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Esoteric Lessons for the First Class III

GA 270 — 6 September 1924, Dornach

Erste Wiederholungsstunde

Meine lieben Freunde! Es hat sich ergeben, dass zu dieser heutigen Klassenstunde - und wohl auch zu den nächsten Stunden - zahlreiche Freunde sich einfinden konnten, welche bei früheren Klassenstunden nicht anwesend waren. Und es würde daher heute eine Unmöglichkeit bedeuten, einfach fortzufahren in derselben Weise, wie der Weg gewiesen hat, als wir hier die letzte Klassenstunde hatten. Es ist aber auch so, dass für diejenigen Mitglieder dieser esoterischen Schule, die früher Klassenstunden mitgemacht haben, die Wiederholung dieser Klassenstunden keine Entbehrung bedeuten kann aus dem Grunde, weil ja der Inhalt dieser esoterischen Schule ein solcher ist, der immer wieder und wieder auf die Seele zu wirken hat. Sodass allerdings bei demjenigen, der heute eine Wiederholung erlebt, diese Wiederholung bedeutet, gerade weil sie eine Wiederholung ist, auch eine Fortsetzung.

Für alle diejenigen, die heute zum ersten Male da sind, aber bedeutet dasselbe wiederum etwas anderes: Es bedeutet die Bekanntschaft mit dem Anfang des esoterischen Weges.

Es ist ja so, dass selbst auf dem esoterischen Wege weit Fortgeschrittene gerade darinnen die Fruchtbarkeit ihrer weiteren Bestrebungen sehen, dass sie immer wieder und wieder zum Anfange zurückkehren. Dieses Zurückkehren zum Anfange ist immer auch das Betreten einer weiteren Stufe. So wollen wir es mit diesen Stunden, die jetzt gehalten werden, eben ansehen. Und so muss auch für diejenigen Mitglieder der Schule, die heute zum ersten Male da sind, der Sinn dieser Schule wiederum einleitend auseinandergesetzt werden.

Als der Impuls der Weihnachtstagung mit der geistigen Grundsteinlegung der Anthroposophischen Gesellschaft hier in diesem Saale zu Weihnachten sich geltend machte, da war es ja so, wie ich schon gestern ausgesprochen habe, dass ein esoterischer Zug durch die ganze Anthroposophische Gesellschaft von jetzt ab zu fließen haben wird, ein esoterischer Zug, der auch schon bemerkt werden konnte in allem, was innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft seit Weihnachten versucht worden ist. Der Kern dieses esoterischen Wirkens der Anthroposophischen Gesellschaft muss nun die esoterische Schule sein, jene esoterische Schule, die aus dem ganzen Charakter der Anthroposophie heraus nunmehr an die Stelle dessen zu treten hat, was vorher versucht worden ist als sogenannte Freie Hochschule für Geisteswissenschaft und was ja nicht als geglückt bezeichnet werden kann.

Es war das in jener Zeit, in der ich noch nicht selber die Leitung der Anthroposophischen Gesellschaft hatte, daher die Aufgabe hatte, diejenigen, die etwas versuchen wollten, es auch versuchen zu lassen. Ein solches kann in der Zukunft ja nicht mehr stattfinden. In dem, was mit mir selbst zusammenhängend in dem Weihnachtsimpuls geformt wurde, lag es eben, dass die Freie Hochschule für Geisteswissenschaft mit ihren verschiedenen Sektionen einen esoterischen Kern zu bilden hat für alles dasjenige, was wiederum als Esoterisches wirken soll in der Anthroposophischen Gesellschaft.

Eine esoterische Schule aber wird nicht innerhalb des irdischen Wesens begründet. Eine esoterische Schule ist nur dann als solche da, wenn sie der irdische Abglanz ist von dem, was in übersinnlichen Welten begründet wird. Und oftmals ist es ausgesprochen worden unter Anthroposophen, dass in der Reihe der regierenden, der das menschliche Geistesleben regierenden Wesen aus der Hierarchie der Archangeloi mit dem letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts der Archangelos Michael diese Führung übernommen hat, und es wurde auch bemerklich gemacht, dass diese Führung Michaels eine ganz besondere Bedeutung habe innerhalb des geistigen Lebens und der geistigen Entwickelung der Menschheit auf Erden.

