The Problem of Faust

GA 273 — 18 January 1919, Dornach

Das Wirklichkeitsschauen in den Griechischen Mythen

nach einer Darstellung der «Klassischen Walpurgisnacht»

Gestern habe ich versucht, über die eben zur Aufführung gekommene Szene aus dem zweiten Teil des «Faust» zu Ihnen zu sprechen. Ich möchte die Hauptgedanken kurz wiederholen, die gestern hier zur Geltung gebracht worden sind, denn wir haben es mit dieser Szene in der Tat als mit einer der bedeutsamsten Schöpfungen Goethes zu tun, mit einer Szene, die Goethe seinem «Faust» eingefügt hat, nachdem er etwa sechzig Jahre mit dem Faust-Problem gerungen hatte. Wir haben es außerdem zu tun mit einer Szene, durch die man wirklich in intensivster Weise hineinschauen kann in Goethes Seele, insofern in dieser Seele waltet Erkenntnisdrang und vor allen Dingen Ernst des Erkenntnisdranges, Größe des Erkenntnisdranges. Nur muß man niemals, wenn man «Faust» gewissermaßen als Erkenntnisdichtung auffaßt, aus dem Auge verlieren, daß alles, was in höchster Weisheit sich durch den «Faust» offenbart, nirgends, wie das bei geringeren Dichtern, die derlei versuchen, so häufig der Fall ist, die künstlerische Gestaltungskraft, das rein Künstlerische, beeinträchtigt. Ich habe darauf aufmerksam gemacht, daß Goethe selbst zu Eckermann betont hat, daß er in seinen «Faust» vieles hineingeheimnißt hat, und daß der Eingeweihte viele Menschenrätsel darinnen finden werde, daß er aber sich bemüht hat, dabei alles so zu gestalten, daß rein von der Bühne aus das Bildmäßige angeschaut, auch dem naiven Gemüte ein Eindruck werden kann.

Nun wollen wir die Hauptgedanken des gestern Mitgeteilten über das Hineingeheimnißte noch einmal vor unsere Seele führen, um dann übergehen zu können zu dem, was gestern noch nicht berührt werden konnte, zu dem Schlusse dieser Szene. Ich sagte gestern, daß diese Szene so recht beweist, wie Goethe nachging dem Problem der menschlichen Selbsterkenntnis und der menschlichen Selbsterfassung. Denn niemals war für Goethe das Erkennen — das Ergreifen der Wahrheit war für Goethe wissenschaftlicher Drang - etwa nur etwas Abgezogenes, Theoretisches, sondern stets war, wie es beim Vollmenschen immer mehr und mehr werden muß in der zukünftigen Menschheitsentwickelung, für Goethe dasjenige, was er als Erkenntnis in seiner Seele suchte, etwas, was Impuls werden mußte zum vollen Sich-Hineinstellen in das Leben, zum Erfühlen alles desjenigen, was das Leben an Glück und Unglück, an Freuden und Schmerzen, an Schicksalsschlägen und Entwickelungsmöglichkeiten den Menschen bringen kann. Aber auch zu alledem soll der Erkenntnisdrang Bezug haben, was sich als Forderungen stellt durch das Leben an den Menschen mit Bezug auf sein Verhalten zum sozialen Ganzen, mit Bezug auf sein Tun und Schaffen. Faust soll nicht bloß als ein nach höchster Erkenntnis Strebender dargestellt werden, sondern als ein Mensch, der mit allem, was das Leben vom Menschen fordert und dem Menschen bringt, in innigster Weise verbunden ist. Dazu sucht Goethe für seinen Faust Selbsterkenntnis, also Menschheitserkenntnis und Selbsterfassung, Erfassung der Kräfte, die im Menschen zur Tat schlummern. Aber ebenso klar ist sich Goethe, daß das gewöhnliche, an die Sinne gebundene, vom Verstand bedingte Erkennen zu solcher Selbsterkenntnis nicht führen kann. Deshalb läßt Goethe auftreten in der «Klassischen Walpurgisnacht» den Homunkulus, jenes Produkt, welches dem mittelalterlichen Forscher eine Nachbildung des Menschen sein sollte aus den Naturkräften und den Naturgesetzen heraus, welche der physische Verstand innerhalb der äußeren Natur fassen kann. Fassen wir jetzt alles das in der Homunkulus-Idee — ich habe gestern genauer darüber gesprochen, was Goethe mit seinem Homunkulus gemeint hat, abgesehen von allem Aberglauben, der mit dem Homunkulus verbunden war -, fassen wir ins Auge, was Goethe damit meint. Goethe wollte in seiner Homunkulus-Idee dasjenige vom Menschen darstellen, was der Mensch hier in der physischen Welt von sich selbst durchschauen kann. Derjenige, der sich nur jener Erkenntnisse bedient, die physische Naturwissenschaft oder physische Lebenserkenntnis liefern können, gelangt niemals nach Goethes Anschauung zur Menschheitserkenntnis und zur Menschheitserfassung. Er wird niemals den Homo, den Menschen erkennen, er wird nur einen Homunkulus, einen auf dem Wege zur Menschwerdung stehengebliebenen, elementaren Geist sich vor die Seele stellen können.

