Read inEnglishGermanSide by sideAnother English translation: translated by John Riedel

Esoteric Lessons for the First Class I

GA 270 — 29 February 1924, Dornach

Dritte Stunde

Beginnen wir, meine lieben Freunde, mit jenen uns schon bekannten Worten, die - gewissermaßen die Richtung ins Geistige andeutend — der Hüter spricht zur Charakteristik desjenigen, was der Mensch empfinden kann an der Schwelle zur geistigen Welt, wenn er an dem Hüter vorbeischreiter:

Aus den Weiten der Raumeswesen,
Die im Lichte das Sein erleben,
Aus dem Schritte des Zeitenganges,
Der im Schaffen das Wirken findet,
Aus den Tiefen des Herzempfindens,
Wo im Selbst sich die Welt ergründet: Da ertönt im Seelensprechen,
Da erleuchtet aus Geistgedanken
Das aus göttlichen Heileskräften
In den Weltgestaltungsmächten
Wellend wirkende Daseinswort:
O, du Mensch, erkenne dich selbst.

Es handelt sich ja zunächst darum, dass der Mensch im Gedanken nachgeht die Wege, die gegangen werden, wenn der Zugang gesucht wird in die geistige Welt. Und man darf nicht etwa sagen, wenn irgendjemand in seinen Gedanken nacherlebt, was der Einzuweihende durchmacht in der Wirklichkeit beim Eintritt in die geistige Welt, dass der Nachdenkende - wenn er ehrlich und ernst lebt in seinen Gedanken - nicht mitmachte, wenn auch nur im ideellen Abglanz nicht mitmachte dasjenige, was eben sich für die Menschenseele offenbart beim wirklichen Eintritt in die geistige Welt.

Man sollte nicht sagen: Überlassen wir den Eintritt in die geistige Welt denjenigen, die die Einweihung suchen, um dann drinnen zu stehen mit ihrer Seele in dem geistigen Dasein, so wie sonst der Mensch steht mit seinen Sinnen im physischen Dasein; sondern man sage anders. Man sage: Wenn man herangeht an dasjenige, auch nur denkend, in Gedanken nacherlebend, was darstellt den Weg in die geistige Welt, darstellt den Eintritt in die geistige Welt, darstellt dasjenige, was dann einem entgegentritt in der geistigen Welt, dann wird man, wenn man in den Gedanken nur nicht oberflächlich ist, durchaus auch ein volles Empfinden und ein volles Erleben haben von demjenigen, was sich regt, wenn man aus der Welt des Scheines, aus der Welt der Sinne, die sonst nur der Verstand erfassen kann, eintritt in die geistige Welt.

Daher ist dasjenige, was ich heute zu Ihnen sprechen werde, meine Lieben, nicht etwa bloß für denjenigen gesprochen, der mit seinem Gemüte jene Umwandlung sucht, die ihn in die geistige Welt hineinstellt, sondern es ist auch für denjenigen gesprochen, der diese Umwandlung zunächst nur in seinen Gedanken erlebt. Und das wollen Sie ja im Grunde alle, sonst würden Sie nicht hier sitzen.

Deshalb muss das Folgende gesagt werden: Wenn der Mensch in der Sinneswelt seine Beobachtungen macht - das Leben besteht ja aus solchen Beobachtungen -, wenn der Mensch dann dasjenige, was in der Sinneswelt ihm entgegentritt, zum Anlass nimmt, seinen Willen zu entfalten, wenn er aus der Beobachtung zur Tat übergeht und dasjenige auf sein Gemüt wirken lässt im Fühlen, was sich aus Tat und Gedankenbeobachtung zusammensetzt, dann steht der Mensch, weil ihm das nun einmal als physisches Erdenwesen zwischen der Geburt und dem Tode eingepflanzt ist, es steht der Mensch auf einem gewissermaßen sicheren Boden. Diesen sicheren Boden, wo er ihn nicht hat, da sucht er ihn ja. Er sucht überall, wenn er irgendetwas glauben soll, die Tatsachen, die das lehren. Er frägt: Welche Erfahrung beweist dieses oder jenes? Er nimmt nicht gern etwas an im gewöhnlichen Leben, was nicht durch diese oder jene äußere Erfahrung bewiesen wird. Der Mensch steht da auf einem sicheren Boden, weil er sich sagt: Dasjenige ist wahr, was man gesehen hat, dasjenige ist wirklich, was man angegriffen hat. Es ist da durch die Welt selbst, durch die Weltordnung, eine gewisse Sicherheit im menschlichen Leben. Und weil diese Sicherheit ist, unterscheidet ja der Mensch, soweit eben das für das gewöhnliche Leben zwischen Geburt und Tod nötig ist, unterscheidet er zwischen Wahrheit und Illusion, Wahrheit und Schein, Wahrheit und Traum. Wo eben die Korrektur durch das Leben nicht stattfinden kann, die Verifizierung, da redet der Mensch von Schein. Und nur das, dass er reden kann im gewöhnlichen Leben von Wahrheit und Schein, von Wirklichkeit und Schein, das führt ihn sicher durch das Leben hindurch.

Bitte stellen Sie sich einmal vor, meine lieben Freunde, Sie gingen durch das gewöhnliche sinnliche Leben, das Sie durchmachen zwischen der Geburt und dem Tode, so, dass Sie richtig niemals recht wissen könnten, ob irgendetwas, was Ihnen entgegentritt, Wahrheit oder Illusion ist. Sie könnten nicht kontrollieren, ob ein Mensch, der Ihnen gegenübersteht, der Ihnen etwas sagt, nun ein wirklicher Mensch ist oder ob er ein Scheingebilde ist. Sie könnten nicht unterscheiden, ob irgendein Ereignis, das Ihnen begegnet, von Ihnen bloß geträumt ist oder ob es in dem Tatsachenzusammenhang der Welt darinnensteht. Denken Sie nur, welche Unsicherheit, welche furchtbare Unsicherheit in das Leben hineinkäme!

