The Problem of Faust
GA 273 — 28 September 1918, Dornach
Geisteswissenschaftliche Ausführungen in Anknüpfung an die «Klassische Walpurgisnacht»
Daß der Mensch in seinem Wesen umfassender ist, mehr ist, als was erkennbar ist, was durchdringbar ist mit dem Verstande und den andern Seelenkräften, die der Mensch hat, das wollte ich hauptsächlich gestern in Anknüpfung an das Goethesche Faust-Werk zunächst klarmachen. Goethe selber fühlte tief, daß man mit den Geisteskräften, die man im heutigen bewußten Leben entwickeln kann, nicht so weit gehen kann, wie der Mensch seinem Wesen nach reicht. Diejenigen, welche glauben, daß das, was man heute Wissenschaft nennt, nur erweitert zu werden brauche, um gewissermaßen das Mögliche und Unmögliche zu erkennen, sagen einfach: Nun ja, mit demjenigen, was die Wissenschaft heute bietet, kommt man allerdings nur zu einer sehr eingeschränkten Erkenntnis vom Menschen. Aber diese Wissenschaft wird sich erweitern, diese Wissenschaft wird immer mehr und mehr vordringen, und dann wird man auch immer mehr und mehr zu der Erkenntnis des Menschen kommen.
Dies ist sehr kurzsichtig gesehen, denn es ist einfach unrichtig. Nicht daran hängt es, daß die wissenschaftliche Anschauung, die man gegenwärtig als solche gelten läßt, sich immer mehr und mehr erweitert, um den Menschen zu erkennen, sondern darauf kommt es an, daß man zu andern Erkenntniskräften und Erkenntnisfähigkeiten seine Zuflucht nimmt, als sie überhaupt diese heutige Wissenschaft verwendet. Diese heutige Wissenschaft kann noch so weit kommen auf ihren Bahnen, dasjenige, was Goethe so empfand, daß es nicht erkannt werden kann innerhalb der Wesenheit des Menschen, kann mit dieser Wissenschaft in keinem Falle jemals durchdrungen werden. Denn alle Wissenschaft, die wir haben als offiziell gültige Wissenschaft, bezieht sich nur auf irdische Wesenheit, auf die Wesenheit des Erdenplaneten. Niemals kann durch dasjenige, was man heute Wissenschaft nennt, über etwas anderes entschieden werden als über die Vorgänge des Erdenplaneten. Der Mensch aber ist nicht nur Erdenmensch, sondern er hat als Erdenmensch hinter sich die Saturn-, Sonnen- und Mondenentwickelung, und er hat in sich die Keimanlage zu der Jupiter-, Venus-und Vulkanentwickelung. Über diese andere planetarische Lebensform außerhalb des Irdischen kann die Wissenschaft nichts wissen, denn diejenigen Gesetze, die diese Wissenschaft hat, gelten nur für das Irdische. Den Menschen in seiner Totalität also kann man mit diesen Gesetzen nicht erkennen, weil man ihn nur erkennen kann, wenn man seine Erkenntnis über das Irdische hinausdehnt.
Nun habe ich gestern darauf hingewiesen, wie der Mensch in Bewußtseinszuständen lebt, die gewissermaßen unter der Schwelle des gewöhnlichen Bewußtseins und über der Schwelle des gewöhnlichen Bewußtseins liegen. Unter der Schwelle des gewöhnlichen Bewußtseins liegt vieles von dem, aus dessen Regionen die Traumerlebnisse heraufsprudeln. Unter dieser Bewußtseinsschwelle liegt aber allerdings auch sehr, sehr vieles von dem, was der Mensch im wachen Tagesleben erfährt vom Aufwachen bis zum Einschlafen. Denn eine einigermaßen hinreichende Besonnenheit kann Ihnen zeigen, daß die Menschen über den Traum viel mehr wissen würden, wenn sie sich anstrengen würden, einiges mehr zu wissen, als sie es tun, über das Wachen. Wenn die Menschen mehr sich anstrengen würden, über das Wachen etwas zu wissen, so würden sie nämlich finden, daß sie während dieses Wachens viel mehr träumen, als sie eigentlich glauben. Es ist wirklich nur scheinbar, daß eine sichere, feste Grenze besteht zwischen Wachen und Schlafen. Nicht nur träumen, kann man sagen, viele Menschen während des Wachens, sondern auch schlafen, schlafen mit Bezug auf sehr, sehr viele Dinge. Und in wahrhaft wachem Zustande sind wir nur, wie wir wissen, mit Bezug auf unsere Vorstellungen und einen Teil unserer Gefühle, während ein großer Teil des Gefühlslebens und vor allen Dingen des Willenslebens, wie wir “wissen, eigentlich immer verträumt und verschlafen wird. Das Schlafensleben ragt durchaus in das wache Leben herein. Der Mensch würde sich viel mehr aufklären können über das Traumleben, wenn er versuchen wollte, anzuschauen, welcher Unterschied besteht zwischen den Vorstellungen, die so auf und ab wogen, die gewissermaßen kommen und gehen, die alles Mögliche anrufen, und die zum Verwechseln ähnlich sind dem Traumleben, und denjenigen Vorstellungen, bei denen man mit seinem vollen Willen tätig ist. Man wird nur einen kleinen Teil der Vorstellungswelt des Menschen finden, bei dem man mit seinem vollen Willen eine Vorstellung an die andere reiht, während der Mensch gar oftmals in seinem Tagesleben auch diejenigen Augenblicke hat, wo er sich dem Vorstellungsablauf so hingibt, wie es dieser Vorstellungsablauf selber haben will. Bedenken Sie einmal, wie, wenn Sie sich so Ihrem Vorstellungsablauf hingeben, die eine Vorstellung die andere heraufruft, wie Sie sich an längst Vergangenes dadurch erinnern, daß Sie eine Gegenwartsvorstellung angeschlagen haben und diese Gegen wartsvorstellung längst vergangene Erlebnisse in Ihnen heraufruft. Das ist ein Vorgang, der oftmals nicht stark verschieden ist von dem Träumen. Weil man so wenig, ich möchte sagen, innere technische Denkkraft hat, um das wache Tagesleben richtig zu verfolgen, deshalb haben auch die wenigsten Menschen heute schon die richtige Begabung, das Schlafesleben mit dem heraufsprudelnden Traumesleben richtig zu taxieren. Erleben wir es doch, daß es sich wissenschaftlich dünkende Theorien’ gibt, die etwa das Folgende über das Traumleben behaupten. Die Freudsche und andere Schulen, gewisse Anhänger, nicht alle, der Psychoanalytiker, sagen von den Träumen, daß sie dadurch hervorgerufene Vorstellungen sind, daß dem Menschen gewisse Wünsche nicht in Erfüllung gehen im Leben. Der Mensch durchläuft das Leben, er wünscht das Allerallerverschiedenste, aber es ist unleugbar, sagen diese Leute, daß uns im Leben viele Wünsche nicht in Erfüllung gehen. Da treten, wenn das Bewußtsein herabgedämmert ist, diese Wünsche vor die Seele. Und weil der Mensch sich diese Wünsche nicht in Wirklichkeit erfüllen kann, erfüllt er sie sich im Vorstellen, so daß die Träume nach der Anschauung mancher Leute heute in der Phantasie erfüllte Wünsche sind. Ich möchte nur, daß die Menschen, die solches behaupten, einmal nachdenken würden, wie sie dazukommen, den Traum zu haben, daß sie geköpft werden! Diese Dinge alle, die heute vielfach den Inhalt von Theorien ausmachen, sind furchtbarste Einseitigkeiten. Und diese Einseitigkeiten müssen ganz notwendig die Köpfe der Menschen durchdringen, wenn die Menschen nicht an die geisteswissenschaftlichen Untersuchungen über die der äußeren Sinnenwelt und dem äußeren Verstandesdenken unbekannten Welten sich wenden, die Aufschluß geben über das, was der Mensch noch außer dem ist, was seine Sinne und sein Verstand begreifen.