Damit rang nun Goethe als mit einem Erkenntnisproblem. Wie kann aus diesem Gedanken des Homunkulus der Gedanke des Homo werden? Da war sich Goethe klar, das zeigt die ganze Haltung, die ganze Stimmung, die künstlerische Gestaltung der «Klassischen Walpurgisnacht», daß nur in einer solchen Erkenntnis die Frage nach dem Menschen wesen beantwortet werden kann, die hergenommen ist aus der Forschung, die das Geistig-Seelische des Menschen vollführt außerhalb des physischen Menschenleibes. Das wollte Goethe durchaus als sein Bekenntnis aus dem «Faust» herausleuchten lassen, daß über den Menschen jemand nur Auskunft geben kann, der Erkenntnisse gelten läßt, die außerhalb der physischen Leibeswerkzeuge gewonnen werden. Also nur wirkliche Geisteswissenschaft oder, wie wir es auffassen, Anthroposophie kann zur Erkenntnis des Menschen, des Homo führen, während alle übrige in der physischen Welt sich betätigende Erkenntnis bloß zum Gedanken des Homunkulus führen kann. Goethe war auch sein ganzes Leben hindurch unablässig bemüht, soweit es ihm möglich war, aufzusteigen zu solch übersinnlicher Erkenntnis. Er suchte sie auf verschiedenen Wegen. Die Wege, die sich ihm dargeboten haben, versuchte er künstlerisch auszugestalten in seinem «Faust». Faust sollte ihm sein der Repräsentant eines Menschen, der nun zu wirklicher Menschenerkenntnis und Menschenerfassung kommt.