Aber so, wie Sie sich fühlen würden, wenn Ihnen das Leben auf Schritt und Tritt die genaue Kontrolle entzöge, ob Sie träumen oder ob Sie der Wirklichkeit gegenüberstehen, so ist es, wenn zunächst der Schüler an der Pforte, an der Schwelle der geistigen Welt steht. Das ist das allererste bedeutsame Erlebnis, dass er, wenn er an der Schwelle der geistigen Welt steht, merkt: Jenseits dieser Schwelle ist die geistige Welt.

Wir haben ja gesehen: Zunächst strömt da nur Finsternis aus dieser geistigen Welt heraus. Aber dasjenige, was da oder dort herauswellend, herausleuchtend erscheint, das ist bei der ersten Erfahrung - in die noch der Hüter der Schwelle seine Worte hineintönen lässt, wie wir sie das letzte Mal gehört haben -, bei der ersten Erfahrung so, dass Sie niemals zunächst mit all dem, was Sie sich errungen haben in der physischen Welt an Sinneserkenntnis, an Verstandeserkenntnis, dass Sie mit all dem, was Sie sich da errungen haben, niemals unterscheiden können, ob Sie ein wirkliches geistiges Wesen, eine wirkliche geistige Tatsache oder aber vor sich haben ein Traumgebilde.

Das ist die allererste Erfahrung, die man macht gegenüber der geistigen Welt, dass sich ineinandermischen Schein und Wirklichkeit und die Unterscheidung zwischen Schein und Wirklichkeit zunächst ganz problematisch ist. Das ist auch dasjenige, das gar sehr berücksichtigen sollte derjenige, welcher nicht in regelmäßigem Schülergange, sondern wie durch elementarische Kräfte, die aus allem Möglichen heraus kommen können, aus erschütternden Ereignissen, aus Krankheit und so weiter - das ist, was der, der durch solche elementarischen Kräfte erlebt diese oder jene Impressionen aus der geistigen Welt, wohl berücksichtigen sollte. Er sollte sich nicht von vornherein vormachen: Nun hast du die geistige Welt; denn es könnte sehr wohl sein, dass dasjenige, was sich ihm da oder dort aufblitzend zeigt aus der geistigen Welt, eben eine bloße Illusion ist. Daher ist das Erste, was man lernen muss, um in die geistige Welt eintreten zu können in rechter Weise, das von allem, was man in der physischen Welt erfährt, unabhängige Unterscheidungsvermögen für Wahrheit und Irrtum, für Wirklichkeit und Illusion. Man muss sich ein ganz neues Unterscheidungsvermögen aneignen für Wirklichkeit und Illusion.

In unserer Zeit, in der ja die Menschen nicht mehr sehr viel geben auf dasjenige, was aus der geistigen Welt hereinleuchtet, in der die Menschen ganz und gar in der allgemeinen Zivilisation nur etwas geben auf dasjenige, was handgreiflich ist, was mit physischen Augen gesehen werden kann, in unserer Zeit, wo der Mensch sich ganz und gar gewöhnen will an die äußere Sicherheit, die das Leben zwischen Geburt und Tod gibt, in dieser Zeit ist es ganz besonders schwierig, sich dieses Unterscheidungsvermögen für Wahrheit und Irrtum, Wirklichkeit und Schein für die geistige Welt anzueignen. Und es ist auf diesem Gebiete der allerallergrößte Ernst notwendig.

Und woher kommt denn das? Ja, sehen Sie, wenn Sie als physischer Mensch gegenüberstehen der äußeren Welt, so machen Sie sich über diese äußere Welt Ihre Gedanken. Aber gleichzeitig mit diesen Gedanken kommen an Sie die Eindrücke der physischen Welt heran. Diese Eindrücke der physischen Welt, die gehen gewissermaßen unter den Gedanken durch, die tragen Sie. Sie brauchen nicht viel dazu zu tun, um in der Wirklichkeit zu leben. Die Wirklichkeit nimmt Sie auf als physische Wirklichkeit.

In der geistigen Welt ist das ganz anders. In die geistige Welt müssen Sie erst hineinwachsen. Der geistigen Welt gegenüber müssen Sie sich erst erwerben eine richtige Empfindung von der wahren eigenen Wirklichkeit. Dann können Sie nach und nach zu einem Unterscheidungsvermögen kommen zwischen Wahrheit und Irrtum, zwischen Wirklichkeit und Schein.

Wenn Sie sich auf einen Stuhl setzen: In dem Augenblicke, wo Sie nicht zu Boden fallen, sondern in der regelrechten Lage sitzen können auf dem Stuhl, wissen Sie, der Stuhl ist in der physischen Welt ein wirklicher Stuhl, nicht bloß ein vorgestellter Stuhl. Der Stuhl sorgt dafür, dass Sie zu der Anschauung seiner Wirklichkeit kommen.

Das alles ist in der geistigen Welt nicht so da. Denn warum ist das in der physischen Welt so? Da in der physischen Welt ist das aus dem Grunde so, weil in der physischen Welt Ihr Denken, Ihr Fühlen, Ihr Wollen durch den physischen Körper als eine Einheit getragen wird. Sie sind ein dreigliedriger Mensch: ein denkender Mensch, ein fühlender Mensch, ein wollender Mensch. Aber das alles ist ineinandergefügt durch den physischen Leib.