Aber aus dem gestern Gesagten werden Sie eines über die Träume mit voller Bestimmtheit entnehmen können. Sie werden daraus entnehmen können, daß im Traumesleben etwas webt und lebt, was zusammenhängt mit unserer menschlichen Vergangenheit, mit jener Vergangenheit, in der wir ein Dasein hatten, das noch Bezug hatte zum Erdfeuer und zu der Wasserluft. Gewissermaßen rufen wir, während wir unbewußt im Schlafe sind, unsere Vergangenheit wiederum zurück. Wir sind heute nicht in der Lage, mit dem, was unser Gehirnbewußstsein ist, und unser gewöhnlicher freier Wille ist, uns bewußt zu versetzen in diese Welt. Wir waren auch unbewußt oder unterbewußt, als wir in früheren Stadien unsere Entwickelung durchgemacht haben. Doch es ist eine Beobachtung verhältnismäßig gar nicht so besonders schwierig zu machen. Wenn Sie Ihr Traumleben verfolgen, so werden Sie allerdings finden, daß Sie die Bilder der Träume in außerordentlich schwieriger Weise sinnvoll sich deuten können. Wie sich so ein Traumbild an das andere reiht, das hat doch zumeist einen recht chaotischen Charakter. Aber dieser chaotische Charakter ist nur an der Oberfläche. Unter dieser Oberfläche lebt der Mensch in einem Elemente, das durchaus nicht chaotisch ist, aber es ist anders, total anders, als das Erleben im wachen Tagesleben ist. Man braucht sich nur in einem Falle klarzumachen, inwiefern das Traumesleben anders ist als das wache Tagesleben, und man wird gleich den radikalen Unterschied sehen. Im wachen Tagesleben wäre es sehr unangenehm, wenn mit Bezug auf das Verhältnis zu andern Menschen auch das vorhanden wäre, was im Traume vorhanden ist. Denn im Traume erlebt der Mensch fast zu allen Menschen, mit denen er irgendwie in karmischer Beziehung steht, ein Band; er erlebt das Zusammensein mit all den Menschen, mit denen er in irgendeiner karmischen Beziehung steht. Von da an, wo Sie anfangen einzuschlafen, bis Sie wieder aufwachen, geht von Ihnen eine Kraft zu unzähligen Menschen, und von unzähligen Menschen gehen Kräfte zu Ihnen. Sie — ich kann nicht sagen — sprechen, weil man das Sprechen erst lernt im wachen Tagesleben, aber wenn Sie mich nicht mißverstehen und mit Bezug auf diejenigen Kommunikationen, die wir im Schlafe haben, das denken, was ich jetzt sage, dann werden Sie auch verstehen, wenn ich sage, im Schlafe sprechen Sie mit unzähligen Menschen, und unzählige Menschen sprechen mit Ihnen. Und was Sie in Ihrer Seele erleben während des Schlafes, sind die Mitteilungen unzähliger Menschen; und was Sie tun während des Schlafes, das ist, daß Sie Ihre Gedanken an unzählige Menschen hinsenden. Dieses Verbinden der Menschen, dieses Verbundensein der Menschen untereinander ist während des Schlafes ein sehr, sehr inniges. Es wäre im höchsten Grade peinlich, wenn während des wachen Tageslebens sich das fortsetzte. Das ist ja das Wohltätige des «Hüters der Schwelle», daß er dem Menschen das verbirgt, was unter der Schwelle seines Bewußtseins ist. Im Schlafe wissen Sie es in der Regel, wenn Sie einer anlügt; Sie wissen in der Regel, wenn einer recht böse an Sie denkt. Überhaupt die Menschen kennen einander im Schlafe verhältnismäßig recht gut, aber in einem dumpfen Bewußtsein. Das alles wird durch das wache Bewußtsein überdeckt, und es muß überdeckt werden, aus dem einfachen Grunde, weil der Mensch nie zu demjenigen selbstbewußten Denken kommen würde, das er gerade durch die Erdenmission lernen soll, und auch zur Handhabung des freien Willens, den er wiederum durch die Erdenmission gewinnen soll, wenn er so fortgelebt hätte, wie er während der Saturn-, Sonnen- und Mondenzeit, namentlich während der Mondenzeit gelebt hat. Da hat er auch in dem äußeren Leben so gelebt, wie er jetzt lebt vom Einschlafen bis zum Aufwachen.
Nun kommt aber etwas anderes, das bedeutsam ist. Aus diesem Leben, das der Mensch unbewußt wirklich durchmacht vom Einschlafen bis zum Aufwachen, tauchen die Träume herauf. Warum sind die nicht ein wahres Abbild des Lebens da unten? Oh, diese Träume wären, wenn sie wahre, unmittelbare Abbilder wären, alles mögliche. Sie wären erst bedeutsame Mitteiler über unsere Beziehungen zu der Welt und zu den Menschen, sie wären auch bedeutsame Mahner. Sie würden uns ungeheuer stark ins Gewissen reden über diese oder jene Dinge, über die wir uns so gerne im Leben Illusionen hingeben. Daß wir — ich möchte schon fast sagen — nicht ausgesetzt sind dem, was die Träume mit uns beginnen würden, wenn sie wahre Abbilder des Lebens unter dem Bewußtsein wären, das kommt davon her, daß unser waches Tagesleben uns so stark mit Kräften durchdringt, daß es, ich möchte sagen, seine Schatten wirft über das ganze Traumleben hin. Und so tragen wir die Vorstellungen, die Bilder des wachen Tageslebens in das Traumesleben, respektive in das Schlafesleben hinein, und dadurch entstehen die Träume. Nehmen wir zum Beispiel an, Sie träumen, oder sollten träumen von einer Persönlichkeit, welche sich zur Aufgabe stellt, Ihnen klarzumachen, daß Sie wiederum etwas recht Ungeschicktes, etwas recht Ungehöriges getan haben. Das kommt vor. Auch andere Persönlichkeiten könnten Mahner sein, könnten uns ins Gewissen reden während des Schlafes. Sie haben aus den Erfahrungen und aus den Gewohnheiten des tagwachen Lebens den Wunsch oder die Begierde — könnte ich auch sagen —, solches Gerede nicht anzuhören. Sie wollen nichts hören von dem, was Ihnen diese Persönlichkeit während des Schlafes sagt. Gut, der Wunsch setzt sich um in eine Verdunkelung des Erlebnisses; aber wenn zu gleicher Zeit eine so rege Seelentätigkeit vorhanden ist, daß das Bild heraufsprudelt, dann legt sich Ihnen aus dem wachen Tagesleben über dasjenige, was Sie eigentlich als Bild erleben sollten, das andere, daß Ihnen irgendein guter Freund, den Sie lieber anhören als den Mahner, sagt: Ach, was bist du doch für ein außerordentlich feiner, immer nur das Beste, Netteste wollender und tuender Mensch! Gerade das Entgegengesetzte kann manchmal aus dem wachen Tagesleben und seiner Reminiszenz in Bildform hinübergehängt werden über dasjenige, was eigentlich erlebt wird. Im Grunde ist doch das wache Tagesleben die Veranlassung für alle Illusionen und Täuschungen, die während des Traumlebens entstehen.