Nun war zu Goethes Zeiten anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft noch nicht vorhanden, konnte nicht vorhanden sein. Goethe versuchte deshalb anzuknüpfen an jene Zeitkulturen, in denen noch die Nachklänge atavistischer Geistanschauung vorhanden waren. Und ihm lag es nahe, nachdem er gezeigt hat alles Ungenügende für die Menschenerkenntnis in der «Romantischen Walpurgisnacht» des ersten Teiles des «Faust» — wir haben öfter über Goethe gesprochen und können deshalb ermessen, von welchen Untergründen aus ihm das nahelag -, zu den Imaginationen der griechischen Mythe seine Zuflucht zu nehmen. Das fühlte, das empfand Goethe, mit den Begriffen des physischen Verstandes ist Menschheitserfassung nicht zu gewinnen. Zu eigenen Imaginationen wollte er noch nicht übergehen. Er versuchte daher wieder zu gestalten griechische Imaginationen. So.daß, wenn wir genauer sprechen, wir gerade die Szene, die sich vor unseren Augen eben abgespielt hat, so ansprechen können: Goethe wollte darstellen, wie ein Mensch, Faust, dem nahegetreten ist — es ist ihm von außen nahegetreten, das tut aber nichts -— die Idee des Homunkulus, die einzig und allein in der physischen Welt zu gewinnen ist, wie ein solcher Mensch dadurch, daß sein Bewußtseinszustand sich umändert, daß er aus seinem Leibe herausgeht, sich anders nun verhält, daß der Mensch sich so verhält, wie wenn er des Nachts, wenn er schläft, außerhalb des Leibes in die Möglichkeit versetzt würde, wahrzunehmen, was dann geistig-seelisch um ihn herum ist. Und dann, wenn er gewissermaßen bewußt einschläft und bewußt weiter sich verhält im Schlafe, wie ein solcher Mensch, wenn er mitnimmt in den Erkenntnisschlaf hinein die im physischen Leben gewonnene Homunkulus-Idee, sie so umgestalten kann, daß sie menschliche Wirklichkeit ergreift. Das wollte Goethe darstellen, und dazu nahm er zu Hilfe die Bilder der griechischen Mythe. Er war in seiner Empfindung wenigstens weit hinaus über jenen Gelehrtenaberglauben - er hat es gerade in dieser Szene mehrfach angedeutet -, daß in solchen Mythen wie der griechischen Mythe nur vorhanden seien Dichtungen, Phantasiegeschöpfe. Sie wissen, ich habe es oftmals besprochen, daß Gelehrtenaberglaube sogar zustande gebracht hat, zu sagen, daß die Legenden, die Sagen, die Mythen, die im einfachen Volke leben, durch die Phantasie umgewandelte Naturanschauungen seien. Solcher Gelehrtenaberglaube hat nämlich keine Ahnung, wie wenig die Phantasie im naiven Gemüte Anteil hat an dem, was geschaffen wird, wie aber Anteil hat ein gewisses atavistisches Wirklichkeitssehen, das im Traume stattfindet. Nun, in den Mythen, die der griechische Geist ausgebildet hat, ist nicht bloß Dichtung, ist Wirklichkeitsanschauen.

Goethe führte erstens dasjenige Element vor, in dem alle alten Völker gesehen haben den Impuls, der auf die Seele so wirkt, daß sie sich vom Leibe trennt. Der Zusammenhang mit der Welt war für die Menschen der alten Zeit ein viel intensiverer, als er für den heutigen abstrakten, rationalistischen Menschen ist. Wenn der Mensch der alten Zeit auf den Berg hinaufstieg, so war das nicht bloß ein physisches, kaum bemerkbares Verändern der Dichtigkeit der Atmungsluft oder eine Veränderung der Perspektive, die das Auge übersieht, sondern es war für ihn der Übergang aus einem Seelenzustande in einen andern Seelenzustand.

Viel lebendiger erlebten bei einem Aufstieg auf den Berg die alten Leute als der neuere, abstrakt gewordene Mensch. Und insbesondere erlebten diese Leute intensiv dasjenige, was grob und ins Barbarische umgesetzt heute noch einige Seeleute auch erleben, daß sich ein gewisses Herausbegeben des Geistig-Seelischen aus dem Leibeswerkzeuge wirklich vollzieht. Tiefer angelegte Seefahrernaturen kennen die Sache noch. Aber für die alten Menschen war das etwas ganz Selbstverständliches, daß sie empfanden, wenn ich hinausschiffe in das weite Meer und nicht mehr meinen Zusammenhang mit der festen Erde habe, die alles mit festen Konturen versieht, dann löst sich die Seele vom Leibe, und man sieht mehr vom Übersinnlichen, als man, wenn man fest verknüpft ist mit den festen Konturen des Irdischen, von diesem Übersinnlichen ahnt. Daher läßt Goethe da, wo der Homunkulus in den Homo umgewandelt werden soll, ein heiteres Meeresfest spielen. Thales, der Naturphilosoph, führt den Homunkulus in dieses heitere Meeresfest ein.

