The Problem of Faust
GA 273 — 17 January 1919, Dornach
Die Samothrakischen Kabiren-Mysterien das Geheimnis der Menschwerdung
nach einer Darstellung der «Klassischen Walpurgisnacht»
Wer sich intimer auf Goethe und Goethes Weltanschauung einläßt, wird in der Szene, die wir jetzt hier zur Vorführung bringen, die den zweiten Akt des zweiten Teiles des «Faust» abschließt und den Übergang bildet zum Eintritte Fausts in das alte Griechenland, sehen, wie tief Goethe durch seine Weltanschauung eingedrungen ist in das Geistige des Weltenalls und in das Menschengeheimnis, insofern dieses Menschengeheimnis zusammenhängt mit dem Eindringen in das Geistige des Weltenalls. Zunächst darf betont werden, daß auf der einen Seite gerade den tiefsten, den bedeutsamsten Szenen des zweiten Teiles gegenüber gilt, was Goethe einmal dadurch aussprechen wollte, daß er sagte, er habe viel in den zweiten Teil des «Faust» hineingeheimnißt. Es ist viel Weisheit, allerdings von vollkommenem Künstlertum verarbeitete Weisheit, im zweiten Teil des «Faust». Aber auf der andern Seite ist alles so, daß es, auf der Bühne dargestellt, durch seine unmittelbar sinnliche, anschauliche Bildlichkeit anziehen kann.
Diese zwei Seiten in der Betrachtung namentlich des zweiten Teiles des Goetheschen «Faust» muß man sich, wenn man Verständnis dieser Dichtung sucht, immer vor Augen halten. Wer — so meint Goethe - mit naiven Sinnen diesen «Faust» ansehen will, soll Freude, soll ästhetische Lust haben an der Bilderfolge; der Eingeweihte soll aber tiefe Lebensgeheimnisse darinnen anschauen können. Nun ist, wenn man zunächst ausgeht von dem Bildhaften, diese Szene die Darstellung eines Meeresfestes, zu dem Homunkulus durch Thales geführt wird. Aber dieses Meeresfest enthält allerlei in dasselbe Hineingeheimnißtes. Dieses Meeresfest soll eigentlich darstellen die das Meer bewohnenden dämonischen, das heißt geistigen Gewalten. Warum greift Goethe in seinem «Faust» zu solchen dämonischen Gewalten, wie sie sich ihm darboten in der griechischen Welt, indem er seinen Faust durch die menschliche Entwickelung zu höchstem Ziel der Selbsterkenntnis und der Selbsterfassung hinaufführen will? Man kann sagen, daß Goethe sich vollkommen klar war darüber, daß der Mensch unmöglich zu der wirklichen Anschauung seines eigenen Wesens jemals dadurch kommen könne, daß er bloß die Erkenntnis seiner Sinne und des an diese Sinne gebundenen Verstandes sich erwirbt. Wirkliche Menschenerkenntnis kann nur vermittelt werden durch wirkliche Geistesanschauung, so daß alles dasjenige, was an Menschenerkenntnis und Menschenanschauung durch die bloße äußere physische Welt erstrebt wird, auf welche die Sinne und der sinnliche Verstand gerichtet sind, keine wirkliche Menschenerkenntnis ist. Das will Goethe dadurch andeuten, daß er in seine Dichtung den Homunkulus einführt.
Homunkulus entsteht durch dasjenige, was Wagner an Erkenntnis über den Menschen erreichen kann, erreichen kann mit ideal gedachten physischen Mitteln, so ideal gedachten physischen Mitteln, daß sie natürlich von der gewöhnlichen Naturerkenntnis höchstens als ein Ziel angesehen werden können, aber daß nicht daran gedacht werden kann, mit ihnen irgend etwas heute oder in der Erdenzukunft zu erreichen. Goethe setzt gewissermaßen als Hypothese, es sei möglich, einen Homunkulus in der Retorte zu erzeugen, das heißt, den Zusammenhang der Naturkräfte bis zu einer solchen Vollkommenheit erkannt zu haben, daß man aus den verschiedenen Ingredienzien den Menschen verstandesmäßig zusammensetzt. Aber es kommt eben kein Mensch dabei heraus, selbst nicht, wenn das, was der Mensch in der physischen Welt erreichen kann, im höchsten Maße der Vollkommenheit gedacht wird, es kommt kein Mensch, kein Homo heraus, sondern nur ein Homunkulus. Dieser Homunkulus ist also dramatisch gedacht im Grunde nichts anderes als das Bild, das der Mensch sich von sich selbst machen kann mit Hilfe seines physischen Verstandes, mit Hilfe seiner gewöhnlichen irdischen Erkenntnis. Dieses Bild, das sich der Mensch machen kann, das also ein Homunkulus ist, wie kann es dahin kommen, wirkliche Menschenanschauung zu vermitteln? Wie kann es dahin kommen, daß der Mensch in dieser Anschauung nicht beim bloßen Homunkulaus bleibt, sondern zum Homo vorrückt? Da ist sich Goethe klar, daß dieses nur erreicht werden kann durch jene Erkenntnisse, die im leibfreien Zustand von dem Geistig-Seelischen des Menschen erlangt werden können.