Es ist ja so in der menschlichen Evolution, dass das Leben in dieser Evolution aufeinanderfolgend von sieben Erzengeln geleitet wird, von sieben Erzengeln, die zusammen bilden die geistige Herrschaftssubstanz des Planetensystems, zu dem auch Sonne, Erde und Mond gehören. Durch etwa drei bis vier Jahrhunderte geht immer der Impuls eines dieser Erzengel. Und wir haben von diesen Erzengeln, wenn wir ausgehen von demjenigen, unter dessen Impuls eben das Geistesleben der Menschheit in der Gegenwart steht, wenn wir ausgehen von Michael, wir haben denjenigen Archangelos, der in allem, was er tut und kraftet, die geistige Kraft der Sonne hat.

Ihm ging voran, wiederum durch drei bis vier Jahrhunderte -also von dem letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts weiter zurück durch drei bis vier Jahrhunderte -, die Herrschaft des Archangelos Gabriel, der in seinen Impulsen vorzugsweise die Mondenkräfte hat.

Und weiter dann kommen wir zurück in die Jahrhunderte, in denen eine Art von Auflehnung gegen geistiges Wirken und geistiges Wesen im Mittelalter in der Menschheit lebte, gerade bei denjenigen, die Träger der Zivilisation waren: Das war die Herrschaft des Samael. Und dieser Samael, er hat in seinen Impulsen die Marskräfte.

Wenn wir noch weiter zurückgehen, kommen wir in dasjenige Zeitalter, in dem eine medizinisch orientierte Alchimie das Geistesleben tief beeinflusste unter der Herrschaft des Archangelos Raphael, der die Merkurkräfte in seinen Impulsen trägt.

Und gehen wir dann noch weiter zurück - wir kommen immer mehr und mehr an das Mysterium von Golgatha heran, haben es aber noch nicht erreicht -, wir finden dann die Herrschaft des Zachariel, der die Jupiterkräfte in seinen Impulsen trägt, und die Herrschaft des Anael, mit dem wir schon ganz nahe an das Mysterium von Golgatha herankommen, der die Venuskräfte in seinen Impulsen trägt. Dann kommen wir in die Zeit, unter der sich der Glanz des Mysteriums von Golgatha gegenüber einer tiefen geistigen Finsternis geltend machte auf Erden unter der Herrschaft des Oriphiel, der die Saturnkräfte in seinen Impulsen trägt.

Dann kommen wir wieder zurück zu der vorigen Herrschaft des Michael, die zusammenfällt mit demjenigen, was an großen, internationalen, kosmopolitischen Impulsen dadurch geschehen ist, dass im Alexandrinismus, im Aristotelismus dasjenige, was bis dahin an griechischem Mysterien- und griechischem Geisteswesen für die Menschheit aufgebracht worden war, durch Alexander hinübergetragen wurde nach Asien, nach Nordafrika; sodass dasjenige, was auf einem kleinen Territorium Geistesleben war, ausgestrahlt ist über die ganze damals zivilisierte Welt. Denn es ist immer das Kennzeichen eines Michael-Zeitalters, dass dasjenige, was in einer Lokalität geblüht hat vorher, in kosmopolitischer Weise über die anderen Menschheitsbestandteile ausgestrahlt wird.

Und so kommt man immer zurück, nachdem man den Zyklus durch die verschiedenen Archangeloi absolviert, zu demselben Archangelos. Wir können weiter zurückgehen - wiederum durch eine Reihe von Gabriel-, Samael-, Raphael-, Zachariel-, Anael-, OriphielZeitaltern: Wir würden wieder zu Michael zurückkommen. Und wir werden finden, dass auf das Michael-Zeitalter, das über uns strahlt, wiederum ein Zeitalter des Oriphiel folgen wird.

So, meine lieben Freunde, sollen wir uns bewusst sein, dass die Michael-Impulse in der charakterisierten Weise in all dem leben, was geistiges Wirken und geistiges Wesen in der Gegenwart sein soll. Aber es ist ein wichtigeres Michael-Zeitalter, als die vorherigen waren. Nur auf diese Tatsache möchte ich hinweisen.

Nun handelt es sich darum, dass, als zu Weihnachten in den Dienst des Esoterischen die Anthroposophische Gesellschaft gestellt wurde, ihr esoterischer Kern, diese esoterische Schule, nur begründet werden konnte, wenn sie begründet wurde von der geistigen Macht, welcher die Lenkung dieses Zeitalters obliegt. Und so leben wir denn innerhalb dieser esoterischen Schule - als der von dem Geiste der Zeit, Michael, selbst begründeten esoterischen Schule - in einer zu Recht bestehenden esoterischen Schule; denn sie ist die Michael-Schule in der Gegenwart.