In dem Augenblicke, wo der Mensch in die geistige Welt hineintritt, da wird er sogleich ein dreifaches Wesen. Sein Denken geht eigene Wege, sein Fühlen geht eigene Wege, sein Wollen geht eigene Wege. Diese Gliederung, diese Spaltung in drei macht er sogleich durch, wenn er in die geistige Welt eintritt. Und Sie können in der geistigen Welt denken, Gedanken haben, die gar nichts zu tun haben mit Ihrem Wollen: Dann aber sind diese Gedanken Illusionen. Sie können Gefühle haben, die nichts zu tun haben mit Ihrem Wollen: Dann sind diese Gefühle etwas, was zu Ihrer Vernichtung, nicht zu Ihrer Förderung beiträgt.

Das ist das Wesentliche, dass der Mensch in dem Augenblick, wo er an die Schwelle zur geistigen Welt herantritt, sich so vorkommt, als flöge sein Denken in die Weltenweiten, als gehe sein Fühlen hinter seine Erinnerungen zurück.

Beachten Sie das Letztere, was ich gesagt habe. Sehen Sie, die Erinnerung ist tatsächlich etwas, was hart an die Schwelle zur geistigen Welt herankommt. Denken Sie, Sie haben vor zehn Jahren etwas erlebt. Es kommt in der Erinnerung wieder herauf. Das Erlebnis steht da. Sie sind zufrieden, mit Recht zufrieden für die physische Welt, wenn Sie bis zu einer recht lebhaften Erinnerung kommen. Aber derjenige, der in die geistige Welt eintritt, bei dem ist es wirklich so, als ob er die Erinnerung durchstoßen würde, als ob er weiter gehen würde, als die Erinnerung reicht. Vor allen Dingen geht er weiter, als seine Erinnerungen reichen können für das physische Erdenleben. Er geht hinter die Geburt zurück.

Und wenn man in die geistige Welt eintritt, so fühlt man sofort, dass das Fühlen gar nicht bei einem bleibt. Das Denken wenigstens geht noch hinaus in die gegenwärtige Welt. Es zerstreut sich gewissermaßen in dem Weltenraum. Das Fühlen geht aus der Welt hinaus, und man muss sich sagen, wenn man dem Fühlen nachgehen will: Ja, wo bist du jetzt eigentlich? Wenn du im Leben fünfzig Jahre alt geworden bist, so bist du eigentlich weiter zurückgegangen als fünfzig Jahre in der Zeit; du bist siebzig Jahre, neunzig Jahre, einhundert Jahre, einhundertfünfzig Jahre zurückgegangen. Das Fühlen führt Sie ganz heraus aus der Zeit, die Sie miterlebt haben von Kleinkindheit auf.

Und das Wollen, wenn Sie es im Ernste fassen, führt Sie noch weiter zurück, in die vorigen Erdenleben. Das ist etwas, was sogleich auftritt, meine Lieben, wenn man an die Schwelle der geistigen Welt wirklich herantritt. Der Zusammenhalt des physischen Leibes hört auf. Man fühlt sich nicht mehr in den Grenzen seiner Haut eingeschlossen, aber man fühlt sich zerteilt.

Man fühlt, wie wenn ausstrahlen würde das Denken, das man früher zusammengehalten hat in seinem Gefühl, wie wenn das Denken ausstrahlen würde in die Weltenweiten und Weltengedanken werden würde. Man fühlt sich in der Zeit zurückgehend mit seinem Fühlen unmittelbar in der geistigen Welt drinnen, die man zwischen dem letzten Tode und dem diesmaligen Erdenleben durchgemacht hat. Und man fühlt sich in vorigen Erdenleben mit seinem Wollen.

Gerade aber diese Spaltung des menschlichen Wesens - ich habe sie beschrieben in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» -, gerade diese Spaltung des menschlichen Wesens, die macht Schwierigkeiten beim Betreten der geistigen Welt, denn die Gedanken verbreitern sich. Dasjenige, was man zusammengehalten hat, geht in alle Welt über. Damit aber wird es zugleich fast unwahrnehmbar. Und man muss sich erwerben die Fähigkeit, diejenigen Gedanken noch wahrzunehmen, die in solche Weiten hinausgehen.

Das Fühlen ist nicht mehr von Gedanken jetzt durchsetzt — denn die Gedanken sind einem gewissermaßen davongegangen -, das Fühlen kann sich nur in allgemeiner Hochschätzung, Hingabe, gebetartiger Stimmung wenden an diejenigen Wesen, mit denen man das Leben zwischen dem Tode und der Geburt, bevor man die Erde betreten hat, durchlaufen hat. Aber wenn man sein Leben heranerzogen hat für solches verehrendes Fühlen der geistigen Welt, so geht das noch.

In dem Augenblicke aber, wo man sich dem Wollen hingibt, das hin will in die vorigen Erdenleben, da tritt für den Menschen eben die große Schwierigkeit ein, dass er eine ungeheure Anziehungskraft in der Seele bekommt für alles dasjenige, was niedrig ist in seiner Wesenheit. Und hier wirkt am stärksten dasjenige, was ich vorhin sagte, dass es schwierig ist, zwischen Schein und Wirklichkeit zu unterscheiden. Denn der Mensch bekommt da einen wahren Hang dazu, sich dem Scheine hinzugeben. Ich will das so erzählen.