Nun versucht Goethe in der verschiedensten Weise nahezukommen jenem Reiche, in das der Mensch sich versetzen muß, wenn er völlige Menschenerkenntnis, das heißt, Erkenntnis im leibfreien Zustande sich erwerben will. Also Goethe will wirklich zeigen, daß es möglich ist, aus seinem Leib herauszugehen, Erkenntnisse zu gewinnen, die dann als Erkenntnisse etwas über das Wesen des Menschen ausmachen. Nun war Goethe keineswegs eine derjenigen Persönlichkeiten, welche leichtfertig in Erkenntnisfragen vorgegangen sind. Goethe strebte sein ganzes Leben hindurch, um die Seele immer mehr und mehr zu vertiefen. Denn er war sich klar darüber, daß man, wenn man alt wird, nicht umsonst lebt, sondern daß auch die Erkenntniskräfte immer zunehmen und zunehmen, und daß man im Alter mehr wissen kann als in der Jugend. Er war sich aber auch klar darüber, welch problematischer Art der Aufenthalt des Geistig-Seelischen außerhalb des Leibes ist. Daher versuchte er in der verschiedensten Weise, die bildhafte Erkenntnis, die wir die imaginative nennen, an den Menschen, an seinen Faust heranzubringen. So schon in der «Romantischen Walpurgisnacht» des ersten Teiles des «Faust», und so wieder in der «Klassischen Walpurgisnacht», wo er die Imaginationen vom alten Griechenland her nimmt, in das er den Faust versetzen will. Man könnte etwa so sagen: Goethe denkt sich, wenn man zur Verwandlung des Homunkulus in den Homo, in den Menschen, aus dem Leibe herausrückt, so bekommt man Imaginationen, die für den einen so, für den andern anders aussehen. — In der Anschauung der alten Griechen waren diese Imaginationen noch so, daß sie gewissermaßen an die geistige Wirklichkeit herankamen. Man kann, wenn man sich die Dämonenwelt der alten Griechen vor die Seele rückt, durch die Anschauung dieser überlieferten Mythenwelt sehen, wie in hochgebildetem, atavistischem Hellsehen der Mensch wirklich die Natur geschaut hat, deren Schoß er selber entquillt, wenn er geistig-seelisch außerhalb seines Leibes ist. Also ich möchte sagen: Goethe zieht, weil er nicht selber erfinden will eine imaginative Welt, die griechische Welt heran, um sagen zu können, was auch der Mensch ersinnen mag aus seiner gewöhnlichen Erkenntnis, es bleibt ein Homunkulus, mit dem muß man erst einrücken in die imaginative, inspirierte Welt und so weiter, wenn ein Mensch daraus werden soll. - Das ist die Anschauung eines Menschen natürlich zunächst.
Warum wählt Goethe gerade das Meeresfest, ich möchte sagen, den Traum vom Meeresfest? Man muß, um die Empfindungen, die da Goethe beseelten, zu verstehen, sich wirklich ein wenig zurück versetzen in die Anschauungsweise der alten Griechen, in die sich Goethe selber zurückversetzt hat, als er an die Darstellung dieses «heiteren Meeresfestes» ging. Man muß sich da nämlich klar sein darüber, daß bei den Griechen das noch etwas bedeutete, wenn der Mensch das Land verließ und in das freie, offene Meer hinausfuhr. Der Grieche lebte noch mit der äußeren Welt wie die alten Völker überhaupt. Wie für die alten Völker innerlich etwas vorging, wenn sie den flachen Erdboden, die Ebene verließen und hinaufstiegen auf den Berg, was der gegenwärtige Mensch in abstrakt prosaischer Weise erlebt, so ging auch in der menschlichen Seele Gewaltiges vor, wenn sie das Land verließ und hinausschiffte ins freie Meer. Diese Empfindung, daß das freie Meer besonders loslöst das Geistig-Seelische vom Leibe, diese Empfindung hatten alle Menschen der älteren Völker. Mit dieser Empfindung hängt mancherlei zusammen.
Erinnern Sie sich bitte, welche große Rolle in den verschiedenen Verbildlichungen des Erkenntnisweges die Säulen des Herkules in der alten Mythe spielten. Da wird immer gesagt: Wenn der Mensch verschiedene Erkenntnisstufen durchschritten hat, schifft er hinaus durch die Säulen des Herkules. - Man meinte, er schiff hinaus ins unbegrenzte, freie Meer, wo er sich nicht mehr in der Nähe von Küsten weiß. Heute bedeutet das für den Menschen kaum noch etwas. Für den Griechen bedeutete es, daß er eigentlich eine ganz andere Welt betrat, und er fühlte, wenn er über die Säulen des Herkules hinausschiffte, daß er dann frei wurde von alldem, was ihn mit der Erde zusammenhielt, vor allen Dingen mit den Kräften seines Leibes. Das Seefahren ins freie Meer hinaus wurde schon empfunden in diesen älteren Zeiten, wo man Alltägliches noch in einer geistig-seelischen Weise erfühlte, als eine Befreiung vom Körperlichen.
Goethe dichtete nicht wie andere Dichterlinge, sondern er dichtete aus Weltenempfinden heraus, und wenn er von etwas spricht, das er in die griechische Welt versetzt, dann versetzt er sich mit seiner ganzen Seele da hinein. Das ist dasjenige, was man immerzu den Menschen zurufen möchte, die Goethe auch so lesen wie irgendeinen andern beliebigen Dichter, die gar keine Empfindung dafür haben, daß, wenn sie Goethe lesen, sie dann wirklich in eine andere Welt eingeführt werden.
Nun sehen wir, indem die Szene beginnt, die lockenden Sirenen. Äußerlich bildlich stellt Goethe eine Szene dar, die auch eine alltägliche Szene sein könnte. Die lockenden Sirenen sammeln Strandgut, das sie den Nereiden und Tritonen verschaffen. Aber dabei sind zu gleicher Zeit, von der andern Seite gesehen, diese lockenden Sirenen jene Stimmen nicht nur des menschlichen Inneren, sondern auch des Äußeren, Stufen der Welt, weil auf diesen Stufen der Anschauung Inneres und Äußeres zusammenfließt, wie ich das öfters angeführt habe. Es sind die Sirenenklänge diejenigen, welche die Seele des Menschen herauslocken aus der Leiblichkeit und versetzen in die Weiten des geistig-seelischen Kosmos.
Und nun nehmen wir zusammen: erstens läßt Goethe ein Meeresfest sich abspielen, also Träume, die erweckt werden durch das Meeresfest. Zweitens spielt sich dieses Meeresfest unter dem Einfluß des Mondes in der Nacht ab. Alles wird veranstaltet von Goethe, um zu zeigen, es handelt sich darum, Anschauung zu gewinnen, die unabhängig vom Leibe gewonnen wird, Anschauung zu gewinnen, die der Mensch gewinnen würde, wenn er vom Einschlafen bis zum Aufwachen außerhalb des Leibes bewußt würde und die Bilder jenes Seins wahrnehmen würde, in das er dann versetzt ist außerhalb des Leibes. Und nun sehen wir gleich, während Goethe auf der einen Seite die Triviallinge befriedigen will - das ist jetzt gar nicht im absprechenden Sinne gesagt -, indem er die Sirenen die Sammler des Strandgutes für die nach solchem Strandgut begehrenden Nereiden und Tritonen sein läßt, wir sehen, wie diese Nereiden und Tritonen auf dem Wege sind nach Samothrake, um die Kabiren aufzusuchen, ja, zu holen zu diesem Meeresfeste. Indem Goethe die Götter des uralten samothrakischen Heiligtums hier in dieser Szene auftreten läßt, deutet er wirklich an, daß er an höchstes menschliches und Weltengeheimnis hier rühren will. Was muß denn eigentlich geschehen, wenn der Homunkulus Homo werden soll, die Anschauung vom Homunkulus die Anschauung des Homo werden soll? Was muß denn eigentlich geschehen?
