER berichtet über die Zeugniskonferenzen zur Charakterisierung der einzelnen Kinder. Es sei bei einzelnen Kindern die Frage entstanden, ob sie nach Alter und Kenntnissen auch wohl in der richtigen Klasse wären.
RUDOLF STEINER: Eine sehr wichtige Frage, und es wird ja natürlich berücksichtigt werden müssen, dass die Lösung der Frage praktisch nicht ganz leicht sein wird. Aber wenn Sie jetzt, namentlich beim Durchsprechen der Dinge, die zum Verfassen der Zeugnisse geführt haben, nach dieser Richtung bestimmte Eindrücke bekommen haben, so wird es notwendig sein, diese vielleicht im Einzelnen zu besprechen. Die ganze Frage nimmt sich anders aus, wenn es sich nur um einzelne Fälle handelt, oder wenn in einem erheblichen Maße Schüler nicht in der richtigen Klasse gesessen haben. Wir müssen eine Vorstellung bekommen darüber, wie groß die Anzahl der Schüler sein könnte, die wir das nächste Mal nicht in eine nächsthöhere Klasse setzen, sondern in eine niederere Klasse zu setzen haben; wir müssen das im Einzelnen durchgehen, namentlich über die Zahl. Natürlich, eine neue Verteilung der Schüler im größeren Maße wirkt zurück auf unsere unzulänglichen Maßnahmen bei diesem Schulanfang, bei dem wir uns haben leiten lassen, einfach die Kinder hereinzunehmen nach Maßgabe der Klassen, in denen sie draußen waren. Wir werden vielleicht nicht davor zurückschrecken dürfen, uns in dieser Beziehung zu desavouieren. Das müssen wir im Einzelnen durchprüfen. Ich würde die Lehrer, die solche Kinder in den Klassen haben, von denen sie glauben, dass sie nicht richtig in der Klasse waren, bitten, sich auszusprechen. Kann jemand etwas über solche sagen?
HERTHA KOEGEL erwähnt G. O. und R. H. [4. Klasse], die zu alt sind.
RUDOLF STEINER: Das ist der G. O.: Bei G. O. würde es sich darum handeln, ob wir ihn in eine andere Klasse setzen. Da entsteht die Schwierigkeit. Es fragt sich nun, ob wir das nächstes Jahr noch nachholen können. Er ist beinahe zwölf Jahre alt. Ich glaube doch, dass wir es versuchen sollten. Wir müssen uns über die Ziele [Zahl?] einig werden. Die Sache [mit dem] Französischen und Englischen, die kann nebenbei geregelt werden. Er lernt sehr gut. Das Zeugnis ist so, dass er mit Unrecht in der 4. sitzt. Man ist verpflichtet, diesen Unterschied wiedergutzumachen.
[Zu Caroline von Heydebrand:] Haben Sie [mit dem R. M.] schon irgendwelche Erfahrungen gemacht?
CAROLINE VON HEYDEBRAND: Er hat sich sehr gut gemacht. Sein Betragen ist ausgezeichnet. Er hat nicht die Kenntnisse der Kinder meiner Klasse.
RUDOLF STEINER: Aber die Reife hat er. Mitkommen wird er sicher. Dann ist dies kein Fehlschluss gewesen.
Im Zusammenhang damit können wir auf die Frage eingehen, von der ich gehört habe, dass sie Ihnen sehr viel Kopfzerbrechen machte. Nicht wahr, ich kann mir denken, wie ungeheuer schwierig es werden soll, aber es muss sachlich erwogen werden, ob wir nicht eben eine Klasse zusammenstellen als 6., die psychologisch alle die Eigentümlichkeiten hätte, die die jetzige 5. hat; ob wir nicht doch eine Nebenklasse einrichten. Es ist nicht notwendig, dass wir sie in der Mitte auseinanderschneiden, es kann so sein, dass Sie [als bisherige Klassenlehrerin] absolut das freie Vorschlagsrecht hätten. [Es sind] also einundfünfzig [Kinder]; also ich meine, es würde absolut so sein müssen, dass Sie das Vorschlagsrecht hätten, dass Sie eventuell Ihre 6. Klasse aus dreißig zusammenstellen und zwanzig abspalten würden. Und da würde ich absolut das Vorschlagsrecht für jeden Einzelnen nehmen. [Wählen Sie fünfzehn Buben und fünfzehn Mädchen aus.]
CAROLINE VON HEYDEBRAND: Ich hatte eine Liste, sechsundzwanzig für mich.
RUDOLF STEINER: Wie Sie es wollen. Dieser Vorschlag steht ganz bei Ihnen. Aber es scheint doch, dass dies gemacht werden müsste, denn die Klasse war etwas zu groß.
Was haben Sie gegen die Teilung der Klasse? Sie haben sie alle so gern, dass Sie keinen weggeben wollen. Es ist doch besser. Sie werden mit dem Pensum der 6. Klasse leichter zurechtkommen, wenn Sie nicht mehr als dreißig haben.
CAROLINE VON HEYDEBRAND: Das habe ich mir selbst gedacht.
RUDOLF STEINER: Wenn Sie also selbst [die] zurückbehalten, die Sie für richtig halten, und eine Klasse von zwanzig abspalten, werden Sie auch einverstanden sein können, Das ist richtig. Dann wird ja auch das leichter sich machen lassen mit solchen Leuten wie G. O. Ist noch jemand, der in Betracht käme?
EUGEN KOLISKO : Ich hätte den A. S. [in der 6. Klasse]. Dieser ist krank, Epileptiker; er musste monatelang wegbleiben.
RUDOLF STEINER: Der müsste wieder in der 6. bleiben. Den würde man in die neue 6. setzen. Wir wollen im Allgemeinen mit dem Sitzenbleiben vorsichtig sein. Bei ihm müsste mit den Eltern gesprochen werden. Den müssten wir schon in der 6. Klasse lassen.
EMIL MOLT: [Der Vater] S. ist nicht mehr bei uns [in der Waldorf-Astoria].
RUDOLF STEINER: Heikel ist es. [Die Eltern] werden es nicht verstehen. Sie sind nicht sehr günstig eingestellt; sie sind so, es gibt mit dem Buben immer Schwierigkeiten.
EMIL MOLT: Es kommt von ehelichen Verhältnissen her.
RUDOLF STEINER: Das darf kein Grund sein. Nun gewiss nicht! [Der Vater] ist ja ein vernünftiger Mensch; er ist kein wahrer Mensch, vernünftig ist er doch. Ist er selbst weggegangen von der Waldorf? Man wird am besten mit ihm reden, nicht mit seiner Frau. Man kann ihn ja mitnehmen.
