The Problem of Faust
GA 273 — 29 September 1918, Dornach
Das Seelenleben Goethes Vom Geisteswissenschaftlichen Standpunkte
Wir haben durch die vorgestrigen und gestrigen Betrachtungen sehen können, wie Goethesches Schaffen durchdrungen ist von einer gewissen, wenn auch vielleicht als geahnt zu bezeichnenden geisteswissenschaftlichen Anschauung. Und es ist außerordentlich wichtig und bedeutsam, sich darauf einzulassen, einmal solch ein interessantes Faktum zu durchschauen, wie es das Goethesche Geistesleben ist. Erst dann erscheint ein solches Geistesleben richtig im Zusammenhange mit der ganzen Entwickelung der Menschheit, wenn man es in vertiefter Betrachtung mit alle dem, was es enthält, sich vor die Seele führt. Nun möchte ich aber zu all dem Gesagten noch etwas anderes hinzufügen. Ich möchte Sie nämlich darauf hinweisen, daß man Goethes ganze Geistesstruktur, die ganze Art des Goetheschen Geisteslebens eigentlich doch nur richtig erfassen kann, wenn man dies wiederum von geisteswissenschaftlichem Standpunkte aus tut. Nicht nur, daß ein ungeistiger Standpunkt natürlich dasjenige nicht finden kann in Goethes Schaffen, was wir durch eine geisteswissenschaftliche Betrachtung vorgestern und gestern haben finden können, sondern es wird auch nur erklärlich, wie ein solches Seelenleben innerhalb der Menschheitsentwickelung möglich ist, wenn man dieses Seelenleben vom geisteswissenschaftlichen Standpunkt aus betrachtet. Ich habe in verschiedenen Zusammenhängen Sie auch auf andere Offenbarungen des Goetheschen Seelenlebens aufmerksam gemacht, auf Offenbarungen, die vielleicht dem allgemeinen Menschenleben ferner zu liegen scheinen, aber nur scheinen, als dasjenige, was sich in der umfassenden Faust-Dichtung, die eigentlich jeden Menschen im höchsten Grade interessieren sollte, dargestellt findet. Ich habe Ihnen gesprochen davon, daß Goethe eine besondere Art von Naturwissenschaft gepflogen hat. Und dies, daß Goethe eine besondere Art von Naturwissenschaft gepflogen hat, ist etwas außerordentlich Wichtiges und Bedeutsames. Man kann sagen, daß gerade die besondere Denkweise Goethescher Naturwissenschaft etwas in den weitesten Kreisen gegenwärtig noch recht Unverstandenes ist. Dennoch erscheint mir gerade für die verschiedensten Zweige des Geisteslebens der Gegenwart, nicht zum wenigsten auch für das religiöse Leben der Gegenwart von ganz besonderer Bedeutung, daß man einen Einblick gewinne in diese besondere Konfiguration, in diese besondere Art, wie Goethe die Natur angesehen hat. Sie wissen, er versuchte zu begründen für die Welt des Unlebendigen eine Naturwissenschaft, die er aufbaute nach seinem eigenen Ausdrucke auf die Urphänomene, und er begründete eine Pflanzenlehre, die er aufbaute auf die Metamorphose.
So gut es ganz populär geht, möchte ich über diese beiden Seiten, über die Urphänomenenlehre und über die Metamorphosenlehre Goethes, ein paar Worte auch heute charakterisierend zu Ihnen sprechen.
Was beabsichtigt Goethe, indem er für eine Naturerklärung nur zu den sogenannten Urphänomenen, zu keinen Hypothesen und Theorien übergehen will? Ich bemühe mich jetzt seit den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, von den verschiedensten Seiten her, die Menschheit darauf hinzuweisen, was das eigentliche Grundwesen des Urphänomens ist. Man kann aber nicht sagen, daß von der Sache eigentlich bis jetzt in weiteren Kreisen viel verstanden worden ist. Man kommt vielleicht am besten hinein in eine Anschauung darüber, was Goethe unter dem Urphänomen in der unlebendigen Natur verstand, wenn man sich vor Augen führt, wie er dazugekommen ist, gerade eine besondere Farbenlehre auszubilden. Er erzählt das selbst. Ich weiß, daß dasjenige, was ich nun zu sagen habe, für die gegenwärtige naturwissenschaftliche, physikalische Anschauung ein Greuel und eine Ketzerei ist. Das macht aber nichts. Was die gegenwärtige Physik nicht anerkennt, wird sich die zukünftige Physik genötigt finden, schon anzuerkennen. Die gegenwärtige Physik ist für die Goethesche Farbenlehre wirklich noch nicht reif.
Goethe glaubte so wie andere Menschen — wie gesagt, er erzählt das selber — bis zum Beginn der neunziger Jahre des 18. Jahrhunderts an die sogenannte Newtonsche Farbenlehre, welche auf einer gewissen Hypothese, auf einer Theorie aufgebaut ist. Es besagt diese Theorie, daß dem Lichte zugrunde liegt irgend etwas — nun, darauf braucht man nicht einzugehen -, irgend etwas, was nicht wahrgenommen wird. Ob es, wie von Newton selbst, in Stoffströmungen vorgestellt wird, oder ob es als Schwingungen oder irgendwelche elektrischen Impulse vorgestellt wird, das ist schon schließlich gleichgültig. Es wird so vorgestellt die Farbenentstehung, daß das Licht gewissermaßen ungetrennt die verschiedenen Farben wie neutralisiert enthalte in einer Art übersinnlicher Wesenheit, und daß sich durch das Prisma oder durch andere Vorgänge die Farben herausdrängen lassen aus dem einheitlichen weißen Licht.
Goethe hat sich genötigt gefunden, in einer Weise, wie es selbstverständlich für den heutigen Physiker primitiv und töricht erscheinen muß, diese Vorstellung, die er mit den andern auch geteilt hat, eines Tages zu verlassen. Er hat diese Newtonsche Optik studiert, war Gläubiger derselben geworden, wie es selbstverständlich ist, wenn man nichts Besseres kennt, hat aber gefunden, wenn er nun diese Newtonsche Optik, diese Farbenlehre anwenden will, um etwas künstlerisch, malerisch zu durchdenken, da kann man nichts damit anfangen. Für eine materialistische physikalische Vorstellung taugt diese Newtonsche Physik zur Not, aber man kann künstlerisch nichts mit ihr anfangen. Das störte Goethe immer mehr, und das veranlaßte ihn, wenigstens nachzusehen, wie es sich mit den Farbenerscheinungen physikalisch verhält. Da ließ er sich von dem Hofrat Büttner, der Professor in Jena war, Apparate kommen, um zu sehen, was er durch eigene Untersuchungen, eigene Experimente in bezug auf die Farbenentstehung sich für Anschauungen bilden könnte. Der Hofrat Büttner hat Exzellenz von Goethe selbstverständlich bereitwilligst alles zur Verfügung gestellt. Aber die Sachen verstaubten zunächst bei Goethe zu Hause. Er kam lange nicht dazu, die Untersuchungen zu machen, bis der Hofrat Büttner vorstellig wurde, daß er jetzt seine Apparate brauche und daß er sie gern zurückhaben möchte. Goethe stellte sie zusammen, um sie dem Mann zurückzusenden. Vorher wollte er aber doch noch rasch durch ein Prisma schauen, und da glaubte er wie gesagt, für den heutigen Physiker höchst primitiv und töricht -, wenn er durch ein Prisma schaut, dann müßte er die weiße Wand, weil sie sich doch in sieben Farben spaltet, in allen sieben Farben hintereinander sehen. Aber nichts! Sie blieb weiß! Das störte ihn. Es war töricht nach den üblichen Voraussetzungen; nur war es- ein gesundes Denken. Er guckte da durch das Prisma — die Wand blieb weiß. Das bewirkte, daß er noch einmal den Hofrat Büttner ersuchte, die Instrumente, die Apparate behalten zu dürfen. Und da hat er denn doch seine weiteren Untersuchungen angestellt. Und aus diesen Untersuchungen heraus ist ihm erwachsen: erstens seine Farbenlehre und zweitens seine Anschauung über die physikalischen, das heißt die unlebendigen Erscheinungen der Natur überhaupt, eine solche Anschauung, die alle Hypothesen und alle Theorien ablehnt, die gar nichts ausdenkt über die Naturerscheinungen, sondern diese zurückführt wiederum auf Erscheinungen, nur auf Urerscheinungen, auf Urphänomene.