Nun, die Idee des Homunkulus, die innerhalb der Sinneswelt gefaßt ist, muß aus der Sinneswelt herausgenommen und hineinversetzt werden in die geistig-seelische Welt, in welcher der Mensch vom Einschlafen bis zum Aufwachen ist. Da hinein muß der Homunkulus getragen werden, in die Bilderwelt, die dann der Mensch durchlebt, wenn er leibfrei zusammen ist mit jenem Dasein, das ein geistig-seelisches ist. In diese Bilderwelt hinein muß Homunkulus getragen werden.
Wenn der Mensch zuerst sich mit Hilfe seiner gewöhnlichen physischen Anschauung das Homukulusbild verschaftt, so muß er dann dieses Homunkulusbild in die andere Welt, in die imaginative, inspirierte Welt und so weiter hineintragen. Dadrinnen kann erst die abstrakte Homunkulusidee ergriffen werden von den realen Kräften des Daseins, von jenen Kräften, die nimmermehr an die menschliche Erkenntnis herantreten, wenn der Mensch beim bloßen Sinnesverstand bleibt. Da wird alles wirklich, wenn man mit der Homunkulusidee herauskommt aus dem Leibe und sie hineinträgt in die geistig-seelische Welt. Da wird es ernst mit der Wirklichkeit. Da muß man also herantreten an diejenigen Kräfte, welche dem Menschenentstehen, dem Menschenwerden gegenüber die wirklichen Kräfte sind.
Damit aber zeigt Goethe, daß er eine tiefe und bedeutungsvolle Auffassung von den Kabiren von Samothrake hatte, daß er eine Empfindung dafür hatte, daß diese Kabiren im uralten Altertum verehrt wurden als die Hüter jener Kräfte, die mit dem Menschenwerden, mit der Menschengenesis zusammenhängen. Also an Höchstes rührt Goethe, indem er aufruft aus der Zeit des atavistischen Hellsehens die Bilder jener Götterkräfte, die mit dem Menschenwerden zusammenhängen.
Die griechische Anschauung verwies selbst schon auf sehr Altes, wenn sie von den Mysterien von Samothrake sprach. Und man darf sagen: Gegenüber allem, was die Griechen an verschiedenen Göttervorstellungen und an Vorstellungen des Zusammenhanges des Menschen mit diesen Göttern hatten — die Vorstellungen über die Gottheiten von Samothrake, über die kabirischen Gottheiten durchzogen alles. Und der alte Grieche war davon überzeugt, daß er durch dasjenige, was als Vermächtnis der samothrakischen Mysterien in das griechische Bewußtsein hineingekommen war, eine Vorstellung, eine Idee bekommen hat von der menschlichen Unsterblichkeit. Der Grieche dachte sich, daß er verdankt die Idee der menschlichen Unsterblichkeit, das heißt, der Zugehörigkeit des Menschen zum geistig-seelischen Weltenall, dem Einfluß der samothrakischen Kabiren-Mysterien.
So will also Goethe zu gleicher Zeit sagen: Vielleicht kommt die abstrakte Menschenidee des Homunkulus mit den wirklichen Menschenwerdekräften zusammen, wenn im leibfreien Zustande erfaßt werden die Impulse, die sich der Grieche verbunden dachte mit seinen Kabiren von Samothrake. - Daß schließlich im griechischen Bewußtsein etwas war, was gewissermaßen in Goethe wieder so lebendig werden konnte gerade da, wo er an ein solches tiefstes Geheimnis rührte, das kann man etwa daraus sehen, auch aus vielem andern, aber auch daraus sehen, daß sich die Griechen sagten: Philipp von Macedonien fand Olympias beim Anblicke der samothrakischen Mysterien. —- Und es war im griechischen Bewußtsein, daß dazumal der große Alexander beschlossen hat, zu diesem Elternpaar hinunterzutauchen in die Erdenwelt, als sich vor den Kabirengöttern Seele an Seele Philipp von Macedonien und Olympias gefunden haben. Man muß an solche Vorstellungen rühren, um all den Schauer in die Seele hereinzubekommen, den der Grieche wirklich empfand und Goethe nachempfand, wenn es sich handelte um die Kabiren.
Äußerlich betrachtet sind sie wiederum einfache Meeresgötter. Samothrake - die Griechen wußten es — war in verhältnismäßig gar nicht alter Urzeit von den furchtbarsten, erdbebenartigen Stürmen umbrandet, zerklüftet, durcheinandergeworfen. Also die Naturdämonen hatten hier in ganz ungeheuerlicher Weise so gewaltet, daß das noch wie in einer historischen Erinnerung für die alten Griechen war. Und in den Wäldern, in den dichten, damals dichten Wäldern von Samothrake.war verborgen das Mysterium der Kabiren. Unter den mancherlei Namen, die die Kabiren tragen, sind auch die, wo der eine Kabir genannt wird Axieros, der zweite Axiokersos und der dritte Axiokersa, Kadmilos der vierte. Dann hatte man so ein unbestimmtes Gefühl, daß es noch einen fünften, sechsten und siebenten gab. Aber im wesentlichen war der Menschen geistiger Blick hingerichtet auf die drei ersten Kabiren. Es handelte sich bei den alten Vorstellungen von den Kabiren nun wirklich um das Menschenwerde-Geheimnis. Und eigentlich sollte derjenige, der in die heiligen Mysterien von Samothrake eingeweiht wurde, zu der Anschauung kommen: Was entspricht in der geistigen Welt, geistig angeschaut, demjenigen, was hier auf Erden geschieht, wenn für eine auf der Erde sich verkörpernde Seele der Mensch entsteht, der Mensch wird in der Generationsfolge? — Gewissermaßen das geistige Korrelat des menschlichen Geborenwerdens sollte geschaut werden in der geistigen Welt.
Durch diese Schauung glaubte Goethe den Homunkulus zu einem Homo in der Idee bekommen zu können. Aber in dieses Schauen sollte auch der Eingeweihte der samothrakischen Mysterien eingeführt werden. Nun kann man nicht den Menschen in seinem Wesen wirklich schauen, wenn man ihn eingeschlossen sich denkt in seine Haut, wenn man der Täuschung unterliegt, daß das nur mit dem Menschen etwas zu tun hat, was da in äußerer physischer Gestalt vor einem steht, wenn man einen Menschen mit Augen schaut. Wer einen Menschen wirklich kennenlernen will, der muß aus diesem herausgehen, was innerhalb der Haut eingeschlossen ist, und das menschliche Wesen als ausgebreitet im ganzen Weltenall ansehen. Er muß die geistige Fortsetzung außer der Haut wirklich ins Auge fassen.
