The Problem of Faust
GA 273 — 3 November 1917, Dornach
Faust und das Problem des Bösen
Wenn wir die aufeinanderfolgenden Epochen der Menschheitsentwickelung auf der Erde zunächst nur für die nachatlantische Zeit charakterisieren, so können wir zur Charakteristik dies oder jenes aus der Geistesforschung heraus für die einzelnen Epochen angeben; dadurch verschafft man sich allmählich konkrete Vorstellungen über diese einzelnen Epochen. Heute wollen wir über die vierte, die griechisch-lateinische Zeit, und über die fünfte, unsere eigene Zeit, die ungefähr mit dem Jahr 1413 begonnen hat, einiges Besondere zu dem, was wir schon wissen, hinzufügen. Man kann sagen: Jede solche Epoche hat eine besondere Aufgabe — wobei ich Sie bitte, nicht zu denken an eine bloße theoretische, wissenschaftliche Aufgabe, an irgend etwas, was nur mit Erkenntnissen zu tun hat, sondern jede Epoche hat eine Aufgabe in dem Sinne, daß diese Aufgabe lebensvoll gelöst werden muß; daß im Leben selber Impulse auftreten müssen, mit denen sich die einzelnen Menschen, die in diesen Epochen leben, abzufinden haben, an denen sie zu ringen haben, aus denen heraus nicht nur ihre Vorstellungen entstehen, aus denen heraus ihre Gemütsbewegungen entstehen, dasjenige sich ergibt, was sie lieben, was sie hassen, aber auch sich ergibt, was sie als Willensimpuls in sich aufnehmen. Also im weitesten Umkreise können wir sagen, daß eine jede solche Epoche eine Aufgabe zu lösen hat.
Sehen wir auf die griechisch-lateinische Epoche, so finden wir, daß sie die Aufgabe zu lösen hat, die sich vorzugsweise bezieht auf das, was man zusammenfassen kann mit den Worten Geburt und Tod im Weltenall. Diese Dinge sind heute schon etwas verschwommen geworden, weil nicht eigentlich im tiefsten Lebenssinne, sondern nur mehr in einem theoretischeren Sinne die großen Probleme von Geburt und Tod vor dem Menschen der fünften nachatlantischen Zeit stehen. Dieser Mensch der fünften nachatlantischen Zeit hat nicht mehr eine genaue Empfindung davon, wie tief in das Gemüt des Menschen der vierten nachatlantischen Zeit die Erscheinungen der Geburt und des Todes eingriffen. Wir, die Menschen der fünften nachatlantischen Zeit - und wir stehen im Grunde genommen ziemlich am Anfange: 1413 hat diese fünfte nachatlantische Epoche begonnen, 2160 Jahre dauert eine solche Epoche -, haben zu lösen im weitesten Umfange lebenskräftig dasjenige Gebiet, was man nennen kann das Problem des Bösen. Das bitte ich Sie durchdringend ins Auge zu fassen. Das Böse, das in allen möglichen verschiedenen Formen herantreten wird an den Menschen der fünften nachatlantischen Zeit, so herantreten wird, daß er wissenschaftlich wird zu lösen haben die Natur, das Wesen des Bösen, daß er wird zurechtzukommen haben in seinem Lieben und Hassen mit alledem, was aus dem Bösen stammt, daß er wird zu kämpfen, zu ringen haben mit den Widerständen des Bösen gegen die Willensimpulse - das gehört alles zu den Aufgaben der fünften nachatlantischen Zeit.
