The Problem of Faust
GA 273 — 2 November 1917, Dornach
Faust und die Mütter
nach einer szenischen Darstellung aus «Faust» II: «Finstere Galerie». «Am Kaiserhof»
Die Betrachtungen des heutigen Abends möchte ich anknüpfen an die Szenen, die wir eben gesehen haben. Es wird sich uns dasjenige, was in Anknüpfung an diese Szenen gesagt werden kann, recht gut einfügen in den Lauf unserer gegenwärtigen Betrachtungen.
Ich habe nun schon öfter hier über die bedeutungsvolle «Mütter»Szene im zweiten Teil von Goethes «Faust» gesprochen. Allein diese Szene ist eine solche, auf die man immer wieder und wiederum aus dem Grunde zurückkommen kann, weil sie durch ihren bedeutungsvollen Inhalt, abgesehen von dem ästhetischen Wert, durch den sie sich in die Dichtung einfügt, eine Art Höhepunkt neuzeitlichen Geisteslebens wirklich in sich schließt, Man wird leicht sagen können, wenn man diese «Mütter»-Szene auf sich wirken läßt, daß sie eine ganze Summe von Andeutungen, die Goethe machen wollte, in sich schließt. Sie ist ebenso herausgeholt aus Goethes unmittelbaren seelischen Erlebnissen, wie sie auf der andern Seite Licht wirft auf bedeutungsvolle, tiefe Erkenntnisse, die man einfach bei Goethe anerkennen muß, wenn man nur einigermaßen versteht, was diese Szene bedeutet, in der Faust durch Mephistopheles die Möglichkeit geboten wird, in das Reich der Mütter hinunterzusteigen. Fassen wir einmal ins Auge, daß der Astrologe, als Faust wieder erscheint, wieder heraufkommt von den Müttern, von Faust als Priester spricht, daß Faust sich selbst als Priester nunmehr bezeichnet. Wir müssen dann in dieser Umwandlung desjenigen, was Faust vorher war, zum Priester, etwas Bedeutungsvolles sehen. Er ist hinuntergestiegen zu den Müttern. Eine Umwandlung ist mit ihm vorgegangen. Man braucht nur zu bedenken, ganz abgesehen von dem übrigen, was man über die Sache weiß, was wir im Lauf der Jahre über die Sache zu sagen hatten, wie die griechischen Dichter, indem sie von den Mysterien sprechen, andeuten, daß derjenige, der in die Mysterien eingeweiht wird, kennenlernt die drei Weltmütter: Rhea, Demeter und Proserpina. Die drei Mütter, ihre Wesenheit, dasjenige, was sie eigentlich sind, sollte durch unmittelbare Anschauung derjenige kennenlernen, der in Griechenland in die Mysterien eingeweiht wurde.
Wenn man die bedeutungsvolle Art ins Auge faßt, wie Goethe in dieser «Mütter» -Szene spricht, und wenn man das ins Auge faßt, was er vorgehen läßt in der nächsten Szene, dann wird man nicht mehr in Abrede stellen können, daß Faust in der Tat in Regionen, in Reiche geführt wird, die Goethe sich gleich gedacht hat den Reichen der Mütter, in die der griechische Mysterieneingeweihte geführt wurde. Damit ist aber schon angedeutet, daß Bedeutungsvollstes von Goethe gemeint ist.
Nun vergegenwärtigen Sie sich: in dem Augenblicke, wo Mephistopheles das Wort «Mütter» erwähnt, schaudert es Faust. Und dann spricht Faust die bedeutungsvollen Worte:
Die Mütter! Mütter! - ’s klingt so wunderlich!
Eingeleitet wird das Ganze damit, daß Mephistopheles sagt:
Ungern entdeck’ ich höheres Geheimnis.
Also um ein Geheimnis, um ein Mysterium handelt es sich wirklich, um etwas, was Goethe gewissermaßen in dieser halb und halb verborgenen Art für nötig fand, im Zusammenhange mit seiner Faust-Entwickelung der Welt mitzuteilen.