Nun hingen mit diesem Impuls der Griechen, das Menschenwesen außerhalb der Haut zu schauen, mancherlei Göttervorstellungen zusammen. Aber von allen diesen Göttervorstellungen gab es gewissermaßen eine exoterische und eine esoterische Seite. Die exoterische Seite des Menschenwerdens, aber im Zusammenhange mit dem ganzen Naturwerden, also des Menschenwerde-Geheimnisses mit dem NaturwerdeGeheimnis, diese ganzen Vorstellungen wurden angeschlagen, wenn der Grieche sprach von Demeter, später, wenn gesprochen wurde von Ceres, Kersa. Die esoterische Seite der Ceres, der Demeter, der Werdewelt, waren gewissermaßen die Kabiren. Aber man muß den Menschen in der richtigen Weise anschauen, wenn man irgendwie hinter sein Geheimnis kommen will.
Den Menschen so anschauen, wie seine Gestalt hier in der physischen Welt ist, das hieße eigentlich, sich über den Menschen täuschen. Denn dieser Mensch ist zusammengeflossen zunächst aus einer Trinität. Und wie wenn drei Lichter ihren Schein nach einem Punkte, nach einem Kreise meinetwillen hinwerfen, und man den Zusammenfluß der drei Lichter sieht, und man nicht dazu übergehen will, zu sehen, wie das eine, meinetwillen ein gelbes, das andere ein blaues, das dritte ein rötliches Licht zusammenfließen in einem, wenn man nicht dieses Zusammenklingen sehen will, wie man da glauben kann, das, was da als Mischlicht entsteht, sei eine Einheit, so täuscht man sich, wenn man dieses Mischprodukt, das man vor sich hat in dem, was als Mensch innerhalb seiner Haut vor uns steht, für eine Einheit hält. Es ist keine Einheit. Und nie kann man hinter das Menschengeheimnis kommen, wenn man das für eine Einheit hält. Jetzt ist es den Menschen nicht bewußt, daß das keine Einheit ist. Aber als das atavistische Hellsehen die Menschenerkenntnis durchglühte, da waren die Menschen sich dessen bewußt. Und so setzten die samothrakischen Eingeweihten den Menschen zusammen gewissermaßen aus dem, was in der Mitte steht: Axieros, und aus dem, was Extreme sind: Axiokersos und Axiokersa, deren Kräfte sich mit der Kraft des Axieros verbanden. Man könnte sagen: Drei sind da — Axieros, Axiokersos, Axiokersa. Diese drei Kräfte fließen zusammen, bilden eine Einheit. Die höhere Wirklichkeit ist die Dreiheit. Aber die Einheit entsteht dadurch. Das tritt vor das Menschenauge.
Man könnte auch so sagen: Der samothrakische Eingeweihte lernte den Menschen kennen, wie er vor ihm stand im sinnlichen Anschauen, und ihm wurde gesagt: Du mußt von diesem Menschen zwei Extreme abziehen; Axiokersa, Axiokersos, die strahlen nur herein. Dann kannst du eventuell zurückbehalten Axieros. — So daß man auch die Sache so darstellen konnte, daß von den dreien Axieros gewissermaßen darstellt den menschlichen Mittelzustand, und die andern, die beiden Unsichtbaren, bestrahlen ihn nur.
Also als eine Trinität stellte man sich in den samothrakischen Mysterien den Menschen dar. Goethe fragte sich: Kann man vielleicht den abstrakten Homunkulus zu dem völligen Homo in der Idee umbilden, wenn man sich anlehnt an dasjenige, was in den samothrakischen Mysterien als ein Geheimnis des Menschen selbst, als die menschliche Trinität, angeschaut worden ist? Er sagte sich: Man kann zu dieser Trinität nur dadurch kommen, anschauungsgemäß, wenn man mit dem Geistig-Seelischen aus dem Leibe herausrückt. — So sagte er sich.
Aber man muß immer betonen, Goethe lebte mit Bezug auf die geistige Anschauung gewissermaßen in einem Anfangszustande. Das ist gerade das Wunderbare am Goetheanismus, daß er, wie ich neulich sagte, nur richtig vorgestellt wird, wenn man ihn so vorstellt, daß er fortgesetzt, ausgebildet, daß er entwickelt werden muß, daß er zu immer höheren und höheren Höhen hinanführt, daß man bei Goethe einfach die Metamorphosenlehre hat von Blatt zu Blatt, vom grünen Laubblatt zum farbigen Blumenblatt und so weiter, oder etwa vom Rückenwirbel zu den Kopfknochen, daß aber dieses Geheimnis von einer Inkarnation zur andern Inkarnation, von einem Erdenleben zum andern Erdenleben führt, wenn man das richtig versteht, wie ich Ihnen öfter ausgeführt habe. Daher kann man ganz innerhalb der Goetheschen Weltanschauung stehenbleibend sagen: Wie würde denn das samothrakische Mysterium sich heute verbildlichen lassen für die Gegenwart? — Das samothrakische Mysterium als solches, mit seinen Kabirenverbildlichungen des Menschengeheimnisses, ist ganz und gar entsprechend der alten atavistisch-hellseherischen Weltanschauung, aber dasjenige, was in irgendeiner Menschheitsperiode lebt an Erkenntnisinhalt, kann in rechtmäßiger Weise fortgesetzt, muß umgebildet werden. Es ist unberechtigt, zu den alten Anschauungen, die für ganz andere Menschheitsepochen da waren, einfach wieder zurückkehren zu wollen; sie müssen umgebildet werden. Das samothrakische Geheimnis hat natürlich nur einen historischen Wert. Heute würden wir sagen: Wir stellen dar, wie in der Mitte der Menschheitsrepräsentant steht, Axieros, wie der Menschheitsrepräsentant umkreist wird von Axiokersa, wie Axiokersos heute wiederum mit dem Irdischen in Zusammenhang gebracht werden muß, und wir haben den Menschheitsrepräsentanten, Luzifer, Ahriman. Wir haben darinnen die für das heutige und das kommende Zeitalter angemessene Umgestaltung des heiligen samothrakischen Mysteriums.