Ja noch intensiver, als Geburt und Tod dem Leben der vierten nachatlantischen Zeit angehörte, gehört das Problem des Bösen dieser fünften nachatlantischen Zeit an. Warum? Sehen Sie, so lebensintensiv, wie diese fünfte nachatlantische Zeit das Problem des Bösen wird lösen müssen, so lebensintensiv hatte zu lösen die Frage nach Geburt und Tod die atlantische Zeit. In der atlantischen Zeit selber traten die Erscheinungen der Geburt und des Todes in viel anschaulicherer, viel unmittelbarerer, viel elementarerer Art an die Menschen heran als jetzt, wo sich dasjenige, was sich hinter Geburt und Tod verbirgt, auch für das menschliche Anschauen und Empfinden mehr verbirgt. Und die griechisch-lateinische Zeit war im Grunde genommen nur eine abgeschwächte Wiederholung desjenigen, was die Atlantier zu erleben hatten mit Bezug auf Geburt und Tod. Daher war das, was in dieser griechisch-lateinischen Zeit erlebt wurde, nicht so intensiv, wie intensiv werden wird das Ringen der fünften nachatlantischen Epoche, die 1413 begonnen, mit all den Mächten des Bösen, mit all dem, was aus dem Bösen herausquillt, und wovon sich eigentlich der Mensch zu befreien hat durch die entgegengesetzten Kräfte, auf deren Entwickelung daher ganz besonders angewiesen ist diese fünfte nachatlantische Epoche. Man braucht das, was ich soeben gesagt habe, nur intensiv genug ins Auge zu fassen, dann wird sich manches, das wir in diesen Wochen charakterisiert haben, noch ganz besonders illustrieren. Manches wird wie eine Folgeerscheinung dieses Obersatzes wirken, daß diese fünfte nachatlantische Zeit zu ringen hat mit dem Lebensproblem des Bösen.
Und nun fragen wir uns: Wie hat Goethe eingesehen, daß dies so ist, als er den Menschheitsrepräsentanten, den Faust, so dramatisch charakterisiert hat, daß er ihn in Kampf gestellt hat mit dem Vertreter des Bösen, mit Mephistopheles? — Daraus können Sie ersehen, daß dieses Faust-Drama wirklich hervorgeholt ist aus den tiefsten Interessen des Gegenwartszeitalters.
Es ist eine Eigentümlichkeit des Menschen, daß er mit solchen Dingen, mit denen er zu ringen hat, nur zurechtkommt, wenn er — wir haben das auch in diesen Betrachtungen öfters betont — sein Bewußtsein über sie ausdehnt, wenn sie nicht unbewußt bleiben. Das ist die eine Eigentümlichkeit. Das, was aus den Untergründen der Weltordnung an Möglichkeiten zu bösen Impulsen aufsteigen kann — dem Bewußtsein muß es sich verraten.
Aber noch eine andere Notwendigkeit liegt vor. Es genügt in der Regel nicht, bloß zu wissen, was einer Epoche angehört. Man kann eigentlich die Dinge nur richtig durch Vergleichung beurteilen. Es genügt also eigentlich nicht, zu wissen: jetzt in der fünften nachatlantischen Zeit hat der Mensch zu ringen mit dem Bösen in der geschichtlichen Entwickelung des Erdenseins, sondern es ist notwendig, daß hinzutritt ein gewisses Bewußtsein über die vorhergehende Epoche, in diesem Falle also über die griechisch-lateinische Epoche, daß gewissermaßen die Impulse, die in der griechisch-lateinischen Epoche lebten, nun auch Impulse des Menschen werden in der fünften nachatlantischen Zeit. Bedenken Sie, wie ganz wunderbar in Zusammenhang steht mit dieser aus der Natur der menschlichen Entwickelung, der historischen Entwickelung der Menschheit geholten Anschauung, was Goethe empfand. Goethe hatte Sehnsucht, die Antike aus unmittelbarer Anschauung kennenzulernen — so gut sie sich kennenlernen ließ in seiner Zeit -, sie in Italien gewissermaßen zu erraten aus dem, was sich ihm in Italien ergeben hatte. Daher war die Sehnsucht nach Italien wie eine Krankheit in Goethe lebend. Das hing aber damit zusammen, daß Goethe sich im eminentesten Sinne als einen Sohn der fünften nachatlantischen Zeit empfand. Goethe strebte nicht mit einem solchen Impuls nach Italien, wie irgendein Universitätsprofessor der Kunsthistorie, der schon glaubt, daß er gescheit ist auf jedem Gebiete, und nur sein Wissen ausdehnen will. Das war nicht das, was Goethe anstrebte. Goethe strebte geradezu eine Veränderung seines Bewußtseinszustandes an, eine andere Art des Anschauens. Und vieles könnte angeführt werden, aus dem Ihnen das hervorgehen könnte. Goethe sagte sich: Bleibe ich bloß im Norden, dann wird meine Seele eine Anschauungsform haben, die nicht umfassend genug ist. Ich muß in der Atmosphäre des Südens leben, um andere Anschauungsformen, Begriffsformen, Gedankenformen, Empfindungsformen zu bekommen. - Auch dasjenige, was im eminentesten Sinne nordischen Gehalt hat, zum Beispiel die «Hexenküche», Goethe hat diese Szene in Rom geschrieben, weil er glaubte, in die Natur des geistigen Anschauens sich nur dadurch voll hineinleben zu können, daß sein Bewußtseinszustand durch die dortige Atmosphäre umgestaltet werde. In feiner, intimer Art sich in Goethe hineinzufinden, das muß man anstreben.