EUGEN KOLISKO [vermutlich]: Es ist so, dass es überhaupt sehr schwierig ist; das Einzige, was ich habe ausrichten können, das war dadurch, dass ich ihn mir allein vornahm.
RUDOLF STEINER: Das ist betrüblich. Der Vater ist das Prachtexemplar eines anthroposophischen Proletariers. Als solcher ist er doch aufgeführt worden. Der Bub, der erweist sich als verwahrlost.
Diese anthroposophischen Proletarier haben dabei - machen dabei der Anthroposophie nicht besonders viel Ehre. Er ist nicht Mitglied, er war immer dort, er kam als Gast. Er war doch viel früher immer da.
EMIL MOLT: S. kam erst durch die Betriebsratsgeschichte in die Bewegung hinein. Er hat bei uns zu Hause mitgemacht.
RUDOLF STEINER: Nicht wahr, es würde ja an sich nichts machen, wenn er in der 6. Klasse bliebe; es ist nur die Frage, ob er nicht hinausgenommen wird, und ob wir es dazu kommen lassen sollen.
EUGEN KOLISKO: Ich weiß nur in Fällen, wo ich ihn nachsitzen ließ, da war vonseiten der Eltern eine starke Resistenz. Der Vater ließ mir etwas sagen, was eine Unverschämtheit war.
RUDOLF STEiner: Lagen irgendwelche Gründe vor, dass man solch ein Abweisen der Eltern vermeiden möchte?
EMIL MOLT: Nun ja, es liegen insofern Gründe vor, als die Waldorf auch ihre Gegner hat, und dass es immer ein Nest gibt, wo Gegnerschaft geschaffen wird.
RUDOLF STEINER: Es liegt auch der Grund vor: Bei dem Buben ist es so: Wenn er wirklich herauskommt, dann ist es Schluss. Wenn er hier bleibt, wird [er] nicht weiter herunterkommen.
EUGEN KOLISKO : Wenn man ihn allein hernimmt - ich habe zum Beispiel, wenn er gefehlt hat, gesprochen, da war er dankbar, er hat sich auch bemüht. Es ist vielfach nur das, dass er wirklich manches versäumt hat.
RUDOLF STEINER: Nach dem Zeugnis ist es nicht gut anders möglich, als dass man ihn in der 6. zurücklässt. Zunächst würde ich vorschlagen, man redet einmal mit dem Vater $. Es braucht erst zu geschehen, wenn das neue Schuljahr beginnt.
KARL STOCKMEYER: Das ist sowieso ganz gut, weil man sprechen muss wegen dem Schulgeld. Man würde mit ihm reden.
RUDOLF STEINER: Es hat Vorteile, wenn der Junge die 6. noch einmal macht. Ich würde dem Vater das einfach objektiv auseinanderlegen; die Sprachkenntnisse, da könnte man noch etwas tun. [Zu Eugen Kolisko:] So, wie Sie ihn beurteilen müssten, muss man sagen, wenn er manches von dem, was er lückenhaft gehört hat, noch einmal hören würde, [wäre es gut]. Wenn Sie dann bemerken, dass der Vater ihn herausnehmen würde, so werden wir sagen: Wir nehmen ihn herauf in die 7. Klasse. Aber es ist eine schwierige Sache. Es sind nur diese paar Fälle?
HERTHA KOEGEL fragt wegen E. F in der 4. Klasse.
RUDOLF STEINER: Da liegt kein richtiger Grund vor, den müssten wir schon mitnehmen. Das ist ein schwer zu behandelnder, schwacher Schüler. Den müssen wir vorläufig mitnehmen. Man kann etwas tun, dass er das eine oder das andere lernt, dass er nachkommt. Da würde man sich zu stark desavouieren.
CAROLINE VON HEYDEBRAND fragt wegen K. A. in der 5. Klasse und schlägt vor, ihn ein Vierteljahr zu Karl Schubert in die Hilfsklasse zu geben.
RUDOLF STEINER [zu Karl Schubert]: Vielleicht können Sie sich [für ein Vierteljahr] gerade die Aufgabe setzen, ihn nachzubringen. Offenbar liegt eine gewisse Gehirnweiche in der Familie [vor]. Da würde ich doch raten, ihn mitzunehmen.
EUGEN KOLISKO [vermutlich] fragt wegen K. B.
RUDOLF STEINER: Da würde es notwendig sein, dass sie doch dableibt. Er wird selbst sehen, wohin sie kommen soll. Das können Sie dann sagen, die taugt in die 4., 5. oder so etwas.
HERTHA KOEGEL fragt wegen R. G.
RUDOLF STEINER: Wie alt ist R. G.? [Weiteres ist nicht überliefert].
KARL SCHUBERT fragt wegen M. H.
RUDOLF STEINER: [Die M. H.] bleibt weiter bei Ihnen in der Hilfsklasse, und man kann es dann entscheiden, wenn [Sie] finden, dass sie so weit nachgeholt hat, dass sie in eine Klasse kommen kann. [Die Hilfsklasse bleibt wie bisher zusammen. ]
Ich dachte, [die M. G.] wird in der nächsten 2. Klasse nicht [mitkommen können]. Sie wird ziemlich lange in der Hilfsklasse bleiben müssen; das ist so ein Kind, bei dem doch eines schönen Tages der Knopf aufspringen könnte. Es könnte sein, dass der Knopf kommt. Wir behalten sie doch in der Hilfsklasse und entscheiden später. Wenn Sie sie in der untersten Klasse mitmachen lassen wollen, das schadet nichts, wenn sie da mitmacht. Da kann sie auch sein. Lassen Sie sie da in der untersten Klasse mitmachen.
Im Allgemeinen ist es ja nicht so, dass wir eine Revision vornehmen müssen. Die Fälle, die wir vorgehabt haben, lassen sich ohne Weiteres lösen. Eine richtige Revision brauchen wir nicht vorzunehmen.
Beim Fremdsprachenunterricht ist es so, dass, nicht wahr, man leichter zurechtkommt, weil es immerhin da nicht so streng klassenweise eingeteilt ist. Wir sollten nicht so streng klassenweise gehen im Sprachunterricht. Es hat sich so herausgebildet, aber im Ganzen braucht der Sprachunterricht nicht klassenmäßig eingerichtet zu werden.