Man möchte sagen: Goethe, wenn er heute unter uns treten würde und mit dem, was die Menschheit sich mittlerweile hat erringen können, das sagen wollte, was seinen Homunkulus zum Homo umgestaltet, so würde er hinweisen auf den Menschheitsrepräsentanten, umkreist und im Kampfe mit Luzifer, Ahriman. Nur bitte ich Sie, diese Dinge nicht in abstrakter Weise zu nehmen, ja nicht die beliebte Methode von heute anzuwenden, diese Dinge als Symbol zu nehmen, diese Dinge mit ein paar abstrakten Begriffen abtun zu wollen. Je mehr Sie fühlen, daß auch bei der Darstellung des Menschheitsrepräsentanten im Zusammenhang mit jeder Linie des Luzifer und Ahriman eine ganze Welt verborgen liegt über das Menschheitsgeheimnis, je mehr Sie verleugnen den Hochmut, den unbegründeten, kindischen Hochmut des modernen Menschen auf seine abstrakten naturwissenschaftlichen Begriffe, und je mehr Sie erweitern die Seele zu einer Welt im Anblicke dieser Verbildlichung des Menschengeheimnisses, desto näher kommen Sie dadurch dem Menschengeheimnis.
Heute hat Geisteswissenschaft mannigfaltige Gegnerschaft. Aber einer ihrer stärksten Feinde ist die Sehnsucht des Menschen nach Abstraktion, die Sehnsucht der Menschen, alles mit ein paar Begriffen überkleistern zu wollen. Goetheanismus ist auch empfindungsgemäß das gerade Gegenteil dieses modernen Unfuges, alles mit ein paar Begriffen überkleistern zu wollen. Man macht in dieser Beziehung besondere Erfahrungen. Die Menschen kommen zunächst aus den verschiedensten Motiven in eine geisteswissenschaftliche Bewegung hinein. Viele gibt es, die fangen dann an, möglichst alles verabstrahieren zu wollen. Sieben Prinzipien hat der Mensch - ich habe es einmal erlebt, oh, schauderhaft, ganz schauderhaft, wie jemand den Hamlet dadurch erklärt hat, daß er das eine Prinzip zum Buddhi, das andere zum Manas und so weiter gemacht hat. Das ist etwas, was viel schlimmer ist als aller äußere Materialismus. Diese ganzen abstrakten Erklärungen, diese ganze Symbolisierung abstrakter Natur ist viel schlimmer, innerlich angeschaut, als aller äußere Materialismus. Jedenfalls aber sehen wir, daß Goethe zunächst wirklich an ein höchstes Menschliches heranführen will die Idee des Homunkulus, indem er seine Nereiden und Tritonen auf dem Wege zeigt nach Samothrake, um die heiligen Kabiren zu bringen.
Und so werden wir denn bei den Kabiren empfinden müssen, was gerade Urvölker bei ihren Göttergestalten empfunden haben. Diese Göttergestalten der Urvölker kommen den heutigen Menschen primitiv vor: Götzen. Als Götzen erscheinen dem heutigen Menschen diese Götterbilder der Urvölker, weil der heutige Mensch kein Verständnis hat für dasjenige, was aus den Elementarkräften hervorquillt. Der heutige Mensch erhebt sich nicht einmal in der Kunst zu einem wirklich Schöpferischen. Er hält sich ans Modell, oder beurteilt irgend etwas, was ihm in der Kunst dargestellt wird, so, daß er sagt: Ist das ähnlich? Ja, man hört oftmals sogar den Einwand gegen irgendeine Darstellung: Das ist nicht natürlich —, weil heute wirklich wenig künstlerische Empfindung unter den Menschen ist. Wer allerdings zum Verständnisse vorrücken will der vielleicht grotesk ausschauenden alten Götterbilder, muß versuchen, sich von jenen Wesenheiten eine Vorstellung zu machen, die der dritten elementarischen Welt angehören, aus der erst unsere Welt hervorquillt in ihren mineralischen Produkten auf der einen Seite, und auf der andern Seite in ihren organischen Produkten.
Sie wissen, wie die Szene damit beginnt, daß die Nereiden und Tritonen auf dem Wege nach Samothrake sind, um die Kabiren heranzubringen, unter die Homunkulus zum Homo-Werden versetzt werden soll. In der Zwischenzeit, während die Nereiden und Tritonen auf der Reise nach Samothrake sind, begibt sich Thales, der den Homunkulus zum . Menschwerden führen soll, zum alten Meergreis Nereus. 'Thales, der alte Naturphilosoph, ist es, den der Homunkulus zunächst aufgesucht hat. Nun, Goethe ist weder Mystiker im schlechten Sinne des Wortes noch bloßer Naturphilosoph, wenn es ihm darauf ankommt, die Wirklichkeit zu finden. Daher kann der Thales selber dem Homunkulus nicht zum Homowerden verhelfen. Gerade .die Weltanschauung des Thales verehrte Goethe sehr, aber er schreibt dem Thales nicht das Vermögen, die Kraft zu, dem Homunkulus den Rat zu geben, wie man es zum Menschen, zum wirklichen Menschen bringen kann. Da sol! man sich also schon zu einer dämonischen Macht begeben — außerhalb des Leibes -, zum alten Nereus. Goethe bringt die verschiedensten Dämonengewalten an den Homunkulus heran. Was ist denn der Nereus eigentlich für eine Gewalt? Nun, das sieht man aus der Art und Weise, wie dieser Meergreis spricht in der Goetheschen Dichtung. Man möchte sagen: Dieser Nereus ist im gewissen Sinne doch der allerdings weise, prophetische, aber etwas philiströse Bewohner der dem Menschen nächsten geistigen Welt, in die der Mensch eintritt, wenn er aus seinem Leibe herauskommt. — Ob der nun etwas weiß, wie der Homunkulus Homo werden kann? Ja, sehen Sie, Verstand, sogar bis zur prophetischen Hellsehergabe, hat der Nereus schon; er handhabt zwar diesen Verstand großartig, aber so, wie er ihn handhabt, gelangt er wirklich nicht an das Innere des Menschen damit heran. Daher empfindet er, wie die Menschen ihn nicht hören, auf seinen Rat nicht hören. Er hat gewissermaßen keinen Zugang zu der Seele des Menschen. Er hat den Menschen geraten, von Verschiedenem abgeraten, hat einstmals Paris abgeraten, die ganze Misere über Ilion zu bringen. Nichts hat es gefruchtet. Es hat also einfach dieser Nereus den menschlichen Verstand, den die Menschen in einem sehr minderen, ich will sagen, in einem sehr hohen Grade schon auf dem physischen Plane ausgebildet haben, aufs Höchste ausgebildet, weil er gar nicht beschränkt ist auf einen physischen Leib. Aber es hilft doch mit diesem Verstande nicht recht weiter vom Homunkulus zum Homo. Es langt nicht dazu, was der Nereus zu sagen hat, es wird dadurch für die Aufgabe des Homunkulus nichts eigentlich gewonnen.