Ein weiteres ist dieses, daß nun der Mensch heute im gegenwärtigen Entwickelungszyklus an die Geisteswissenschaft herankommen kann. Nun gibt es, ich weiß es, sehr viele, die an die Geisteswissenschaft herankommen und sagen: Jetzt befasse ich mich jahrelang mit der Geisteswissenschaft, sie bringt mich nicht vorwärts. Sie sagt mir, daß man das oder jenes durch die Geisteswissenschaft erlangen könne, aber sie bringt mich nicht vorwärts. — Ich habe es oft betont: dieser Gedanke ist kein richtiger. Geisteswissenschaft bringt, auch wenn sie nicht esoterisches Leben entfaltet, jeden Menschen vorwärts, denn die Gedanken der Geisteswissenschaft selbst sind vorwärtsbringend. Aber man muß achtgeben auf die subjektiven Erlebnisse, die sich in der Seele wirklich abspielen. Denn es ist das Eigentümliche, daß dasjenige, was neu auftritt bei jemandem, der in die Bahn der Geisteswissenschaft einmündet, sich zunächst gar nicht in bezug auf den Bildcharakter von der Traumeswelt unterscheidet. Dasjenige, was man erlebt, wenn man Geisteswissenschafter wird, sieht sehr ähnlich der übrigen Traumeswelt aus, aber bei feinerer Unterscheidung läßt sich doch ein gewaltiger Unterschied bemerken zwischen den gewöhnlichen Träumen und denjenigen Wahrnehmungen, die durch bewußt in Gedanken aufgenommenes geistiges Leben verlaufen. Auch bei den Traumesbildern, welche der Geisteswissenschafter in seiner Seele erlebt, mag manches chaotisch erscheinen. Analysiert man sie aber nach den Anleitungen, die man doch aus der Geisteswissenschaft gewinnen kann, dann wird man finden, daß sie in der Tat immer treuere und treuere Abbilder, namentlich in ihrem Verlaufe Abbilder werden des inneren Erlebens des Menschen. Und man muß schon Rücksicht nehmen auf diese dem gewöhnlichen Verstande und dem gewöhnlichen Sinnesleben verborgene Schichte des Erlebens, das so verläuft wie ein Sinnen, wie ein sinnendes Träumen, und das doch sinnvoll ist, und das, wenn man es in der richtigen Weise ins Auge faßt, aufschlußgebend ist über geistige Geheimnisse. Man muß achtgeben, wie sich allmählich, ich möchte sagen, einnistet in das gewöhnliche Vorstellungsleben dieses Leben, das sehr ähnlich den Träumen aussieht, aber gerade durch seinen sinnvollen Verlauf, wenn man nicht auf die einzelnen Bilder schaut, sondern auf den sinnvollen Verlauf der Bilder, hineingeleitend ist in die geistige Welt. Man kommt, wenn man auf solche Dinge achtgibt, durchaus zu jener Unterscheidung von drei Bewußtseinsschichten, von denen Goethe, wie ich Ihnen gestern ausführte, so schöne, ahnende Erkenntnisse hatte.
Eine Bewußtseinsschichte ist diejenige, die gewissermaßen ohne unser Zutun so auftritt, daß wir die gewöhnlichen Träume haben. Wenn wir nicht Traumdeuter sind, wenn wir nicht abergläubisch sind, sondern wenn wir versuchen, das Jenseits der Traumbilder zu suchen, dann wird uns diese Traumeswelt doch auch verraten können, daß wir als Menschen durch frühere Entwickelungsstadien gingen, als diejenigen des Erdenlebens sind.
Dann haben wir das gewöhnliche tagwachende Bewußtsein, das wir kennen oder wenigstens zu kennen glauben. Wir kennen es der Tatsache nach, die Menschen lassen sich nicht immer ein darauf, es sich voll zu erklären, aber man kennt es der Tatsache nach.
Die dritte Schichte ist das Hereinragen der wirklichen übersinnlichen Erkenntnis. Diese übersinnliche Erkenntnis ist natürlich etwas, was der Mensch der heutigen Zeit und gegen die Zukunft hin aus den Gründen anstreben muß, die wir oft genug besprochen haben.
Ich habe nun gestern gezeigt, wie Goethe in dem ersten Teile der Szene des zweiten Teils des «Faust», die für uns zunächst in Betracht kommt, das Traumleben in seiner Eigentümlichkeit verkörpert. Und von dem Momente an, wo die Oreade redet zu Mephistopheles, wo dann die Philosophen auftreten, haben wir es mit der Welt der gewöhnlichen tagwachenden Wirklichkeit zu tun. Von dem Momente an, wo die Dryade den Mephistopheles hinweist auf die Phorkyaden, haben wir es zu tun mit einem Hinweis auf bewußte übersinnliche Erkenntnis. Diese drei Schichten des Bewußtseins sind es, auf die Goethe sein Denken und sein Vorstellen richtet, indem er sich die Frage vorlegt: Wie wird aus diesem Homunkulus, der zunächst dem menschlichen Erkennen zugänglich ist, ein Homo? — Durch die gewöhnliche Wissenschaft des Verstandes und der Sinne nicht, sondern nur dadurch, daß man zu andern Schichten des Bewußtseins seine Zuflucht nimmt. Denn der Mensch ist weiter als die Erde in ihrem Sein, und der Verstand und die Sinne sind nur für Erdendinge geeignet.
Wir haben aber gestern bereits auseinandergesetzt, wie die Gleichgewichtslage der Sphinx noch fehlt, wenn der Mensch untertaucht in die Welt seiner Vorzeit, wie der Mensch sich darinnen eigentlich unsicher fühlt, der Homunkulus sich unsicher fühlt. Denn der Mensch weiß von sich — verzeihen Sie, aber es ist schon so — nicht viel mehr als von einem Homunkulus; er weiß ja nicht von einem Homo in Wirklichkeit. Und der Homunkulus wagt sich bei Goethe nicht in das Getriebe hinein der Sirenen, des Seismos und so weiter, weil er sich fürchtet vor dem wogenden, stürmischen Elemente, in das der Mensch untertaucht, wenn er die Sinneswelt verläßt, und in die Welt eintaucht, aus der sonst die Träume heraufsprudeln. Da wagt sich Homunkulus nicht hinein.