Wenn der Mensch beginnt zu meditieren, wenn er wirklich mit innerer Hingabe sich durchsetzt mit seinem Meditationsstoff - er möchte diese Meditation in möglichster Gleichgültigkeit ablaufen lassen; er möchte nicht, dass ihn die Meditation herausreißt aus der Behaglichkeit des Lebens. Und dieser Trieb, möglichst still zu sein, möglichst nicht herausgerissen zu werden aus der Behaglichkeit des Lebens, dieser Trieb ist ein starker Illusionserzeuger, ein starker Scheinerzeuger. Denn gibt man sich restlos ehrlich der Meditation hin, dann kommt ganz notwendig herauf aus den Tiefen der Seele die Empfindung: Was ist eigentlich alles an Anlage zu Bösem in dir! Man kann gar nicht anders, als durch die Meditation, durch jenes innerliche Vertieftsein, man kann gar nicht anders als wirklich fühlen, tief fühlen: Da ist alles Mögliche da, was du eigentlich tun könntest, wozu du fähig wärest. Aber nur — der Trieb ist so stark, sich das ja nicht zu gestehen, sodass man sich der Illusion hingibt: Man ist eigentlich ein guter, ein recht guter Mensch seinen innersten Anlagen nach.

Die wirkliche Erfahrung als Folge der Meditation gibt das nicht. Die zeigt einem, wie man beseelt sein kann von allen möglichen Eitelkeiten, wie man beseelt sein kann von allem möglichen Überschätzen seines eigenen Wesens und Unterschätzen des Wesens der anderen, wie man ganz durchsetzt ist davon, auf das Urteil von Leuten nicht nur deshalb etwas zu geben, weil sie von uns als Menschen empfunden werden, die etwas zu sagen haben, sondern weil man sich eben sonnen will in dem Urteil der anderen. Aber das sind noch die geringsten Dinge. Derjenige, der wirklich ehrlich meditiert, wird sehen, welche Triebe in seiner Seele eigentlich leben, zu was allem er eigentlich fähig wäre. Da tritt schon die niedere Menschennatur in einer starken Weise vor die innere Schau der Seele. Und diese Ehrlichkeit muss im Meditieren sein. Und wenn diese Ehrlichkeit da ist, dann eben spiegelt sich dasjenige, was eigentlich im Willen alles veranlagt ist, das spiegelt sich in den Worten, die ja auch schon vor unsere Seele getreten sind, es spiegelt sich dasjenige, was angeschlagen worden ist mit den Worten:

Schau das erste Tier, den Rücken krumm,
Knochenhaft das Haupt, von dürrem Leib,
Ganz von stumpfem Blau ist seine Haut;
Deine Furcht vor Geistes-Schöpfer-Sein
Schuf das Ungetüm in deinem Willen;
Dein Erkenntnismut nur überwindet es.

Und weil das so ist, weil der Mensch sozusagen durch einen Hang, sich über dieses einer Illusion hinzugeben, hinunterwürgt den notwendigen Eindruck der Meditation, deshalb entsteht dann jenes innerliche Aufstacheln, das Spottenwollen über die geistige Welt. Nur aus diesen Gegenkräften kann das ehrliche Drinnenstehen in der geistigen Welt hervorgehen. Dann tritt eben der Anblick des zweiten Tieres auf an der Schwelle:

Schau das zweite Tier, es zeigt die Zähne
Im verzerrten Angesicht, es lügt im Spotten,
Gelb mit grauem Einschlag ist sein Leib;
Dein Hass auf Geistes-Offenbarung
Schuf den Schwächling dir im Fühlen;
Dein Erkenntnisfeuer muss ihn zähmen.

Und das ist es, was uns dann, wenn wir nicht hinauskönnen, wenn wir ohnmächtig sind, die Gedanken, die wir während des Erdenlebens sonst im Kopfe festhalten, als Weltgedanken zu verfolgen, was uns - aus der Ohnmacht, unsere Menschengedanken zu Weltgedanken aufzuschwingen - als das dritte Tier erscheint:

Schau das dritte Tier, mit gespaltnem Maul,
Glasig ist sein Auge, schlaff die Haltung,
Schmutzigrot erscheint dir die Gestalt;
Dein Zweifel an Geistes-Licht-Gewalt
Schuf dir dies Gespenst in deinem Denken;
Dem Erkenntnisschaffen muss es weichen.

Je weniger wir uns einer Illusion hingeben über diese Dreiheit, die unser eigenes Wesen spiegelt, desto mehr gehen wir ein in jene Stätte, wo wir das in uns finden, was der wahre Mensch ist, der das Licht aus der geistigen Welt empfangen kann, der nun wirklich jenes Rätsel, soweit es auf Erden möglich ist, zu lösen in der Lage ist, das uns aufgegeben wird mit den Worten: «O du Mensch, erkenne dich selbst!» Denn aus dieser Selbsterkenntnis quillt die wahre Welterkenntnis, die dann durchs Leben in der rechten Weise führen kann. Daher durfte diese Dreispaltung, in die der Mensch eintritt, wo das Denken seinen Weg geht, das Fühlen seinen Weg geht, das Wollen seinen Weg geht, die sonst durch das Äußere vereinigt sind, es durfte das mit den Worten zitiert werden, die der Hüter der Schwelle zu dem Zögling der geistigen Welt spricht. Das letzte Mal wurden hier diese Worte angeführt:

Des dritten Tieres glasig Auge,
Es ist das böse Gegenbild
Des Denkens, das in dir sich selbst
Verleugnet und den Tod sich wählet,
Absagend Geistgewalten, die es
Vor seinem Erdenleben geistig
In Geistesfeldern lebend hielten. Des zweiten Tieres Spottgesicht,
Es ist die böse Gegenkraft
Des Fühlens, das die eigne Seele
Aushöhlet und Lebensleerheit
In ihr erschafft statt Geistgehalt,
Der vor dem Erdensein erleuchtend
Aus Geistessonnenmacht ihr ward. Des ersten Tieres Knochengeist,
Er ist die böse Schöpfermacht
Des Wollens, die den eignen Leib
Entfremdet deiner Seelenkraft
Und ihn den Gegenmächten weiht,
Die Weltensein dem Göttersein
In Zukunftzeiten rauben wollen.