Und nur dann, meine lieben Freunde, stellt Ihr Euch vor in der richtigen Art dasjenige, was in dieser Schule hier gesprochen wird, wenn Ihr Euch bewusst seid, dass hier nichts anderes gesprochen wird als dasjenige, was in der Gegenwart von der Michael-Strömung selber in die Menschheit gebracht werden will. Michael-Worte sind alle Worte, die in dieser Schule gesprochen werden. Michael-Wille ist aller Wille, der in dieser Schule gewollt wird. Michael-Schüler seid Ihr alle, indem Ihr zu Recht innerhalb dieser Schule steht. Nur dann, wenn Ihr dieses Bewusstsein in Euch trägt, ist es möglich, in richtiger Art in dieser Schule zu sitzen, mit der richtigen Stimmung und Gesinnung in dieser Schule zu sitzen, sich zu fühlen als ein Glied nicht nur von etwas, was als Erden-Institution in die Welt tritt, sondern von etwas, was als Himmels-Institution in die Welt tritt.

Damit ist verbunden, dass ein jeglicher, der Mitglied dieser Schule wird, selbstverständliche Pflichten auf sich nimmt. Es ist ja das Eigentümliche des Weihnachtsimpulses der Anthroposophischen Gesellschaft, dass diese Anthroposophische Gesellschaft selber damit den völligen Charakter der Öffentlichkeit aufgedrückt bekommen hat. Damit aber wird von demjenigen, der Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft wird, nichts weiter verlangt als dasjenige, was er selber verlangt: durch die Anthroposophische Gesellschaft dasjenige zu bekommen, was innerhalb der anthroposophischen Geistesbewegung fließt. Und eine weitere Verpflichtung übernimmt man nicht, wenn man Anthroposoph wird. Die Verpflichtung, ein anständiger Mensch zu sein, ist ja selbstverständlich.

Anders, wenn man den Zugang zu dieser Schule sucht: Da handelt es sich darum, dass tatsächlich aus dem ganzen spirituellen Geistigen, aus dem okkulten Geistigen dieser Schule heraus derjenige, der Mitglied dieser Schule wird, die Verpflichtung übernimmt, ein würdiger Repräsentant der anthroposophischen Sache vor der ganzen Welt mit allem seinem Denken, Fühlen und Wollen zu sein. Nicht anders kann man Mitglied dieser Schule sein.

Entscheidung darüber, ob man ein würdiges Mitglied dieser Schule ist, kann einzig und allein der Leitung dieser Schule zustehen. Aber die Leitung dieser Schule muss ernst nehmen diejenigen Pflichten, die sie auf sich nimmt. Verantwortlich ist die Leitung dieser Schule nur den geistigen Mächten, der Michael-Macht selber gegenüber für dasjenige, was sie tut. Aber sie muss ernst nehmen namentlich diesen Punkt, dass derjenige, der zur Schule gehört, ein würdiger Repräsentant der anthroposophischen Sache vor der Welt sein muss. Das schließt in sich, dass die Leitung der Schule verlangen muss, dass die Mitgliedschaft im alleräußersten Sinne ernst genommen werde. Sie muss daher demjenigen, bei dem sie diesen Ernst nicht antrifft, erklären, dass er fernerhin nicht Mitglied der Schule sein kann. Dass das ernst genommen wird, meine lieben Freunde, können Sie daraus ersehen, dass seit dem kurzen Bestand dieser Schule bereits in zwanzig Fällen ein zeitweiliger Ausschluss vollzogen worden ist. Diese strenge Maßregel wird auch weiterhin in derselben Art gehandhabt werden müssen. Mit wirklich esoterischen Dingen kann nicht gespielt werden, kann nur der alleräußerste Ernst verbunden werden. Damit wird gerade durch diese Schule jener Ernst in die anthroposophische Bewegung hineinstrahlen können, der ihr für ihr wirkliches, spirituelles Gedeihen absolut notwendig ist. Das sind zunächst die Einleitungsworte, die ich zu sprechen hatte.

Wenn Ihr - ich spreche jetzt zu denen, die heute zum ersten Male da sind -, wenn Ihr die Worte, die hier gesprochen werden, als die rechten Botschaften aus der geistigen Welt empfanget, als die rechten Michael-Worte, dann werdet Ihr in dem Sinne hier sitzen, in dem Ihr einzig und allein hier sitzen sollt.