Homunkulus möchte einen bequemeren Weg zum Homo-Werden einschlagen. Er ist zwei Philosophen, dem Anaxagoras und dem Thales, auf der Spur. Er möchte von ihnen erfahren, wie man mehr in seine Menschenwesenheit hereinbringen kann, als einem so ein Wagner im Laboratorium geben kann. Das möchte er erfahren. Wir wissen schon, von neueren Philosophen versprach sich Goethe nicht, daß man so etwas erfahren kann; da will er gar nicht erst «geduldig Volk am Seile führen» und etwa den Homunkulus nach Königsberg in die Nähe Kants bringen, um Auskunft an ihn heranzubringen, wie man entstehen kann als Mensch, wie man sein Menschenwesen erweitern kann, sondern Goethe versuchte gerade, sich in die Welt der Griechen aus dem Grunde einzuleben, weil er glaubte, daß man durch Einleben in die noch biegsamen, weicheren Vorstellungen der Griechen das Menschenleben auch eher erfassen kann aus den andern Bewußstseinsschichten heraus als durch dasjenige, was die neueren Philosophen doch nur aus Verstand und Sinnesbewußisein herausholen. Und so bringt er denn den Homunkulus nicht in die Gesellschaft von Kant oder Leibniz oder Hume oder Locke, sondern er bringt ihn in die Gesellschaft von solchen Philosophen, die noch den älteren Anschauungen der Menschen, den alten Mysterienanschauungen nahegestanden haben, wo aus zwar nicht so hellen Bewußtseinserlebnissen wie heute, aber aus umfassenderem Bewußtseinserleben etwas über das Wesen des Menschen gewußt werden konnte. Aber im Grunde genommen sind Anaxagoras und Thales nur noch Nachzügler der alten Mysterienweisheit. Anaxagoras weiß noch mehr von dem alten Mysterienwissen. Das zeigt uns alles dasjenige, was Anaxagoras in der Szene vorbringt. Thales ist eigentlich der Inaugurator, der Initiator, der Anfänger der neueren wissenschaftlichen Richtung, und er weiß nur noch wenig von dem, was alte Mysteriengeheimnisse sind. Natürlich weiß er deshalb mehr, weil er doch noch nähersteht den alten Mysteriengeheimnissen als seine späteren philiströsen Nachzügler, aber er weiß weniger als der Anaxagoras. Thales, man sieht das aus seinen Reden, weiß eigentlich nur Auskunft zu geben über dasjenige, was in seiner sinnlichen Umwelt geschieht, wie sich da nach und nach — man glaubt, daß Lyell redet, der moderne Geologe — durch langsame Vorgänge Gebirge und sonstige Verhältnisse der Erde bilden. Anaxagoras will das Gegenwärtige aus dem Vergangenen erklären, das Irdische aus dem erklären, was vorgegangen ist, wie die Erde noch nicht Erde war. Anaxagoras will erklären aus jenen Zeiten heraus, welchen mit ihrem Wesen, wie ich Ihnen gestern ausgeführt habe, die Ameisen, die Imsen angehören, aber auch die Pygmäen angehören. Anaxagoras lebt ganz in dieser Welt, die heute eine übersinnliche oder meinetwillen untersinnliche ist, ohne deren Kenntnis man aber die sinnliche nicht verstehen kann. Anaxagoras gibt damit im Grunde eine tiefe Überzeugung Goethes wieder. Denn Goethe hat in einem seiner Sprüche in schöner Weise gerade über diesen Punkt sich ausgesprochen. Er hat gesagt: «Was nicht mehr entsteht, können wir uns als entstehend nicht denken. Das Entstandene begreifen wir nicht.» Und er sagt an einer andern Stelle seiner Schriften: «Die Vernunft ist auf das Werdende, der Verstand auf das Gewordene angewiesen ...»
Das Gewordene, das ist dasjenige, was Thales um sich herum sieht. Anaxagoras geht auf das Werden, das dem Gewordensein vorangegangen ist, auf das Entstehen. Goethe unterscheidet deshalb streng zwischen Verstand, der auf dasjenige gerichtet ist, was man heute Gegenstand der Wissenschaft nennt, und der Vernunft, die über das Sinnenfällige und Verstandesmäßige hinausgeht, und die auf das Übersinnliche geht, also auch auf dasjenige Übersinnliche, was sich abgespielt hat, bevor der heutige Erdenzustand gekommen ist. Es ist Anaxagoras, in dem Goethe den Repräsentanten sieht eines Wissens, einer Erkenntnis, die auf das Entstehen geht, heimisch in alldem, was die Pygmäen treiben. In alldem, was solche Wesen treiben, die zwar ein physisches Dasein in der Gegenwart entwickeln, aber ihrem Wesen nach eigentlich der Vorzeit angehören wie die Imsen und so weiter.
Und nun möchte Anaxagoras, als der Wunsch, die Bitte des Homunkulus an ihn herantritt, dem Homunkulus die Gelegenheit geben, durch sein Wissen das Menschenwesen zu bereichern. Er will den Homunkulus führen in die Welt der Pygmäen, der Imsen und so weiter, er will ihn darinnen sogar zum König machen. Das ist Anaxagoras schon klar, daß man in der Welt, von der Thales redet, die nur die Welt der gegenwärtigen Verhältnisse ist, nicht viel gewinnen kann, um vom Homunkulus zum Homo zu gelangen, aber wenn man eintritt in die Werdewelt, in die Welt, die der unseren vorangegangen ist, da könnte man etwas gewinnen, um vom Homunkulus zum Homo zu gelangen. Aber Homunkulus ist unschlüssig:
Was sagt mein Thales?
Er hat noch in sich den Gedanken des Sich-nicht-Hineinwagens in die Welt. Als sie ihm entgegengetreten ist als Traumeswelt, da wagte er sich nicht hinein. Jetzt, wo sie ihm in den Gedanken des Anaxagoras entgegentritt, wagt er sich auch nicht recht hinein, wenigstens will er noch den Rat des Thales. Und der hält ihn ab, in diese Welt der Anaxagoras-Gedanken unterzutauchen. Was ist das für eine Welt, die Welt der Anaxagoras-Gedanken? Es ist im Grunde genommen die Welt der alten Mysterien, aber abgeflacht und abgeplattet bis zur menschlichen Verständigkeit. Es sind die Schattenbegriffe aus den alten Mysterien heraus. Daher können sie nicht bestehen gegenüber der Welt. Hat man die wirklichen, lebendigen Begriffe vom Werden, dann kommt man schon zum Verständnis dieser Welt, dann ist man ihr gewachsen. Aber mit den schattenhaften Begriffen, die der Anaxagoras hat, ist Homunkulus nun den Einwänden des Thales nicht gewachsen, denn die Einwände des Thales sind aus der gegenwärtigen Sinneswelt. Und geradeso wie die flüchtigen Träume, die der Abglanz sind hoher Geisteswelten, vor dem Menschen verglimmen, wenn der Hahn kräht, oder wenn einer die Tür zuschlägt, so verglimmt überhaupt dasjenige, was da lebt wie in der Gedankenwelt des Anaxagoras sehr leicht, wenn sich die andern Gedanken geltend machen, die aus der gegenwärtigen Sinneswelt genommen sind. Thales braucht nur darauf aufmerksam zu machen, daß doch die gegenwärtige Sinneswelt da ist. Er weist in sehr kräftiger Art darauf hin. So wie die Gegenwartswelt die Vorwelt, die uns im Traume wiederersteht, totschlägt, so schlagen die Kraniche die Pygmäen und die Imsen tot. Es ist nur ein Abbild davon. Anaxagoras hat sich an die Welt zuerst gewendet, die dem Menschen wiederum in der Traumeswelt in einer unsicheren Kunde erscheint. Nachdem er es hat erleben müssen, daß aus dieser Welt heraus dem Homunkulus kein Segen erwuchs, wendet er sich nach der oberen Welt. Und er fleht zunächst an in einer wunderbaren Rede das Überbleibsel der irdischen Vorzeit unter den Himmelserscheinungen, er fleht den Mond an. Nachdem er sich zuerst verbreitet hat in seinen Ideen und Gedanken über dasjenige, was aus der Mondenzeit zurückgeblieben ist: Imsen, Pygmäen, das Untere, — nachdem ihm das mißglückt ist gegenüber dem Homunkulus, wendet er sich nach oben, wo der Mond zurückgeblieben ist aus jener alten Mondenzaeit.
Denken Sie einmal, wie klar Goethe gerade in dieser Szene eigentlich hinweist auf alle diese Geheimnisse, die dem irdischen Werden zugrunde liegen. Er läßt nun auch noch den Anaxagoras aus der alten Mysterienweisheit sein Hinflehen zu dem Monde vornehmen. In einer wunderschönen Rede wendet sich Anaxagoras an den Mond. Diese Rede zeigt so recht, wie Goethe in Anaxagoras schildern wollte eine Persönlichkeit, die darinnensteht in der geistigen Welt, aber die in dieser geistigen Welt nur noch mit ihrem Verstande darinnensteht, jenem Verstande, der, wenn er nur das Gegenwärtige beobachtet, überhaupt an das Geistige nicht kommen kann, der aber bei Anaxagoras das Geistige aus den alten Mysterien noch bewahrt hat. Anaxagoras sagt:
Konnt’ ich bisher die Unterirdischen loben,
So wend’ ich mich in diesem Fall nach oben...
Du! droben ewig Unveraltete,
Dreinamig-Dreigestaltete,
Dich ruf’ ich an bei meines Volkes Weh,
Diana, Luna, Hekate!