Die Sirenen sehen wir. Ich will heute nicht wiederholen - gestern habe ich es getan —, wie das alles äußerlich, bühnenmäßig, bildhaft gestaltet ist. Ich will aber aufmerksam machen auf das tiefere Geheimnis, das Goethe doch auch darinnen gesehen haben will, das tiefere Geheimnis des Gesanges der Sirenen, dieser dämonischen Wesenheiten, die auf der einen Seite Meeresdämonen sind, aber als Meeresdämonen nur lebendig werden, wenn der Mond das Meer bescheint. Das mondbeglänzte Meer lockt hervor die Sirenen, und die Sirenen locken wiederum des Menschen Seele aus seinem Inneren hervor. Das Aufrufen also zu einem solchen Bewußtseinszustand, in dem die übersinnliche Welt wahrgenommen werden kann in Imaginationen, in Bildern, das führen die Sirenen herbei. Zunächst werden herbeigelockt die Nereiden und Tritonen. Sie sind auf dem Wege nach Samothrake zu den heiligen Mysterien der Kabiren.

Warum läßt Goethe gerade die Kabiren auftreten? Weil sein Homunkulus Homo werden soll, Mensch werden soll, und weil in den heiligen Mysterien der Kabiren in Samothrake vor allen Dingen die in diese Mysterien Einzuweihenden bekanntgemacht werden sollten mit dem Geheimnis der Menschwerdung. Dasjenige, was in den Kabiren sich darstellte, war das Geheimnis der Menschwerdung. Hier in der physischen Welt vollzieht sich das physische Menschwerden, aber dieses physische Menschwerden hat ein geistig-seelisches Gegenbild, und dieses geistig-seelische Gegenbild kann nur außerhalb des Leibes geschaut werden in Imaginationen. Ohne daß die abstrakte Idee des Homunkulus in Zusammenhang gebracht wird mit dem, was da geschaut werden kann, kann aus. dem Homunkulus kein Homo werden. So glaubte Goethe, in alledem, was der Grieche gefühlt hat, wenn er an seine Kabiren in Samothrake dachte, darinnen etwas zu finden, was hinzukommen könne zu dem abstrakten Homunkulusgedanken, damit dieser Homunkulusgedanke zum Homogedanken werde. Sprechen wir einmal unbefangen aus, um was es sich dabei eigentlich handelt.

Goethe sah in dem, was der Mensch durch gewöhnliches Wissen über sich selbst erfahren kann, was also nur ein Homunkulus ist, mit Bezug auf die Erkenntnis etwas, was sich vergleichen läßt mit einem unbefruchteten Menschenkeim. Wenn man nur an den unbefruchteten Menschenkeim in der menschlichen Frau denkt, so kann daraus niemals ein physischer Mensch werden. Der Keim muß befruchtet werden. Dann wird erst ein physischer Mensch. Wenn der Mensch bloß mit dem physischen Verstande nachdenkt, so kann in seinen Gedanken niemals das innere Wesen des Menschen aufleuchten, sondern nur dasjenige, was einseitig hervorgebracht werden kann und etwa sich vergleichen läßt mit dem, was einseitig die Frau hervorrufen kann. Dasjenige, was der physische Verstand vom Menschenwesen erfassen kann, muß befruchtet werden im Erkennen außerhalb des physischen Leibes. Die Hälfte des Menschenrätsels verbirgt sich für das bloße physische Erfassen. Das alte atavistische Hellsehen hat in einer der alten Zeit angemessenen Weise gerade mit dem Kabirengeheimnis auf dasjenige im geistigen Naturzusammenhang hinweisen wollen, was die andere Hälfte des Menschenwerdens ist, die dann hinweist auf des Menschen Unsterbliches. Deshalb meinte Goethe: Vielleicht läßt sich das Homo-Werden aus dem Homunkulus mit Hilfe des Kabiren-Impulses darstellen.