Und so wollen wir zunächst vor unsere Seelen führen diejenigen Worte, welche eigentlich dem Menschen entgegentönen, wenn er unbefangenen Sinnes auf alles dasjenige hinschaut, was ihn in der Welt - in der Welt oben, in der Welt in der Mitte, in der Welt unten — umgibt. Wir mögen hinschauen in das stumme Reich der Mineralien, in das sprossende, sprießende Reich des Pflanzlichen, in das bewegliche Reich des Tierischen, in das sinnende Reich des Menschlichen auf Erden, wir wollen den Blick hinlenken zu den Bergen, zu den Meeren, zu den Flüssen, zu den sprudelnden Quellen, wir wollen den Blick hinwenden zu den ziehenden Wolken, zu den Donnern und Blitzen, wir wollen den Blick hinlenken zu der scheinenden Sonne, zu dem glimmenden Monde, zu den funkelnden Sternen: Aus allem, wenn der Mensch sein Herz offen hält, mit seelischem Ohre hinzuhören vermag, tönt ihm entgegen die Mahnung, die in den Worten liegt, die ich nunmehr auszusprechen habe: O Mensch, erkenne dich selbst! So tönt das Weltenwort.

O Mensch, erkenne dich selbst!
So tönt das Weltenwort.
Du hörst es seelenkräftig,
Du fühlst es geistgewaltig. Wer spricht so weltenmächtig?
Wer spricht so herzinniglich? Wirkt es durch des Raumes Weitenstrahlung
In deines Sinnes Seinserleben?
Tönt es durch der Zeiten Wellenweben
In deines Lebens Werdestrom? Bist du es selbst, der sich
Im Raumesfühlen, im Zeiterleben
Das Wort erschafft, dich fremd
Erfühlend in Raumes Seelenleere,
Weil du des Denkens Kraft
Verlierst im Zeitvernichtungsstrome.

Und wenn wir dieses Wortes Sinn und dieses Wortes Geist ganz auf uns wirken lassen, dann bekommen wir die Sehnsucht, hinzugehen zu denjenigen Quellen, aus denen unsere eigentliche menschliche Wesenheit fließt. Ganz verstehen diese Worte heißt: den Weg ersehnen, der zu jenen Wassern führt, aus denen das Wesen der Menschenseele fließt, des Menschenlebens Ursprung zu suchen.

Im Anschauen wird Euch, meine lieben Schwestern und Brüder, das zuteilwerden, je nachdem es in Eurem Karma liegt. Aber der erste Schritt wird sein das sinngemäße Verstehen des esoterischen Weges. Dieser esoterische Weg wird in Michael-Worten hier in dieser Schule geschildert. Er wird geschildert so, dass ihn jeder gehen kann, dass ihn aber nicht jeder zu gehen braucht, sondern zunächst ihn zu verstehen hat; denn dieses Verständnis ist selbst der erste Schritt. Daher wird erfließen in mantrischen Worten dasjenige, was Michael der Menschheit in der Gegenwart zu sagen hat. Diese mantrischen Worte werden sein zugleich Worte für die Meditation.

Wiederum, es wird vom Karma abhängen, wie auf die einzelnen Seelen diese Worte für die Meditation wirken. Und das Erste ist, Verständnis dafür zu bekommen, dass aus den eben gesprochenen mantrischen Worten von der menschlichen Selbsterkenntnis die Sehnsucht entspringt, hinzulenken den Sinn nach den Quellen des menschlichen Daseins: O Mensch, erkenne dich selbst! - Ja, diese Sehnsucht muss erwachsen. Wir müssen suchen: Wo sind die Quellen dessen, was in der menschlichen Seele lebt, was unser eigenes menschliches Sein ist?

Wir müssen zunächst schauen in dem, was uns gegeben ist. Wir müssen herumschauen unter all dem, was uns im Kleinen gegeben ist, unter all dem, was uns im Großen gegeben ist. Wir schauen hin zu dem stummen Stein, zu dem Gewürm der Erde, wir schauen hin zu all dem, was wächst und west und lebt um uns herum in den Reichen der Natur. Wir schauen hinauf zu den mächtig funkelnden, glänzenden Gestirnen. Wir hören ihn an, den rollenden Donner. Nicht wenn man asketisch wird, hat man Aussicht, zu ergründen die Rätsel des eigenen Menschenwesens; nicht wenn man verachtet dasjenige, was als Gewürm lebt in der Erde, was als Sterne funkelt am Himmelsraume, nicht wenn man es verachtet als äußerlich sinnliches Scheinen und einen abstrakten, unbestimmten, chaotisch gesinnten Weg sucht, sondern wenn man gerade ein tiefes Gefühl entwickelt für alles dasjenige, was im kleinsten Gewürm, das in der Erde kriecht, lebt und west; wenn man entwickelt ein Gefühl für die Erhabenheit desjenigen, was aus den Sternen uns entgegenglänzt; wenn man fühlen kann in all dem, was in die Sinne einzieht und zu unserer Wahrnehmung wird: Schönheit, Wahrheit, Reinheit, Erhabenheit, Großartigkeit und Majestät. Wenn man dastehen kann als betrachtender Mensch, rings um sich überall aus den Pflanzen, aus den Steinen, aus den Tieren, aus den Sternen, aus den Wolken, aus den Meeren, aus den Quellen, aus den Bergen vernehmen kann Majestät und Größe und Wahrheit und Schönheit und Glanz, dann sagt man sich erst mit der vollen Tiefe, mit der vollen Intensität. Ja, groß und gewaltig und majestätisch und herrlich ist alles dasjenige, was da als Gewürm unter der Erde kriecht, was da oben am Himmelsraum als Sterne erglänzt; aber dein Wesen, o Mensch, ist nicht unter alldem. Du bist nicht in all dem, wovon dir zunächst deine Sinne künden.