Du Brusterweiternde, im Tiefsten-Sinnige,
Du Ruhig-Scheinende, Gewaltsam-Innige,
Eröffne deiner Schatten grausen Schlund,
Die alte Macht sei ohne Zauber kund!
Aber er hat nur noch die Schatten. Statt daß er etwas erreicht für Homunkulus, nimmt er wahr, wie aus dem Monde Verheerung herunterfällt auf die Erde, wie nun auch dasjenige, was noch am Leben übriggeblieben war, zerstört wird durch eine Elementarerscheinung. Bedeutsam aber ist für die Charakteristik des Anaxagoras, wie er den Mond, dieses Überbleibsel der Erdenvorzeit, anruft: «Diana, Luna, Hekate.» Für Anaxagoras ist also der Mond nicht eine Einheit, sondern eine Dreiheit. Der Mond, insoferne er am Himmel oben seine Kreise vollendet, ist Luna. Als Luna wirkt er von außen herein auf die Erde ein.
Insoferne er auf der Erde selbst tätig ist, ist er Diana. Diejenigen Kräfte, die als kosmische Kräfte wirken durch den am Himmel kreisendenMond, sie haben, ich möchte sagen, ihre Geschwister auch in irdischen Kräften. Nicht nur kosmisch ist der Mond vorhanden, sondern er ist auch irdisch vorhanden. Dieselben Kräfte, die kosmisch an den am Himmel kreisenden Mond gebunden sind, sie durchweben und durchleben auch das Irdische und gehören zu wichtigen unbewußten Kräften des Menschen. Sie wirken in der menschlichen Natur, gehören zu wichtigen unterbewußten Kräften. Dasjenige, was innerhalb der Erde wirkt, indem vom Unterbewußten herauf in dem Menschen ein gewisses Verhältnis, das nicht ganz zum Bewußtsein kommt, zur Natur waltet, das nannte der Grieche Diana. Man sagt gewöhnlich, Diana sei die Göttin der Jagd. Gewiß, das ist sie auch, weil in der Jagdlust auch dieses Unterbewußte waltet, was aber in zahlreichen andern menschlichen Gefühlen und Willensimpulsen waltet. Diana ist nicht nur die Jagdgöttin, sondern sie ist die schaffende und wirkende Göttin in alldem, was so angestrebt . wird, halb unbewußt und halb unterbewußt wie das Jagdvergnügen. Solches tut der Mensch sehr vieles im Leben. Das ist das Mittlere.
Dann lebt im Menschen aber auch und vor allen Dingen in der Erde eine dritte Gestalt, die Gestalt der Hekate, die unterirdische Gestaltung des Mondes. Auch vom Erdeninneren, vom Unterirdischen wirken herauf die Kräfte, die im Monde von oben hinunterwirken, insofern der Mond eine Himmelserscheinung ist. Der heutige Mensch kennt von diesem Mond eigentlich nur noch die abstrakte mineralische Kugel, von der er glaubt, daß sie da draußen in vier Wochen die Erde umkreist. Der Grieche kannte den dreifachen Mond: Luna, Diana, Hekate. Und indem der Mensch ein Mikrokosmos ist, ist er ein Abbild von allen möglichen Dreiheiten, also auch ein Abbild des dreifachen Mondes, von Luna, Diana, Hekate. Haben wir nicht kennengelernt den dreifachen Menschen? Wir haben kennengelernt den Hauptesmenschen, den Kopfmenschen. Der Kopfmensch kann, indem er das Ergebnis von Saturn-, Sonnen- und Mondenzeit ist, das Ergebnis der Vorzeit überhaupt, in Zusammenhang gebracht werden mit dem himmlischen Reste, mit der Luna. So daß der Kopf im Menschen entsprechen würde als ein Mikrokosmos der makrokosmischen Luna. Der Mittelmensch, der Brustmensch würde der Diana entsprechen. Im Herzen entstehen auch diejenigen unterbewußten Impulse, deren Göttin die Diana ist. Und alles dasjenige, was in dem Extremitätenmenschen mit seiner Fortsetzung im Sexualmenschen spielt, das rührt her von der unterirdischen Macht der Hekate: alle die dunklen, rein organischen, leibesartigen Gefühle und Impulse, die im Menschen walten. Und Goethe läßt alles anklingen, um die Sache für den, der sie erkennen will, recht deutlich zu machen. Zum Reich der Hekate zum Beispiel gehört die Empuse, die unter den Lamien erscheint um den Mephistopheles herum in dieser Szene, neben den Lamien, bei denen das nicht so ausgesprochen ist, bei denen nur dasjenige ausgesprochen ist, was mehr zu der Diana neigt. In der Empusa wirkt aber mehr dasjenige, was im Unterirdischen des Irdischen, was mikrokosmisch in der niederen Natur des Menschen lebt und in Mephistopheles wachgerufen werden soll. Das läßt Goethe anklingen. Anaxagoras will gewissermaßen stärker geltend machen seine Wissenschaft, als er sie schon vorher geltend gemacht hat, indem er nur auf das Irdische, aber auf das zurückgebliebene Irdische hingewiesen hat, auf die Imsen, auf seine Myrmidonen, wie er sich ausdrückt. Er wendet sich an den dreifachen Mond, der makrokosmisch dasselbe ist wie mikrokosmisch der Mensch. Hatte Goethe davon eine Ahnung, daß in dem dreifachen Mond makrokosmisch-wirklich Hauptesmensch, Brustmensch, Unterleibsmensch oder Extremitätenmensch vorhanden war? Nun, lesen wir die folgenden Zeilen:
Du Brusterweiternde — Diana -,
Im Tiefsten-Sinnige — Luna -,
Du Ruhig-Scheinende, Gewaltsam-Innige — Hekate -.
Hier haben Sie die drei Prädikate von Luna, Diana, Hekate, insoferne sich diese drei Prädikate auch auf den dreigliedrigen Menschen beziehen, von Goethe voll ausgesprochen und handgreiflich gemacht dadurch, daß er das Mittlere sogar mit dem Ausdruck Brusterweiternde bezeichnet.