Aber es sagt der Nereus, daß er, während er sich nicht beschäftigen will mit dem Ratgeben zum Menschwerden des Homunkulus, seine Töchter erwartet, die Doriden, und namentlich die auserlesenste von ihnen, Galatee, die zu diesem Meeresfeste heute kommen soll, die der Vater erwartet. Galatee: eine Imagination gewaltigster Art.
Zusammenhänge zu sehen in der Welt, das ist dasjenige, auf was es ankommt. Es ist sogar gar nicht leicht, über diesen Punkt zu sprechen, weil die heutige Seele die Sehnsucht hat, alles zu verabstrahieren. Wer sich in diesen Dingen umschaut, erfährt gar manches. Gewiß, es gibt gutwillige Leute, die sprechen davon, daß sie an den Geist glauben. Es ist nicht übel, wenn die Menschen wenigstens an den Geist glauben. Aber wie ist es, wenn man nachgeht und so recht aufs Herz hin die Menschen frägt: Was stellt ihr eigentlich euch unter dem Geist vor, an den ihr glaubt? Was ist das, der Geist? — Nicht wahr, die Spiritisten verzichten überhaupt darauf, vom Geist etwas zu erfahren, indem sie sich allerlei Ungeistiges vormachen. Es ist die materialistischste Lehre, die überhaupt existieren kann, der Spiritismus. Gewisse feiner gestimmte Seelen sprechen wohl vom Geist, aber was ist denn eigentlich das, was sie im Kopfe haben, wenn sie vom Geist sprechen? Das ist es ja, warum skeptische, so recht moderne Gemüter den Geist am liebsten aufgeben - nein, ich meine natürlich nur in Gedanken -, den Geist am liebsten aufgeben gegenüber dem, was man im modernen Sinne wissen kann. Lesen Sie den Artikel «Geist» im philosophischen Wörterbuch von Fritz Mauthner, dann werden Sie wahrscheinlich Zustände Ihres Leibes erhalten können, die nicht Zustände des Kopfes sind.
Alles dieses abstrakte Gerede, selbst wenn es das Gerede vom Geist ist, sollte überwunden werden gerade in wahrer Geisteswissenschaft. Verfolgen Sie, wie aufsteigend im Fortgange unserer geisteswissenschaftlichen Arbeiten eigentlich gesprochen wird. Es wird alles herangezogen, was nach und nach wirklich in die geistige Welt hineinführen kann. Es wird nicht bloß mit Worten gesprochen, sondern es wird gewissermaßen eine vergleichsweise Methode herangezogen. Denken Sie doch, daß wirklich begreiflich wird durch die Art, wie Geisteswissenschaft hier vertreten wird, daß der Mensch einen Lebensweg durchmacht hier im physischen Leibe. Lesen Sie zum Beispiel die zusammenfassenden Darstellungen im letzten Hefte «Das Reich». Es wird da angedeutet, wie und durch welche Kräfte der Mensch, wenn er ein ganz kleines Kind ist, am meisten der materiellen Welt ähnlich ist, wie er dann mehr seelisch wird in der Mitte seines Lebens, wie er aber geistig wird — nur daß er diesen Geist oftmals nicht erfaßt, weil er sich nicht vorbereitet dazu -, wie er geistig wird dann, wenn der Leib verfällt, wenn der Leib trocken und sklerotisch wird, wie da der Geist sich dann befreit, auch im wachen Zustande. Nur wird der Mensch sehr selten sich bewußt dessen, was er da erleben kann, wenn er mit einiger Begabung alt wird, ich meine jetzt mit spiritueller Begabung alt wird, wenn er nicht einfach hinfällig wird im Leibe, sondern wenn er dann die sich verjüngende, zum Geist verjüngende Seele erlebt.
Dies zeigt, daß man aufmerksam wird darauf, daß man natürlich den Geist nicht anschauen kann im Greis oder in der Greisin, daß er unsichtbar ist. Man sieht den verfallenden Leib, sieht nicht den Geist, der jung und frisch wird; man sieht die Runzeln auf den fleischlichen Wangen und sieht nicht die Pausbacken des Geistes, die dann entstehen; die sind übersinnlich. Aber man weist wenigstens darauf hin, wo man finden kann hier in der Welt, in der wir unseren gewöhnlichen Umgang haben, das Geistige. Und wenn man dann sagt, die ganze Natur ist durchdrungen vom Geiste, dann verlangt man eigentlich, daß man sich vorstellt, da draußen in der Natur, wo die Mineralien, wo die Pflanzen die äußere Welt offenbaren, lebt etwas von derselben Kraft, in die man hineinwächst, wenn man ein alter Mann oder eine alte Frau wird. Sehen Sie, da ist anschaulich ausgedrückt die Sache. In pantheistischer Weise zu reden: D& draußen ist Geist — das ist gar nichts, weil da Geist ein bloßes Wort bleibt. Wenn man aber nicht in direkt abstrakter Weise, sondern in den verschiedensten Umschreibungen, die dazu notwendig sind, darauf aufmerksam macht, die Kraft, die in dir immer größer wird, wenn du alt wirst, suche als die innigste, schärfste Naturkraft auf, dann sagt man etwas. So eine Kraft neben die andere stellen und aufmerksam machen, wo die eine und die andere Kraft ist, das ist das Wesentliche. Und so kann man, wenn man den Blick hinwendet auf diejenigen Kraftimpulse, die da leben im ganzen Zusammenhange von der Empfängnis durch das Embryonalleben bis zu der Geburt, wenn ein physischer Mensch hier auf der Erde entsteht, sich diese Dinge vergegenwärtigen. Der trockene Naturforscher, der besser ein Naturschleicher genannt werden könnte, bleibt stehen bei dieser Kraft, die er auf alle mögliche Weise untersucht, aber er untersucht sie auf seine Art; er bleibt stehen dabei. Derjenige aber, der sich einen geisteswissenschaftlichen Überblick über die Welt zu verschaffen vermag, weiß, daß diese Kraft auch an andern Orten vorhanden ist. Ganz dieselbe Kraft, nur rascher wirksam, macht sich geltend, wenn Sie des Morgens aufwachen, genau dieselbe Kraft, die von der Empfängnis durch das Embryonalleben bis zu der Geburt führt, gewissermaßen verdünnt, macht sich geltend, wenn Sie vom Schlafen ins Aufwachen übergehen. Es ist genau dieselbe Kraft. Aber diese Kraft ist nicht nur in Ihnen, im Inneren in Ihnen, sondern diese Kraft ist durch das ganze äußere Kosmische ausgedehnt, lebt überall in den Dingen und Vorgängen.