Beim Sprachunterricht, da ist dieser tatsächlich grandiose Unterschied zwischen Chorsprechen und Einzelsprechen. Die Kinder reden im Chor alle glattweg mit und können es einzeln nicht. Es würde sich darum handeln, dass man es ausnützt. Das werden wir bei den pädagogisch-methodischen Fragen im nächsten Jahre behandeln, dass man versucht, bei den Kindern, nachdem sie es im Chor gesprochen haben, rasch es einzeln zu machen. Man soll es machen als Grundlage des Lernens. [Das] ist zweifellos so.
KARL STOCKMEYER: Es liegt eine gewisse Schwierigkeit vor, wenn man den Sprachunterricht nicht klassenweise geben will, weil neben dem Sprachunterricht in einzelnen Klassen noch anderer Unterricht gegeben wird. Der Stundenplan ist nicht durchführbar, wenn Kinder aus einer Klasse mit anderen Klassen Sprachunterricht haben sollen, weil man andere Stunden nicht eingliedern könnte.
RUDOLF STEINER: Beim Sprachunterricht wäre es wirklich ganz gut — aber das ist nicht durchführbar -, wenn man systematisch zwei Altersklassen beieinander haben könnte, dass das eine Kind vom anderen lernte. In der Sprache ist es gut, wenn die Jüngeren von Älteren lernen. Das ist ein Surrogat, wenn Schwächere und Bessere [da] sind. Es ist in der Zeit nicht durchführbar, aber wenn wir können, [sollten wir] in der Sprache Schwächere und Bessere gut durcheinander haben.
Jemand bemerkt: Es würden zu viel Kinder beisammen sein, die nicht in unsere Klassen hineingehen.
CAROLINE VON HEYDEBRAND: Was ist [im Sprachunterricht] zu machen mit den neu dazukommenden Kindern? [Soll man denen Nachhilfestunden geben?]
RUDOLF STEINER: Da müsste man den Eltern sogleich sagen, dass es an einer Nachmittagsstunde gemacht werden müsste. Das lässt sich nicht anders machen, als dass wir einfach die etwas nachpumpen. Kommen tatsächlich so viele Neue nach?
Jemand sagt: Es kommen in alle Klassen Neue hinein. Und weil kein Raum ist in den Klassenzimmern - die müssen wir in einem besonderen Kurs nachunterrichten.
Jemand anders: Ich habe seit Weihnachten vierzehn neue Schüler gehabt.
RUDOLF STEINER: Ein Prinzip wollen wir in dieser Frage doch nicht aufstellen, sondern immerhin jeden einzelnen Fall prüfen. Ich würde jeden einzelnen Fall prüfen, ohne in dieser Richtung ein Prinzip aufzustellen. Im Großen und Ganzen, wenn nicht besondere Gründe vorliegen, rät man den Leuten, sie sollen bis zum Ende des Jahres in ihrer Schule bleiben. Aber wir wollen nicht uns ganz abweisend verhalten.
KARL STOCKMEYER: Je später sie eintreten, desto größer der Abstand in der Sprache. Ich habe zuletzt aufgenommen, wenn Platz war.
RUDOLF STEINER: Der Separatkurs [in den Sprachen] muss für solche Kinder eingerichtet werden. Das ist unbedingt [nötig]. Sonst könnten wir nicht Schüler in die höheren Klassen aufnehmen. Wenn es geht! Man muss das machen, was notwendig ist. Im Großen und Ganzen kann man sagen: In den Sprachen lassen sich vielleicht durcheinander haben Alte und Junge, weil die Jüngeren von den Älteren lernen, und die Älteren dadurch vorwärtskommen, dass sie die Jüngeren mitnehmen müssen. Da kann man Altersklassen durcheinander haben.
RUDOLF TREICHLER fragt wegen Vermehrung der Sprachstunden.
RUDOLF STEINER: Sie haben die Sehnsucht, mehr Stunden zu haben. Aber auf der anderen Seite ist es wirklich so, dass wir eigentlich die Kinder genügend viel in der Schule haben. Wir können nicht gut die Stundenzahl vermehren. Oder sagt mir es, Stockmeyer, aber ich glaube nicht, dass wir da etwas machen dürfen. Wir könnten ja in den höheren Klassen später einmal daran denken. In der 9., 10. Klasse, da können wir [vielleicht] etwas mehr Sprachunterricht einführen. Vielmehr dürfen wir nichts mehr vom Klassenunterricht wegnehmen; keine halbe Stunde kann entbehrt werden. Wir können nicht gut die Kinder noch einmal [mehr] in der Schule herin haben, sie sind eigentlich doch nachmittags meist da. Da wäre es denkbar gewesen, eine dritte Stunde zu geben. Jedenfalls dürfte das gemacht werden, dass die Kinder trotzdem nicht länger in der Schule herin sind, als sie jetzt sind. Diese Ausfallstunden waren stundenplanmäßig nicht zu überwinden, bei den Schwierigkeiten, die vorliegen, weil notwendig war, Handwerksunterricht in drei Kursen zu haben. Das war mathematisch nicht möglich. Wie ist es mit dem Lateinunterricht?
RUDOLF TREICHLER: Ein bisschen gemischt, Buben mit verschiedenen Kenntnissen.
KARL STOCKMEYER: Wie hoch ist das Maximum der Stunden, die wir in den Volksschuljahren den Kindern in der Woche geben können? Wir geben in der 1. Klasse sechsundzwanzig, weiter herauf sehr viel mehr durch fakultative Stunden in Latein.
RUDOLF STEINER: Wir können [die Stundenzahl] nicht vermehren.
PAUL BAUMANN [vermutlich]: Es kommt Eurythmie für Fortgeschrittene und soziale Erkenntnis dazu in der 7. und 8. Klasse.
RUDOLF STEINER: Wie kommt es, dass in den Zeugnissen Eurythmie nicht als besonderer Gegenstand auftritt, [sondern mit Musik zusammen]? Das ist etwas, was ich als Mangel empfinde.
PAUL BAUMANN: Weil ich alle Kinder [zu unterrichten] hatte, kannte ich die einzelnen zu wenig. - Auch in der Musik möchte ich vorschlagen, dass wir eine Stunde mehr anfügen.
RUDOLF STEINER: Sie glauben schon, dass es möglich ist, dass Musik und Eurythmie auftreten können?
PAUL BAUMANN: Ich wollte kein unsicheres Urteil abgeben.
RUDOLF STEINER: Beim Musikunterricht ist es möglich, dass wir etwas tun. - Es sind wenige Stunden, das ist richtig. - Herr Baumann, wollen Sie nicht ganz bestimmte Vorschläge machen, wie viel Stunden Sie in den einzelnen Klassen haben möchten?