Und so wurde er sich klar darüber: Wenn man irgendeine Farbe schaut, so liegt auf irgendeine Art zugrunde ein Zusammenwirken von Licht und Finsternis, die übereinandergeschoben werden. Wird das Licht über die Finsternis geschoben, erscheinen die dunklen Farben: blau, violett und so weiter. Wird über das Helle, über das Licht, die Finsternis geschoben in irgendeiner Weise, also verfinsterte Materie und dergleichen oder das Prisma selber, so erscheinen die hellen Farben: rot, gelb und so weiter. — Da ist gar keine Theorie dabei. Dunkles und Helles wirkt in der unmittelbaren Wahrnehmung. Nur sind es einfach Wahrnehmungen. Wenn Dunkles und Helles zusammenwirkt, entstehen Farben. Darin ist nichts ausgesprochen von einer Hypothese, von einer Theorie, sondern es ist nur ein Einfaches, Wahrnehmbares ausgesprochen.
Und nun handelt es sich für ihn nicht darum, Hypothesen zu erfinden, wie etwa die Undulationshypothese oder die Emissionshypothese und dergleichen, um zu sagen, so und so entstehen Farben, sondern lediglich um die Frage, wie Licht und Finsternis zusammengestellt werden müssen, damit Gelb oder Rot oder Blau oder Violett erscheine. Also worauf es Goethe ankam, das ist, nichts hinzuzudenken an Hypothesen und Theorien zu den Erscheinungen, sondern ganz streng die Erscheinungen für sich selber sprechen zu lassen. Goethe brachte auf diesem Wege eine Farbenlehre zustande, die in einer wunderschönen Art in die künstlerische Auffassung des Farbigen führt. Denn das Kapitel über die sinnlich-sittliche Wirkung der Farben, worin sich so viele auch für den Künstler bedeutungsvolle Andeutungen finden, gehört zu dem Schönsten der Goetheschen Farbenlehre.
Das war nun Goethes Grundlage für die Gesamtauffassung der unlebendigen Natur, nirgends Theorien oder Hypothesen zu suchen. Die können, meint er, aufgestellt werden, um Gerüste zu haben. Aber wie man die Gerüste nicht stehen läßt, wenn der Bau fertig ist, sondern sie abnimmt, so verwendet man auch Hypothesen nur, um einen Weg zu finden, wie man sie zusammenstellt; nachher aber werden sie abgerissen, wenn man bis zu dem Urphänomen, zu dem einfachsten Phänomen gekommen ist.
Das versuchte Goethe auch für die gesamte Physik wenigstens zu skizzieren. Und Sie finden in der großen weimarischen Ausgabe in dem Bande, wo von mir veröffentlicht sind die Goetheschen allgemeinen naturwissenschaftlichen Aufsätze, auch ein Schema, in dem Goethe eine ganze Physik schematisiert gegeben hat von diesem Gesichtspunkte aus. Besonders interessant ist in diesem Schema die Tonlehre zum Beispiel, die im Einklange mit seiner Farbenlehre, allerdings nur schematisiert ist. Aber es wäre interessant, einmal eine Tonlehre, die ebensogut in das Musikalische einmünden würde, wie die Goethesche Farbenlehre in das Malerische einmündet, zu schaffen. Sie konnte natürlich noch nicht geschaffen werden, weil die moderne Naturwissenschaft ganz andere Wege geht, als sie in der Goetheschen Weltanschauung, respektive in der Goetheschen Naturanschauung begründet sind. Das versuchte Goethe mit Bezug auf die unlebendige Natur.
Ein Ähnliches versuchte er mit Bezug auf das lebendige Pflanzenleben durch die Metamorphosenlehre, wo er auch nicht Theorien und Hypothesen aufstellte, sondern verfolgte, wie das Laubblatt sich umwandelt, metamorphosiert die verschiedensten Gestalten annimmt und nachher zum Blumenblatt wird, so daß die Blüte nichts anderes ist als das umgewandelte Laubblatt. Wiederum eine Anschauung, die keine Hypothesen will, die keine Theorie aufstellen will, sondern die rein bleiben will bei dem, was die Anschauung darbietet. Nur braucht man dann bewegliche Begriffe, Begriffe, die ebenso beweglich sind wie die Natur selber. Wie die Natur im Schaffen lebt, das ist, daß sie an den Gestalten nicht festhält, sondern die Gestalten verwandelt. Man muß also solche Begriffe haben, wie sie die Mehrzahl der Menschen zu bequem ist auszubilden, Begriffe, die sich selbst innerlich wandeln, um von Gestalt zu Gestalt, wie sie sich in der Natur wandeln, wirklich mit den Begriffen mitfolgen zu können. Aber dann bleibt man ohne Hypothesen und ohne Theorien nur im rein Sinnenfälligen stehen.
Es ist dieses Eigentümliche, daß Goethe gerade dadurch charakterisiert ist, daß er für die Naturerscheinungen jegliche Theorie ablehnt und eigentlich das Denken nur dazu verwenden will, um die Phänomene in der richtigen Weise zusammenzustellen, daß sie sich selbst aussprechen in ihrem Wesen. Ja, man kann das Paradoxe sagen, ich bitte Sie, das wohl ins Auge zu fassen: Gerade dadurch wird Goethe in der richtigen Weise so in das Geistgebiet hineingetrieben, wie wir das vorgestern und gestern charakterisieren konnten, daß er für die Erscheinungen der äußeren Natur sich nicht durch allerlei Theorien und Hypothesen die Naturerscheinungen verunreinigt, sondern daß er die Naturerscheinungen so auffaßt, wie sie sich dem sinnenfälligen Dasein darbieten.
Das hat aber eine weitere Folge. Wenn man Newtonsche oder Spencersche oder ähnliche Theorien bildet, also das, was die Natur selbst bietet, verunreinigt durch Theorien und Hypothesen, so denkt man über die Natur so, daß man im physischen Menschenleben so denken kann, aber der Ätherleib des Menschen nimmt die Sache nicht auf. Und sie übertragen sich, alle diese Theorien, die nicht durch die reine Naturbetrachtung gewonnen werden. Alle diese Theorien und Hypothesen machen erst den menschlichen Ätherleib zur Karikatur, ja, dadurch auch den astralischen Leib zur Karikatur und stören dadurch im übersinnlichen Gebiet das Menschenleben.
Gegen diese Zerstörung der Formen, die der Ätherleib für sich fordert, wandte sich die gesunde Natur Goethes. Das ist gerade — und deshalb sage ich: man kann Goethe nur geisteswissenschaftlich verstehen — das Bedeutsame für Goethe. Er hatte einen Instinkt für das, was nicht aus der unmittelbaren Wirklichkeit stammt, weil er verspürte, wenn er solche Begriffe bildete, wie die Newtonschen waren, da zwickt es und zwackt es im Ätherleib. Bei den andern zwickt es und zwackt es nicht, weil sie gröber organisiert sind. Goethe war so organisiert, daß es ihn zwickte und zwackte im Ätherleib, während er so hindurchschaute. Und weder eine Theorie noch die kostbarste Hypothese verhindern, daß es in ihm zwickt und zwackt, als nur das Weiß erscheint, und er denken muß, die Wand ist trotzdem weiß, obwohl stufig die sieben Farben erscheinen sollten. Es ist nicht geschehen. Und es ist ein Beweis für die durch und durch gesunde, das heißt, als Mikrokosmos dem Makrokosmos eingepaßte Natur Goethes, daß er in dieser Weise empfand.