Nun kann man also sehen, daß Goethe seinen Faust nicht aus irgendeiner wesenlosen Abstraktion heraus dem Mephistopheles gegenüberstellt, sondern weil er den Repräsentanten der fünften nachatlantischen Zeit innerhalb der Menschheitsentwickelung hinstellen wollte. Aber aus dem andern Bestreben heraus, gewissermaßen innerhalb zweier Bewußtseinszustände lebendig zu vergleichen, erstand ihm die Notwendigkeit, den Faust nicht nur erleben zu lassen Verhältnisse, Begebenheiten des fünften nachatlantischen Zeitraums, sondern ihn zurückzuführen und seine Seele untertauchen zu lassen in den vierten nachatlantischen Zeitraum, damit auch dieser seinem Bewußtseinszustand das Gepräge gibt. Das geschieht dadurch, daß Faust mit der Helena zusammenkommt.
Mancherlei ist interessant an einzelnen Szenen zusammenzustellen im umfassenden «Faust». Es wäre zum Beispiel interessant, einmal hintereinander aufzuführen die «Hexenküche», die Beschwörungsszene am «Kaiserhof» und dann die Erscheinungsszene der Helena selbst; denn diese drei Szenen stellen drei aufeinanderfolgende Bekanntschaften des Faust mit Helena dar. In der «Hexenküche» sieht Faust, während sich Mephistopheles mit den Meerkatzen und mit der Hexe unterhält, im Zauberspiegel ein Bild, dem gegenüber er nur spricht von der Schönheit der Frau. Aber es wird schon erinnert durch die Worte des Mephistopheles, daß auftaucht das Helena-Bild:
Du siehst mit diesem Trank im Leibe
Bald Helenen in jedem Weibe.
Da taucht zuerst dasjenige auf, was dann hier in der Szene am «Kaiserhof» weitere Gestaltung gewinnt, und was endlich in der «Klassischromantischen Phantasmagorie» im dritten Akt des zweiten Teiles in seiner dritten Form auftritt. Diese drei Dinge hintereinander einmal zusammengestellt zu sehen, wäre aus dem Grunde interessant, weil dann vielleicht die Menschen sehen würden, daß dieser «Faust» gar sehr ein organisches, ein innerlich zusammengeordnetes lebendiges Gebilde ist.
Nicht umsonst hören wir wiederum hier am «Kaiserhof» aus dem Munde des Faust selber:
Hier wittert’s nach der Hexenküche.
Wo es wiederum an die Helena geht, wittert’s nach der «Hexenküche». Also es wird an die Helena erinnert. Die Sätze sind alle wohl erwogen gestellt. Goethe ist kein Dichter wie andere, sondern ein Dichter, der wirklich aus großen, weither impulsierten Notwendigkeiten heraus gedichtet hat.
Aber fragen wir uns einmal genauer: Warum denn diese dreifache Bekanntschaft des Faust mit Helena? Warum dieses? — Sind doch diese drei Bekanntschaften recht sehr voneinander verschieden. In der ersten Bekanntschaft, in der «Hexenküche», im Zauberspiegel, ist Faust zunächst auf leichte Art entrückt. Er sieht ein Bild. Derjenige, der mit den feineren Unterschieden der okkulten Wissenschaft bekannt ist, der weiß dieses Bild, welches Faust im Zauberspiegel sieht, wohl zu taxieren. Ich habe Ihnen öfter davon gesprochen, wie unsere Gedanken, unsere Vorstellungen im gewöhnlichen Leben eigentlich die Leichen desjenigen sind, was wir erleben. Hinter allen Gedanken stehen Imaginationen, aber das Imaginative töten wir. Sie können es philosophisch etwas genauer sehen, wenn jetzt mein Buch erscheinen wird, das ein kleines
Kapitel über die Sache enthält: «Von Seelenrätseln». Dasjenige, was Faust in der «Hexenküche» im Zauberspiegel sieht, ist etwas, was in ihm lebt, zur Imagination erhoben. Er hat sonst die Vorstellung nur abstrakt; da erlebt er die Vorstellung der Helena, die Goethe aus dem ganzen Bereich des Vorstellungslebens heraushebt, zur Imagination umgestaltet. Wir haben also - ich bitte Sie, das zu beachten - erstens: Eine imaginativ gewordene Vorstellung — «Hexenküche».