Wir müssen uns fragen und wir können es auf Grundlage der Betrathtungen, die wir im Laufe der Jahre angestellt haben: Was soll denn eigentlich in diesem Augenblicke, wo höheres Geheimnis vor Faust enthüllt werden soll, mit Faust geschehen? In welche Welt wird er eigentlich geführt? - Die Welt, in die er geführt wird, in die er eintreten soll, sie ist die Welt, die unmittelbar als geistige Welt angrenzt an unsere physische Welt.
Nun erinnern Sie sich wohl, daß ich gerade im Laufe dieser Betrachtungen gesagt habe, daß das Überschreiten der Schwelle zu dieser unmittelbar angrenzenden Welt schon gar vorsichtig aus dem Grunde ins Auge gefaßt werden muß, weil zwischen unserer Welt, die wir durch die Sinne betrachten und durch den Verstand begreifen, und jener Welt, aus der sich unsere sinnliche Welt heraus erhebt, gewissermaßen als Grenzland ein solches Gebiet ist, in dem man sehr leicht, wenn man nicht in genügender Reife und in genügender Vorbereitung in dieses eintritt, der Täuschung, der Illusion verfällt. Man möchte sagen: Feste Formen, feste Konturen, Grenzen gibt es eigentlich nur in der Welt, die wir durch unsere Sinne sehen. In der Welt, die angrenzt an diese Welt unserer Sinne als übersinnliche, gibt es solche feste Formen, solche feste Grenzen nicht. — Das ist gerade das, was dem materialistischen Verstande der Gegenwart so schwer beizubringen ist, daß in dem Augenblicke, wo man die Schwelle übertritt, alles in Bewegung ist, daß diese Welt, die unseren Sinnen gegeben ist, nur wie Erstarrungsformen sich heraushebt aus einer durch und durch bewegten Welt.
In diese durch und durch bewegte Welt, die wir die imaginative Welt nennen, soll nun Faust versetzt werden. Aber durch einen äußeren Anlaß soll er in diese Welt versetzt werden, nicht nach und nach in sorgfältiger meditativer Art, sondern durch einen äußeren Anlaß soll er versetzt werden. Mephistopheles, also die Kraft des Bösen, die in die physische Welt hereinwirkt, soll ihn in diese Welt versetzen.
Nun muß man etwas sehr scharf ins Auge fassen, wenn man auf diesem Gebiete nicht mißverständlichen Auffassungen sich hingeben will. Sehen Sie, wir auf anthroposophischem Gebiete suchen Erkenntnisse der geistigen Welt. Auch dasjenige, was in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» oder in ähnlichen Büchern gesagt ist von der Praxis, um in die geistige Welt einzudringen, geht nicht weiter als bis dahin, wo vermittelt wird, Erkenntnisse dieser Welt zu gewinnen. Hier muß selbstverständlich, soweit es sich handelt um die heutige Zeit und um die Notwendigkeit, heute diese Dinge der Welt zu übergeben, Halt gemacht werden. Würde man weitergehen, so würde das Gebiet beginnen, welches man bezeichnen kann als dasjenige des Handelns in der übersinnlichen Welt. Das muß gewissermaßen jedem selbst überlassen werden. Wenn er die Sicherheit der Erkenntnis findet, dann muß ihm das Handeln selbst überlassen werden. Aber bei dem, was sich abspielen soll zwischen Faust und Mephistopheles, ist es nicht so. Faust soll wirklich die Abgeschiedenen, Paris und Helena, heraufbringen, er soll also nicht nur in die geistige Welt hineinschauen, er soll gewissermaßen nicht nur ein Eingeweihter, er soll ein Magier werden, beziehungsweise er soll magische Handlungen vollziehen. Ja, hier zeigt es sich an der ganzen Art und Weise, wie Goethe die Szene behandelt, daß er gründlich vertraut war mit gewissen Geheimnissen der menschlichen Seele. Der Bewußtseinszustand des Faust soll umgeändert werden. Aber zu gleicher Zeit soll Faust die Kraft übergeben werden, aus übersinnlichen Impulsen heraus zu handeln.