Und noch eine andere Seite dieser Sache ist hervorzuheben. Wir wissen, der Mensch ist nicht nur dieses Wesen, das da lebt zwischen der Geburt und dem Tod, sondern der Mensch ist auch das Wesen, das lebt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. In diesem Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt hat man diejenigen inneren Kräftezusammenhänge, die man sich ausgebildet hat im physischen Leib. Und wenn man sich nach ein paar Tagen vom Ätherleib getrennt hat, sieht man auf diesen Ätherleib hin. Es handelt sich darum, daß man diesen Ätherleib so behandelt hat als Mensch, daß man auf ihn hinschauen kann, ohne daß er einen als Karikatur beirrt. Nun ist das Eigentümliche, wenn man die Natur rein naturgemäß anschaut, so wie sie Goethe angeschaut hat, wenn man Theorien und Hypothesen ablehnt und nur Urphänomene gelten läßt, dann ist dieses Auffassen, dieses Anschauen der Urphänomene so, daß sie in uns gesunde Empfindungen und Gefühle auslösen, diejenigen Empfindungen, die Goethe in dem Kapitel «Sinnlich-sittliche Wirkungen der Farben» beschreibt. Selbstverständlich, die Anschauung der sinnlichen Phänomene fällt ab mit unserem Leben. Was aber durch die reine Anschauung, die Goethe als Naturwissenschaft allein gelten läßt, in unserem Geistig-Seelischen verbleibt, das ist gesund und paßt auch zur geistig-seelischen Welt. So daß man sagen kann: Die- Goethesche Naturwissenschaft ist, trotzdem sie sich beschränkt auf die Phänomene, auf das Sinnliche, gerade eine geistgemäße, weil sie nicht durch eine ahrimanische oder luziferische Beeinflussung des Geistes hier die reine Naturanschauung durch Theorien verunreinigt. — Solche Theorien verdunkeln für das Geistig-Seelische die reinen Anschauungen des Irdischen.
Nun habe ich Ihnen gestern gesagt, der Mensch lebt nicht nur auf der Erde, sondern er hat, bevor er die Erde betrat, eine Saturn-, Sonnen- und Mondenentwickelung durchgemacht. Er wird, nachdem er die Erde verlassen wird, oder besser gesagt, die Erde ihn verlassen wird, eine Jupiter-, Venus- und Vulkanentwickelung durchmachen. Aber ich habe Ihnen gesagt: Unsere naturwissenschaftlichen Begriffe können nur auf die Erdenentwickelung Bezug haben. — Und in der Tat, wenn wir eine gesunde Naturwissenschaft ausbilden, haben wir gerade den Trieb, nicht die Erdenentwickelung so darzustellen, daß wir alles Mögliche hineinkonfundieren, was auf den Saturn, die Sonne und den Mond nur paßt, die natürlich in Wirklichkeit mit der Erdenentwickelung verquickt sind, sondern eine gesunde Naturwissenschaft will die Erde herausheben und die Erde als Erde darstellen in ihrer Gesetzmäßigkeit. Das tut Goethe. Und deshalb können die Menschen so wenig aufrücken zu einer gesunden Auffassung der Monden-, Sonnen- und Saturnentwickelung, weil sie auch keine gesunde der Erdenentwickelung haben. Wenn auch Goethe selbst noch nicht zu dieser Anschauung gekommen ist von der Monden-, Sonnen- und Saturnentwickelung — wer sich vertieft in seine Naturwissenschaft, die eine von allem andern gereinigte ist, die sich nur auf die Erde bezieht, der bereitet gerade dadurch seinen Geist vor, das Irdische herauszusondern durch eine gesunde Erdenwissenschaft, und dadurch sich bereit zu machen zu einer gesunden Anschauung desjenigen, was nur im Übersinnlichen gesehen werden kann: Saturn-, Sonnen- und Mondenentwickelung und überhaupt das Geistige. So daß man sagen kann: Gerade durch seine rein auf das Sinnliche gerichtete Anschauung ist Goethe veranlagt worden, daß er dieses, wie wir gestern und vorgestern gesehen haben, in seinem «Faust» verarbeitet hat. — Deshalb stand Goethe für dasjenige, was geistige Auffassung ist, so im Geiste darinnen, weil er nicht irgendwelche konfuse Theorien oder Hypothesen aus dem Geiste heraus auf die Naturerscheinung anwandte. Das eine bedingt das andere.
Worauf ich Sie gestern am Schlusse aufmerksam machte, ist, daß Goethe nicht auf der einen Seite Idealist und auf der andern Seite Realist war, sondern die äußeren Erscheinungen realistisch, dasjenige, was idealistisch aufzufassen ist, idealistisch auffaßte, aber nicht glaubte, durch das eine oder das andere eine Weltanschauung begründen zu können, sondern die beiden Anschauungen sich gegenseitig spiegeln ließ in seinem Seelenleben, wie sie sich auch in der äußeren Wirklichkeit spiegeln. Wenn auch Goethe das wiederum nicht selbst so verfolgt hat, so führt es dazu, daß, wenn man sich so recht tief hineinversetzt in die Goethesche Art des Vorstellens, man in ganz gesunder Weise dazu kommt, nun auch die beiden Lebensarten, die der Mensch durchzumachen hat, richtig vorstellen zu können.
Wodurch kommt es denn, daß die gewöhnliche heutige menschliche Anschauung so wenig geneigt ist, das Geistige zuzugeben? Und wenn sie sich über die geistige Welt Begriffe macht, so sind sie so abstrakt, daß mit ihnen wiederum die äußere Natur nicht zu fassen ist. Woher kommt es denn, daß den gegenwärtigen Menschen Idealismus und Realismus so auseinanderfallen, daß sie entweder nur einen lahmen Monismus daraus begründen, der doch nichts besagt, oder überhaupt nicht zu Rande kommen mit einer Weltanschauung? Woher kommt das? Das kommt davon her, daß die Menschen in einer ganz bestimmten Weise heute ihre Weltanschauung begründen wollen. Man wird heute entweder Naturwissenschafter, lernt die Natur kennen und versucht sie zu durchsetzen mit allerlei Theorien und Hypothesen. Denn dasjenige, was die Naturwissenschaft heute als Vererbung denkt und so weiter, sind nicht Urphänomene, sondern Theorien und Hypothesen. Man sucht die Naturerscheinungen mit solchen Hypothesen zu durchtränken, oder auch man wird Theologe oder Philosoph, versucht aus den Traditionen gewisse Begriffe, Ideen über das Geistige zu gewinnen. Die sind dann so dünn und schattenhaft, daß man wiederum nicht die Natur begreifen kann, dadurch, daß sie nicht hinreichend Kraft haben, um die Natur richtig damit anzufassen.
Sehen Sie sich heute einmal um in den theologischen und philosophischen Erörterungen der Gegenwart, wo finden Sie einen gesunden Anhaltspunkt darinnen, um aus ihnen heraus auch richtig die Natur zu beleuchten! Und wo finden Sie im Ernst innerhalb der Vertreter der heutigen Naturwissenschaft, wenn sie nicht monistische Schwadroneure sind, wo finden Sie eine Möglichkeit, aus der Naturwissenschaft heraus aufzusteigen zu den göttlich-geistigen Daseinsformen und Daseinsgebieten in Wirklichkeit? Das ist heute nicht möglich, wenn man gesundes Denken entwickelt, die beiden Gebiete, so wie sie heute sind, miteinander zu vereinigen. Die beiden Gebiete vereinigen sich nur, wenn man die Fähigkeit hat, sich der Naturbetrachtung und einer Wissenschaft so hinzugeben, wie sich Goethe der Natur hingegeben hat: rein den Blick auf das Phänomen, auf die Erscheinungen gerichtet, nicht Theorien anders hineinmischen, als um aufzubauen die Phänomene, das Denken nur den Diener sein lassen, der mittut, aber nicht in die Resultate, in die Ergebnisse das Denken hineinmischen. Das ist es, was wir der Natur gegenüber müssen, der Natur die Macht zuerkennen, daß sie sich selbst interpretiere. Nicht spintisieren über die Natur, sondern gerade voll materialistisch sein, indem man die materiellen Erscheinungen für sich selber sprechen läßt, das ist dasjenige, was wir einer gesunden Naturwissenschaft gegenüber als Aufgabe haben. Kommen wir mit einer solchen gesunden Naturwissenschaft zu Rande, so begreifen wir das menschliche Leben wirklich zwischen Geburt oder sagen wir Empfängnis und Tod. Aber wir müssen nun, indem wir auf der einen Seite so in die Natur hineinschauen, unbehelligt durch unmögliche Theorien und Hypothesen, auch in den Geist hineinschauen können. Dann bleiben wir nicht bei abstrakten Theologien oder Philosophien stehen, sondern dann ergeben sich uns geistige Anschauungen. Und gerade durch die Kraft, welche in uns die reine Naturbetrachtung auslöst, die Goethesche Naturbetrachtung, können sich geistige Anschauungen, Anschauungen des reinen Geistes ergeben. Wer seine Begriffe und Ideen in konfuser Weise hineinmischt in die Naturerscheinungen, an dem rächen sich diese Begriffe, lassen ihn nicht zur Geistesanschauung kommen. Wer die Natur rein anschaut, erschaut sie in seiner eigenen Seele so, daß er auf den Geist auch in einer wirklichen Weise hinschauen kann. In dieser Beziehung kann die Goethesche Weltanschauung eine großartige Erzieherin sein für die moderne Menschheit.