PAUL BAUMANN: Wir können es verschieden machen. Wir können es so einrichten, dass wir getrennt Chorgesang und Gehörsübungen haben, oder dass wir Chorunterricht zu bestimmten Zeiten, zu den Festzeiten geben; das würde ich vorziehen.
RUDOLF STEINER: Nicht wahr, es würde sich darum handeln, dass Sie wahrscheinlichtaus den bisherigen Erfahrunigenssagen könnten, wie viel ungefähr Sie in einer Klasse haben wollten bei den einzelnen Übungen.
PAUL BAUMANN: Ich nehme an, dass ich die Klassen so bekomme, wie sie jetzt sind. Bei zu großen Klassen kann ich die Kinder nicht genügend kennenlernen.
RUDOLF STEINER Also könnten wir vielleicht das doch durchgehen? 1. Klasse, wie viel haben wir Stunden wöchentlich?
PAUL BAUMANN: 26½ Stunden.
RUDOLEF STEINER: Wie viel würden Sie brauchen [in der Musik] für die 1. Klasse?
PAUL BAUMANN: Eine Stunde.
RUDOLF STEINER: Dann würde sich das erreichen lassen, dass Sie die einzelnen Kinder auch kennenlernen. Dann würden wir haben 26½ Stunden in der 2. Klasse. Über den Stundenplan als solchen würde manches noch zu gestalten sein. Diese eine Stunde kann ja wohl sein. [Auch in der] 2. Klasse eine Stunde, [und in der] 3. Klasse. - fragt sich nur für die oberen Klassen, ob wir nicht ständig [den] Chorunterricht beibehalten. Das kann gemacht werden von Fall zu Fall. Es ist schon schwierig einzuschieben. Ich glaube, die Zeit, die Sie haben für den Musikunterricht, die können Sie einteilen für Einzelunterricht oder Chorunterricht.
Es kommt auch der Anstandsunterricht dazu. Der belastet ja nicht. Den können wir ruhig ansetzen. Ich meine, der kann zu den anderen Stunden dazukommen. Der darf nichts wegnehmen vom Musikalischen. Dann ist wesentlich: Das, was Sie wünschen, wenn Sie die neue Lehrkraft bekommen, dass Sie die einzelnen Schüler klassenweise haben und nicht zusammengelegt, das muss gemacht werden.
Außerdem liegt das vor, dass wir, sobald wir eine Möglichkeit haben, auch etwas Turnen anfügen. Turnen können wir ohne Weiteres dazu bringen, sodass wir sagen können: «Turnen und Eurythmie.»
Das wäre schon ganz gut. Es braucht nur so mit zu unterlaufen, dass wir das physiologische Turnen neben der psychologischen Eurythmie auch pflegen. Sobald gefragt wird, wird man sagen, wir haben es nicht ausgeschaltet, es wird einbezogen.
Wie können wir es dazu bringen, dass wir den Musikunterricht vermehren? Es sind wenige Stunden, das ist richtig.
Die Eurythmie, die könnte nicht vermindert werden, da müsste eine besondere Stunde dazukommen. Es genügt wahrscheinlich, wenn wir eine halbe Stunde [Turnen] in der Woche anfügen an die Eurythmie, oder wenn wir die Übungen daruntermischen. Gerade das müsste darin sein, Geräteübungen.
Eine Schwierigkeit ist es mit dem Turnen. Da können wir die Mädchen und Buben nicht zusammennehmen. Die Teilung ist eine Raumschwierigkeit. Man kann nicht Mädchen und Buben miteinander nehmen; beim Geräteturnen ist es nicht möglich. Ja, bei Freiübungen könnte man sie ohne Weiteres zusammennehmen. Wenn die Kinder Turnanzüge haben, [dann ginge es]; es ist doch nur ein Vorurteil. Wir können es ja probieren.
Es wird ein Einwand gemacht.
RUDOLF STEINER: Warum meinen Sie? Es ist so, dass die Mädchen vieles nicht machen, was die Buben machen können. Da würde man Riegen zusammenstellen und würde sie abwechselnd behandeln. Der eine ist mit den Mädchen am Reck, der andere macht mit den Knaben Stabübungen. Die Mädchen müssten Turnhosen haben; dezente Hosen müssten fabriziert werden drunten in der Fabrik.
Ja, es ist nur dann die Frage, [wer den Turnunterricht gibt], dass Sie nicht überlastet werden. Nun liegt die ganze Schule, was Gesang und Eurythmie und Musik betrifft, [an Ihnen]; im Ganzen liegt viel an Ihnen.
PAUL BAUMANN, der bisher auch etwas Turnen gegeben hatte: Ich muss mir erst einteilen, ich konnte mir kein Bild machen. Wenn wir elf Klassen haben, dann ist sehr stark die Frage, ob das möglich ist. Könnten nicht auch die Klassenlehrer Turnunterricht geben? Nicht immer, aber hier und da?
RUDOLF STEINER: Die Klassenlehrer sind angestrengt. - Turnstunden brauchen in den drei untersten Klassen nicht gegeben zu werden. Die 1. und 2. Klasse könnten wir mit der Eurythmie schon befriedigen. Aber nachher müssten wir, um es nicht nicht zu haben, schon das Turnen haben. Es ist auch ganz gut, wenn es gemacht würde. Es wäre ganz schön, wenn es möglichst sich anschließen würde an die Eurythmie, dass die Kinder zuerst Eurythmie treiben und dann etwas turnen würden.
Das Turnen würde [für Sie] etwas viel werden. Daran hatte ich nicht gedacht. Es müsste die Möglichkeit gegeben werden, dass jemand anderer den Turnunterricht gibt, insbesondere da zwei da sein müssen. Die Eurythmielehrerin müsste dabei sein, das ist nicht schwer.
Nun ja, das muss ins Auge gefasst werden. Wir können entweder das Turnen weiter weglassen, oder wir müssten die Möglichkeit haben, eventuell noch eine Turnkraft zu haben. Das würde genügen, die eine Stunde für Eurythmie, und dann im Anschluss daran das Turnen. Eine halbe Stunde Eurythmie, eine halbe Stunde Turnen. [Aber] dann kriegen wir zu viel Stunden.
[Zu Elisabeth Baumann:] Jetzt hatten wir zwei Stunden Eurythmie. So wie Sie es jetzt gehabt haben in der letzten Zeit, hatten Sie nicht zu viel?
ELISABETH BAUMANN: Ich hatte oft 51 auf einmal. In der 3. Klasse hatte ich 48. Ich habe es so gemacht, dass ich die eine Hälfte zusehen ließ, während die anderen Eurythmie machten.