Mephisto gehört als solcher, als ahrimanische Kraft, so wie er Faust gegenübersteht, dieser Welt, in der wir mit unseren Sinnen leben, an, aber als übersinnliche Wesenheit. Er ist ja versetzt. Er hat keine Gewalt über die Welten, in die Faust nunmehr hineinversetzt werden soll. Die sind für ihn eigentlich nicht da. In einen andern Bewußtseinszustand soll Faust übergehen, in jenen Bewußtseinszustand, der unter dem Grunde unserer sinnlichen Welt wahrnimmt das Weben und Wesen, das Wogen und Werden, das nie stillesteht und aus dem sich unsere sinnliche Welt heraus erhebt. Und mit den Kräften, die da unten sind, soll Faust bekannt werden.
Die Mütter, das ist eine Bezeichnung, die für den Eintritt in diese Welt nicht ohne Bedeutung ist. Fassen Sie ins Auge den Zusammenhang des Wortes Mütter mit allem Wachsenden, mit allem Werdenden. Im Mütterlichen schließt sich zusammen das Physisch-Sinnliche mit demjenigen, was nicht physisch-sinnlich ist. Stellen Sie sich das Werden des menschlichen Geschöpfes vor, das physische Werden, die Inkarnation. Sie müssen sich einen gewissen Prozeß vorstellen, der sich abspielt durch ein Zusammenwirken zwischen dem Kosmos und dem miütterlichen Prinzip, bevor eine Vereinigung des Weiblichen und des Männlichen geschieht. Der physisch werdende Mensch bereitet sich im weiblichen Wesen vor. Wir fassen jetzt diese Vorbereitung so auf, daß wir sie nur ins Auge fassen bis zu dem Augenblick hin, wo die Befruchtung ist, also vor der Befruchtung. Es ist eine ganz mangelhafte einseitig-materialistische Vorstellung, wenn man glaubt, daß einfach in der Frau all die Kräfte vorgebildet liegen, die zum Menschenkeime, zum physischen Menschenkeime führen. Das ist nicht der Fall, sondern es findet eine Wirkung kosmischer, sphärischer Kräfte statt. In die Frau wirken hinein die Kräfte des Kosmos. Der Menschenkeim ist immer ein Ergebnis kosmischer Wirksamkeiten. Das, was die Naturwissenschaft, was der naturwissenschaftliche Materialismus als Eizelle beschreibt, ist gewissermafßen nur auf dem Mutterboden erzeugt, aber ist ein Abbild, herauserzeugt aus dem großen Weltenei.
Fassen wir also diesen werdenden Menschenkeim vor der Befruchtung ins Auge, und fragen wir uns: Was wollten die Griechen mit ihren drei Müttern, der Rhea, Demeter und Proserpina? Unter diesen drei Müttern stellten sie sich jene Kräfte vor, die aus dem Kosmos hereinwirken und den Menschenkeim vorbereiten, aber aus jenem Teil des Kosmos, der nun nicht sinnlich, sondern übersinnlich ist. Die Mütter, Demeter, Rhea, Proserpina, gehörten der übersinnlichen Welt an. Kein Wunder, daß Faust ahnt: ein unbekanntestes Reich deutet sich ihm an, als das Wort Mütter ausgesprochen wird.
Bedenken Sie, was nun Faust eigentlich erleben soll. Würde es sich bloß um imaginative Erkenntnisse handeln, so würde er nur regelrecht meditativ eingeführt zu werden brauchen, aber, wie gesagt, er soll magische Handlungen vollziehen. Dazu ist notwendig, daß der gewöhnliche Verstand, der gewöhnliche Intellekt, in dem der Mensch die Sinneswelt wahrnimmt, aufhört. Dieser Intellekt beginnt, wenn die Inkarnation im physischen Leibe beginnt, hört auf mit dem physischen Tode. Dieser Intellekt soll abgedämpft, abgetrübt werden. Davor steht Faust also, daß dieser Intellekt seine Wirksamkeit einstellen soll. In eine andere Region soll er mit seiner Seele aufgenommen werden. Das ist natürlich etwas, was bedeutungsvoll in die Entwickelung des Faust eingreifen soll.