Dann aber muß man getrennt für sich entwickeln Naturanschauung, Geistesanschauung. Aber man muß sich auch bewußt sein, man kann mit der einen für sich und mit der andern für sich nichts anfangen. Wenn Sie bloß Theologe oder Philosoph bleiben wollen, dann ist es, wie wenn Sie irgendeine Sache, die nach zwei Seiten hin ganz verschieden ist, nur von der einen Seite photographieren wollten; ebenso wenn Sie bloßer Naturwissenschafter bleiben wollen. Sie sollen beides ganz sein können, und das eine in dem andern sich spiegeln lassen, das heißt, nicht durch abstrakte Begriffe die Vereinigung suchen, sondern die Dinge sich selbst vereinigen lassen, indem Sie zuerst für jedes Gebiet gesondert reinliche Anschauungen entwickeln. Dann spiegeln sich die beiden Gebiete ineinander. Dann aber bekommen Sie durch die Fähigkeit eines solchen Spiegelns auch eine gesunde Anschauung ‚über das Gesamtmenschenleben. Dann sehen Sie die Naturerscheinungen draußen außer dem Menschen im Sinne einer Goetheschen Naturwissenschaft. Sie sehen aber, wenn Sie den Menschen betrachten, daß dasjenige, was für die äußere Natur vorhanden ist, nicht ausreicht für seine Erklärung. Da kommen Sie nur zu einem Homunkulus, zu keinem Homo.
Sie sehen, wie gerade für die Menschenerfassung notwendig ist, daß man von Gegenseiten herankommt, mit Naturwissenschaft und mit Geisteswissenschaft, und sich die beiden spiegeln läßt. Dann passen sie auf den Menschen. Dann spiegelt sich in dem Menschen das Leben zwischen der Geburt oder Empfängnis und dem Tod in demjenigen, was einem erscheint als Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, und umgekehrt: das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt spiegelt sich in dem Leben zwischen der Geburt und dem Tode. Nicht eine einzige Theorie ersinnen, welche das eine oder das andere erklären soll, sondern zwei Anschauungen, nicht Theorien, zwei reine Anschauungen, und diese nicht in Begriffen vereinigen, sondern in der Anschauung sich selbst gegenseitig spiegeln lassen.
Daß Goethe durch seine gesunde Seelenentwickelung zu solchen Anschauungen von der gegenseitigen Spiegelung desjenigen, was wesenhaft in der Wirklichkeit draußen ist, kam, bezeugt, wie er wirklich auf dem Wege in die neuere Geisteswissenschaft hinein war. Und wenn Goethe auch für seine Zeit in einer gewissen Beziehung noch unsicher war, weil — wie ich immer wieder betonen muß - sein geisteswissenschaftliches Erkennen ein ahnendes war, so hat er doch so viel gesundes Urteil abgegeben auch über das geistige Leben, das verfolgt werden kann in unserer Zeit bis zu Gebieten, wo Goethe noch nicht hingekommen ist, was Goethe aber veranlagt hatte.
Ich tadle nicht, daß der Goetheanismus so wenig verstanden worden ist, denn derjenige, welcher die Dinge durchschaut, tadelt nicht und kritisiert nicht, sondern er weiß, daß man nur positiv zu sprechen hat. Ich tadle nicht das, was geschehen ist, ich stelle nur dasjenige hin, was “ die Forderung für die Zukunft hin ist. Und Forderung für die Zukunft ist es, daß die Menschheit sich vertieft, ob sie es nun Goetheanismus nennt oder nicht, in solche Vorstellungen, die im Goetheschen Denken schon veranlagt waren. Und das Goethesche Denken wirkt überhaupt ungeheuer wirklich und wirklichkeitsgemäß. Das ist auch sehr bedeutsam zu beachten.
Ich muß Sie darauf hinweisen, um in diesem Punkt Sie zum richtigen Verständnis zu weisen, wie der Mensch sich gewöhnlich verhält, wenn er sich enträtseln will die eine oder die andere Erscheinung der Natur oder des Lebens. Betrachten wir jetzt so einen richtigen Durchschnittsmenschen, aber einen Durchschnittsmenschen, der gescheit ist — heute sind ja die Gescheiten gerade die Durchschnittsmenschen -, also, betrachten wir einen Durchschnittsmenschen, der gescheit ist. Nicht wahr, der Durchschnittsmensch lebt von der Geburt bis zum Tode. Sagen wir in seinem fünfunddreißigsten oder auch fünfundvierzigsten oder zweiundvierzigsten Jahre, in irgendeinem Lebensjahr, vielleicht auch früher, da will er sich irgend etwas enträtseln, vielleicht sogar eine Weltanschauung begründen, will sich über irgend etwas aufklären. Was tut er? Ja, da murkst solch ein Mensch in das Vorstellungsmaterial hinein, das er, nehmen wir an, als Zweiundvierzigjähriger in sich hat. Nehmen wir an, er will sich meinetwillen die Kopernikanische Weltanschauung richtig erklären, dann nimmt er alle diejenigen Begriffe und Vorstellungen zusammen, die er so finden kann. Wenn er nun in sein Seelenleben hineinmurkst und dann etwas finden kann, was mit sich selbst zusammenstimmend ist, wenn er sich eine Reihe von solchen Begriffen zusammengestellt hat, in denen er, wie er sagt, keinen Widerspruch findet, dann ist er fertig, dann versteht er die Geschichte. Das ist so der Durchschnittsmensch. Das ist aber nicht Goethe!
Goethes Seele wirkt in ganz anderer Weise. Wenn man das nicht berücksichtigt, dann mag man Goethe-Biographien schreiben, es wird etwas herauskommen, was in Frankfurt im Jahre 1749 geboren ist und in Weimar 1832 gestorben ist, was aber nicht Goethe ist. Goethes Seele wirkte ganz anders. Wenn Goethe in seinem zweiundvierzigsten Jahre irgendeiner Erscheinung sich gegenüberstellte, dann wirkte nicht bloß jenes abstrakte Gebilde, das man herausbekommt, wenn man alle Begriffe, die man in sich hat, zusammentut zu einer widerspruchslosen Anschauung, wie man sagt, sondern wenn Goethe in seinem zweiundvierzigsten Jahre eine Pflanze anschaute oder irgend etwas anderes, worüber er Aufklärung gewinnen wollte, da wirkte real sein ganzes Seelenleben in ihm, nicht bloß die abstrakten Begriffe, sondern real das ganze Seelenleben wirkte. Also, wenn Goethe zweiundvierzig Jahre alt war und sich überlegen wollte, sagen wir, ein Pflanzenleben, so wirkten in ihm auch diejenigen Impulse, die er nicht bloß zusammenholte, sondern die auch in seiner Kindheit gewirkt haben, zum Teil auch unbewußt; es wirkte das gesamte Seelenleben, die Totalität, immer zusammen. Das will der moderne Mensch immer ausschalten, er will zu einer vorurteilslosen Anschauung kommen. Das geht aber nicht weiter als zu ein paar zusammengerafften Begriffen, die man leicht und bequem anschauen kann. Deshalb kann man gerade über Goethe diese großen Aufschlüsse gewinnen, wenn man auch wieder zusammenschaut, wie die verschiedenen Phasen seines Lebens sind.