Aber Goethe war als Erkennender nicht nur ein im intensivsten Maße Ringender, sondern er war zu gleicher Zeit das, was auf dem Gebiete des Erkennens viel, viel seltener ist, als man eigentlich glaubt, eine intensiv ehrliche Seele. Er wollte gewissermaßen probieren, wie weit er kommt, wenn er solche Geheimnisse belebt, wie das Kabirengeheimnis eines ist. Weniger ehrliche Erkenner machen einige antiquarische Studien, machen sich vielleicht auch einige Phantasien auf Grundlage ihrer antiquarischen Studien und wissen dann nach ihrer Meinung dasjenige, was etwa durch die Kabiren ausgedrückt ist. Der ehrliche Erkenner weiß immer weniger als diejenigen, die nicht ehrliche Erkenner sind. Der ehrliche Erkenner hält sich eigentlich immer für viel dümmer, als sich diejenigen halten, die leichten Herzens aus dem oder jenem sich eine sogenannte möglichst vollständige, den Menschen erreichbare Erkenntnis zusammenzimmern. Goethe war nicht von denen, die so leichten Herzens das Erkennen nehmen. Goethe wußte, daß auch, wenn man als erkennender Mensch gestrebt hat vom Jahre 1749 bis zum Jahre 1829, in welchem er wohl die Szene, die jetzt vor unseren Augen sich abgespielt hat, geschrieben hat - etwa zwei Jahre vor seinem Tode im strengsten Falle ist diese Szene geschrieben -, er wußte, wenn man auch im Erkenntnisstreben alt geworden ist und niemals nachgelassen hat, dann bleibt immer gerade dem ehrlichen Erkenntnisstreber ein Stachel übrig: Vielleicht mußt du doch noch weiter gehen da oder dort! -— Das ist gerade, was so intensiv aus Goethes Natur heraus wirkt, diese absolute Ehrlichkeit. Diese anerkennt zum Beispiel auch gegenüber dem Kabirenrätsel: Ja, ich kann aber als moderner Mensch, dem nicht mehr das alte atavistische Hellsehen zur Verfügung steht, nicht wissen, was die Griechen bei den Kabiren gedacht haben, ich kann es nicht ganz wissen! Aber vielleicht ist das nicht einmal das Wichtigste, sondern Goethe hatte die Empfindung, in ihm lebe eine Art Wissen von dem Kabirengeheimnis, aber er könne es selbst nicht erfassen, was in ihm lebt. Es ist wie ein Traum, der nicht nur gleich erlischt, sondern wie ein Traum, von dem man weiß, es huscht etwas vorüber, was ein Allertiefstes enthält, aber es huscht so schwach vorüber, daß der Verstand, der Intellekt nicht ausreicht, daß die Seelenkräfte nicht ausreichen, um es zur Deutlichkeit, zu deutlichen Konturen zu bringen. Gerade in diesem intimen inneren Entwickeln liegt das Bedeutsame dieser Szene. Man versteht diese Szene nicht, wenn man alles letzten Endes erklären will. Denn Goethe hat geradezu Bilder aufgerufen, um an seinen Bildern zu zeigen: Da bin ich ganz nahe an dem Orte, zu dem ich hin will, aber es geht nun doch nicht.

Und so führt er die Kabiren vor, um zu zeigen, vielleicht nicht er, aber jemand, der das Kabirengeheimnis voll erfaßt, wird den Übergang des Homunkulus zum Homo durch das Kabirengeheimnis ergründen. Für ihn geht es noch nicht. Daher werden auch andere Wege in der imaginativen Welt gewählt; daher läßt er den Naturphilosophen Thales, deri Goethe sehr schätzte, dem er aber doch nicht zumutete, daß er selber Auskunft darüber geben könne, wie aus dem Homunkulus der Homo wird, als Führer des Homunkulus vor den Nereus treten. Der Nereus hat eine scharfe, eine so scharfe menschliche Auffassungsgabe, das Göttliche ins Dämonische umzusetzen und daher prophetisch die Zukunft vorauszusehen, daß man ihm vielleicht zumuten könne, er wisse etwas darüber, wie aus dem Homunkulus der Homo wird. Aber da will Goethe wiederum zeigen: Nein, auf diesem Weg geht es auch nicht. — Denn wird es auf diesem Wege versucht, so kommt man zu einer einseitigen Ausbildung, zu einer ins Dämonische hinaufgehobenen Ausbildung des kritischen menschlichen Verstandes, der nicht nur ins stumpf Kritische ausläuft, sondern sogar ins prophetisch Kritische ausläuft, also die gute Seite der menschlichen Kritik ins Auge faßt. Aber Nereus, der gewissermaßen unter den Dämonen der Priester ist, ist auch nicht imstande, irgendwie an das Homunkulusproblem heranzutreten. Er will es auch gar nicht. Goethe hat die Empfindung, wenn’ man dasjenige, was nur Menschenverstand ist, bis ins Dämonische hinein ausbildet, wenn es sich sogar, ich möchte sagen dämonisiert, was der Mensch an kritischem, forschendem Verstande schon hat, dann verliert man das Interesse an diesem tiefsten Menschheitsproblem des Homunkulus zum Homo hin. Und so wird denn vom Nereus nichts gewonnen. Aber Nereus macht wenigstens darauf aufmerksam, daß er gerade in diesem Augenblicke erwarte das Herannahen seiner Töchter, der Doriden, die Schwestern der Nereiden sind, und ihrer ausgezeichnetsten, der Galatee. Ich habe schon gestern versucht, etwas darauf hinzuweisen, wovon nun diese Galatee das Bild ist.