Von seiten des Mephisto gesehen -- wie nimmt sich denn da die Sache aus? Nicht wahr, dadurch, daß Mephisto den Faust in diesen andern Bewußtseinszustand versetzen soll, wird die Sache gefährlich. Aber sie wird gewissermaßen auch für Mephisto höchst unbehaglich, sie wird auch für Mephisto in gewissem Sinne gefährlich. Denn, was kann passieren? Entweder Faust kommt hinüber in den andern Bewußtseinszustand, lernt die andere Welt kennen, aus der er höhere Kräfte herauszaubern kann, und er kommt mit seinem vollen Bewußtsein hin und zurück, dann entwächst er dem Mephisto, denn Faust lernt eine Welt erkennen, in der Mephisto nicht zu Hause ist. Damit ist er entwachsen dem Mephisto. Oder aber das gelingt in der denkbar schlechtesten Weise, dann würde Faust in seinem Verstande getrübt werden. Mephisto setzt sich selber wirklich in eine höchst peinliche Situation. Aber er muß etwas tun. Er muß Faust die Möglichkeit geben, sein Versprechen zu erfüllen. Er hofft, daß in irgendeiner Weise sich die Sache applanieren lassen werde, denn er will weder das eine noch das andere. Er will nicht, daß Faust ihm entwächst, noch will er auch, daß Faust ganz und gar paralysiert werde.
Das bitte ich Sie alles zu bedenken und dann ins Auge zu fassen, daß Goethe das alles andeuten wollte, also in dieser Szene des Faust wirklich die Welt hinweisen wollte’darauf: es gibt ein spirituelles Reich, dieses ist die Art und Weise, wie sich der Mensch zu diesem übersinnlichen Reich verhalten kann. So hängen die Dinge zusammen.
Die Erkenntnis von diesen Dingen ist dem fünften nachatlantischen Zeitraum wohl eigentlich zum großen Teil verlorengegangen. Goethe, sagte ich, verwandte dasjenige, was sich ihm persönlich ergeben hatte, in den großen Augenblicken geistiger Erkenntnis. Persönlich ist Goethe dieses ganze Verhältnis zu den Müttern vor die Seele getreten aus der Lektüre des Plutarch. Plutarch, der griechische Schriftsteller, den Goethe gelesen hat, spricht von den Müttern. Insbesondere eine Szene im Plutarch scheint auf Goethe dem Gemüte nach einen tiefen Eindruck gemacht zu haben: Die Römer sind mit den Karthagern im Kriege. Nikias ist römisch gesinnt, und er will die Stadt Engyion den Karthagern entreißen. Er soll an die Karthager deshalb ausgeliefert werden. Da stellt er sich wahnsinnig und läuft auf den Straßen herum und ruft: Die Mütter, die Mütter verfolgen mich! — Sie sehen daraus, daß in der Zeit, von der Plutarch spricht, man diese Verwandtschaft der Mütter nicht mit dem gewöhnlichen sinnlichen Verstande, sondern mit einem Zustand des Menschen, wo dieser sinnliche Verstand nicht da ist, in Zusammenhang bringt. Zweifellos hat alles dasjenige, was Goethe im Plutarch gelesen hat, ihm die Anregung gegeben, den Ausdruck, die Idee der Mütter einzuführen in den Faust.