Das sind die Worte, die als Ermahnung des Hüters gesprochen werden, sodass wir erkennen, wie wir nicht in die geistige Welt eintreten sollen. Wir müssen beim Eintritt in die geistige Welt uns eine andere Art zu urteilen, eine andere Art zu fühlen, eine andere Art zu wollen angewöhnen, als sie in der physischen Welt herrschend sind. Und dazu ist notwendig, dass wir wirklich diese Dreiheit in uns erfassen, dass wir den Blick nach innen in starker Weise wenden, um aufmerksam zu werden, wie das Denken nun ist, wie das Fühlen nun ist, wie das Wollen nun ist und wie sie werden müssen, damit wir hinüberschreiten können über die Schwelle hinein in die geistige Welt, wenn das auch nur mit unseren Gedanken geschieht. Es ist schon so, dass die Götter vor dem höchsten Erkenntnisglück die Überwindung aufgerichtet haben und sie fordern.

Deshalb schließt unmittelbar, nachdem diese entmutigenden, vielleicht schauererregenden Worte des Hüters gefallen sind, die ich heute wiederholentlich zu Ihnen gesprochen habe, deshalb schließt der Hüter die anderen an, die uns sagen, was wir tun sollen. Und hier handelt es sich darum, dass unsere ersten Stunden in dieser Klasse hier eben auch praktisch werden, dasjenige uns überliefern, was in unsere Gedanken- und Fühlens- und Willenskräfte eingehen kann, damit wir in der richtigen Weise in die geistige Welt hineintreten.

Und dreigliedrig soll wiederum der Spruch sein, der so in uns hineinströmen soll, dass wir mit ihm leben können. Denn indem wir mit ihm leben, begeben wir uns auf den Weg in die geistige Welt. So, wie wir essen und trinken, so, wie wir schauen und hören, so soll etwas in uns erregt werden durch dasjenige, was uns der Hüter der Schwelle, der vor der geistigen Welt steht, mit seinem ernsten Antlitz sagt. Und er sagt zunächst in der ersten Strophe:

Sieh in dir Gedankenweben:
Weltenschein erlebest du,
Selbstheitsein verbirgt sich dir;
Tauche unter in den Schein:
Ätherwesen weht in dir;
Selbstheitsein, es soll verehren
Deines Geistes Führerwesen.

Lösen wir den Spruch auf: Der Mensch, wenn er in der Sinneswelt lebt, in dem Leben zwischen der Geburt und dem Tode, er fühlt sich in seinem physischen Leib. Er weiß, dass ihn seine Beine durch die Welt tragen. Er weiß, dass ihm seine Blutzirkulation Leben gibt. Er weiß, dass ihm seine Atmung das Leben erweckt. Er übergibt sich demjenigen, was im Atem, in der Blutzirkulation, in den Bewegungen der Gliedmaßen ihn durch die Welt führt. Er gibt sich an das hin. Dadurch, dass er sich an das hingibt, ist er ein physisches Wesen innerhalb des Erdendaseins. So muss sich der Mensch hingeben, wie er sich hingibt in der physischen Welt an dasjenige, was ihm vom physischen Stoff aus das Leben auf Erden möglich macht in der Bewegung seiner Glieder, in der Zirkulation seines Blutes, in seinem Atem; so wie er sich dem hingibt, so muss er sich den führenden Mächten der geistigen Welt mit seiner Seele hingeben, wenn er an der geistigen Welt Anteil haben will, wenn er da hineindringen will mit seiner Erkenntnis.

Geradeso wie ich sagen musste für die Gesundheit im physischen Dasein: Dein Blut muss entsprechend zirkulieren, dein Atem muss in Ordnung sein —, so muss ich verweisen den Menschen, wenn er ebenso in der geistigen Welt drinnenstehen soll, darauf, dass nun seine Seele nachfolgt, getragen wird, geführt wird von seines Geistes Führerwesen:

[Der erste Spruch «Sich in dir Gedankenweben» wird nun an der Tafel von rückwärts her angeschrieben, beginnend rechts unten mit den beiden letzten Worten des Spruches; siehe Seite 710:]

Geistes Führerwesen

Aber, meine lieben Freunde, an Ihr Blut sind Sie hingegeben durch Naturgewalt, an die Bewegungen Ihrer Gliedmaßen sind Sie hingegeben durch Naturgewalt, ebenso an Ihren Atem. Nicht so können Sie hingegeben sein an Ihre Führerwesen in der geistigen Welt. Da müssen Sie mit innerer Aktivität ankommen. Die Führerwesen erreichen Sie nicht, wie Sie den Atem erreichen durch die Bewegung Ihrer Lunge, die erreichen Sie aber, indem Siesiezu verehren verstehen:

[Über «Führerwesen» wird «verehren» geschrieben, sodass nun an der Tafel steht:]

verehren
Geistes Führerwesen

zu verehren mit dem Tiefsten, was in Ihnen wurzelt, mit Ihrem Selbstheitsein.