Ich habe zum Beispiel versucht, Spätestes in Goethes Auffassung dadurch zu verstehen, daß ich immer wiederum hinweise auf jenen Prosahymnus «Die Natur», den er Anfang der achtziger Jahre gedichtet hat, und in dem in unreifem Zustande das Spätere enthalten ist. Aber das wirkte, was dazumal in unreifem Zustande enthalten war. Und ich habe auch früher öfter darauf hingewiesen, wie Goethe als siebenjähriger Knabe Mineralien sammelt, sich ein Notenpult nimmt von seinem Vater, die Mineralien darauf aufbaut, oben ein Räucherkerzchen daraufstellt und nun eine Art Gottesdienst unternimmt, dem «Großen Gotte», der durch die Naturerscheinungen selbst wirkt, ein Opfer darbringen will. Er fängt morgens — denken Sie, als siebenjähriger Knabe! — den Sonnenstrahl auf, läßt ihn durch ein Brennglas gehen, daß er ihm das Räucherkerzchen entzünde. Ein Naturfeuer zündet er über den Mineralien an. Darinnen liegt in einer kindlichen Weise all das schon vorgebildet, was da nachwirkt in reifsten Anschauungen. Man versteht Goethe nur, wenn man ihn so aus der Totalität seines Wesens heraus richtig aufzufassen in der Lage ist. Und dann, wenn man ihn so auffaßt, kommt man auch dazu, das, was Goethe noch wenig pflegen konnte aus den Voraussetzungen seiner Zeit heraus, die Anschauungen der geistigen Welt, erst in einer Weise zu treiben, die man auch gemäß der Goetheschen Weltanschauung finden kann. Denn bedenken Sie, man kann gar nicht anders, wenn man Goetheisch über die Natur denkt, wenn man im Sinne der Urphänomenlehre und im Sinne der Metamorphosenlehre wirklich denkt, als durch dieses Denken solche Kräfte in seiner Seele auszulösen, die einen zur Anschauung der geistigen Welt führen, und die einen zuletzt auch zur Anschauung desjenigen Lebens führen, das der Mensch führt, wenn er durch die Pforte des Todes gegangen ist. Gerade mit der Goetheschen, auf die reine Natur hingewendeten, reinen Naturanschauung ist eine wahre Unsterblichkeitslehre im selbstverständlichen Sinne veranlagt. Man bekommt gerade dadurch die Kraft für jene entgegengesetzten Vorstellungen, die man braucht, damit das Übersinnliche, das der Mensch durchlebt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, in die Anschauung hereinkommt; man bekommt die Kraft für solche Anschauung dadurch, daß man sich den Blick zuerst schärft für dasjenige, was reine Natur ist, was nicht durch Theorie und Hypothese in der Natur verdorben ist.
Dadurch machen die Menschen die größten Fehler, daß sie für die äußere Welt immer glauben, die Dinge müssen einlinig gehen und einströmig. Wenn jemand in dem Sinne einem Menschen, der die Sache durchschaut, von Monismus redet, wie es sehr viele gegenwärtige Menschen tun, indem sie einen abstrakten Monismus begründen, wenn solch ein abstrakter Monismus also einem Menschen, der die Dinge durchschaut, vorgetragen wird, so kommt dem das gerade so vor, als wenn ein Mensch dasteht, linke und rechte Seite wohl ausgebildet, und ein anderer sagt ihm: Das ist aber falsch, das ist ein falscher Dualismus, der Mensch muß monistisch gebaut sein, das ist unrecht, daß der eine rechte Hälfte hat, da muß irgend etwas nicht richtig sein daran.
Geradeso muß unsere Anschauung gegenüber der Welt sein. Wie wir nicht deshalb falsch sind, weil wir zwei Hände haben und die rechte durch die linke unterstützen können, so ist es auch nicht falsch, zwei Weltanschauungen zu haben, die sich gegenseitig ineinander spiegeln und sich gegenseitig beleuchten. Und wer das für falsch hält, daß zwei Weltanschauungen gefordert werden, der sollte auch sagen: Man muß irgendwelche künstlichen Verrichtungen einmal ersinnen, damit nicht so schrecklich getrennt die linke und rechte Hand und das linke und rechte Bein durch die Welt marschieren und handeln, sondern daß endlich einmal durch eine Errungenschaft die rechte Hand in die linke, das rechte Bein in das linke hineingesteckt werden kann, damit man monistisch ist, ein Monon ist, und dann der Mensch auf diese Weise sein Leben fortfristen kann!
Für den, der die Dinge durchschaut, der die Wirklichkeit im Auge hat und nicht vertrackte abstrakte Theorien, für den ist, wie gesagt, das Anstreben des abstrakten Idealismus auf der einen Seite, des groben Realismus auf der andern Seite als Monismus, gerade so einseitig, wie etwas einseitig wäre, was mit der grotesken Sache verglichen werden kann, mit der ich eben die Sache verglichen habe. Und es liegt wirklich im Sinne der Goetheschen Weltanschauung, wenn in der heute noch sehr, sehr angefochtenen Weise von mir immer wieder und wiederum hingewiesen wird auf der einen Seite auf eine reine Naturanschauung, nicht auf eine von Hypothesen durchsetzte, sondern auf eine Anschauung, die als Anschauung lebt, nicht gedacht ist, wo das Denken nur verwendet wird, um die Anschauung herbeizuführen, auf der andern Seite auf eine Geistanschauung, wo wiederum das Denken nur verwendet wird, um die geistige Anschauung herbeizuführen, die uns dann wirklich hineinführt in das Gebiet, in dem wir zu suchen haben den Menschen, wenn er auf der andern Seite seines Lebens ist zwischen dem Tod und einer neuen Geburt.
Wenn man solch eine geisteswissenschaftliche Weltanschauung den Menschen vorträgt, so finden sie heute noch wahrhaftig logisch klingende Theorien, gescheite Theorien, um die Sache zu widerlegen. Ich habe oft gesagt: Widerlegungen der Geisteswissenschaft, oh, sie sind sehr leicht auszudenken. — Ich habe in Prag einmal den Versuch gemacht, bei zwei hintereinander folgenden öffentlichen Vorträgen, einen zu halten, in dem ich die Geisteswissenschaft widerlegt habe, und einen andern zu halten, in dem ich sie begründet habe, was mir einzelne Leute übelgenommen haben. Aber ich habe einmal den Versuch gemacht, eben einen Vortrag zu halten zur Widerlegung der Geisteswissenschaft und einen zur Begründung der Geisteswissenschaft. Man kann ganz gut die Geisteswissenschaft selbstverständlich widerlegen, man kann sie widerlegen. Wie soll man sie nicht widerlegen können? Derjenige, der glaubt, daß man Geisteswissenschaft nicht widerlegen kann, der ist ungefähr auf demselben Standpunkt, wie einer, der sagt, er kann sich mit einer Nadel, die er in der rechten Hand hält, nicht in die linke stechen. Ganz selbstverständlich kann man das, aber es besagt das alles nichts. Und man muß sagen: Dieser Gegnerschaft, die so scheinbar mit recht logischen Theorien arbeitet, liegt im Grunde eigentlich etwas ganz, ganz anders in ihrem Inneren. Man spricht auch von Unbewußtem und Unterbewußtem. Man mißversteht, namentlich bei den Psychoanalytikern, aber auch sonst, dasjenige, was eigentlich das unterbewußte Seelenleben, Geistesleben für eine Bedeutung für den Menschen hat. Ich habe darüber öfter schon hier gesprochen. Nun, wirklich wie der Blinde von der Farbe, so reden die heutigen analytischen Psychologen von dem unbewußten Geistesleben. Sie werden nur darauf gestoßen durch die wissenschaftlichen Forderungen der Gegenwart, aber sie haben eine Wissenschaft, wie ich sie genannt habe im vorigen Jahre in Zürich und auch hier, die mit unzulänglichen Mitteln arbeitet. Denn man muß wirklich die Fähigkeit haben, für dasjenige, was im Bewußtsein vorgeht, immer das darunter liegende Unterbewußte richtig zu finden.