In Plutarch wird auch davon gesprochen, daß die Welt eine dreieckige Form habe. Nun muß man natürlich sich die Dinge so vorstellen, daß dieser Ausdruck, die Welt habe dreieckige Form, nicht klotzigräumlich gemeint ist, sondern das Räumliche ist nur ein Sinnbild für Unräumliches und Unzeitliches. Aber da wir im Raume leben, müssen räumliche Bilder für das Überbildliche und Überräumliche und Über zeitliche gebraucht werden.

Dreieckig also — so wird in Plutarch geschildert - sei die Welt. (Eine Zeichnung wird entworfen.) Das ist die Gesamtwelt: in der Mitte dieses Weltendreiecks - meinte Plutarch — befindet sich das Feld der Wahrheit. Nun unterscheidet Plutarch gegenüber dieser Gesamtwelt 183 Welten. 183 Welten, sagt er, sind im Umkreise, sie bewegen sich ringsherum, in der Mitte das ruhige Feld der Wahrheit. Dieses ruhige Feld der Wahrheit, abgetrennt durch die Zeit, sagt er, von den 183 Welten, die ringsherum sich drehen: überall an jeder Seite 60, in den Ecken je eine = 183. Wenn also diese Plutarchsche Imagination genommen wird, so haben wir dreigliedrig die Welt gedacht: die Wolkenbildung ringsherum, die 183 Welten wellend und wogend. Das ist zu gleicher Zeit die Imagination für die Mütter. Die Zahl 183 ist von Plutarch angegeben.
Also Plutarch, der in gewissem Sinne die Mysterienweisheiten beherrschte, gibt die merkwürdige Zahl an: 183 Welten. Rechnen wir einmal heraus, wieviel Welten wir kriegen, wenn wir richtig rechnen bis zu der Welt des Plutarch hin. Da müssen wir so rechnen:
Sie sehen, wenn wir unsere Rechnung anwenden und richtig rechnen, die einzelnen Glieder und die ganzen Welten, wie sie sich so fortgewälzt haben bis zu der vierten nachatlantischen Periode, in der Plutarch lebte, so konnte man wirklich sagen: diese Rechnung ergibt 183 Welten.
Außerdem aber, wenn wir unsere Erde nehmen, auf der wir uns noch entwickeln, der gegenüber wir also nicht von einem Abschluß sprechen können, und sehen hinauf zu Saturn, Sonne, Mond, haben wir dort die Mütter, die nur die griechischen Mysterien in einer andern Form ausgesprochen haben: Proserpina, Demeter, Rhea. Denn alle die Kräfte, die in Saturn, Sonne und Mond sind, sie wirken ja nach, wirken herein in unsere Zeit. Und dasjenige, was physische Kräfte sind, ist immer nur die Abschattierung, die Abbildung des Spirituellen. Alles Physische ist immer nur das Bild des Spirituellen.
Der Mond, wenn Sie nicht seinen äußeren, klotzigen physischen Leib nehmen, sondern die Kräfte, die Impulse, die in ihm sind: er ist mit seinen Kräften zugleich in der Erde. Die Mondenwesenheit gehört mit zur Erdenwesenheit. Sie brauchen sich nur die Sache folgendermaßen vorzustellen, wenn Sie eine grobe Vorstellung haben wollen. Da ist die Erde (eine Zeichnung wird entworfen), da hat sie einen Stiel, da ist der Mond daran; sie dreht ihn herum auf dem Stiel; der Stiel ist nur nicht physisch. Und alles dasjenige, was Mondenimpulse sind, sind nicht nur auf dem Monde, sondern diese Sphäre durchdringt die Erde.
Sind diese Kräfte irgendwie vorhanden, die mit dem Mond zusammenhängen? Die Griechen haben diese Kräfte als sehr geheimnisvoll betrachtet, als recht geheimnisvoll. Es hängt mit all den Verhängnissen der neueren Zeit zusammen, daß diese Kräfte, ohne daß der Mysteriencharakter gewahrt geblieben ist, offenbar geworden sind. Wenn wir diese Kräfte ins Auge fassen, die mit dem Monde zusammenhängen — wollen wir nur das eine ins Auge fassen -, dann haben wir die eine der Mütter. Was ist diese eine der Mütter? Wir werden uns auf die folgende Weise am besten nähern können dem, was diese eine der Mütter ist.