In der Beschwörungsszene am «Kaiserhof» geht die Sache weiter. Da wird mehr ergriffen als das bloße Vorstellungsleben bei Faust. Wenn Faust bloß aufgenommen hätte das Bild, das er im Zauberspiegel sieht, könnte er es nicht nach außen wiedergeben, gleichgültig, ob durch Rauch oder durch etwas anderes. Daß er es nach außen wiedergeben kann, dazu ist notwendig, daß es zusammenhängt mit seinem Gefühls- und Emotionsleben. Man kann auch wirklich nur sagen, daß Goethe das, was er da sagen will, so intensiv wie möglich andeutet. Daß Faust nicht mehr bloß die Schönheit im Vorstellungsleben bewundert, wie in der «Hexenküche» im Bilde des Zauberspiegels, das geht Ihnen daraus hervor, daß Goethe die ganze Skala von Emotionen, von Gefühlen, von Gemütsbewegungen, durch die Faust sich mit der Helena verbunden fühlt, bei dieser Beschwörungsszene wunderbar anführt. Es ist wirklich eine wunderbare Steigerung, wo kein Wort an einer andern Stelle stehen könnte, wenn Faust ausbricht in die Worte, die sein Gemütsverhältnis zur Helena charakterisieren: Neigung, Liebe, Anbetung, Wahnsinn. Seelensachgemäßer kann man nicht schildern. Stellen Sie sich diese Steigerung vor, dann werden Sie sehen, wie Goethe das Zusammengekoppeltsein desjenigen, was Faust in seinem Gemütsleben erlebt, darstellt. Was da also auftritt in der Beschwörungsszene, das ist nicht mehr bloß imaginativ gewordene Vorstellung, das ist imaginativ gewordenes Fühlen. Und da haben Sie als zweites: Imaginativ gewordenes Fühlen Beschwörungsszene am «Kaiserhof».
Und wenn wir dann den Übergang finden zur «Klassisch-romantischen Phantasmagorie», wo die Helena nicht bloß als Gespenst, sondern als für Faust selbst vorhandene Wirklichkeit auftritt - er hat den Euphorion als Sohn -, da finden wir, daß Goethe deutlich andeutet: diese «Klassisch-romantische Phantasmagorie» geht hervor aus Faustens Wollen, jetzt nicht mehr bloß aus dem Fühlen und der Vorstellung. Diese «Klassisch-romantische Phantasmagorie» ist imaginativ gewordenes Wollen. Drittens: Imaginativ gewordenes Wollen - Dritter Akt des zweiten Teiles.
Vorstellen, Fühlen und Wollen ins Imaginative umgesetzt, Sie haben es in den drei Steigerungen der Helena-Erscheinung. Das alles ist sachgemäß künstlerisch gestaltet. Auch derjenige, der den «Faust» sich nicht so zergliedert, wie wir das jetzt machen, sondern ihn einfach genießt, der hat diese Dinge darinnen.
Nun hängt mit dem, daß Goethe gerade die Helena als Erscheinung für Faust wählt, wirklich etwas zusammen vom Wesen der Lebensaufgaben des vierten und fünften nachatlantischen Zeitraums. Allerdings berührt man dabei ein Problem, das selbst die Bibel nur zart berührt, Ricarda Huch in ihrem neuen Buch über «Luthers Glaube» etwas unzarter: diesen Zusammenhang des Problems der Frauenerkenntnis und der Erkenntnis des Bösen. Da gibt es einen geheimnisvollen Zusammenhang in der Bibel, dadurch angedeutet, daß die luziferische Versuchung im Paradiese auf den Umweg durch die Frau geschehen ist. Die Sehnsucht nach dem Teufel wird - in so schöner Weise — jetzt in diesem fünften nachatlantischen Zeitraum beschrieben in dem Buche von Ricarda Huch über «Luthers Glaube». Das ist sehr charakteristisch. Aber man kann auf diese Dinge nicht weiter eingehen, denn man würde heute noch auf sehr dünnes Eis treten, wenn man sie andeuten, geschweige weiterhin besprechen würde.