Rudolf Steiner ist damit einverstanden.
Elisabeth Baumann möchte die Klassen teilen.
RUDOLF STEINER: Das werden wir machen müssen, wenn wir das für die anderen Klassen erst sehen. Das muss man am Beginn des nächsten Schuljahres festlegen. Die Größe der Klasse ist nicht festliegend, es kommt ein Zuwachs hinzu. Das wird im Großen und Ganzen da sein. Wie viele Schüler, meinten Sie, werden wir in der nächsten 1. Klasse haben?
KARL STOCKMEYER [vermutlich]: [Fünfundsechzig.]
RUDOLF STEINER: Das müssten natürlich zwei werden. [Für die] 2. Klasse kommt das nicht in Betracht. Da werden es über 41 und 13, 54, 56. Die künftige 4. Klasse ist auch so groß, dass [es] über fünfzig [Kinder] werden. Es sind so viele Neue. Da sind sieben Neue. Es würde zum Beispiel möglich sein, dass man die 6. Klasse in Gesang und Turnen zusammennimmt. Turnen schon, Eurythmie nicht. Ich dachte auch, die kleinen Kinder [im Singen] Fräulein Lämmert zu geben. Sonst werden Sie nicht weit damit kommen, mit dem Singen.
Aber eigentlich ist nichts Besonderes festzustellen. Wenn es ausgemacht ist, dann ist dies in Ordnung. Der Turnunterricht würde eine halbe Stunde angefügt werden an den Eurythmieunterricht. Das wird für Herrn Baumann viel zu viel. Da muss man sehen, wie man mit der Lehrerschaft zurechtkommt.
Die Frage der Lehrerschaft muss [also] besprochen werden. Wir vermehren die Klassen, wir brauchen neue Lehrer. Es sind jetzt die zwei Baracken im Bau, die zu Anfang des nächsten Schuljahres fertig werden, hoffentlich. Und wenn die fertig sind, dann können wir gerade auskommen. Es geht vielleicht sogar auch, dass wir auskommen, wenn wir die künftige 4. und 2. teilen, weil die beiden weit über fünfzig hinauskommen. Dann geht es knapp mit den Räumen. Es geht nur so, dass wiederum die Nebenräume Not leiden. Es bleibt unerledigt. Es ist schade, dass Fräulein Lang nicht da ist. Man kann es versuchen, sie beisammen zu lassen. Man kann im Lauf des Jahres teilen. Jedenfalls würde das so eben gehen mit den Bauten, die wir jetzt haben. Aber es fehlt dann ein Raum für Gesang vorläufig, es fehlt ein Raum für den Kindergarten, und es fehlen weiter[hin] Klassenräume für weitere Klassen, die in den folgenden Jahren kommen. Es fehlt eine Bibliothek, es fehlt die Turnhalle, es fehlen Räume für die Fortbildungsschule - vielleicht kann man die Fortbildungsschule schließlich beiseitelassen —, es fehlt das Arztzimmer, von dem wir gesprochen hatten, eine ganze Anzahl Dinge. Wieso kann das fehlen? Das sind Dinge, die wir neulich besprochen haben. Der Hauptsaal, der als Eurythmiesaal dient, ist unbrauchbar. Es wird doch ein Saal für Eurythmie da sein. Es sollte versucht werden, diese Dinge zu lösen dadurch, dass man einen zweiten Stock aufsetzt.
KARL STOCKMEYER: Das stellt sich als unmöglich heraus.
RUDOLF STEINER: Warum ist das unmöglich?
KARL STOCKMEYER: Weil die Konstruktion - die Baugenehmigung ist widerruflich gegeben.
RUDOLF STEINER: Was heißt das: Die Baugenehmigung ist in stets widerruflicher Weise gegeben?
KARL STOCKMEYER: Sie gilt als befristet.
RUDOLF STEINER: Das Wichtigste ist das, dass man für diese Säle die wesentliche Verbilligung der Baumaterialien bekommt. Wenn der Saal daraufkommt, würde es nicht mehr da sein. Was ist der Gedanke, dass man Musik, Gesang, Eurythmie in demselben Saal weiter geben soll? Es ist der Plan erwogen, dass man weiter bauen muss. So muss auf einem anderen Platz gebaut werden, um diesen Raum zu schaffen. Der Plan, den wir zunächst versuchten, der war der, eine Turnhalle und neben der Turnhalle anzugliedern die Nebenräume, die ich hier nannte. Wenn das jetzt erst in Angriff genommen wird, so werden wir nie fertig. Es ist möglich, den Mittelraum zu erweitern und dann im Herbst, wenn man sofort anfangen kann, die neuen Räume zu beziehen. Die Pläne sind vorbereitet, es hängt davon ab, dass man die Bauten nicht irgendwo hinstellen kann, ohne dass man die Bauten nicht ...
Die Textüberlieferung zur juristischen Sachlage bricht an dieser Stelle ab. Der Text beginnt wieder mit der Frage nach den bautechnischpraktischen Aspekten, weshalb die Aufstockung des Gebäudes nicht machbar ist.
RUDOLF STEINER: Woran liegt es, dass man einen ersten Stock draufbauen wollte und dann nicht konnte?
KARL STOCKMEYER: Die Standfestigkeit des Unterbaues ist dann zu stark in Anspruch genommen.
RUDOLF STEINER: Ich verstehe nichts. Wodurch stellt sich das heraus? Was sagt der Architekt Weippert dazu? Hatte er das nicht vorher gewusst? Es ist schrecklich, dass immer Ideen entstehen, die nachher nicht durchführbar sind. Natürlich kann man - nachher muss alles umgeändert werden. Es ist schrecklich, dass diese Architekten immer Ideen haben, die nachher nicht durchführbar sind. Bei diesen Leuten sollte man einem nicht Sachen versprechen [lassen], mit denen man drei Monate lang rechnet. Der baupolizeiliche Gesichtspunkt hätte vorher durchdacht werden müssen. Ich würde mich in Dornach zum Beispiel nie einlassen darauf, dass mir ein Plan vorgelegt würde [von etwas], was nicht absolut ausgeführt werden kann. Hier wird ewig neu eingeteilt und so weiter.
Man verliert die Zeit damit. Man soll sich herumtragen mit einer Idee und nachher ist wieder nichts. Man hat doch gerechnet damit, dass der Eurythmiesaal hinaufgelegt wird. Ich meine, wir haben damit gerechnet. In Dornach erzählten Sie es mir noch.
KARL STOCKMEYER: Nicht als feste Tatsache, sondern als eine Möglichkeit.