Sie sehen, derjenige, der behauptet, daß Goethe ahnendes Wissen tief untertauchte in geisteswissenschaftliche Wahrheiten, hat gute Gründe dazu. Nur muß dasjenige, was in einem solchen Werke steht wie Goethes «Faust», in seiner wahren Gestalt gelesen werden. Gerade wenn Sie bei Goethe dieses eigentümliche Stehen mit einem ahnenden Erkennen in dem Geisteswissenschaftlichen in Erwägung ziehen, dann werden Sie es begreiflich finden, wie Goethe, ich möchte sagen, in einer gewissen Beziehung immer wieder und wiederum das Geistige, das Übersinnliche als etwas doch Unheimliches empfand. Er stand in seiner nordischen Welt einmal darinnen, wie ich gestern gesagt habe, und fühlte mit dem, was diese Umwelt an Begriffen, an Vorstellungen darbietet. Wenn man das größte Genie ist - man kann nur dieselben Begriffe haben wie die andern. Man kann sie anders verbinden, aber man kann nur dieselben Begriffe haben. Da kommt man den andern zwei Schichten des Bewußtseins nicht bei: dem Untersinnlichen und dem Übersinnlichen; man kommt ihnen nicht bei. Der gewöhnliche Philister macht sich nichts daraus, ist froh, wenn er nicht beizukommen braucht den andern Schichten des Bewußtseins. Aber Goethe, der mit allen Fasern seiner Seele danach strebte, menschliches Wesen zu durchdringen, empfand es oftmals als etwas recht, recht sehr die menschliche Natur Einschränkendes, daß er keine Vorstellungen, keine Begriffe hatte, um hineinzuschauen in diejenige Welt, aus welcher der Mensch doch auftaucht, und in die er mit seinem Verstand und mit seiner gewöhnlichen Wissenschaft nicht hineinschauen kann. Und da entstand in Goethe aus alldem, was er durch natürliche Anlagen gefühlt hat, was ihm auch sonst zugänglich war, oder was er namentlich in Italien beobachtet hatte an der griechischen Kunst, der Gedanke: Wenn man sich erfüllt mit griechischen Vorstellungen, griechischem Leben, dann kommt man näher dem Übersinnlichen als mit den modernen Vorstellungen. — Und es war das so tief gewurzelt bei Goethe, daß er seit den achtziger Jahren des 18. Jahrhunderts immer danach strebte, seine Vorstellungen so biegsam zu machen, wie die Vorstellungen der Griechen waren. Er hoffte dadurch beizukommen der übersinnlichen Welt. Was aber war damit verbunden? Damit war verbunden, daß er in der Tat große Anstrengungen machte, nicht um durch die Anschauung des griechischen Lebens die übersinnliche Welt zu erkennen, aber um Vorstellungen zu gewinnen, um die übersinnliche Welt in das Seelenleben herein fassen zu können. Es ist interessant, wie Goethe, gerade als er an diesen Szenen geschrieben hat, sich vertieft hat in alles mögliche, um das griechische Leben vor seiner Seele lebendig erstehen zu lassen. Heute ist man nicht näher dem griechischen Leben, als man zu Goethes Zeiten war. Und Goethe fand immerhin an einem Werke, wie zum Beispiel Schlossers «Universalhistorische Übersicht der Geschichte der alten Welt und ihrer Kultur», das 1826 erschienen ist und das Goethe gleich gelesen hat neben vielen andern Werken, die ihn in das griechische Leben versetzten, er fand immerhin die Möglichkeit, indem er sich kongenialisch verhalten wollte zum griechischen Leben, das griechische Leben in seiner Seele lebendig zu machen. Aber mit welchen Gedanken versuchte er das? Denken Sie, da schreibt er: Es fordert uns auf, in das Allgemeinste, Vergangenste, Nichtheranzubringende der Urgeschichte unser Schauen hinzuwenden und von da an die Völkerschaften nach und nach zu unserem Blick heranquellen zu lassen.
Goethe beschäftigt sich schon in den letzten zwanziger Jahren, in denen gerade diese Szenen seines «Faust» entstehen, intensiv mit solchen Studien, die das Längstvergangene vor seinem Geiste lebendig machen und ihm zeigen, wie es heranquillt in die Gegenwart. Goethe ist kein solcher Dichter wie viele andere, die gewissermaßen aus dem Handgelenk heraus dichten, sondern er ist ein Dichter, der untertauchen will in diejenige Welt, die ihn in das Übersinnliche führt, damit er als Dichter Kunde bringen könne von diesem Übersinnlichen. Und weil er an die griechische Welt glaubte, so verwandelte sich für ihn in einer gewissen Beziehung die Vorstellung. Der Wahrheitsbegriff und der Begriff der Güte rückten für ihn, weil er griechisches Leben suchte in der Seele, dem Schönheitsbegriff nahe. Und der Begriff des Bösen rückte dem Häßlichkeitsbegriff nahe. Das ist für die heutige Menschheit schon schwer verständlich. Im griechischen Denken war das anders. Kosmos ist ein Wort, das auch ebensogut die schöne Weltenordnung wie die wahre Weltenordnung bedeutet. Die heutige Menschheit denkt nicht mehr so nahegerückt die Schönheit an die Wahrheit und die Häßlichkeit an das Böse, wie der Grieche das tat. Dem Griechen verschmolzen sich noch Schönheit mit Wahrheit, Häßlichkeit mit Irrtum und mit dem Bösen. Und Goethe bekam durch sein Verhältnis zum Griechentum gewissermaßen die Empfindung, wer so organisiert ist, wie die Griechen waren, die der übersinnlichen Welt noch näherstanden, empfindet das Unwahre und das Böse als häßlich, wendet sich aus Schönheitsgefühl davon ab, und die Wahrheit empfindet er als schön. Diese Empfindung bildete Goethe aus. Und er glaubte, er komme vielleicht dem Übersinnlichen näher, wenn er sich durchdringe mit einer Empfindung für die Schönheit der Welt. Dann aber, wie man das Licht nur an seinen Schatten kennenlernen kann, muß man sich auch durchdringen mit einer Empfindung für die Häßlichkeit der Welt. Das suchte Goerhe.
Aus diesem Grunde bringt er den Mephistopheles, der ja nur eine andere Seite des Faust-Lebens ist, in die Nähe der Urbilder der Häßlichkeit, der Phorkyaden, welche die Urbilder der Häßlichkeit sind. Damit rührt Goethe an ein großes Geheimnis des Daseins. Sie werden aus meinen Vorträgen, die ich im Verlauf der Zeit hier an diesem Orte gehalten habe, ersehen haben, daß schon auch in der Gegenwart gewisse Leute im Besitze gewisser Geheimnisse sind. Vor allen Dingen ist zum Beispiel die Führerschaft des römischen Katholizismus — die Führerschaft - im Besitze gewisser Geheimnisse. Es kommt dabei darauf an, wie man diese Geheimnisse anwendet. Aber auch gewisse Eingeweihte der englisch sprechenden Bevölkerung sind im Besitze gewisser Geheimnisse. Aus einem gründlichen Mißverständnis heraus bewahren nicht nur die römisch-katholische Kirche - die Führer - vor ihren Gläubigen diese Geheimnisse, sondern auch gewisse esoterisch Eingeweihte der englisch sprechenden Bevölkerung. Die haben nun verschiedene Gründe, und von einem der Gründe will ich nun sprechen.
Die Erde hat eine Vergangenheit: Saturn-, Sonnen- und Mondenzeit; eine Gegenwart: Erdenzeit; eine Zukunft: Jupiter-, Venus-, Vulkanzeit. Es gibt in der Entwickelung ein Gutes und ein Böses. Aus dem Kosmos, aus der kosmischen Entwickelung ist das Gute nur zu erkennen aus der Vergangenheit, aus der Saturn-, Sonnen- und Mondenzeit und aus der halben Erdenzeit. Weisheit und das Gute hängen mit dem Rückblick in die Vergangenheit zusammen. Weisheit und das Gute impfen jene Mitglieder der höheren Hierarchien, die zu den Menschen gehören, in der Zeit der menschlichen Natur ein, in welcher diese menschliche Natur noch nicht so wie auf der Erde zum vollen Bewußtsein erwacht ist. Für die folgende Zeit, für die Jupiter-, Venus-, Vulkanzeit und auch für die jetzige Erdenzeit schon - es beginnt schon -, für die halbe Erdenzeit noch muß der Mensch bewahren das Gute, wenn er zum Guten gelangen will, muß die Impulse dieses Guten aus seiner Natur heraus entwickeln, denn es offenbaren sich aus dem Umkreise, aus dem, was neu herantritt, die Kräfte des Bösen. Ohne daß sich diese Kräfte des Bösen offenbaren würden, würde der Mensch nicht zum freien Willen kommen. Und diejenigen Eingeweihten, die ich meine, wissen dieses bedeutsame Geheimnis und wollen es, weil sie die Menschheit nicht reif machen wollen, der Menschheit nicht mitteilen. Sie wissen dieses Geheimnis. Wenn dasselbe, was als Menschennatur auf dem alten Saturn entstanden ist, durch Saturn, Sonne und Mond sich entwickelt hat und nun weitergeht, wenn dieses selbe, was für uns Menschen sich auf dem Saturn entwickelt hat und eine Vergangenheit hat, jetzt entstehen würde aus den Bedingungen der Erde heraus, so würde es ein radikal Böses werden, würde es nur das Böse aufnehmen können. Aus den äußeren Bedingungen ergibt sich nur die Möglichkeit, das Böse aufzunehmen. Diesem dem Bösen Ausgesetztsein verdankt es der Mensch, daß er zum freien Willen kommen kann, daß er wählen kann zwischen dem Bösen, das an ihn herantritt, und dem Guten, das er aus seiner Natur heraus entwickeln kann, wenn er sich vertrauensvoll hingibt an dasjenige, was durch seine Vorzeit in seine Natur gelegt worden ist. Daher sagen diese Eingeweihten denjenigen, die sie auch einweihen wollen: Es gibt drei Schichten des Bewußtseins. — Das ist eine ständige Formel, die man in diesen englisch sprechenden Einweihungsschulen haben kann. Taucht der Mensch in dieses Unterbewußte hinunter, aus dem die Träume heraufquellen, dann erlebt er eine innige Verwandtschaft mit andern Wesen — ich habe Ihnen vorhin charakterisiert: auch mit andern Menschen -, die nicht heraufragen kann in die gegenwärtige Welt. Lebt der Mensch, wie es in der Gegenwart der Fall ist, mit seinem Tagesbewußtsein in der sinnenfälligen oder verständigen Welt, so ist das die Welt, in der er durch Geburt und Tod geht. Und lebt sich der Mensch hinauf in die Welt, die er als physischer Mensch betreten wird in der Zukunft, die er durch übersinnliche Erkenntnisse erringt, dann ist das die Welt, in der er zunächst das Böse erlebt. Denn gerade darinnen muß des Menschen Stärke bestehen, daß er dem Bösen gewachsen ist, daß er gegenüber dem Bösen sich aufrechterhalten kann. Er muß das Böse kennenlernen können.