Nehmen Sie, um ein Bild zu haben, irgendeinen Fluß, sagen wir, den Rhein. Was ist eigentlich der Rhein? Wer nachdenkt - ich habe das schon einmal hier erwähnt -, kann eigentlich nicht sagen: Das ist der Rhein. — Man bezeichnet den Fluß als den Rhein. Aber was ist er real, der Rhein, wenn wir hinübergehen und ihn anschauen? Ist das Wasser der Rhein? Nun, das ist nächstens fort und anderes ist da, das geht in die Nordsee hinein und anderes kommt nach, das ändert sich fortwährend. Was ist der Rhein? Ist der Rhein die Mulde, das Bett? Daran denkt wiederum keiner. Wenn das Wasser nicht darinnen wäre, würde niemand daran denken, daß das der Rhein wäre. Eigentlich, wenn Sie das Wort der Rhein brauchen, brauchen Sie es nicht für etwas, das real da ist, sondern für etwas, das sich fortwährend ändert, aber doch wiederum nicht sich ändert in gewisser Beziehung. Wenn Sie sich die Sache schematisch so vorstellen (es wird gezeichnet), daß wir annehmen, das sei der Rhein, und das sei das in ihm fließende Wasser: nun ja, einmal verdunstet dieses Wasser und kommt wiederum herunter. Wenn Sie alle Flüsse als zusammengehörig betrachten, so müssen Sie doch sich vorstellen: es verdunstet, kommt wieder herunter. In gewisser Beziehung kommt das Wasser, das vom Ursprung zur Mündung hingeht, wiederum aus denselben Reserven des Wassers, das herauf- und hinuntergeht; der Kreislauf des Wassers vollzieht sich da. Nur zersplittert sich, verbreitet sich dieses Wasser in die ganze Umgebung. Natürlich können Sie nicht jedem Tropfen nachlaufen, aber man muß das Wasser, das zur Erde gehört, als eine Einheit betrachten. Die Frage nach juvenilem Wasser kommt hierbei nicht in Betracht. So ist es mit dem Wasser.
Etwas Ähnliches ließe sich auch mit der Luft machen. Aber es läßt sich etwas Ähnliches mit etwas noch anderem machen. Wenn Sie hier eine Telegraphenstation haben und hier (es wird wiederum gezeichnet) die andere Telegraphenstation, so wissen Sie, daß eine Verbindung ist nur durch einen Draht; die andere wird durch die ganze Erde hergestellt, denn der Strom geht in die Erde. Hier: darinnen ist die Erdleitungsplatte. Das Ganze geht durch die Erde durch.
Sie haben, wenn Sie sich diese zwei Dinge vorstellen: das Wasser, das hingeht, sich verbreitert, sich zum Kreislauf veranlagt, und wenn Sie sich vorstellen nach der andern Seite die Elektrizität, die in die Erde hinein sich so verbreitert — Sie haben zwei entgegengesetzte Dinge, ein zweifach entgegengesetzt Wesenhaftes haben Sie. Ich deute das hier nur an. Sie können sich das aus jeder elementaren Physik zusammenstellen. Aber es führt uns dies dahin, gewissermaßen in der Elektrizität das Gegenbild, das unterirdische Gegenbild zu dem zu sehen, was über der Erde vorgeht in dem Kreislauf des Wassers.