[Vor «verehren» wird «Selbstheitsein» geschrieben, sodass nun an der Tafel steht:]

Selbstheitsein verehren
Geistes Führerwesen
Selbstheitsein, es soll verehren
Deines Geistes Führerwesen

[Mit dem Sprechen dieser beiden Zeilen werden die noch fehlenden Worte «es sol» und «Deines» eingefügt, sodass nun die beiden letzten Zeilen des Spruches vollständig an der Tafel sehen]

Selbstheitsein, es soll verehren
Deines Geistes Führerwesen

Damit haben Sie den Tatbestand, in dem Sie drinnenstehen müssen in der geistigen Welt, in Worten gegeben, in den Worten, die der Hüter spricht.

Und wie stehen Sie drinnen? Sie stehen nicht dadurch drinnen, dass Sie wie mit Ihren Beinen auf dem physischen Erdboden stehen; Sie stehen nicht dadurch drinnen, dass Sie wie in Ihrem Blute in der physischen Lebenswärme weben; Sie stehen nicht dadurch drinnen, dass Sie den Atem einziehen: Sie stehen dadurch drinnen, dass Sie in dem halb geistigen Ätherwesen sich fühlen, dass das Ätherwesen wie weht durch Sie. [Die dritte Zeile von unten wird angeschrieben:]

Ätherwesen weht in dir

Das ist die Empfindung: im Geistigen drinnenzustehen, wie wenn man selber ein Wölkchen wäre, ringsherum überall Wind wehte, Geisteswind, man genommen würde überall von diesem Windesweben, aber man fühlen würde in diesem Windesweben, wie wenn Selbstheitsein, das eigne Ich nämlich, verehrte des Geistes Führerwesen, die überall mit diesem Windeswehen herankommen. In das unterzutauchen werden wir aufgefordert. Aber was ist es zunächst? Solange wir bloß mit unserer Meditation bleiben in all dem, was ich jetzt geschildert habe, leben wir im Schein; nun müssen wir untertauchen in diesen Schein mit dem vollen Bewusstsein, dass dieses Windeswehen, dieses Verehren von Geistes Führerwesen zunächst «Schein» ist. [Die vierte Zeile von unten wird angeschrieben:]

Tauche unter in den Schein

Warum sollen wir das alles tun? Ja, wir haben ja nur zunächst im Erdenleben ein unbestimmtes Gefühl von unserem Ich; «Selbstheitsein» — wir bezeichnen es mit dem Worte «Ich», aber es ist ein unbestimmtes, dunkles Gefühl -, das verbirgt sich uns. [Die fünfte Zeile von unten wird wird angeschrieben.]

Selbstheitsein verbirgt sich dir

Von dem weiß man nicht viel. Und dasjenige, was man weiß, was man in den Gedanken, die man gewahr wird, erfasst, ist ja nicht Weltensein, ist Weltenschein. [Die sechste Zeile von unten wird angeschrieben:]

Weltenschein erlebest du

Das alles wird uns, wenn wir der Aufforderung des Hüters der Schwelle nachkommen. [Die siebente bezichungsweise erste Zeile wird angeschrieben]

Sieh in dir Gedankenweben

das alles wird uns das eigene Gedankenweben.

Nun haben wir den ersten mantrischen Spruch, der uns Kraft geben soll, in unserem Denken nachzukommen der Aufforderung, mit unserer Selbstheit zu verehren des Geistes Führerwesen; der da also zunächst nur dem Wortlaute nach vor Ihre Seele hintreten kann:

Sieh in dir Gedankenweben:
Weltenschein erlebest du,
Selbstheitsein verbirgt sich dir;
Tauche unter in den Schein:
Ätherwesen weht in dir;
Selbstheitsein, es soll verehren
Deines Geistes Führerwesen.

Das ist es, was als Aufforderung an uns geht in Bezug auf die Rückschau in unsere Gedanken. Wenn Sie sich von der Außenwelt abschließen und hinschauen, wie die Gedanken in Ihnen fluten, und dann dieser Aufforderung nachkommen, die in den sieben Zeilen liegt, dann haben Sie die erste Anforderung erfüllt, die der Hüter der Schwelle an Sie stellt.

Nun haben Sie heranzutreten mit demjenigen, was der Hüter sagt, an Ihre Gefühle:

Vernimm in dir Gefühle-Strömen:
Es mengen Schein und Sein sich dir,
Die Selbstheit neigt dem Scheine sich;
So tauche unter in scheinendes Sein:
Und Welten-Seelenkräfte sind in dir;
Die Selbstheit, sie soll bedenken Der eignen Seele Lebensmächte.

Geradeso wie wir durch diesen ersten mantrischen Spruch ins Denken steigen, steigen wir durch den zweiten in die innere Welt der Gefühle:

[Nun wird der zweite Spruch an die Tafel geschrieben; siehe Seite 710-711:]

Vernimm in dir Gefühle-Strömen

Sehen Sie ab von dem Denken und versuchen Sie, zurückzuwenden den Blick in Ihr eigenes Fühlen. Im Denken ist alles nur Schein. Wenn wir in die Gefühle hinuntersteigen, da mischen sich, da mengen sich Schein und Sein; das werden wir sogleich merken:

Es mengen Schein und Sein sich dir

Allein unser Ich, die Selbstheit, will nicht in das Sein; sie ist ja gewöhnt an den äußeren Schein der Sinne, sie will nicht in das Sein. Sie neigt dem Scheine sich zu, sie hat noch das Nachgefühl, den Nachtrieb von der Sinneswelt:

Die Selbstheit neigt dem Scheine sich
So tauche unter in scheinendes Sein

in dasjenige, was sich im Gefühl, auf dem Grunde der Gefühle ergibt: Es ist scheinendes Sein, es ist gemischt aus Schein und Sein.