Bewußtsein
logische Gründe
Glaube an Erkenntnisgrenzen Unterbewußtsein
Furcht vor dem Geistigen
Interesselosigkeit für das Geistige
Sehen Sie, die Sache liegt so, daß wir sagen können: Hier ist das Bewußtsein - siehe das Schema — und darunter liegt das Unterbewußtsein. Nun, wie ist die Sache heute? Heute ist die Sache so, daß ungefähr seit dem 16. Jahrhundert sehr starke ahrimanische Einflüsse auf den Menschen und sein ganzes Denken sich geltend machen. Das hat sein Gutes, das hat sein Schlimmes. Das hat für die Naturwissenschaft vor allen Dingen die Folge, daß sie in einer ganz bestimmten ahrimanischen Weise sich ausbildet. Dieser ahrimanischen Naturwissenschaft hat Goethe die seinige entgegengesetzt, die ich Ihnen eben charakterisiert habe. Aber nichts geht vor in der menschlichen Seele — das können Sie gerade aus den Vorträgen entnehmen, die ich vor acht Tagen hier gehalten habe -, nichts geht vor in dem Geiste des Menschen, ohne daß im Unterbewußten auch etwas vorgeht. Indem man die heutige Form des Naturdenkens ausbildet, entwickelt man im Unterbewußten zwei ganz besondere Gefühle: Furcht vor dem Geistigen und Interesselosigkeit für das Geistige. Man kann gar nicht im Sinne des heutigen Denkens Naturwissenschaft ausbilden, wenn man nicht gerade Goethesche Naturwissenschaft ausbildet, ohne daß man ausbildet zu gleicher Zeit unterbewußte Furcht gegenüber der spirituellen Welt und unterbewußte Interesselosigkeit gegenüber der spirituellen Welt. Man fürchtet sich vor dem Geistigen. Das ist die notwendige Folge der heutigen naturwissenschaftlichen Eindrücke. Aber eine unterbewußte Furcht, von der man nichts weiß. Und diese unterbewußte Furcht zieht sich an, und erst angezogen mit allerlei Flitter und Gaukelgewand erscheint sie dem Menschen im Bewußtsein. Sie zieht nämlich logische Gründe an. Die Furcht verwandelt sich in logische Gründe. Und mit diesen logischen Gründen geht nun der Mensch herum.
Wer die Sache durchschaut, hört, wie die Menschen sehr gescheite logische Gründe vorbringen, aber er weiß auch, unten, im Unterbewußtsein sitzt die Furcht vor dem Spirituellen, wie das Unbekannte immer Furcht einjagt — die Wasserscheu der Hunde ist auch zurückzuführen darauf -, und die Interesselosigkeit, die sich insbesondere darinnen zeigt, daß man, wenn man eine richtige Naturerkenntnis entwickelt, den Geist mit Fingern greifen kann. Denn ich möchte einmal einen Menschen, der nun wirklich restlos erkennen will, auffordern, zu sagen, aus welchen irdischen Naturerscheinungen heraus, ohne zum Geiste seine Zuflucht zu nehmen, er die Form des menschlichen Kopfes erklären kann. Die reine, richtige naturwissenschaftliche Erklärung des menschlichen Kopfes führt zurück zu dem, was man nur geisteswissenschaftlich erkennt, wie ich auseinandergesetzt habe. Hat man Interesse für das, was wirklich da ist in der menschlichen Natur, dann drängt es natürlich zum Geiste hin. Nur Interesselosigkeit verführt einen dazu, zu sagen, darinnen weise nichts auf den Geist hin! Nun, wenn Sie zuerst alles, was zum Geiste hinführt, ausschließen - man achtet es nicht, man macht sich zuerst leere Hypothesen und Theorien zurecht -, flugs zeigen sie auch nichts, wenn man sie anführt, wenn man sie zuerst so recht präpariert hat! Der Naturforscher heute verfährt größtenteils so wie einer, der zuerst sorgfältig den Fisch putzt, so daß keine Schuppen mehr daran sind, und nachher behauptet, der Fisch habe keine Schuppen. So putzt der heutige Naturforscher von den Erscheinungen erst alles dasjenige, was zum Geiste hinweist, weg, weil er kein Interesse daran hat. Aber er weiß ebensowenig von der Interesselosigkeit als von der Furcht. Daher kann auch die Interesselosigkeit sich Flitter- und Gaukelkleider anziehen, und diese Flitter- und Gaukelkleider sind Glaube an Erkenntnisgrenzen. Und im Bewußtsein redet man von Erkenntnisgrenzen — Ignorabimus. Dasjenige, was man da redet, ist eigentlich im Grunde genommen ganz gleichgültig. Man könnte, wenn man wollte, ganz andere Wortzusammenstellungen erfinden für dasjenige, was zum Beispiel Da Bois-Reymond geredet hat in seinem Vortrag über die Grenzen der Naturerkenntnis — sie wären geradeso wertvoll, denn das, was er will, ist im Grunde genommen ganz gleichgültig. Bewirkt wurde es von seiner unterbewußten Interesselosigkeit gegenüber den abgeschuppten Fischen, die keine Schuppen haben — nun als Vergleich gebraucht.
Sie sehen, es würde schon sehr dienlich sein, wenn sich die gegenwärtige Menschheit orientieren wollte an geisteswissenschaftlichen Begriffen, denn sie würde dadurch eine richtige Natur- und eine richtige Geist-Erkenntnis, wenigstens in die Vorstellungen herein, vor das Seelenauge bekommen können. Die braucht die Menschheit. Beide Anschauungen braucht die Menschheit. Man findet heute eigentlich recht häufig schon Hinweise darauf, daß die Menschheit in der Gegenwart etwas Neues an Weltanschauungen, an Welterkenntnis brauche. Aber unterbewußte Furcht, unterbewußte Interesselosigkeit, die wirken sehr stark. Und daraus ergeben sich heute die auf diesem Gebiete merkwürdig zutage tretenden Erscheinungen. Ein ernst zu nehmender Mann hat in einem der letzten Hefte der Zeitschrift «Wissen und Leben» merkwürdige Worte gesprochen, die man doch ein wenig ins Auge fassen muß, wenn man Unterlagen gewinnen will für die Art, wie man sich eigentlich zu dem Denken auch der ernst zu nehmenden Menschen, die aber betroffen sind durch die geschilderte Furcht und Interesselosigkeit in sich selber, zu stellen hat.
Im Verlaufe eines Aufsatzes, der heißt «Der internationale Kitt», wird da in der folgenden Weise gesprochen:
«Es gehört zu den größten weltgeschichtlichen Enttäuschungen, daß auch diese geistige Macht» - die geistige Macht des Christentums — «versagt hat dem Kriege gegenüber und keinen Damm aufwarf gegen die sich heranwälzende Flut von Haß und Zerstörung. Ja, gerade im Christentum sind während der Völkerentzweiung noch ganz besonders häßliche Erscheinungen zutage getreten, wie zum Beispiel die Kriegstheologie mit ihrem Versuch, auch die höchsten absoluten Werte herabzuziehen in die Relativität unseres Weltgeschehens. In dem Bestreben, dieses zu rationalisieren und auf irgendeine Formel zu bringen, kam man dazu, auch das Schreckliche, das radikale Böse durch den ethischen Gott der Liebe irgendwie rechtfertigen zu wollen, anstatt im Angesicht des furchtbaren Unterganges von Liebe und Leben demütigst stehen zu bleiben bei Luthers Deus absconditus, dem verborgenen Gott, der in der ethisch indifferenten Dynamik der Welt auch in die Erscheinung tritt. Durch die religiös-ethische Verklärung des Krieges wurden dem «lieben Gott politische Ziele untergeschoben, die denen der Machthaber und Kabinette verzweifelt ähnlich sehen.»