Und dann wendet man den fragenden, rätselbeschwerten Blick nach den Fernen hin. Von hier ab wird der esoterische Weg in Imaginationen beschrieben. Man wendet den Blick nach den Fernen hin. Etwas wie ein Weg zeigt sich, ein Weg, der da führt bis zu einer schwarzen, nachtbedeckten Wand, die sich enthüllt als der Anfang einer tiefsten Finsternis. Und wir stehen da, rings umgeben von der Majestät des Sinnenscheins, bewundernd Größe und Majestät und Herrlichkeit und Glanz des Sinnenscheins, aber das eigene Wesen nicht darinnen findend, den Blick hingerichtet nach der Grenze dieses Sinnenscheins. Da aber beginnt schwarze, nachtbedeckte Finsternis. Aber in unserem Herzen sagt uns etwas: Nicht hier, wo die Sonne uns entgegenglänzt von allem, was da wächst und webt und lebt, sondern dort, wo uns nachtbedeckte Finsternis entgegenstarrt, da sind die Quellen des eigenen Menschenseins. Davon her muss die Antwort kommen auf die Frage: O Mensch, erkenne dich selbst!

Dann gehen wir zögernd der schwarzen Finsternis entgegen und werden gewahr: Das erste Wesen, das uns entgegenkommt, steht dort, wo die schwarze, nachtbedeckte Finsternis beginnt. Wie aus einer vorher nicht gesehenen Wolkenbildung ballt es sich zusammen, wird menschenähnlich, nicht von Schwere durchdrungen, menschenähnlich aber. Mit ernstem, sehr ernstem Blicke begegnet es unserem fragenden Blick. Es ist der Hüter der Schwelle. Denn zwischen der sonnenerglänzenden Umgebung des Menschen und jener nachtbedeckten Finsternis ist ein Abgrund, ein tiefer gähnender Abgrund. Herüber gegen uns zu steht an diesem Abgrunde der Hüter der Schwelle. Wir nennen ihn so aus dem folgenden Grunde.

Ach, der Mensch, er ist ja jede Nacht im Schlafe mit seinem Ich und mit seinem astralischen Leibe in jener Welt, die jetzt dem imaginativen Blick erscheint als schwarze, nachtbedeckte Finsternis; aber er ahnt nichts davon - seine Seelensinne sind nicht aufgeschlossen -, er ahnt nicht, dass er mitten unter geistigen Wesenheiten und geistigen Tatsachen vom Einschlafen bis zum Aufwachen lebt und webt; würde er ohne weitere Vorbereitung bewusst erleben, was da zu erleben ist: Er würde zermalmt! Der Hüter der Schwelle bewahrt uns — deshalb ist er der Hüter der Schwelle -, bewahrt uns davor, unvorbereitet den Abgrund übersetzen zu wollen. Seinen Mahnungen, wir müssen ihnen folgen, wenn wir den esoterischen Weg gehen wollen. Er hüllt den Menschen in Finsternis ein jede Nacht; er behütet die Schwelle, damit der Mensch einschlafend nicht unvorbereitet sich hineinlebt in die geistig-okkulte Welt.

Jetzt steht er da - wenn wir genügend das Herz verinnerlicht, die Seele vertieft haben -, jetzt steht er da, an uns richtend die Mahnung, wie alles schön ist in unserer Umgebung, wie wir aber in dieser Schönheit unser eigenes Wesen nicht finden können und wie wir suchen müssen jenseits des gähnenden Abgrunds des Seins in dem Gebiete der nachtbedeckten, schwarzen Finsternis, wie wir warten müssen, bis es dunkel wird hier im sonnenbeglänzten Reich sinnlicher Helle und hell wird drüben für uns da, wo es jetzt noch schwarze Finsternis nur gibt.