Es ist natürlich die wahre Folge dieser Tatsache diese, daß die Notwendigkeit besteht für die gegenwärtige Menschheit, Licht zu verbreiten über die Vergangenheit, was nur durch Geisteswissenschaft geschehen kann, damit der Mensch gewachsen ist dem notwendigen Entgegenkommen des Bösen. Auf diese drei wird gerade bei den Eingeweihten der englisch sprechenden Bevölkerung immer wieder und wiederum hingewiesen. Darauf wird jener Kampf begründet, der da sehr, sehr bedeutsam ist, wenn auch die äußere Zeit wenig davon weiß, zwischen gewissen Leuten, die da wollen, daß das Notwendige geschehe und dem Menschen solche Geheimnisse mitgeteilt werden, und denjenigen, die den Menschen unreif lassen wollen. Bis jetzt haben noch die letzteren gesiegt. Das ist sehr wichtig, daß man diese Dinge kennt. Welches Unheil angerichtet würde, wenn geisteswissenschaftliche Wahrheiten der Welt vorenthalten würden, das können Sie daraus ersehen, denn dem Bösen wird der Mensch schon ausgesetzt. Geschützt wird er vor dem Bösen nur dadurch, daß er sich in das spirituelle Leben des Guten vertieft. Enthält man ihm das spirituelle Leben des Guten vor, dann wirkt man nicht als Menschenfreund, ganz gleichgültig ob man Mitglied irgendeines Freimaurerordens ist, oder ob man Jesuit ist, man wirkt nicht menschenfreundlich. Dann liefert man die Menschen durch die Vorenthaltung der spirituellen Weistümer dem Bösen aus. Und man kann dabei einen gewissen Zweck haben. Man kann den Zweck haben, im engen Kreise selber nur das Gute zu wissen, um mit Hilfe dieses Guten die hilflose Menschheit, die durch das Böse sich in die Lebensabsurdität hineinführt, zu beherrschen.
Sie können sich denken, daß. derjenige, der — wie Goethe — eine ahnende Erkenntnis hat von diesen Dingen, nur zögernd an diese Dinge herantritt. Sie werden eine Vorstellung haben aus mancherlei, was ich schon gesagt habe in Ihrer Gegenwart über die ganz eigentümliche Geistesart Goethes, und werden sich daraus einen Begriff bilden können, daß Goethe nur mit der Sache wirklich kongruenten Vorstellungen an diese subtilen, aber welterschütternden Dinge herantritt. Daher wollte er sich auch nicht der Vorstellung aussetzen, indem er seinen «Faust» konzipierte, geradezu aufmerksam zu machen, wie der Mensch, wenn er vorwärtsdringen will in der Kultur, furchtlos sich dem Anblick des Bösen aussetzen muß, sondern er kleidet auch das in die griechischen Vorstellungen, indem er Mephistopheles aussetzt dem Anblick der Urhäßlichkeit, dem Anblick der Trinität der drei Phorkyaden, der urhäßlichen Phorkyaden. Statt die Menschen in rückhaltloser Weise, wie es die Geisteswissenschaft muß, auf die Realität des Bösen hinzuweisen, weist Goethe auf die Realität‘der Häßlichkeit neben der Schönheit hin. Daher das eigentümliche Verhalten des Mephistopheles gegenüber den Phorkyaden. Würde Mephistopheles in seiner nordischen Heimat geblieben sein, das heißt also in einer Welt, die doch gegenüber der griechischen fortgeschritten ist in der Weltenordnung, dann würde er der bitteren, aber notwendigen Welt, aus welcher das Böse der Zukunft quillt, entgegentreten müssen. Statt dessen läßt ihn Goethe in der Welt der Antike den Urbildern der Häßlichkeit entgegentreten, den Phorkyaden. Damit stellt er ihn gewissermaßen noch in die Vorgeschichte der Geschichte des Bösen hinein. Er stellt, indem er mit griechischen Begriffen spricht, eine grundernste Wahrheit in einer den Menschen noch sympathischeren Weise vor diese Menschen hin. Und auch hier erweist sich Goethe wiederum als ein gründlicher Kenner der Sache. Wir wissen — lesen Sie das in meiner «Geheimwissenschaft» -, die Zukunft ist in einer gewissen Weise die Wiederhervorbringung des Vergangenen auf einer höheren Stufe. Jupiter in einer gewissen Weise die Wiederholung des Mondes, Venus die Wiederholung der Sonne, Vulkan die Wiederholung des Saturn. Auf einer höheren Stufe in Späterem tritt auf das Frühere. So ist es auch mit Bezug auf das Böse, das auftritt, damit der Mensch sein Gutes aus seiner eigenen Natur heraus möglichst stark entfalten kann. Aber dieses Böse, das wird Zerrbilder, Karikaturen von Bildungen der Urzeit zeigen.
So wie wir jetzt sind, sind wir vieles nur dadurch, daß wir symmetrisch gestaltet sind, daß in uns der Linksmensch und der Rechtsmensch zusammenwirken. Die Physiker und Physiologen denken immer nach, warum wir eigentlich zwei Augen haben, und was uns diese zwei Augen nützen. Wenn sie wüßten, warum wir zwei Hände haben, und was uns diese zwei Hände nützen, wüßten sie auch, warum wir zwei Augen haben, und was uns diese zwei Augen nützen. Wenn man nämlich nicht mit der rechten Hand die linke befühlen könnte, würde man nicht zum Ich-Bewußtsein kommen. Dadurch, daß wir imstande sind, mit dem rechten Menschen den linken zu umfassen, daß wir in uns selber die Erkenntnis des rechten Menschen durch den linken anstellen können, kommen wir zum Selbstbewußtsein und zum Bewußtsein, daß das Ich dabei ist. Wenn wir einen Gegenstand anschauen, ist notwendig, daß der Mensch nicht nur ein Auge hat. Wenn der Mensch durch Geburt oder Anlage oder Unglücksfall nur ein Auge hat, zufällig, so hindert das nicht, es kommt auf die Veranlagung an, auf die Kräfte, nicht auf die äußere Erscheinung. Wenn wir einen Menschen anschauen, so kreuzen sich die Augenachsen; dadurch ist das Ich verbunden mit diesem Anschauen: durch diese Kreuzung der linken Richtung mit der rechten Richtung. Und je weiter man zurückgeht, je größer wird die Verwandtschaft, desto mehr gemeinsam aber auch das Bewußtsein. Daher läßt Goethe den drei Phorkyaden ein Auge und einen Zahn gemeinschaftlich sein, eine sehr sachgemäße Darstellung. Also die drei haben ein Auge und einen Zahn. Das haben sie, weil noch nicht die Sinne zusammenwirken sollen, sondern noch isoliert dastehen sollen. Die Verwandtschaft wird dadurch auf der einen Seite ausgedrückt, und auf der andern Seite wird aber auch ausgedrückt, daß noch nicht die Elemente zusammenwirken, daß nicht eintreten kann, was zum Beispiel bei uns durch den Links- und durch den Rechtsmenschen eintritt. So präzis drückt Goethe dasjenige dus, was er ausdrücken will. Es weist das auf sehr, sehr vieles hin.