Aber das Griechentum und Goethe im Verein mit dem Griechentum hat aus diesem Impuls heraus die Gestalt der Helena-Erscheinung. Dabei müssen wir nur bedenken, die Helena-Erscheinung, das Helena-Problem bildete wirklich einen Inhalt der griechischen Mysterien. Und es gehörte zu einem gewissen Vorgange der Einweihung, das Wesen der Helena zu erkennen. In diesem Wesen der Helena erfuhr man etwas in den griechischen Mysterien über die Aufgabe des vierten nachatlantischen Zeitraums im Verhältnis zur geistigen Welt. Daher gab es in Griechenland eine exoterische Helena-Sage und eine esoterische Helena-Sage. Die exoterische Helena-Sage ist die bekannte. Die andere ist auch bekannt geworden, denn alles Esoterische wird nach und nach exoterisch. Exoterisch ist diese, daß durch jenen Vorgang mit den drei Göttinnen Paris angestiftet wurde, dem Menelaus die Helena zu rauben, daß er erschienen ist in Griechenland, die Helena mit ihrem Einverständnis entführt hat, sie nach Troja gebracht hat, daß darüber der Trojanische Krieg ausgebrochen ist, und nachdem die Griechen Troja belagert, erobert hatten, sich Menelaus seine Helena wieder zurückgebracht hat. Das ist die exoterische Helena-Sage.
Sie wissen, Homer läßt eigentlich nur diese exoterische Helena-Sage durchblicken, weil er, obwohl er eingeweiht war in die esoterische Helena-Sage, von dieser nichts verraten wollte. Erst die Dramatiker Aschylos, Sophokles, Euripides, in einer späteren Zeit des Griechentums, haben sich herbeigelassen, von der esoterischen Helena-Sage etwas zu verraten, das dahin ging, Helena sei nicht einverstanden gewesen mit ihrer Entführung, Paris habe sie nicht entführt, sondern geraubt gegen ihren Willen; er fuhr mit ihr über das Meer. Hera verschlug die Schiffe, so daß Paris mit Helena in Ägypten landen mußte, wo dazumal der König Proteus herrschte. Proteus wurde von Sklaven, die den Schiffen des Paris entlaufen waren, die ganze Sache mitgeteilt, so daß er Paris und seine Gefolgschaft und die Helena gefangen nahm. Und Paris wurde entlassen von Proteus, Helena ihm weggenommen. Sie ist niemals des Paris Weib geworden nach dieser Sage; seine Schätze wurden ihm abgenommen, er ohne Helena nach Troja geschickt. Aber mitnehmen konnte er auf diese Reise nach Troja statt der wirklichen Helena, die in Ägypten geblieben war bei dem Proteus, das Idol der Helena, so daß Paris in Troja nur mit dem Idol der Helena erschien. Und um das Idol haben sich die Griechen gestritten, weil sie den Trojanern nicht geglaubt haben, daß die wirkliche Helena gar nicht in Troja ist. Dann, nachdem der Trojanische Krieg beendet war, machte Menelaus selber die Reise nach Ägypten und brachte sich von dort seine unschuldig gebliebene Gattin nach Hause.
Sie wissen vielleicht, daß Goethe sehr wohl in der «Klassisch-romantischen Phantasmagorie» im dritten Akt des zweiten Teils diese esoterische Seite der Helena-Sage andeutet. Mephistopheles-Phorkyas setzt die Rede der Helena, die sich schon nicht mehr auskennt, selber fort. Goethe stellt Helena im dritten Akt des zweiten Teils hin mit all den Zweifeln, die sie befallen. Sie ist ja geraubt. Nun hört sie alles das, was man von ihr erzählt. Es ist alles durcheinanderkommend. Dinge, die sich auf das Idol beziehen, nicht auf die Wirklichkeit, treten vor ihren Ohren auf. Sie weiß schließlich selber nicht mehr, wer sie ist. Aus all diesen Zweifeln heraus hören wir sie sagen:
Gedenke nicht der Freuden! Allzuherben Leids
Unendlichkeit ergoß sich über Brust und Haupt.
Mephistopheles-Phorkyas erwidert darauf:
Doch sagt man, du erschienst ein doppelhaft Gebild,
In Ilios gesehen und in Ägypten auch.