Das ist es, was mit ernsten Worten der Hüter der Schwelle vor unsere Seele hinstellt. Wir stehen noch in einer gewissen Weite vor ihm. Wir blicken hin und vernehmen noch aus der Ferne sein mahnendes Wort, das also ertönt:

Wo auf Erdengründen, Farb’ an Farbe,
Sich das Leben schaffend offenbart;
Wo aus Erdenstoffen, Form an Form,
Sich das Lebenslose ausgestaltet;
Wo erfühlende Wesen, willenskräftig,
Sich am eignen Dasein freudig wärmen;
Wo du selbst, o Mensch, das Leibessein
Dir aus Erd’ und Luft und Licht erwirbst: Da betrittst du deines Eigenwesens
Tiefe, nachtbedeckte, kalte Finsternis;
Du erfragest im Dunkel der Weiten
Nimmer, wer du bist und warst und werdest.
Für dein Eigensein finstert der Tag
Sich zur Seelennacht, zum Geistesdunkel;
Und du wendest seelensorgend dich
An das Licht, das aus Finsternissen kraftet.

Das ist die erste Mahnung des Hüters der Schwelle, jene erste Mahnung, die uns besagt, dass schön und groß und erhaben unsere Umgebung ist, lichtbeglänzt, sonnenbeschienen; dass aber dieses Lichtbeglänzte, Sonnenbeschienene ist für das Wesen des Menschen erst die rechte Finsternis; dass wir suchen müssen da, wo die Finsternis ist, dass diese Finsternis uns zum Lichte wird, damit das Menschenwesen uns, beleuchtet aus dieser Finsternis, entgegentreten könne, damit das Menschenrätsel aus dieser Finsternis heraus sich löse. So fährt der Hüter der Schwelle fort:

Und aus Finsternissen hellet sich
— Dich im Ebenbilde offenbarend,
Doch zum Gleichnis auch dich bildend,
Ernstes Geisteswort im Weltenäther
Deinem Herzen hörbar kraftvoll wirkend— Dir der Geistesbote, der allein
Dir den Weg erleuchten kann;
Vor ihm breiten sich die Sinnesfelder,
Hinter ihm, da gähnen Abgrundtiefen. Und vor seinen finstern Geistesfeldern,
Dicht am gähnenden Abgrund des Seins,
Da ertönt sein urgewaltig Schöpferwort:
Sieh, ich bin der Erkenntnis einzig Tor.

[Das Mantram wird nun an die Tafel geschrieben und dabei die Überschrift und die letzte Zeile unterstrichen; siche Seite 842:]

Und aus Finsternissen hellet sich

  • die Fortsetzung dieses Satzes folgt erst nach einigen Zeilen. Das, was jetzt kommt, ist ein Zwischensatz —

— der Zwischensatz ist zu Ende; der Satz «Und aus Finsternissen hellet sich» setzt fort:

Dir der Geistesbote,

— der Hüter der Schwelle selber

Dann ist es der Hüter selber, der - nachdem er uns diese erste Mahnung, Licht als Finsternis, Finsternis als Licht zu empfinden, erteilt hat - uns hinweist auf jene Gefühle und Empfindungen, die urkräftig nun aus unserer Seele kommen können. Er spricht sie aus, der Hüter, indem er seinen Blick noch mehr ernstet, noch ernster macht, indem er mahnend uns Arm und Hand entgegenstreckt. Er spricht das weitere Wort:

Aus den Weiten der Raumeswesen,
Die im Lichte das Sein erleben

— wir fühlen uns gedrängt, einige Schritte hin zum Hüter zu machen; wir kommen näher dem gähnenden Abgrund des Seins —

Aus dem Schritte des Zeitenganges,
Der im Schaffen das Wirken findet,
Aus den Tiefen des Herzempfindens,
Wo im Selbst sich die Welt ergründer:
Da ertönt im Seelensprechen,
Da erleuchtet aus Geistgedanken
Das aus göttlichen Heileskräften
In den Weltgestaltungsmächten
Wellend wirkende Daseinswort:
O, du Mensch, erkenne dich selbst.

Es ist ein anderes, ob uns zuerst aus allem Sinneswesen, wenn wir es richtig verstehen, das Wort entgegentönt: «O Mensch, erkenne dich selbst!», oder ob uns jetzt vor dem furchtbaren Abgrunde des Seins von dem Munde des Hüters der Schwelle selber dieses Wort entgegentönt. Ein und dasselbe Wort: zwei verschiedene Arten, davon ergriffen zu werden. Alle diese Worte sind mantrisch, sind zum Meeitieren da, sind solche Worte, welche aus der Seele erwecken die Fähigkeiten, sich der geistigen Welt zu nähern, wenn sie imstande sind, die Seele zu entzünden.