Und wenn Sie gar bedenken, wie Sie aus der «Geheimwissenschaft» wissen, daß die gegenwärtige zweigeschlechtliche Menschheit aus der eingeschlechtlichen hervorgegangen ist! Das Männliche und Weibliche hat sich erst im Laufe der Entwickelung gebildet. Eine Rückentwickelung wird stattfinden. Indem Mephistopheles dem Bösen in der Form des Häßlichen entgegentritt und sich ihm anschließt, mit den Phorkyaden geht, sagt er ja:
Da steh’ ich schon...
— nachdem er Gemeinschaft geschlossen hat mit den Phorkyaden —
Da steh ich schon,
Des Chaos vielgeliebter Sohn!
Phorkyaden:
Des Chaos Töchter sind wir unbestritten.
Und Mephistopheles:
Man schilt mich nun, o Schmach! Hermaphroditen.
Selbst Hermaphrodit wird er, indem auf diesen Umstand hingewiesen werden soll, auf den ich jetzt als den der Zweigeschlechtlichkeit vorangehenden Zustand hingewiesen habe. Ganz sachgemäß schildert wirklich Goethe. Aus dieser Szene kann man schon erkennen, wie tief Goethe ahnend in den Wahrheiten der Geisteswissenschaft darinnengestanden hat.
Und nun erinnern Sie sich einmal, daß ich vor kurzem gesagt habe: Der kann nicht zu einer irgendwie befriedigenden Weltanschauung kommen, der, verführt durch das, was der Mensch nun einmal ist und sein muß, auf der einen Seite zum Beispiel zu abstrakten Idealen kommt, die dann keine Kraft haben — wie Naturkräfte, die in der physischen Weltenordnung nicht eingreifen können, die daher wie Nebel zerstieben müssen, wenn die Erde an ihrem Ziele, das heißt bei ihrem Grabe angelangt sein soll, - der kommt zu keiner befriedigenden Weltanschauung, der entweder ein solcher abstrakter Idealist ist, oder der Materialist ist. — Man muß beides sein, habe ich gesagt. Man muß sich erheben können zu geistgemäßen Ideen, und man muß das, was materiell ist, materiell anschauen können und materialistische Vorstellungen davon bilden können. Man muß eine materialistische und eine idealistische Weltanschauung bilden können und nicht durch abstrakte Begriffe eine Einheit herstellen, sondern, indem man auf der einen Seite die naturwissenschaftlichen Begriffe hat und auf der andern Seite die idealistischen Begriffe, muß man die beiden sich ineinanderleben lassen. Wie sich Geist und Materie ineinanderleben, so muß man im Erkenntnisprozesse selbst, wie ich Ihnen sagte, das Materielle durch das Ideelle, das Ideelle durch das Materielle beleuchten und durchdringen.
Auch darauf kam Goethe. Er kam darauf, wieviel Einseitiges darInnen ist, wenn ‘die Menschen in: abstrakten Begriffen entweder eine mehr dem Stoff oder eine mehr dem Geist zugeneigte Weltanschauung suchen. Und er war daher nicht geneigt, in solchen abstrakten Begriffen eine Weltanschauung zu suchen, sondern suchte anders zu verfahren. Und dieses andere charakterisiert er so: Da sich gar manches unserer Erfahrungen nicht rund aussprechen und direkt mitteilen läßt, so habe ich seit langem das Mittel gewählt, durch einander gegenübergestellte und gleichsam in einander abspiegelnde Gebilde den geheimen Sinn den _ Aufmerkenden zu offenbaren.
Nun, wie kann man klarer ausdrücken, daß man nicht Idealist oder Realist ist, sondern Idealist und Realist, und die beiden Weltanschauungen sich ineinander spiegeln läßt! Goethe sucht, von den verschiedensten Seiten der Welt nahezukommen und durch gegenseitige Spiegelungen der Begriffe zur Wahrheit zu kommen. Es steckt also auch schon in den Goetheschen Impulsen der Weg, der eingeschlagen werden muß durch die Geisteswissenschaft, um die Menschheit der Zukunft, der heilsamen Zukunft entgegenzuführen.
Man möchte, daß in dieser Art an Goethe angeknüpft würde. Dann aber muß so etwas wie der «Faust» vor allen Dingen gelesen werden! Aber die Menschheit hat sich mehr oder weniger das Lesen abgewöhnt. Es ist so, daß die Menschen höchstens sagen, wenn da steht: Luna, Diana, Hekate, die Brusterweiternde, die im Tiefsten-Sinnige, die Ruhig-Scheinende, aber Gewaltsam-Innige - na: dichterisch. Da braucht man nicht sehr weit zu gehen, man braucht sich nicht einzulassen darauf, über jedes Wort nachzuspintisieren. Die Menschen trösten sich heute, wenn ihnen irgend etwas geboten wird, woran sie eigentlich nicht zu glauben brauchen, denn sie möchten so über die Dinge obenhin gehen. Aber das läßt die Welt nicht zu. Wenn Sie an die ernste Wahrheit denken, die ich in Anknüpfung an die Begegnung des Mephistopheles mit den Phorkyaden eben aussprechen mußte, und die doch bewahrt wird, wenn auch schlecht bewahrt wird, in manchen okkulten Schulen der Gegenwart, dann werden Sie neben vielem andern, aus dem Sie Gelegenheit haben, den großen Ernst des geisteswissenschaftlichen Strebens zu erkennen, den Ernst, der in diesem geisteswissenschaftlichen Streben liegen muß, schon verstehen lernen. Manchmal dringt, man möchte sagen, halbbewußt nur aus Menschen, die in die Nähe desjenigen kamen, was für den Menschen der Zukunft erforderlich ist, so ein Stoßseufzer herauf, wie bei Nietzsche, als er sein Mitternachtslied dichtete: «Die Welt ist tief, und tiefer als der Tag gedacht.»
Man muß schon sagen: der Tag gibt dem Menschen das Tagesbewußtsein, aber der Mensch gelangt nicht zu mehr von sich selbst als zu einem Homunkulus, nicht zu einem Homo, wenn er sich nur an das hält, was der Tag bringt. Denn die Welt ist tief, und tiefer als der Tag gedacht. Und da Goethe den Faust nicht bloß in das einführen wollte, was der Tag bringt, sondern in das, was Ewigkeiten bergen, so mußte er ihn den Weg nehmen lassen in Gemeinschaft mit dem Homunkulus und mit dem Mephistopheles, der dem Übersinnlichen entgegengeht. Dem glaubte wiederum Goethe dadurch nahezukommen, daß er sich in griechische Vorstellungen vertiefte und sie in sich belebte.