Also Goethe deutet dieses Komplizierte der Helena-Gestalt sehr wohl an und bringt dieses Komplizierte der Helena-Gestalt in seinen «Faust» hinein. Mit dem Helena-Problem ist nämlich sehr viel gesagt, und es ist doch nicht ganz ohne Bedeutung, daß im zweiten Teil des Dramas Mephistopheles so vermittelt, daß er durch den Schlüssel Faust nach den Orten weist, die für ihn nichts sind, in denen Faust das All zu finden hofft. Jedes Wort ist da wiederum von einer gewissen Bedeutung. Faust hat in sich die Möglichkeit, den Bewußtseinszustand zu ändern, ihn hinüberzuführen in das, was in der griechisch-lateinischen Vorzeit, in der vierten nachatlantischen Periode, von dem Bewußtsein erlebt worden ist. Das All soll man nicht bloß abstrakt nehmen, sondern konkret, in geistiger Gestaltung. In diese geistige Gestaltung kann Mephistopheles nicht hinein. Er gehört einer andern Region an. Er ist eigentlich dazu da, so recht als Geist in der geistlosen Welt des materiellen Geschehens zu wirken, welche vorzugsweise ihre Impulse überliefern soll dem Menschen der fünften nachatlantischen Zeit. In dieser fünften nachatlantischen Zeit haben gewisse Menschen die Aufgabe, auf den Gesichtspunkt zu sehen, der in der geistigen Welt liegt, so daß bewußt werden kann, was zu erringen ist mit dem Impulse des Bösen.
So wenig das Auge sich selber sehen kann, sondern anderes, so wenig sieht Mephistopheles, er, der Impuls des Bösen, dieses Böse selbst. Es gehört zu dem, was Faust sehen muß, was Faust kennenlernen muß. Mephistopheles kann eigentlich die Helena nicht sehen, wenigstens nicht mit voller Aufmerksamkeit. Und ganz ohne Verwandtschaft mit der Helena ist er doch nicht. Die Hinlenkung zu Mephistopheles war nur möglich aus den Impulsen heraus, die das Christentum für den fünften nachatlantischen Zeitraum gab. Nicht ohne daß da eine gewisse Hinlenkung für die Helena vorhanden ist, aber fremd bleibt doch dasjenige, was das Griechentum, besonders für seine Eingeweihten, im Helena-Problem zum Ausdruck bringen wollte. Die Christen der verflossenen Jahrhunderte kennen die Helena auch, aber in der Form der Hölle. Das Wort Hölle ist nicht ganz ohne etymologische Verwandtschaft mit Helena - die Dinge haben etwas miteinander zu tun -, wenn es auch entfernte Verwandtschaft ist. Das Helena-Problem ist kompliziert, wie es sich Ihnen schon in der esoterischen Form der griechischen Sage andeutet.
Was in meinen Mysteriendramen an verschiedenen Stellen deutlich ausgedrückt ist: Ahriman-Mephistopheles muß erkannt und durchschaut werden, das sagt in gewisser Beziehung das Faust-Drama. Und für Ahriman-Mephistopheles hat Goethe wiederum einen Satz geprägt, der sehr wichtig ist für den fünften nachatlantischen Zeitraum. Der Mensch dieses Zeitraums muß es dazu bringen, daß gewissermaßen Ahriman-Mephistopheles sich von ihm erkannt fühlt. Erinnern Sie sich an den Schluß meines letzten Mysteriendramas; das ist ein wichtiges Moment, wenn Ahriman-Mephistopheles sich erkannt fühlt, wenn der Impuls des Bösen weiß, diejenigen, die das Böse zu erleben haben, finden einen Gesichtspunkt, um nicht in dem Bösen darinnen, sondern außer dem Bösen zu stehen. Das ist sehr wichtig. Eine tiefe Bedeutung hat es, daß Mephistopheles dem Faust die Worte zuruft:
Ich rühme dich, eh du dich von mir trennst,
Und sehe wohl, daß du den Teufel kennst.
Das ist sehr wichtig. Das würde Mephistopheles zu Woodrow Wilson nicht sagen! Es wäre keine Veranlassung dazu.
Diese Beziehung zwischen Faust und Mephistopheles enthält vieles von dem ganzen Problem des fünften nachatlantischen Zeitraums. Dieser Zeitraum, sagte ich, hat gewissermaßen die Aufgabe, nach dem Kampfe sich hinzubewegen, der mit den mannigfaltigsten Formen des Bösen notwendig ist. Ja, scharf müssen die Impulse der Menschheitsentwickelung wieder werden. Solche Impulse müssen entstehen, die im Kampfe mit dem Bösen entstanden sind, und viel intensiver, sagte ich, ist dieses Erleben als das des vierten nachatlantischen Zeitraums, weil dieser in gewissem Sinne eine Wiederholung des atlantischen Zeitraums ist.