«So tauche unter in scheinendes Sein»: Da ist der Weg, wo wir schon fühlen werden, wenn wir uns der Gesinnung, die in diesen vier Zeilen liegt, hingeben, wo wir fühlen werden, es wird ernst, wir tauchen in das Sein unter:

Und Welten-Seelenkräfte sind in dir

Vorerst sollte die Selbstheit «verehren», indem sie sich ins Denken versenkt; jetzt soll die Selbstheit «bedenken». Der Gedanke soll hinuntergetragen werden ins Gefühl. Wir werden da schon gestoßen an dasjenige, was uns des Seins versichert:

Die Selbstheit, sie soll bedenken
Der eignen Seele Lebensmächte.

Nicht mehr «Schein», jetzt sind «Lebensmächte» da. Die Götter geben uns, während unsere Eigenheit, unser Ich, sich dem Scheine neigen möchte, geben uns die Götter in den Tiefen des Fühlens den Fels des Seins.

Es ist nun gut, wenn Sie, um die Sprüche wirklich zu einem Mantram zu machen, wiederum solche Entsprechungen wohl bedenken: [Die in Anführungszeichen gesetzten Worte werden nun an der Tafel unterstrichen:]

«verehren»

«bedenken» — wir werden beim dritten Spruch schen, wie sich das steigert —

«Schein» erlebest du. Hier [erster Spruch] ist nur Schein; und hier [zweiter Spruch] ist: es mengen

«Schein» und «Sein» sich dir.

«Führerwesen» [im ersten Spruch]; die eignen

«Lebensmächte» [im zweiten Spruch],

die Wesen, die uns führen durch den Äther; die Wesen, die Lebensmächte sind, die uns zurückführen in das vorirdische Dasein. Und dahin geht das Gefühl.

Wollen Sie aber das zu einem wirklichen Mantram machen, so müssen Sie noch etwas anderes betrachten.

Nun lesen Sie den ersten Spruch «Sich in dir Gedankenweben»:

Sieh in dir Gedankenweben:
Weltenschein erlebest du,
Selbstheitsein verbirgt sich dir;
Tauche unter in den Schein:
Ätherwesen weht in dir;
Selbstheitsein, es soll verehren
Deines Geistes Führerwesen.

Sie haben es deutlich zu tun mit einem Trochäus, mit der trochäischen Stimmung, die ich Sie bitte zu beachten. Wenn Sie dieses stark betonen, dieses schwach betonen [über die sieben Zeilenanfänge an der Tafel wird das trochäische— ◡ gesetzt], stark betont, schwach betont fühlen, dann ist das das richtige Ätherweben der Seele, in das nur hineinzutönen braucht die Verehrung der höheren Wesen, dann werden Sie in die geistige Welt hinübergeführt. Das wird anders in dem zweiten Spruch «Vernimm in dir»:

[Über die sieben Zeilenanfänge an der Tafel wird das jambische Rhythmuszeichen ◡ — gesetzt und dabei der Spruch mit entsprechender Betonung gesprochen]

Vernimm in dir Gefühle-Strömen:
Es mengen Schein und Sein sich dir,
Die Selbstheit neigt dem Scheine sich;
So tauche unter in scheinendes Sein:
Und Welten-Seelenkräfte sind in dir;
Die Selbstheit, sie soll bedenken
Der eignen Seele Lebensmächte.

Die Art, wie in der Seele diese Worte empfunden werden, ob trochäisch oder jambisch - hier [im ersten Spruch] haben Sie einen deutlichen trochäischen Einschlag, hier [im zweiten Spruch] einen deutlichen jambischen Einschlag -, die Art, wie diese Worte empfunden werden, gibt der Seele den entsprechenden Schwung.

Es handelt sich eben durchaus nicht bloß darum, verstandesmäßigen Inhalt in die Seele zu bekommen, wenn die Seele auch nur in Gedanken den Weg in die geistige Welt machen soll, sondern es handelt sich darum, dass die Seele in das richtige Atmen und in den richtigen Rhythmus des Weltendaseins hineinkommt. Wenn Sie einen Rhythmus, der jambisch ist, für das Hineinstreben in das Weltendenken anwenden, haben Sie den Hüter der Schwelle missverstanden. Wenn Sie einen Richtspruch anwenden für das Hineinkommen in der Gefühle Welt, der trochäisch ist und nicht jambisch, haben Sie wiederum den Hüter der Schwelle missverstanden.

Das Dritte, worinnen wir untertauchen müssen, das ist das Wollen. Und auch für dieses Wollen gibt uns der Hüter der Schwelle einen Richtspruch. Jetzt, nachdem die ersten beiden an unserer Seele vorbeigezogen sind, werden wir den letzten in einfacher Weise verstehen können: [Der dritte Spruch wird an die Tafel geschrieben; siehe Seite 710-711:]

Lass walten in dir den Willens-Stoß: Der steigt aus allem Scheineswesen

— das ist nicht ein Artikel: «der», sondern das ist ein Relativpronomen: «welcher» steigt —

Mit Eigensein erschaffend an

— aus dem Willen erkraftet sich auf, steigt auf dasjenige, was dem Eigensein Substanz, Inhalt gibt —

Ihm wende zu all dein Leben: Der ist erfüllt von Welten-Geistesmacht; Dein Eigensein, es soll ergreifen Weltschöpfermacht im Geistes-Ich.