Heute sieht der Mensch, der forscht, alles so eingeschachtelt in einzelne Momente des Lebens. In der griechischen Weltanschauung, die durchaus nicht in dem enthalten ist, was man gewöhnlich innerhalb der klassischen Philologie lernt, war das, was im Menschen lebte, noch durchaus in einer Verbindung mit dem, was in der ganzen Natur draußen lebt. Dasjenige, was den Menschen werden läßt, existiert in anderer Form als durchwellend und durchwebend alle Naturvorgänge. Aber man muß es auffinden können. Des Menschen gegenwärtiges Erkenntnisvermögen ist zu grob, um in diejenigen Regionen einzudringen, durch die man draußen in der Natur dieselben Erlebnisse in der großen Welt mitmacht, die sich auch beim Menschen verbergen, wenn er aus dem Menschenkeim von der Konzeption, von der Befruchtung bis zu der Geburt hin sich entwickelt und dann als Mensch erscheint. Dieselben Vorgänge, die sich da in dem Menschen selbst verhüllt abspielen, spielen sich fortwährend um uns herum ab. Es war gerade das, was im Kabirengeheimnis auch den Einzuweihenden enthüllt worden ist, wie in der Natur Empfängnis und Gebärung lebt. Der Mensch sieht den Mond aufgehen und untergehen, sieht die Sonne aufgehen und untergehen, fühlt die Wärme, die die Sonne verbreitet, nimmt das Licht wahr, das die Sonne verbreitet, er sieht die Wolken ziehen, er hört die Meereswelle brausen, sieht sie ihre Form annehmen. In alledem liegt darinnen der die Welt durchwallende und durchwogende Werdeimpuls. Aber nicht mehr nimmt ihn der moderne Mensch wahr. Er wird ihn wahrnehmen, wenn er sich geisteswissenschaftlich weiterentwickelt, und es hat ihn wahrgenommen der atavistische Erkenntnissinn, der atavistische Wahrnehmungs- und Anschauungssinn der alten Zeiten.

Da muß man sich schon einlassen auf jenes feinere Wahrnehmungsvermögen, das in alten Zeiten noch vorhanden war. Heute ist es, man möchte sagen, höchstens noch ahnend erträumt, träumend geahnt, aber nicht ins volle Bewußtsein heraufgehoben, was geschieht, wenn statt des tätigen Sonnenlichtes das Mondenlicht das Meer bescheint, auf den Meereswogen sich das Mondenlicht spiegelt. Der Mensch schaut das heute an, wie sich in den Meereswogen das Mondenlicht spiegelt. Der Physiker sagt höchstens: Mondenlicht ist polarisiertes Licht. — Das ist eine Abstraktion, da ist nicht viel damit gesagt. Er erlebt nicht dasjenige, was da eigentlich geschieht. Wir erleben es heute, wenn man uns mit einer feurigen Zange brennt. Dazu reicht noch die Feinheit unseres Empfindungsvermögens aus. Daß aber etwas lebt in den Sonnenstrahlen, das geistig-seelisch ist, daß etwas Ähnliches lebt, aber doch wieder etwas anderes, in den Mondenstrahlen, daß etwas geschieht, wenn sich das Mondenlicht, dieses erborgte Sonnenlicht, mit dem Meere, mit dem Wogenmeere vermählt, das wußte die griechische Weltanschauung. Sie wußte, was heranwogt, wenn mit der Meereswoge zugleich das sich damit vermählende Mondenlicht heranwogt. Wenn es so herankam, mit der Woge sich vermählend, da nahm in dieser lichtdurchzauberten Welle der Grieche wahr den Impuls draußen wogend, wellend in der Welt, welcher im Menschen wellt und wogt von der Konzeption bis zu der Geburt. Draußen in der Natur in anderer Form dasselbe, was im Menschen vorhanden ist, wenn sich das Mysterium des Menschwerdens im physischen Sinne vollzieht.