Worin besteht ein erstes Erleben im Laufe der menschheitlichen Erdenentwickelung? Denn ein solches erstes Erleben haben wir hier. Nicht wahr, der vierte nachatlantische Zeitraum hatte das Problem von Geburt und Tod zu durchleben, aber als Wiederholung des atlantischen Zeitraums. Ein erstes Erleben ist jetzt im fünften nachatlantischen Zeitraum wiederum eingetreten. Das besteht darinnen, daß von neuem herausgeschöpft wird aus der Maja, aus der Illusion. Der Mensch muß mit der Illusion Bekanntschaft machen, mit der Maja, mit der großen Täuschung.
Ich habe zu wiederholten Malen von ganz andern Gesichtspunkten aus auf die Sache hingewiesen, einmal in meinem Buche «Vom Menschenrätsel», wo ich das Freiheitsproblem zusammenbrachte mit der Tatsache, daß im Bewußtsein vorgehen zunächst Spiegelbilder, Maja; dann in dem demnächst erscheinenden Aufsatz über Christiani Rosencreutz’ Chymische Hochzeit 1459, wo ich die Aufgabe der Täuschung für das Bewußtsein hervorgehoben habe. Diese Dinge können eigentlich jetzt zum ersten Male nur in der unmittelbaren Form gesagt werden. Aber diese Dinge gehören nicht einer abstrakten Theorie an, nicht irgendeiner abstrakten Phantastik, sondern der unmittelbaren Wirklichkeit. Und es ist wirklich wunderbar, wie Goethe in diese Dinge eingeweiht war. Dieser fünfte nachatlantische Zeitraum muß vieles aus der Illusion heraus schaffen. Goethe stellt den Menschen dieses Zeitraums in Faust dar. Als Faust in die große Welt eintritt, schafft er das Papiergeld, das charakteristisch ist für die ahrimanische Natur des Verkehrs im fünften nachatlantischen Zeitraum, dieses Papiergeld, welches nur der reale volkswirtschaftliche Beweis dafür ist, daß das Imaginäre, das Unreelle, das Illusorische im Verkehr darinnen waltet, seine Rolle spielt.
In den Zeiträumen der menschlichen Entwickelung, in denen Geld nicht die Hauptsache war, sondern Warenaustausch, Tauschhandel wenn auch Geld vorhanden war, so basierte die Volkswirtschaft nicht auf dem Geld -, konnte man nicht davon sprechen, daß das äußere volkswirtschaftliche Leben durchsetzt ist von einem Netze von Illusionen, wie das im fünften nachatlantischen Zeitraum der Fall ist. Aber Goethe bringt den Faust selbst mit dieser volkswirtschaftlichen Illusion in Zusammenhang. Was will er eigentlich damit sagen, daß er das zweite Erscheinen der Helena just nach dem «Kaiserhof» hin versetzt? Womit haben wir es eigentlich zu tun? Mit Einbläsereien des Astrologen, mit dem, was suggestiv ist. Ich habe es gestern schon erwähnt, mit Täuschung, mit Illusion. Sie lebt — das wollte Goethe sagen - in der äußeren geschichtlichen Wirklichkeit, sie lebt dadrinnen geistig. Die Begriffe, die Vorstellungen — wie oft haben wir in diesen Betrachtungen davon gesprochen -, die so sehr zu Irrtümern führen. Die Irrtümer, die ich Ihnen angeführt habe, sie sind alle aus der Illusion entsprungen. Erinnern Sie sich, ich nannte Ihnen als einen charakteristischen Irrtum — aber man könnte Hunderte anführen von dieser Art -, daß gewisse Volkswirtschafter, die sich besonders gescheit dünkten, 1914 gesagt haben aus ihren volkswirtschaftlichen Gesetzen heraus: Dieser Krieg kann nicht länger als höchstens vier bis sechs Monate dauern, das geht gar nicht anders. — Er dauert jetzt aber bald so viele Jahre! Warum ist das? Warum leben die Menschen in solchen Vorstellungen, die durch die Wirklichkeit ad absurdum geführt werden? Weil in dieses Vorstellungsleben jenes Gespenst-Gespinste hineinspielt, das Goethe durch seinen Faust am «Kaiserhof» eingreifen läßt, und weil die Menschen nicht durchschauen, was in ihren Vorstellungen als Gespenst-Gespinste lebt. Sogleich als der fünfte nachatlantische