Was da unter der Erde als elektrisches Wesen waltet, das ist nun zurückgebliebener Mondenimpuls. Es gehört eigentlich gar nicht zur Erde. Das ist zurückgebliebener Mondenimpuls und wurde von den Griechen so angesprochen. Die Griechen kannten nämlich noch die Verwandtschaft dieser über die ganze Erde verteilten Kraft mit den Kräften der Fortpflanzung — diese Verwandtschaft gibt es nämlich —, mit den Kräften des Wachsens, Gedeihens. Das war eine der Mütter. Nun können Sie sich denken: all die Ahnungen von diesen großen Zusammenhängen stehen vor Faust nicht nur theoretisch, sondern er soll sich in dieses Gebiet hineinbegeben, soll sich durchdringen mit diesen Impulsen. In den griechischen Mysterien wurde allerdings diese Kraft vor allen Dingen an die Einzuweihenden kundgegeben, diese Kraft neben den andern beiden Müttern. Die Griechen haben alles, was mit der Elektrizität zusammenhängt, mysterienhaft im Geheimen gehalten. Darinnen wird die Dekadenz liegen der Erdenzukunft, von der ich von einem andern Gesichtspunkte aus schon gesprochen habe, daß diese Kräfte nicht mehr heilig, nicht mehr mysterienhaft gehalten werden, sondern herauskommen. Eine ist während der fünften nachatlantischen Zeit herausgekommen: die Elektrizität. Die andern werden im sechsten und siebenten Zeitraum herauskommen bei der Dekadenz.
Das alles gehört selbst noch in den dekadenten neueren Geheimgesellschaften zu den Dingen, von denen die konservativen Mitglieder nicht sprechen wollen. Goethe hat es mit Recht angemessen gefunden, in der Art von den Dingen zu künden, in der er dazumal schon künden konnte. Aber zu gleicher Zeit haben Sie hier eine der Stellen bei Goethe, aus der Sie sehen können, daß der große Dichter nicht so dichtet wie viele, die auch dichten, sondern da steht jedes Wort geprägt und festgelegt an seinem Orte. Denken Sie einmal: die Mütter sind also verwandt mit Elektrizität. Goethe gehört zu denen, die diese Dinge wirk lich sachgemäß behandeln:
Merkst du nun bald, was man an ihm besitzt!
Der Schlüssel wird die rechte Stelle wittern,
Folg’ ihm hinab, er führt dich zu den Müttern.
Faust (schaudernd):
Den Müttern! Trifft’s mich immer wie ein Schlag!
Wie wenn er vom elektrischen Schlag getroffen wird. Goethe braucht das Wort Schlag mit voller Absicht, nicht als irgendein zufälliges Wort, wie nichts in dieser Szene bei den Dingen, bei denen es sich um etwas handelt, irgendwie zufällig dasteht.
Das Bild also, das vorbilder dasjenige, was er da finden soll als die Impulse der 183 Welten, das gibt Mephisto dem Faust. Dieses Bild, das wirkt schon in Faustens Seele so, wie es wirken soll, denn Faust hat mancherlei durchgemacht, was ihn in die Nähe der geistigen Welten bringt. Daher wirken diese Dinge schon für ihn.
Das wollte ich heute hauptsächlich auseinandersetzen, daß Goethe Bedeutungsvollstes in dieser «Mütter»-Szene auseinandersetzen will. Daraus sehen Sie aber schon, aus welchen Welten her — aus andern Bewußtseinswelten — Faust die Helena und den Paris zu holen hat. Weil Goethe so Bedeutungsvolles vorführte, deshalb ist auch wirklich die Sprache in diesen Szenen anders, als es auf den ersten Blick hin scheinen könnte. Dasjenige, was nun Faust heraufholt aus dieser Welt, die ich Ihnen angedeutet habe, sehen auch die andern, die sich zu einer Art von Drama versammelt haben. Aber wodurch sehen sie es? Es ist ihnen halb suggeriert. Wer suggeriert? Der Astrolog. Darum ist er auch als Astrolog gewählt. Seine Worte haben suggestive Kraft. Das ist auch deutlich zum Ausdruck