Diese Kraft ist die Tochter des kosmischen Verstandes. Man muß an mancherlei heute recht Ungewohntes rühren, wenn man diese Dinge charakterisieren will. Was tut denn eigentlich der heutige Naturforscher, wenn er dem physischen Geheimnis des Keimens nahekommen will? Er mikroskopiert, er untersucht im Mikroskop, wie der Keim ist, wenn er unbefruchtet ist, wenn er befruchtet ist und so weiter. Er hat keine Ahnung davon, daß er, was er da im Kleinsten darinnen in dem Mikroskop untersucht, im Makrokosmischen fortwährend vor sich sieht. Genau derselbe Vorgang, der sich zum Beispiel im Leibe der Mutter abspielt vor der Empfängnis, während der Konzeption, nach der Konzeption, dann im Embryonalleben, genau derselbe Prozeß spielt sich makrokosmisch ab, indem die Pflanze dem Samen nach in die Erde gesenkt wird, die Erde den Pflanzenkeim herausschickt. Die Uteruswärme, die Gebärmutterwärme ist genau dasselbe, was die Sonne draußen ist für die gesamte Weltvegetation. Es ist schon sehr bedeutsam, anerkennen zu können, daß dasjenige, was der Mikroskopiker im Kleinsten sieht, fortwährend makrokosmisch überschaut werden kann draußen in der Welt. Wir gehen gewissermaßen, indem wir unter der werdenden Pflanzenwelt herumgehen, eigentlich in dem Weltenuterus herum in Wahrheit. Kurz, die Kraft, die dem Menschenwerden zugrunde liegt, ist draußen in der makrokosmischen Welt, durchwallt und durchwebt die ganze makrokosmische Welt. Denken Sie sich diese Kraft personifiziert, diese heilige Kraft des Menschenwerdens in ihrem geistigen Korrelat draußen erfaßt außerhalb des menschlichen Leibes, geistig-seelisch, und Sie haben Galatee, verwandt mit alledem, was zu ihr gehört, ihren Schwestern, den Doriden. In diesen Imaginationen werden wir schon hineingeführt in eine geheimnisvolle, aber durch und durch wirkliche Welt. Es ist eine der tiefsten Szenen, die Goethe geschrieben hat. Und er war sich dessen bewußt, daß man im höchsten Alter eine Ahnung haben kann von diesen tiefsten Naturgeheimnissen.
Es hat etwas ungeheuer Bedeutungsvolles, wenn man sich vergegenwärtigt: Goethe hat als Jüngling seinen «Faust» begonnen, und kurz vor seinem Lebensende sind solche Szenen geschrieben wie diejenigen, die wir jetzt vorführen. Gestrebt hat er durch sechzig Jahre hindurch, den Weg zu finden, um das auszugestalten, was er in frühester Jugend konzipiert hat. Alles zieht er heran, da es sich ihm darum handelt, die Homunkulus-Idee zur Homo-Idee zu erheben, alles zieht er heran, da es sich ihm darum handelt, das Geheimnis der Menschwerdung außerhalb des Leibes darzustellen. Er zieht heran das Kabiren-Geheimnis, er zieht heran das Geheimnis vom Menschwerden, wie es sich im Bilde der Galatee abspiegelt. Und er weiß, daß dasjenige, was die Wirklichkeit ist, so umfassend und so tief ist, daß ihm gegenüber die Imaginationen, zu denen man kommen kann, die erweckt werden durch die KabirenImpulse, durch den Galatea-Impuls, doch vorüberhuschen,.daß das Geheimnis noch größer ist als dasjenige, das so festgehalten werden kann.
Goethe hat selbst wirklich alles versucht, um in lebendiger Art dem Geheimnis des Lebens nahzukommen. So hat er seine Metamorphosenlehre ausgebildet, wo er die verschiedenen Formen in der Natur verfolgt, wie eine Form aus der andern wird. Diese Metamorphosenlehre Goethes darf auch nicht abstrakt vorgestellt werden. Daß sie das nicht darf, zeigt uns Goethe, der mit dieser Metamorphosenlehre, die doch nur konzipiert werden kann in leibfreier Weltanschauung, an dasjenige herantritt, was atavistisch empfunden wurde in der alten ProteusMythe. Vielleicht kann Proteus, der in seinem eigenen Werden verschiedene Gestalten annimmt — Sie wissen, er führt ihn vor, oder wir stellen ihn dar in der Szene als Schildkröte, als Mensch, als Delphin: diese Gestalten stehen nebeneinander, treten nacheinander auf -, vielleicht kann man durch dasjenige, was Proteus erlebt, von ihm erfahren, wie Homunkulus zum Homo werden kann.