RUDOLF STEINER: Möglichkeiten kenne ich nicht. Wenn mir das jemand erzählt, so halte ich es für eine Wirklichkeit, oder es ist nichts. Die Baupolizei muss doch erst definitiv gefragt werden, und der Architekt muss wissen, ob er darauf bauen kann.
Nun ist der einzig mögliche Plan, [eine Turnhalle und neben der Turnhalle anzugliedern die Nebenräume, die ich hier nannte], der gewissermaßen den ersten Teil eines rationell gebauten Schulgebäudes darstellen müsste. Es würde sich darum handeln, wohin das gebaut werden soll.
Das müsste in aller Sorgfalt überlegt werden. Ist dazu Geld da? Es handelt sich darum vor allen Dingen, ob das Geld dazu da ist. Man muss das Geld ausgeben, auch wenn es nicht gerechtfertigt ist. st da. Es sind zehn Millionen eingezahlt worden. Nur wollen die Herren nur unriskante Geschäfte machen. Die ganze Frage ist eine Mutfrage. Wir müssen darauf aufbauen. Die geistigen Werte werden ohnehin aus der Schule hervorgehen und nicht aus dem Übrigen. Infolgedessen müssen wir den Mut haben, unsolide Geschäfte machen. Wir dürfen aber nicht mehr unsolide machen als solche, die wir durch die soliden ausgleichen können.
Bei dem «Kommenden Tag» können wir es nicht machen. Da muss eine andere Institution geschaffen werden. Die besteht darin, dass die Leute so viel geben, als wir brauchen. Der «Kommende Tag» muss seine Tantiemen bezahlen. Die zehn Millionen sind schon verbraucht. Dann muss man in den sechs Wochen herumreisen und das Geld aufbringen.
Es ist nur die Frage, wie es gemacht wird. Dann muss man sehen, dass man durch Erfindungen etwas herausholt. Es müsste Geld geschafft werden. Und da ist es notwendig, dass wir den Plan mit dem Schulverein doch vergrößern. Es ist sehr leicht möglich, dass wir vielleicht, wenn wir es aufnehmen überhaupt, einen Weltschulverein, der eventuell, nachdem er für die Waldorfschule Geld herausgegeben hat, wenn wir einen solchen Verein gründen, überhaupt für solche Schulen, international, dass wir Geld kriegen, während es jetzt einem überall begegnet, dass die Leute sagen, wir haben in Berlin kein Interesse daran, just für die Waldorfschule zu bezahlen. Wenn wir einen Weltschulverein gründen, dann ist es vielleicht möglich, dass man hier etwas verwenden kann. Es ist wahrscheinlich gar nicht möglich, wenn die Leute von vornherein bezahlen sollen für die Stuttgarter Waldorfschule, dass wir viel hereinkriegen. Dann müsste man sehen, dass wir durch Erfindungen etwas bekommen. Es ist allerhand in Arbeit, aber das geht nicht so geschwind. Wir haben etwas sehr Aussichtsreiches in Dornach, eine Rasierseife und das Haarmittel «Verlockung», aber es geht nicht so schnell, das Inaugurieren. So geschwind kann man die Sachen nicht erfinden, dass wir schon für den Herbst einen Turnsaal und einen Eurythmie- und Gesangssaal haben. Dann müssten zuerst allen Kahlköpfen Locken wachsen.
EMIL MOLT: Ich wollte es ausprobieren auf die Gefahr, dass meine Frau mich nicht mehr kennt.
RUDOLF STEINER: Unsere Eurythmiedamen haben es schon auf sich genommen, das Haarmittel hier zu verwenden, damit ihnen Schnurrbarthaare wachsen. Dann werden sie es mit der Rasierseife wieder wegnehmen. Dann wachsen einem die Tausendmarkscheine auf dem Kopf. Frau Molt weiß noch gar nicht, um was es sich handelt. Es ist noch viel Geld da. Man hatte schon dreimal vorgebaut. Die Mitglieder [der Anthroposophischen Gesellschaft] wissen nicht, wie wichtig die Waldorfschule ist.
EMIL MOLT: Die Leute schlafen doch.
RUDOLF STEINER: Ich habe neulich mit einigen Damen gesprochen, die haben keine Ahnung gehabt, dass es so drängt. Heute hat Strakosch gesagt, dass in Wien eine Sammlung, eine Veranstaltung gemacht werden soll. Es wird überall, an vielen Stellen gesagt, dass Schulen gegründet werden sollten. Das Einzige ist das, dass man die Leute bittet. Diese Idee dürfen wir nicht aufkommen lassen, dass wir hier alles absorbieren wollen. Deshalb habe ich mit Herrn Kühn besprochen, dass [man] nicht hier in Stuttgart alles zentralisiert, sondern herumreist in den einzelnen Städten, dass sich die Sache verbreitet, dass man nicht Sachen herumschickt und den Leuten diktiert. So entstand in Berlin der Gedanke, [eine] Schule zu begründen. Jetzt haben sie zehntausend. Wir dürfen, das dürfen wir nicht probieren, dass die Leute ihre Schulpläne zurückstellen sollen. Da handelt es sich darum, dass wir die Leute nicht vor den Kopf stoßen. Da müssen wir eben reisen. Für die Turnhalle wird man den «Kommenden Tag» um Kapital angehen und sich verpflichten, das Kapital zu verzinsen. 400000 Mark, dafür kann man die Zinsen aufbringen, sodass das, jetzt sein muss im Interesse des Fortganges, sofort geschehen kann. Ein anderes Ausbau der Schule selbst. Denn wenn wir die Schule weiterführen wollen, auch über das nächste Jahr hinaus und die von selbst sich ergebende Vergrößerung machen wollen, dann brauchen wir noch viel mehr Raum.
PAUL BAUMANN: Es wird nötig sein, einen Musiksaal zu haben und ein Klavier, über das ich wegschauen kann in dem großen Raum. Wenn dann die großen Klassen kommen, dann muss man einen großen Raum haben. Man wird sich vielleicht helfen können, dass man eine von den großen Klassen nachmittags als Gesangssaal verwendet.
RUDOLF STEINER: So kann man sich vielleicht helfen, bevor der Turnhallenbau hergestellt ist. Es haben sich dadurch einige Sachen geändert, dass wir ... [Lücke in der Mitschrift]. Jetzt kommen wir zu der Frage, die doch in irgendeiner Weise gelöst werden muss. Es geht die Schule nicht weiter. Die Raumfrage und die künftige Lehrerfrage müssten gelöst werden.