[Das Mantram wird nun an die Tafel geschrieben und dabei die Überschrift und die letzte Zeile unterstrichen; siehe Seite 843:]

Wir sind, während der Hüter diese Worte spricht, dicht herangetreten an den gähnenden Abgrund des Seins. Es geht tief hinunter. Keine Hoffnung, dass wir mit den Füßen, die uns gegeben sind von der Erde, den Abgrund übersetzen können. Wir brauchen Befreiung von der Erdenschwere; wir brauchen die Beflügelung des geistigen Lebens, um über den Abgrund hinüberzukommen. Da aber macht indem er uns zuerst hergewinkt hat an den gähnenden Abgrund des Seins - der Hüter der Schwelle uns aufmerksam, wie zunächst unser Selbst, bevor es sich geläutert und gereinigt hat für die geistige Welt, eigentlich in der Gegenwart, wo wir überall umgeben sind von dem Hass auf die geistige Welt, von dem Spott über die geistige Welt, von der Mutlosigkeit, von der Furcht vor der geistigen Welt, da macht uns der Hüter aufmerksam, wie dies unser Selbst - das da will, das da fühlt, das da denkt - in seiner dreifachen Beschaffenheit als Wollen, Fühlen und Denken eigentlich heute gestaltet ist, aus unserem Zeitenzyklus heraus gestaltet ist. Das müssen wir zuerst erkennen, bevor wir unser wahres, uns von den Göttern eingepflanztes Selbst in wahrer, echter Selbsterkenntnis gewahr werden können.

Als drei Tiere, die nacheinander heraufziehen aus dem Abgrunde, erscheinen uns, angesehen vor den ewigen göttlichen Heileskräften: Wille des Menschen, Fühlen des Menschen, Denken des Menschen. Indem eines nach dem andern - Wollen, Fühlen, Denken in ihrer wahren Gestalt - aus dem Abgrund auftaucht, spricht erklärend, wie das eine nach dem anderen auftaucht, der Hüter.

Wir stehen dicht am Abgrunde. Der Hüter spricht - die Tiere steigen auf -:

Der Hüter: Doch du musst den Abgrund achten;
Sonst verschlingen seine Tiere
Dich, wenn du an mir vorübereilt'st;
Sie hat deine Weltenzeit in dir
Als Erkenntnisfeinde hingestellt.

Schau das erste Tier, den Rücken krumm,
Knochenhaft das Haupt, von dürrem Leib,
Ganz von stumpfem Blau ist seine Haut;
Deine Furcht vor Geistes-Schöpfer-Sein
Schuf das Ungetüm in deinem Willen;
Dein Erkenntnismut nur überwindet es.

Schau das zweite Tier, es zeigt die Zähne
Im verzerrten Angesicht, es lügt im Spotten,
Gelb mit grauem Einschlag ist sein Leib;
Dein Hass auf Geistes-Offenbarung
Schuf den Schwächling dir im Fühlen;
Dein Erkenntnisfeuer muss ihn zähmen.

Schau das dritte Tier, mit gespaltnem Maul,
Glasig ist sein Auge, schlaff die Haltung,
Schmutzigrot erscheint dir die Gestalt;
Dein Zweifel an Geistes-Licht-Gewalt
Schuf dir dies Gespenst in deinem Denken;
Dem Erkenntnisschaffen muss es weichen.

Erst wenn die drei von dir besiegt,
Werden Flügel deiner Seele wachsen,
Um den Abgrund zu übersetzen,
Der dich trennet vom Erkenntnisfelde,
Dem sich deine Herzenssehnsucht
Heilerstrebend weihen möchte.

Diese mantrischen Worte werde ich das nächste Mal an die Tafel schreiben.

Hat man aus dem Munde des Hüters dieses erfahren, dann erinnert man sich wohl wiederum zurück an den Ausgangspunkt. Dann steht noch einmal vor der Seele, was alle Wesen sagen, die in unserer Umgebung sind, wenn wir sie recht verstehen, was alle Wesen schon zu dem Menschen der fernsten Vergangenheit sagten, was alle Wesen zu dem Menschen der Gegenwart sagen, was alle Wesen zu dem Menschen der Zukunft sagen werden:

O Mensch, erkenne dich selbst!
So tönt das Weltenwort.
Du hörst es seelenkräftig,
Du fühlst es geistgewaltig. Wer spricht so weltenmächtig?
Wer spricht so herzinniglich? Wirkt es durch des Raumes Weitenstrahlung
In deines Sinnes Seinserleben?
Tönt es durch der Zeiten Wellenweben
In deines Lebens Werdestrom? Bist du es selbst, der sich
Im Raumesfühlen, im Zeiterleben
Das Wort erschafft, dich fremd
Erfühlend in Raumes Seelenleere,
Weil du des Denkens Kraft
Verlierst im Zeitvernichtungsstrome.