gekommen. Diese Astrologen hatten die Kunst des Suggerierens schon in sich aufgenommen; nicht die beste, schon eine solche, die ahrimanisch war. Was tut denn eigentlich unser Astrolog, wenn er da so steht, und dieser Hof, der sich Ihnen, nun ja, als nicht besonders gescheit, wenn ich so sagen darf, vorstellte? Was tut denn eigentlich der Astrolog unter diesem Hofe? Er suggeriert ihnen das, was nötig ist, damit dasjenige, was durch Fausts verändertes Bewußtsein als eine besondere Welt heraufsteigt, den andern gegenwärtig wird. Erinnern Sie sich, was ich Ihnen hier einmal dargestellt, einmal gesagt habe: Man kann heute nachweisen, daß die Worte, die man spricht, ihr Erzittern in gewissen Substanzen zeigen. — Ich habe daran zeigen wollen, daß man heute schon experimentell das Wesen der Beschwörungsszenen klarlegen könne. Aus dem Weihrauchnebel der entsprechenden Worte entwickelt sich wirklich dasjenige, was Faust aus einer ganz andern Welt für sein Bewußtsein herausbringt. Aber für die Hofgesellschaft wird dieses gegenwärtig, wird wirklich gesehen dadurch, daß der Astrolog das Suggestive hinzufügt. Was tut der Astrolog? Er bläst ein, er ist der Einbläser für jedes der Ohren der Hofgesellschaft. Aber: Einbläsereien sind des Teufels Redekunst. Also indem das Wort gesprochen wird:
Einbläsereien sind des Teufels Redekunst,
wird die teuflische Kunst des Astrologen bezeichnet. Das ist die eine Bedeutung dieses Satzes. Die andere ist diese unmittelbar auf die Szene bezügliche: der Teufel sitzt selber im Souffleurkasten drin und bläst ein.
Hier haben Sie das Urbild eines solchen Satzes mit absolutem Doppelsinn. Rein szenisch: der Teufel sitzt selber im Souffleurkasten und bläst ein! Aber in Wirklichkeit: der Astrolog bläst der Hofgesellschaft ein! Und das ist eine teuflische Kunst, so wie er sie übt.
So werden Sie, wenn Sie richtig zu Werke gehen, in sehr vielen dieser Sätze, die hier gesprochen werden, Doppelsinn finden. Goethe gebraucht diesen Doppelsinn, weil er darstellen will etwas, was wirklich geschieht, und doch wiederum nicht in dem Sinne wirklich geschieht, wie das Materiell-Klotzige wirklich geschieht. Aufgeführt werden kann es ja, aber es ist nicht im sinnlichen Sinne wirklich. Aber Goethe wollte etwas darstellen, was nun wirklich in der neueren Geschichte einen Impuls, eine Rolle gespielt hat, was wirklich geschehen ist. Goethe meinte nicht etwa nur, daß da einmal so etwas aufgeführt worden ist, sondern er meinte, in die neuere Geschichte sind schon diese Impulse hineingeflossen, sind darinnen. Das wirkt. Er wollte eine Wirklichkeit darstellen. Er wollte gewissermaßen sagen: In dem, was sich seit dem i6. Jahrhundert heraufentwickelt hat, da hat schon der Teufel mitgespielt. — Und wenn Sie die Szene in diesem Sinne ernst nehmen, so haben Sie wiederum die zweite Seite der Sache, haben Goethes Erkenntnis von dem Mitspielen von übersinnlichen Wesenheiten in den historischen Vorgängen. Und in dem Schluß haben Sie das, was ich öfter schon angedeutet habe, daß Faust noch nicht reif ist, die Sache zu Ende zu führen, daß er nicht in der rechten Weise die Möglichkeit bekommen hat, in die andere Welt hineinzugehen, sondern durch Mephistopheles’ Kraft. Daher kommt dasjenige, was eben den Schluß der Szene bildet.
Doch an diese Dinge will ich dann morgen noch anknüpfen, um unsere Betrachtungen weiterzuführen. Aber Sie sehen, es kann uns gerade dasjenige, was Goethe sagen wollte, manches verdeutlichen, das gar sehr in dem Laufe unserer bisherigen Betrachtungen liegt.