Es wird nun über die Notwendigkeit gesprochen, auch Lehrerwohnungen zu bauen.
KARL STOCKMEYER: Morgen werden Weippert und Schmied [die Architekten] da sein. Lehrerwohnungen werden gebraucht.
Es war mir gesagt worden, der günstige Platz sei die obere Ecke. Es hat sich auch dann, nachdem die Besprechungen bei den Nachfragen stattgefunden haben, herausgestellt, dass der Platz nicht nötig ist. Auch dieser Platz kann für die Wohnung nicht verwendet werden, weil die Feuerpolizei einen Zufahrtsweg verlangen würde, der jetzt noch nicht gebaut werden konnte. So ist man von diesen Plänen abgekommen, und die Sache ist noch nicht weiter gediehen. Diese Sache sollte auch morgen vorgelegt werden.
RUDOLF STEINER: Jetzt wären wir da. Eigentlich ist im Grunde genommen die ganze Raumfrage ungelöst. Die Raumfrage ist [nur so weit] gelöst, dass die Klassen untergebracht werden können. Die notwendigen Nebenräume sind zum großen Teil unvollkommen oder nicht da.
Wir werden doch - wie viele neue Klassen werden wir haben? Eine 1., eine 6., eine 9. Die Bibliothek kann dort sein. Es fehlt die Turnhalle, der Zeichensaal. Turnhalle würde der Eurythmiesaal sein. Da müssen wir uns nach der Decke strecken. Nur, für die Eurythmie muss er groß sein. Da müsste man sehen, wie man fertigbringt, dass man die Turnhalle mit den entsprechenden Nebenräumen noch bauen kann.
EUGEN KOLISKO: Es wurde die Lehrerwohnungsfrage angeschnitten, aber dies scheint mir nicht so wichtig als die Frage, ob es überhaupt und wann es in Angriff genommen wird.
RUDOLF STEINER: Es scheint mir, dass wir heute [nur] zur Aufzählung kommen dessen, was unbedingt gemacht werden muss. Es zeigt sich an dem Falle, dass man nicht weiterkommt, wenn man es nur auf kleine Dimensionen anlegt. Wenn jetzt mit der Turnhalle angefangen würde, dann werden sich gegen Weihnachten hin die Verhältnisse so verbessern können, dass wir wirklich annehmbare Verhältnisse haben. Es schwebt alles in der Luft, es weiß niemand, ob es nicht in vierzehn Tagen anders ist. Man müsste eine bestimmte Angabe darüber haben, was die Dinge kosten. So kann man nicht die Verhandlungen treiben.
KARL STOCKMEYER: Wir sind selbst daran schuld, weil wir nur für Augenblicke gesorgt haben. Die Anmeldungen haben sich überstürzt. So kam es, dass innerhalb drei Wochen die Verhältnisse veraltet waren.
EUGEN KOLISKO [vermutlich]: Deshalb haben wir einen Bebauungsplan vorgesehen; das konnte niemals gemacht werden, ohne dass Sie selbst anwesend waren. Deshalb wollten wir das jetzt in Anstand lassen.
EMIL MOLT [vermutlich]: Nun müssen wir uns die Dinge so anschauen, dass das, was für die Bedürfnisse da sein muss, das muss gemacht werden. Dazu muss das Geld aufgebracht werden. Die Geldfrage hat sich unterzuordnen. Wir haben noch keine persönliche Propaganda getrieben, wir haben unter den Eltern gesprochen, die ein wirkliches Interesse am Bestehen der Waldorfschule haben. Da gibt der eine ein Darlehen. Die persönliche Bearbeitung muss vorgenommen werden. Was nicht auf diese Weise zusammenzubringen ist, das muss für die Turnhalle durch ein Darlehen vom «Kommenden Tag» aus bewirkt werden. Wir werden in diesen Tagen zu einem umfassenden Plane der Geldbeschaffung kommen müssen. Ich bin der Ansicht, dass an den pekuniären Sachen der Fortschritt der Waldorfschule nicht scheitern sollte.
RUDOLF STEINER: Ja, es muss irgendetwas Bestimmtes vorliegen. Man kann auf all das hin nicht verhandeln, wenn man die Erfahrung macht, dass der Architekt erklärt, er kann den Saal machen, und dann, er kann es nicht machen. Auf solche Dinge hin verhandeln, das ist eine furchtbare Wirtschaft. Das heißt: Dass wir einen Eurythmiesaal brauchen, wissen wir schon lange, das haben wir [in der letzten Konferenz] besprochen. Hier, mit Bezug auf den Eurythmiesaal liegt die Sache so, dass in der letzten Konferenz besprochen wurde, dass der Eurythmiesaal eine Notwendigkeit ist. Das liegt vor, seit Wochen. Das ist eine Sache, die von mir angenommen wurde als eine abgemachte Sache. Vielleicht verzichten die Lehrer auf das Lehrerzimmer. Ich habe mich [darauf] eingestellt, dass man sieht, was unbedingt für die Lehrer notwendig ist, zu schaffen. Dass man einen Saal draufbauen könnte, das ist wichtig!
Zwischenruf von WALTER JOHANNES STEIN: Alles für die Katz!
RUDOLF STEINER: Das ist schon in der Konferenz gesagt worden: Man kann doch hier nicht Eurythmie treiben. Es ist unter dem Eindruck des dazumal Beschlossenen der Plan aufgetaucht, und Sie hatten mir gesagt, dass der Architekt gesagt hat, man kann das draufbauen. Jedenfalls haben wir drei Wochen verloren dadurch, dass der Architekt behauptet hat, er kann einen Stock aufbauen, was heute nicht wahr ist. Wir haben dadurch, dass der Architekt sich in dieser Weise geäußert hat, einfach die drei Wochen verloren! Der Plan ist als möglich hingestellt worden, die Baupolizei spuckt dazwischen. Ein Architekt, der gebaut hat, muss wissen, was die Baupolizei gemacht hat, oder nicht macht.
Wir wollen jetzt nicht mehr interimistisch bauen; man muss doch jetzt, was wir neu hinstellen, ein bisschen mehr auf längere Zeit bauen. Die Konferenz [morgen] muss man unter allen Umständen haben. Auf Grundlage von unserem Beschluss können Sie zur Polizei gehen und fragen. Informatorisch können Sie sich [bei der Baupolizei] immerhin schon erkundigen, bevor Sie offiziell eine Sache vorlegen, ob die Sache Aussicht hat auf Genehmigung. Jedenfalls können wir nichts weiter darüber reden, da kein Plan vorliegt. Das wollte ich nur prinzipiell vorbringen.