Aber Goethe empfand das doch noch Eingeschränkte seiner Metamorphosenlehre. Ja, meinen Sie, ein so gründlicher, ein so tiefer Erkenntnismensch, wie Goethe war, hat das nicht empfunden, was ihm da folgte aus der Tatsache: Du kannst, wenn du die Metamorphosenlehre hast, Pflanzenblatt nach Pflanzenblatt bis zum Blütenblatt verfolgen, wie sie sich verwandeln, du kannst auch den Rückenwirbelknochen verfolgen, wie er sich verwandelt in den Kopfknochen, Schädelknochen. — Aber Goethe — das weiß der, der Goethes eigene Anschauung durchgearbeitet hat, wie Goethe ringt auf diesem Gebiete — wußte: Da kann ich nicht weiter. Er empfand: Da gibt es etwas darüber hinaus. — Wir wissen, was es gibt! Der Kopf des gegenwärtigen Menschen ist die Metamorphose des Leibes des früheren Menschen, des Menschen im früheren Erdenleben. Der übrige Leib des Menschen in diesem Erdenleben wird zum Kopf im nächsten Erdenleben. Da haben wir die Metamorphose, die Krönung der Metamorphose für das Menschenleben. Das empfand Goethe, daß er einen großen Anfang gemacht hat mit der proteischen Metamorphosen-Idee, daß sie aber ausgebildet werden muß, wenn man von Homunkulus zum Homo kommen will. Er zieht heran, was er empfindet beim Proteus. Aber das kann nicht dazu führen, die Idee des Homunkulus zu der Idee des Homo zu bringen. Goethe stellt in ehrlicher Weise dichterisch dar, was er kann und was er nicht kann. Man sieht schon tief in die Seele Goethes hinein. Bequemer ist es freilich, sich einen abstrakten, vollkommenen Goethe vorzustellen, um sich dann zu sagen: Der hat alles gewußt. — Nein, Goethe wird gerade dadurch groß, daß man auch seine Grenzen kennenlernt, sintemalen er diese Grenzen so ehrlich selbst gestanden hat, wie das geschehen ist, indem er auch den Proteus, wie er ihn fassen konnte, das heißt die Metamorphosenlehre, wie er sie fassen konnte, nicht ratgeben läßt über das Werden des Homunkulus zum Homo.
Goethe hat allerdings in der verschiedensten Richtung gestrebt, diesem Werden, welches das Menschenwerden ist, näherzukommen. Für ihn war auch die Kunstanschauung nicht das, was sie so vielen ist, im Grunde auch etwas Abstraktes. Für Goethe ging dasjenige, was im Kunstwerke sich ausdrückte, zusammen mit alldem, was schöpferisch in der Welt lebte. All das, was ihn hat führen sollen nach seinen Sehnsuchten, das Geheimnis des Menschenwerdens zu ergründen, führt Goethe in dieser Szene vor. Wie er vor den griechischen Kunstwerken, vor den ihm die griechische Kunst vergegenwärtigenden italienischen Kunstwerken stand und sich sagte: Ich bin auf der Spur, wie die Griechen verfahren sind, indem sie ihre Kunstwerke geschaffen haben; sie verfuhren nach denselben Kräften, nach denen die Natur schafft -, da hat Goethe empfunden: Ja, wenn der Künstler ein wirklicher Künstler ist, dann vermählt er sich mit denselben Kräften, die in der Natur schaffen, schafft seine Formen, schafft alles dasjenige, was künstlerisch zu schaffen ist, aus demselben heraus, was da wirkt im Pflanzen-, im Tier-, im Menschenwerden. — Aber es bleibt doch ohne das innere Wissen. Das ist dann dasjenige, was Goethe sich auch gestehen mochte: Die schöpferischen Kräfte, sie lassen sich anschauen, sie lassen sich fühlen, aber man steht nicht darinnen in der Metamorphose. — Die Telchinen von Rhodus treten auf; sie sind so große Künstler, daß natürlich jede äußere Menschenkunst klein dagegen erscheint. Sie haben Neptunen den Dreizack geschmiedet, sie haben es zuerst versucht, Götter in Menschengestalt darzustellen, also den Menschen wirklich aus den kosmischen Kräften heraus nachzuschaffen. Man ist auf dem Wege damit, wenn man diese Telchinenkunst ausführt, das Menschenwerden nachzubilden, aber man kommt doch nicht an es heran. Das will Goethe sagen. Er spricht es aus durch den Proteus, der zuletzt sagt: Auch das führt nicht zum wirklichen Menschengeheimnis heran.
So recht will Goethe die Empfindung hervorrufen, wie das doch zwei Welten sind: die wache Tageswelt und die, in welche man eintritt, wenn man leibfrei wird, und die man schauen würde, wenn man aus dem Leibe aufwachte im leibfreien Zustande im Schlafe, die Welt, die man schaut, wenn man nicht im Leibe herinnen ist. All das, was er da sagen will, deutet Goethe in dieser Szene so fein, so großartig an. Bitte, nehmen Sie nur den Teil der Szene, wo die Doriden herbeiführen die Schifferknaben, und lesen Sie diese Worte. Lesen Sie die Worte, wie da die Welt charakterisiert ist, wie zusammenkommt die physische Welt mit der geistigen, in die man eintritt, wenn man leibfrei ist: die Doriden mit dem Physischen, mit den hier in der Welt herinnen stehenden Schifferknaben. Sie haben sich gefunden und doch nicht gefunden; Menschen und Geister finden sich und finden sich doch nicht, nähern sich und bleiben sich fremd. Dieses Verhältnis der physischen Welt zur geistigen Welt ist in diesem Teil der Szene wunderbar angedeutet. Überall das Bestreben bei Goethe, zu zeigen, wie notwendig es ist, in die geistige Welt sich zu versetzen, wenn das erreicht werden soll, was aus dem Homunkulus einen Homo macht, und zugleich die Andeutung, die feine, intime Andeutung des Zusammen- und Getrenntseins der physischen Welt und der geistigen Welt.
Man möchte sagen: Goethe sieht oder läßt in seiner künstlerischen Darstellung sehen, wie der Homunkulus zum Menschen werden könnte für die Seele, wenn sie sich nähert dem intimen Mysterium der Kabiren, demjenigen, was Nereus heraufruft in seiner Tochter Galatee, demjenigen, was in der wahren, aus dem Kosmos heraus wirkenden Kunst wirkt. Aber ach, es ist, wie wenn man im Traume eine Wirklichkeit ergreift, und der Traum gleich wieder vorbeihuscht, es ist, wie wenn man halten möchte dasjenige, was zusammenschmiedet die geistige Welt und die physische Welt. Aber: «Die Götter wollen’s nicht leiden.» Es geht wieder auseinander.
Diese Schwierigkeit des Geist-Erkennens steht als die Grundempfindung, als der Grundimpuls vor der Seele dessen, der diese Szene mit wirklichem Verständnisse schaut. Das ist es, was dann Goethe dazu führt, den gewaltigen Abschluß dieser Szene herbeizuführen: das Zerschellen des Homunkulus am Muschelwagen der Galatee, jenes Zerschellen, das zugleich ein Entstehen ist, jenes Entwerden, das zu gleicher Zeit ein Werden, jenes Aufgehen in den Elementen, das zu gleicher Zeit ein Sich-Finden in der Wirklichkeit ist. Davon wollen wir dann morgen sprechen, von diesem Schluß der Szene im Anschlusse an die Vorstellung.