Nun, wer ein wenig die zeitgenössische Literatur verfolgt, der wird wissen, daß dies sehr richtig ist, daß von allen Seiten her dem Gotte die Absichten der Machthaber als göttliche Absichten untergeschoben werden, so daß der Mann hier wirklich manche unerfreulichste Erscheinung der Gegenwart in nicht unrechter Weise charakterisiert. Dann sagt er weiter:
«Nicht nur das. Auch die gegenseitigen Spannungen unter den christlichen Kirchen wurden verschärft. Der historische Gegensatz zwischen Luthertum und Calvinismus wurde neu ausgegraben. Die extremen Anglikaner rückten soweit von dem festländischen Protestantismus ab, daß sie ihm kaum noch den Namen des Christentums zugestehen wollten. Gar nicht zu reden von, dem Zerreißen der internationalen christlichen Bande in der Missionsarbeit. So scheint das national beschränkte Völkerideal den Sieg über das internationale Gemeinschaftsideal des Christentums errungen zu haben.
Aber wo das geschah, hat das Christentum einen Verrat am Evangelium begangen. Judas, der Christus verrät. Denn das Wesen des Christentums weist auf eine umfassende menschliche Gemeinschaft hin und kann sich nur in einer solchen auswirken.»
Nun, und so weiter. Ja, der Mann redet manches Gescheite, aber er kommt nicht dazu, zu fragen: Ja, wir haben nun dieses Christentum gepflegt durch nahezu zwei Jahrtausende. Woran liegt es denn, daß es, obwohl es seinem Wesen nach einen solchen Zustand wie den gegenwärtigen ausschließen würde, daß es ihn nicht ausgeschlossen hat? Damit sagt man nichts, daß man sagt: Die Menschen sind schlechte Christen, sie sollen bessere Christen werden, wenn man damit meint, sie sollen solche Christen werden, wie es sie schon gegeben hat! Ich könnte Ihnen Hunderte von gegenwärtig erscheinenden Äußerungen sonst ganz ernst zunehmender Menschen vorführen, und Sie würden aus diesen sehen, daß schon da und dort auftaucht ein gewisser, wenn auch ganz unterbewußter Impuls, daß etwas notwendig ist wie eine neue Weltanschauung. Aber in dem Augenblick, wo nun diese Menschen wirklich herankommen sollen an das, was nötig ist, an eine geisteswissenschaftliche Weltanschauung, da umnebeln sie sich selber ihre Begriffe, und da schlagen diese Begriffe sofort in die Furcht und Interesselosigkeit um. Sie fürchten sich vor der Geisteswissenschaft. Das kann man bei den einzelnen Persönlichkeiten ganz genau nachweisen aus ihren Äußerungen und aus ihrem Leben. Oder sie zeigen die Interesselosigkeit. Ihr Geist faßt es nicht, sie können es überhaupt nicht, auf das einzugehen. Dann kommt man zu so merkwürdigen Widersprüchen, die natürlich der heutige Leser nicht sieht, weil heute so gelesen wird, wie ich das schon gestern und auch sonst andeutete. Dieser Mann, der den Artikel schrieb, der, wie gesagt, durchaus ernst zu nehmen ist, schreibt in einer richtigen Weise so, wie er da geschrieben hat. Aber, sehen Sie einmal, er sagt, es muß wieder etwas geschehen, damit das Christentum seine internationale Bedeutung und Wirksamkeit entfalten kann. Da macht er allerlei Vorschläge. Er sagt: Warum sollte denn das nicht möglich sein, daß das Christentum die internationalen Impulse, die Haß und Zerstörung verhindern, pflegt? - Da kommt er darauf, auch folgenden Satz zu schreiben:
«Noch im August 1914 haben die freien britischen Kirchen an Professor Harnack geschrieben: ‹Außer den englisch sprechenden Völkern steht kein Volk uns so hoch in unserer Liebe und Bewunderung wie das deutsche. Wir haben alle eine unermeßliche Schuld gegenüber deutscher Theologie, Philosophie und Literatur.› »
Da haben wir doch, sagt er, eine ganz erfreuliche Erscheinung, da haben wir es, wie die britischen Theologen den deutschen Theologen ein Kompliment machen von wunderbarster Art. Könnte es nicht so in der Zukunft sein?
Ja, aber wirklichkeitsgemäß gedacht: die Sache ist im August 1914 geschrieben, wo gerade diese Zerstörung ausgebrochen ist! Der wirklichkeitsgemäße Schluß wäre also: trotzdem die britischen Theologen dieses geschrieben haben, konnte es nichts irgendwie zur Verhinderung des Zerstörungswerkes beitragen. Also, Sie sehen, statt von links nach rechts, denkt der Mann von rechts nach links oder umgekehrt, je nachdem die Sache liegt; während der wirklichkeitsgemäße Gedanke sagt: man muß untersuchen, was nicht richtig ist, was fehlt, trotzdem sich die Leute so schöne Komplimente gemacht haben. Da sagt er: Wenn wir es nur so machen, wie wir es im August 1914 gemacht haben, da werden wir schon weiterkommen.
Ja, da können wir wieder anfangen! Denn das kann nicht helfen, das hat die Wirklichkeit gezeigt! Also, der richtige Gedanke wäre dieser, daß man sagt: Es muß irgend etwas nicht stimmen! Das Christentum muß irgend etwas unberücksichtigt lassen. — Was es unberücksichtigt läßt, ist gerade, daß es sich nicht hineinfindet in das, was die Zeit durch ihre eigene Notwendigkeit fordert. Und das ist, was solchen Menschen fehlt: das willige Eingehen auf dasjenige, was gerade durch die Impulse unserer Zeit gefordert wird. — So kann man sehen, daß die Leute erkennen, die alte Weltanschauung hat Schiffbruch gelitten. Aber sie wollen keine neue, sie wollen die alte wieder, damit man noch einmal Schiffbruch leiden kann. Das aber bleibt natürlich in ihrem Unterbewußten stecken. Sie wollen selbstverständlich das Beste, sie sind nur zu bequem, um dasjenige, was das Notwendige ist, wirklich aufzusuchen.
Das ist es, was einem immer wieder und wiederum im Hintergrunde liegt, wenn man von so etwas sprechen muß wie von der Bedeutung des Goetheanismus für die Gegenwart, oder auch von der Bedeutung dessen, was natürlich größer ist als der Goetheanismus, der ganzen geistigen Welt und ihrer Erkenntnis. Auch da braucht man nicht kritisch zu sein. Man braucht nicht zu sagen, wie grundschlecht die Menschen sind, die das nun nicht tun, was da getan werden sollte, sondern man sollte sich darauf beschränken, einzusehen, was geschehen muß. Man sollte auf das Positive sehen. Vielleicht kann man sich dann sagen: Ja, wenn ich nur nicht so furchtbar wenig tun könnte, ich kann so furchtbar wenig tun. — Man kann vielleicht auch die Frage stellen: Ja, was soll denn der einzelne eigentlich tun? — Solche Fragen werden oftmals gestellt unter der Voraussetzung, als ob es sich zum Beispiel in meinen Auseinandersetzungen darum handeln könnte, ein bestimmtes konkretes Rezept für den einzelnen zu geben, das wiederum, wenn es allgemein gegeben würde, natürlich dadurch abstrakt und inhaltslos würde. Heute handelt es sich überhaupt für sehr viele Menschen zunächst darum, einzusehen, wie gerade bei denjenigen, in deren führender Hand viel gelegen ist, sei es auf diesem, sei es auf jenem Gebiete, Unendliches verfehlt wird, weil sich gerade die führenden Menschen der Gegenwart sträuben gegen dasjenige, wogegen sie sich nicht sträuben dürften. Und das ist wichtig, daß wir nicht von falschem Autoritätsgefühl angefressen werden, daß wir nicht einen riesigen Respekt haben, weil wir nicht prüfen. Darum handelt es sich, daß wir nicht ohne weiteres heute den historischen Autoritäten einfach verfallen, sondern gerade um Aufmerksamkeit und um Aufpassen handelt es sich, sich ein Urteil darüber zu bilden, wie auf den verschiedensten Gebieten das Leben durch die heutigen führenden Persönlichkeiten oftmals mißgeleitet wird. Das geschieht doch nicht in genügender Schärfe und vor allen Dingen oftmals nicht in genügender Besonnenheit. Denn gerade in Besonnenheit und nicht in Unbesonnenheit sollte es geschehen. Das ist von einer ungeheuren Wichtigkeit, selbst zu prüfen in dem Unterbewußten, wieviel man verkehrten Autoritätsglauben noch in sich trägt, zu erkennen auch, daß gerade Geisteswissenschaft wirklich einen vom Autoritätsglauben wegführt, einen zu einem freien, urteilenden Menschen machen kann, wenn man sich lebendig von ihren Urteilen durchdringen läßt. Man denkt immer, die Welt müsse eindeutig gradlinig verlaufen. Wenn man sich gewöhnt, die Natur in einer gewissen naturwissenschaftlichen Weise anzuschauen, will man alles naturwissenschaftlich anschauen. Wenn man sich gewöhnt, die Welt nach abstrakten Theorien anzuschauen, wie man oft sagt, idealistisch, so will man wieder alles in dieser Weise anschauen. Aber das Leben verläuft nicht in dieser gradlinigen, eindeutigen Weise, sondern das Leben fordert von uns Beweglichkeit, Vielgestaltigkeit, Mannigfaltigkeit des Denkens. Das ist es, was wir uns im Grunde nur aus dem richtigen Betreiben der Geisteswissenschaft aneignen können, und was so ungeheuer notwendig ist, um sich in der Gegenwart in der richtigen Weise zu orientieren.