Das sind die Worte der Michael-Schule. Wenn sie gesprochen werden, wellt und webt Michaels Geist durch den Raum, in dem sie gesprochen werden. Und sein Zeichen ist dasjenige Zeichen, das in seiner Gegenwart seine Gegenwart bekräftigen darf:

[Das Michael-Zeichen wird an die Tafel gezeichnet; siche Seite 843.]

Dann führt uns Michael in die rechte Rosenkreuzer-Schule, die offenbaren soll des Menschen Eigenwesens Geheimnisse in der Vergangenheit, in der Gegenwart, in der Zukunft durch den Vatergott, den Sohnesgott, den Geistesgott.

Und dann, das Siegel drückend auf die Worte «rosae et crucis», darf gesprochen werden:

Ex deo nascimur In Christo morimur Per spiritum sanctum reviviscimus

begleitet von den Zeichen des Siegels Michaels, die da sind: bei dem ersten Worte

Ex deo nascimur

[die untere Siegelgeste wird an die Tafel gezeichnet]

bei dem zweiten Worte

In Christo morimur

[die mittlere Siegelgeste wird an die Tafel gezeichnet]

bei dem dritten Worte

Per spiritum sanctum reviviscimus

die obere Siegelgeste wird an die Tafel gezeichnet]

wobei wir fühlen - die Worte aussprechend, sie bekräftigend durch Siegel und Zeichen des Michael - bei dem Worte «Ex deo nascimur» in diesem [unteren] Zeichen: «Ich bewundere den Vater» [in die untere Siegelgeste wird hineingeschrieben:]

Ich bewundere den Vater

bei dem Worte «In Christo morimur» - in diesem [mittleren] Zeichen: «Ich liebe den Sohn» [in die mittlere Siegelgeste wird hineingeschrieben:]

Ich liebe den Sohn

bei dem Worte «Per spiritum sanctum reviviscimus» — in diesem [oberen] Zeichen: «Ich verbinde mich dem Geiste» [in die obere Siegelgeste wird hineingeschrieben:]

Ich verbinde mich dem Geiste

Die Zeichen heißen das.

Michaels Gegenwart, sie wird bekräftigt durch sein Siegel und Zeichen:

[Es wird das Michael-Zeichen gemacht]

[Es werden die drei Siegelgesten gemacht und dazu gesprochen:]

Ex deo nascimur In Christo morimur Per spiritum sanctum reviviscimus.

[Zu dem Michael-Zeichen und den Siegelgesten siehe unter Hinweise Seite 671 und die Tafeln der sieben Wiederholungsstunden Seite 839-855.]

Die Worte, die als mantrische Worte auf die Tafel geschrieben werden, können nur diejenigen besitzen, die rechtmäßige Mitglieder der Schule sind, das heißt, das blaue Zertifikat ausgestellt bekommen haben. Niemand anderer kann diese Worte besitzen. Es können sie natürlich auch diejenigen bekommen, die, durch irgendetwas verhindert, an Versammlungen der Schule nicht teilnehmen konnten - an einzelnen Versammlungen nicht teilnehmen konnten - oder die überhaupt durch die Entfernung ihres Ortes nicht teilnehmen können. Sie - nur Mitglieder der Schule - können sie bekommen von diesen anderen, die in dieser Schule sind.

Aber in jedem einzelnen Falle muss für das Mitteilen dieser Worte an die einzelne Persönlichkeit Erlaubnis eingeholt werden. Nicht derjenige kann um diese Erlaubnis bitten, welcher die Worte empfängt, sondern allein derjenige, der sie gibt; der holt die Erlaubnis ein entweder bei Frau Doktor Wegman oder bei mir. Das ist nicht bloß eine Verwaltungsmaßregel, sondern es muss zugrunde liegen jedem Weitergeben der Worte als Ausgangspunkt diese reale Tatsache der Anfrage bei Frau Doktor Wegman oder mir. Schriftlich durch Briefe dürfen die Worte nicht jemandem mitgeteilt werden; sie können nur persönlich mitgeteilt werden, dürfen nicht Briefen anvertraut werden.

Die nächste Klassenstunde werde ich abhalten am Dienstag halb neun Uhr.

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