Fühlen Sie wiederum die Steigerung:

[Die in Anführungszeichen gesetzten Worte des dritten Spruches werden im Folgenden an der Tafel unterstrichen:]

«verehren»: man ist fern, man schaut auf, man verehrt von außen;

«bedenken»: man nähert sich mit den Gedanken, man tritt schon ein;

«ergreifen»: ist die höchste Steigerung, man tritt heran und nimmt es an sich.

«Führerwesen», «Lebensmächte» und jetzt

«Weltschöpfermacht», das jetzt als Wort an den Anfang der Zeile getreten ist, entsprechend der Realität der unmittelbaren Kraftwirkungsweise des Willens.

Als mantrische Sprüche werden Sie empfinden die drei, wenn Sie achten auf das Trochäische hier [beim ersten Spruch]; das Jambische hier [beim zweiten Spruch]. Hier aber [beim dritten Spruch] haben Sie zwei betonte Silben überall. Sie setzen ein nicht mit einem Aufsteigen, nicht mit einem Abfallen, Sie setzen ein mit zwei gleich betonten Silben:

[Über die Zeilenanfänge an der Tafel wird das spondeische Rhythmuszeichen — — gesetzt und dabei mit entsprechender Betonung gesprochen:]

Lass walten in dir den Willens-Stoß:
Der steigt aus allem Scheineswesen
Mit Eigensein erschaffend auf;
Ihm wende zu all dein Leben:
Der ist erfüllt von Welten-Geistesmacht;
Dein Eigensein, es soll ergreifen
Weltschöpfermacht im Geistes-Ich.

Hier haben Sie spondeischen Gang.

Das ist dasjenige, was zu beachten ist. Sie müssen sich herausreiRen aus dem bloßen Verstandesinhalt, achten auf diesen trochäischjambisch-spondeischen Gang. In dem Augenblicke, wo wir von dem Verstandessinn hineinkommen in die Hingabe an den Rhythmus, in diesem Augenblicke haben wir die Möglichkeit, die physische Welt zu verlassen und wirklich hineinzukommen in das Geistige; denn das Geistige begreift sich nicht, wenn wir für das Irdische sinngeprägte Worte anwenden, sondern gerade wenn wir die Gelegenheit ergreifen, den Rhythmus dieser sinngeprägten Worte hinauszutragen in das Weben im Weltensein.

Deshalb wird auf die Seele wirken gelassen in dreifachem Schritt Selbstanschauen von Denken, Fühlen und Wollen. Das wird schon in der richtigen Weise herauskommen aus der Seele, wenn die Seele in sich erlebt - so wie sie erlebt Essen und Trinken im Leibe, wie sie erlebt die Blutzirkulation, das Atmen -, wenn sie erlebt dasjenige, was hier rhythmisch im Worte in ihr weben kann:

Sieh in dir Gedankenweben:
Weltenschein erlebest du,
Selbstheitsein verbirgt sich dir;
Tauche unter in den Schein:
Ätherwesen weht in dir;
Selbstheitsein, es soll verehren
Deines Geistes Führerwesen. Vernimm in dir Gefühle-Strömen:
Es mengen Schein und Sein sich dir,
Die Selbstheit neigt dem Scheine sich;
So tauche unter in scheinendes Sein:
Und Welten-Seelenkräfte sind in dir;
Die Selbstheit, sie soll bedenken
Der eignen Seele Lebensmächte. Lass walten in dir den Willens-Stoß:
Der steigt aus allem Scheineswesen
Mit Eigensein erschaffend auf;
Ihm wende zu all dein Leben:
Der ist erfüllt von Welten-Geistesmacht;
Dein Eigensein, es soll ergreifen
Weltschöpfermacht im Geistes-Ich.

Mit den Worten haben Sie erst das Blut; mit den Worten in den entsprechenden Rhythmen haben Sie das Blut in Zirkulation. Suchen Sie den Sinn dieser Rhythmen, lassen Sie ihn walten im seelischen Leben, und Sie werden sehen, wie Sie sich nähern demjenigen, was als erste Mahnung vom Hüter an uns herandringt und was ich im Beginne dieser Stunden Euren Seelen, meine Lieben, mitgeteilt habe:

Wo auf Erdengründen, Farb’ an Farbe,
Sich das Leben schaffend offenbart;
Wo aus Erdenstoffen, Form an Form,
Sich das Lebenslose ausgestaltet;
Wo erfühlende Wesen, willenskräftig,
Sich am eignen Dasein freudig wärmen;
Wo du selbst, o Mensch, das Leibessein
Dir aus Erd’ und Luft und Licht erwirbst: Da berrittst du deines Eigenwesens
Tiefe, nachtbedeckte, kalte Finsternis;
Du erfragest im Dunkel der Weiten
Nimmer, wer du bist und warst und werdest.
Für dein Eigensein finstert der Tag
Sich zur Seelennacht, zum Geistesdunkel;
Und du wendest seelensorgend dich
An das Licht, das aus Finsternissen kraftet.

Und wollen wir uns wenden an das Licht, das aus Finsternissen kraftet, wir finden es, wenn wir es auf diesem dreifachen Schritte suchen, uns durchdringend mit diesem seelischen Lebensblute in der Seele, die da sein will auf dem Weg zur wirklichen Geistes- und Gottes-Erkenntnis.

German original of Lesson III · ← Previous · Next →