Aus diesem Grunde wollte ich diesmal etwas ausführlicher an Goethe anknüpfen. Ich wollte nicht eigentlich etwas Besonderes über Goethe sagen — das hat sich, wie Sie gesehen haben, wie von selbst gegeben -, sondern ich wollte auf wichtige geisteswissenschaftliche Wahrheiten hinweisen, die sich anknüpfen lassen an dasjenige, was sich gerade in der Szene, die nun vorgeführt werden soll, von Goethe künstlerisch verarbeitet findet. Gar manche gehen über Goethe hochmütig hinweg, weil sie ihn nicht wissenschaftlich finden, wie sie die Geisteswissenschaft selbst nicht wissenschaftlich finden. Aber es würde vielen schon nützen, wenn sie sich ein wenig versenken wollten gerade in solch einen Geist, in solch eine Seele, wie die Goethesche ist, denn sie bringt ab von dem falschen Glauben, der eigentlich ein Aberglaube ist, daß man immer mit eindeutigen Begriffen, mit eindeutigem Leben wirklich vorwärts kommt. Wo eine Entwickelung ist, ist auch eine Rückentwickelung, ist auch die entgegengesetzte Entwickelung. Und wo eine Rückentwickelung ist, ist auch eine Entwickelung. Wenn Sie die Seele auf der einen Seite rein auf die Urphänomene und Metamorphosen der Natur richten und sich nicht verderben Ihre Naturanschauung durch verdunkelnde Theorien, dann entwickelt sich nicht bloß einseitig diese reine Naturanschauung, sondern dann entwickelt sich in der Seele die andere Anschauung, die nach dem Geiste hingeht. Und wenn Sie entwickeln die Anschauung, die nach dem Geiste hingeht in wahrer Weise, dann können Sie nicht mehr falsche Theorien in die Natur hineintragen, sondern dann drängt es Sie, die Natur in ihren materiellen Erscheinungen rein durch sie selbst sich interpretieren zu lassen.
So auch ist es, wenn man auf dem Gebiete der Geisteswissenschaft genötigt ist, Bedenkliches, wie das gestern Ihnen über das Böse in Anknüpfung an die Phorkyaden-Erscheinung zu Sagende zum Ausdruck zu bringen, oder wenn man genötigt ist, davon zu sprechen, daß im Unterbewußten des Menschen vieles sitzt, wovon er in seinem Bewußtsein nichts weiß, So etwas nehmen einem oftmals die Menschen übel, weil sie einen verkennen. Denken Sie doch nur, wenn jemand sachgemäß davon spricht: Du hast in deinem Unterbewußtsein so manches -, da denkt der andere, der ist mein Feind, wenn er auch so etwas unbewußt sein läßt, der denkt, in meinem Unterbewußten führe ich allerlei im Schilde. So können nun auch unsere Zeitgenossen denken: Dieser Anthroposoph schimpft uns, daß wir unterbewußte Furcht und unterbewußte Interesselosigkeit haben, er setzt uns eigentlich herunter. — Aber die Welt ist nicht eindeutig. Ich sage ja nicht bloß, daß die Leute in ihrem Unterbewußten Furcht und Interesselosigkeit haben, sondern ich sage auch: Ihr habt in eurem Unterbewußtsein die ganze geistige Welt, erfaßt ihr sie nur. Die ist auch da unten. — Das ist die andere Seite. Man stellt geisteswissenschaftlich keine Behauptung auf, ohne daß diese Behauptung involviert eine andere Behauptung. Und wem ich sage: Du hast unterbewußte Furcht und unterbewußte Interesselosigkeit, der sollte sich bewußt sein, daß ich ihm auch sage: Zwar bist du dir “deiner Furcht und Interesselosigkeit nicht bewußt, du verbrämst sie durch allerlei Lügen und durch deinen Glauben an Erkenntnisgrenzen, aber du hast deine ganze unterbewußte Welt zu umfassen, wenn du nur in deine unterbewußte Welt untertauchen willst. — Ich sage ihm nicht nur einen Tadel, wie er es auffaßt, sondern ich sage ihm auch über seine unterbewußte Welt etwas Gutes. Das ist das, woraus Sie sehen, daß das Leben nicht einseitig ist, daß aber Geisteswissenschaft es auch nicht einseitig darstellen kann.
Und so wird auf der einen Seite so gesprochen, wie oftmals gesprochen werden muß. Wenn man dann den Menschen Abneigung, Aversionen, Furcht und Interesselosigkeit für eingeflößt erklären muß, hat man auch den Menschen zu sagen: Ihr müßt gewisse Gefahren überwinden, wenn ihr zur geistigen Welt kommen wollt, ihr müßt gewisse Unbequemlichkeiten überwinden. — Gewiß, das ist die eine Seite, die man geltend machen muß. Aber bedenken Sie, welche Summe von seelenbeglückenden Empfindungen darinnen liegt, daß eine geisteswissenschaftliche Anschauung uns den Blick eröffnet von dem Leben, das wir hier vollbringen mit andern Menschen zwischen Geburt und Tod, welche weltbeglückenden Empfindungen eröffnet werden dadurch, daß man weiß, man lebt noch inniger mit denjenigen, die durch des Todes Pforte gegangen sind. Und denken Sie sich, wenn einmal dieser Gedanke der Zweiseitigkeit richtig erfaßt wird, wenn richtig diese Welt einmal angesehen wird im Sinne der Geisteswissenschaft, so wird nicht nur dasjenige, was Geisteswissenschaft zu sagen hat, ausgießen die Forderung von unbequemem Eindringen in die geistigen Welten, sondern es wird auszugießen haben diese Geisteswissenschaft über die Herzen der Menschen ungeheure Summen von Trostesempfindungen, ungeheure Summen von andern seelenbeglückenden Empfindungen, die dadurch die menschliche Seele ergreifen, daß diese menschliche Seele immer mehr und mehr fähig sein wird, nicht nur mit denen zu leben, die in der sinnenfälligen Welt sie umgeben, sondern mit all den Menschen zu leben, mit denen irgendein Lebensband eingegangen worden ist in dem physischen Leben, zu leben mit ihnen über des Todes Pforte hinaus. Können wir denn nur verlangen, wenn wir vernünftig sind, daß eine Wissenschaft, welche unsere Seelen erlebend hinausträgt über des Todes Pforte, eine bequeme Wissenschaft sein soll? Nein, das können wir, wenn wir verständig und vernünftig sind, ohnedies nicht verlangen. Durch die Unbequemlichkeit auch zu einer gewissen Weltbeglückung wird die Menschheit der Zukunft entgegengehen müssen. Dazu wird sie sich entschließen müssen, Wissenschaft zu suchen von geistigen Welten.