Jemand sagt: Wir hatten gedacht, morgen diese Dinge vorzulegen.
EUGEN KOLISKO bittet Rudolf Steiner, zur Frage der Lehrerwohnungen Stellung zu nehmen.
RUDOLF STEINER: Nicht wahr, es ist schwer für mich, mich zu äußern, da ich nicht in der Lage bin, das Geld auf den Tisch zu legen. Das ist das Erste, wovon man ausgehen muss. Solange man das Geld nicht hat zu den Lehrerwohnungen, ist es eine rein akademische Frage. Wenn man von den Lehrerwohnungen absieht, so ist es so: Es sind gewisse Sachen, die beschafft werden müssen. Entweder werden die Sachen nicht durchgeführt, oder die Dinge müssen gemacht werden. Es wäre wichtig, diese Fehler, dass die Dinge auf kleinem Maßstab angelegt werden, [zu vermeiden]; dass man die Sachen unbeschadet der finanziellen Verhältnisse so anlegt, wie es sein muss.
Ich bin sicher, dass, nachdem die Sache so angehoben hat mit der Selbstaufopferung der Lehrer, dass die Sache geistig gehen wird, geistig nicht Fiasko macht. Das zeigt der Stoß des ersten Jahres, dass wir durchhalten können. Ob die Welt uns Geld gibt? - Ich glaube schon kaum mehr, dass die Welt zu solchen Sachen Geld gibt. Die Leute zeigen nicht Verständnis dafür. Das ist dasjenige, was mir wirklich eine furchtbare Sorge ist. Das, was wir heute auch am Anfang dieser Stunde gesagt haben, das ist durchaus richtig auf geistigem Gebiet. Die ganzen materiellen Fragen müssten auf einen vernünftigen Boden gestellt werden.
Was können wir dazu tun? Da ist die wichtige Frage, inwieweit wir die Ausdehnung der Schule vornehmen können. Irgendwie müssen wir dann eine gewisse Begrenzung haben, oder wir müssen so Leute hinter uns haben, die Millionen stiften. Die Unzuträglichkeit hängt damit zusammen, [mit] der Tatsache, dass wir jede Anmeldung angenommen haben. Deshalb möchte ich vorschlagen, im Sinne der Einführungsrede, dass wir jetzt erklären, dass wir die Schule in dem Ausmaße fortführen, als es war; dass wir ablehnen, neue Kinder aufzunehmen, wenn wir nicht in der Lage sind, einen Turnsaal zu bauen. Wir teilen es der Welt mit, dass wir von keiner Seite unterstützt werden. Dies müsste in möglichst wirksamer Weise der Welt mitgeteilt werden. Wir führen die Schule im Rahmen des vorigen Jahres fort, wir müssen [aber] die schon aufgenommenen Schüler leider zurückweisen. Die Welt sollte wissen, wie es sich verhält. Dies müsste der Welt bekannt gegeben werden. Wir werden hypothetisch sagen, wenn wir nicht in der Lage sind, die Mittel zu bekommen, dass wir bis Herbst einen Eurythmie- und Turnsaal aufführen können, müssen wir die Schule beschränkt lassen auf die Größe, die sie schon hat. Wenn wir nicht solche radikale Maßregeln treffen, kommen wir nicht vorwärts. Wir können auch die Lehrer nicht bezahlen.
WALTER JOHANNES STEIN: Ich kenne nicht die finanziellen Unterlagen der Schule, glauben Herr Doktor nicht, dass, wenn wir herumreisen, dass wir durch Vorträge Geld zusammenbringen?
RUDOLF STEINER: Sie sind schon herumgereist. Gewiss, das kann gemacht werden. Ich glaube nicht, dass Ihre Arbeit eine fruchtbare sein wird, wenn wir die Welt nicht darauf aufmerksam machen, dass wir nicht arbeiten können, wenn es so bleibt, wie es jetzt ist.
EMIL MOLT schlägt vor, persönliche Schritte bei den hiesigen Industriellen zu versuchen.
RUDOLF STEINER: Ich glaube schon, dass es einen Eindruck machen würde, wenn wir die früheren Schüler behalten, aber keine Neuen aufnehmen, und dass wir denen wieder absagen müssen. Wenn wir dies der Welt bekannt geben, so glaube ich, würde es nützen. Wenn wir in dieser schrecklichen [Weise] wirtschaften, sodass man nie weiß, wohin es kommen soll, immer so und so - da kommen wir nicht weiter. Es müsste, es muss eine geharnischte Erklärung sein, dahingehend, dass hier etwas aufgehen kann durch die Tätigkeit einer dazu geeigneten Lehrerschaft, und dass die Welt dazu versagt mit ihren finanziellen Mitteln, die dahinterstehen sollten.
BERTA MOLT: Sie tun es nicht. Die Leute sagen, warum soll man alles nach Stuttgart geben? Es haben doch die Leute in Hamburg und Berlin kein Interesse an Stuttgart.
RUDOLF STEINER: Das Wichtige ist, dass überhaupt die geistige Bewegung gefördert wird. Das können wir nicht sagen, dass es wichtig ist, dass es hier entsteht, wenn wir etwas gründen wollen, was für alle ist, wenn wir etwas gründen, was für Stuttgart ist.
Wir können die Kinder nicht unterbringen.
Zwischenruf: Die müssen zuerst gebaut haben!
RUDOLF STEINER: Das geht ganz entschieden nicht, [dass wir sagen,] sie sollen für Stuttgart geben und von anderem absehen. Es muss mindestens der Gesichtspunkt angeschlagen werden, man kann ein Zentralinstitut in Stuttgart bauen und verlangen, dass die Welt dazu Beiträge gibt.
KARL STOCKMEYER: Soll man eine Erklärung bringen in den Zeitungen, die zum Ausdruck bringt, dass die Schülerzahl in einer bisher nicht gedachten Weise angewachsen ist, dass wir dadurch in eine Lage versetzt sind, Lehrer anzustellen, um die Schule im gleichen Geist fortzuführen, in dem Maße, wie es notwendig ist? Und dass wir angewiesen sind auf die Unterstützung?
RUDOLF STEINER: Wir müssen positiv sagen, dass wir bereit sind, die Schule in der bisherigen Weise fortzuführen, dass wir aber nicht in der Lage sind, die Anmeldungen zu berücksichtigen, wenn uns die Welt nicht unterstützt. Wir müssten irgendein radikal ernstes Wort sagen. - Wir werden die Errichtung der neuen Klasse[n] nicht mehr unter dem Gesichtspunkt betrachten, wie viel Anmeldungen wir haben.