Zeitraum heraufkam, wurde die Imagination derjenigen, die so etwas empfinden konnten, hingelenkt nach dem Aufnehmen der Wirklichkeit gegenüber solchen Gespenst-Gespinsten. Denn gerade für diese Erscheinung am «Kaiserhof» hatte Goethe ein Vorbild in der schönen Sachsschen Darstellung, wie ein Nekromant am Hofe Kaiser Maximilians die Helena erscheinen läßt. Da ist es nicht Faust, da ist es der Kaiser selber, der die Erscheinung fassen will, und der ihr verfällt, paralysiert wird. Dieses Hineinspinnen von Gespenst-Gespinsten in die Realität des historischen Werdens - ich möchte fragen: Wo ist sie noch so großartig dargestellt und so sachgemäß, so aus der Fülle der spirituellen Wirklichkeit heraus, wie in diesem Faust? Und ineinandergreifen müssen, sagte ich, das Bewußtsein des fünften nachatlantischen Zeitraums und des vierten nachatlantischen Zeitraums. Faust entwächst dem Mephistopheles. Für Mephistopheles kommt nichts anderes dabei heraus als das Fazit:
Mit Narren sich beladen,
Das kommt zuletzt dem Teufel selbst zu Schaden.
Faust ist von Apoplexie befallen, ist paralysiert. Getrennt hat sich sein Seelisches von seinem Leiblichen. Aber es folgt die Szene, die wir im vorigen Jahre hier dargestellt haben: der Traum des Faust, den der Homunkulus durchschaut.
Woher kommt denn, wenn sie auch bloß ein Gespenst ist, die Helena dieser zweiten Erscheinung? Das wird sehr deutlich angedeutet. Der Astrolog ist es, der sie vermittelt, wenn auch nur aus der Suggestion, aus dem Takt der Sterne heraus. Verbinden Sie das, was sich uns da ergibt aus dem Takt der Sterne heraus, mit dem, was ich von dem Makrokosmischen sagte, was in der Frau vor der Befruchtung wirkt. Diese Helena, sie kommt aus den Sternen, aber sie führt die Impulse in Faustens Seele zu einer andern Helena. Homunkulus sieht es, wie in Faustens Vision auftaucht die Geburt der Helena: Zeus, Leda mit dem Schwan, die ganze Szene. Da wird Faust hinübergeleitet, da haben Sie die Hinüberleitung zu dem Problem der vierten nachatlantischen Zeit, das Problem der Geburt zu lösen. Das taucht auf in dem Augenblicke, als Faust wirklich dem Mephistopheles entwächst, als Mephistopheles nichts hat von Faust als den äußeren physischen Leib. Da taucht auf in Faustens Seele der Impuls zum Hinübergehen in den vierten nachatlantischen Zeitraum.
Wunderbar verketten sich da die Motive. Man sieht das Ineinanderspielen desjenigen, was in uns lebt vom vierten und fünften. nachatlantischen Zeitraum, im eminentesten Sinne von Goethe verwendet. Aber Goethe wußte noch mehr, denn er deutet auf die esoterische Helena-Sage, wie in Troja bloß das Idol war, dasselbe, was in den Sternen begründet, was kosmischen Ursprungs ist. Das andere, das Individuelle der Helena ist nach Ägypten hinüber zu Proteus gerückt. In dem untergehenden Troja verblieb nämlich das von der Helena, was dem dritten nachatlantischen Zeitraum angehört, was dieser dritte Zeitraum ausgestoßen hat, was Ägypten entließ. Was aber Ägypten aufbewahrte für den vierten nachatlantischen Zeitraum, das holte sich Menelaus wiederum von Ägypten und brachte es nach Griechenland zurück.
So spielt in der esoterischen Helena-Sage, die Goethe wohl benützte, auch der dritte und der vierte nachatlantische Zeitraum herein in den fünften. So hat Goethe wunderbarerweise dieses Helena-Problem verwendet.
Nun, davon wollen wir morgen noch weitersprechen, das Helena-Problem nicht nur in bezug auf den Faust behandeln, sondern wir wollen dann einiges noch von dem Helena-Problem angeben, was uns wirklich über vieles in uns aufklären kann, was als Frage entstehen kann aus den Betrachtungen, die in dieser Zeit durch unsere Seele gehen müssen.