Goethe drückt deutlich aus, wie er nachempfindet und künstlerisch nachgestaltet diese feine, intime Empfindung, die der Grieche haben konnte. Goethe drückt es aus, indem er den Thales hinweisen läßt zu dem Mondenhof auf die Wölkchen, die heranziehen und den Muschelwagen der Galatee begleiten. Der Muschelwagen der Galatee, der ist die durch das Meer wallende Gebärungskraft der äußeren Natur, die Goethe mit Luna, mit der Mondenkraft, mit dem Mond-Impuls zusammenbringt. So wird wiederum eine bedeutungsvolle Imagination der griechischen Weltanschauung von Goethe aufgerufen, um nahezukommen jenem Prozeß, durch den die abstrakte Homunkulus-Idee zur Homo-Idee in der menschlichen Anschauung werden kann. Nur dann, wenn man die Intimitäten gefühlsmäßig empfindet bei dem, was da wellt und wogt in Goethes wunderbaren Bildern dieser Szene, dann geht man mit dem mit, was wirklich in Goethes Seele gelebt hat bei dieser Szene. Sobald man versucht, in unsere groben, abstrakten Begriffe diese Szene zu fassen, so daß man nicht sich stimmt auf ein intimes Miterleben desjenigen, was Goethe empfunden haben kann, bleibt man dem Eindringen in diese Szene ferne.

So kann das Problem Homunkulus-Homo gewissermaßen, wenn ich mich trocken und theoretisch ausdrücken darf, seiner Lösung nahegebracht werden, indem diese Idee, die hinausgetragen ist in das leibfreie Anschauen, eingesenkt wird in den Gebärungsimpuls, der durch die Natur wallt und webt. Goethe hat schon vorher, bevor er den Homunkulus zusammenbringt mit diesem Gebärungsimpuls, den Proteus heranrufen lassen, Proteus, derjenige Dämon, dessen innerem Seelengefüge Goethe am nächsten gekommen zu sein glaubte in seiner Metamorphosenlehre, in der er versucht hat, die Umgestaltung der lebendigen Form zu verfolgen von den untergeordneten Wesen bis hinauf zum Menschen, um dadurch dem Rätsel des Menschenwerdens, dem Rätsel Homunkulus-Homo näherzukommen. Wir wissen, Goethe hat das nur auf längeren Wegen sich lösen können. Er glaubte zu erkennen, wie das Laubblatt sich in das Blütenblatt und dieses wiederum sich in das Staubgefäß und in den Stempel der Pflanze verwandelt; er glaubte auch zu erkennen, wie die Knochen des Rückgratskeletts sich verwandeln in die Knochen des Schädels. Er blieb dabei stehen, denn er konnte nicht durchdringen zu der Krönung dieser Metamorphosen-Idee, die dadurch vorhanden ist, daß wir wissen, eine Metamorphose findet statt auch für die Kräfte, die den menschlichen Leib durchziehen von der einen Inkarnation, von dem einen Erdenleben bis zum andern Erdenleben. Was heute mein Haupt ist, das ist der metamorphosierte übrige Leib aus der vorhergehenden Inkarnation, und was heute mein Leib außerhalb des Hauptes ist, wird sich umgestalten bis zur nächsten Inkarnation zu der Gestalt meines Hauptes in der nächsten Inkarnation. Das ist die Krönung der Metamorphose. Aber Goethe konnte erst die elementare Stufe dieser in anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft hineinmündenden Metamorphosen-Idee geben. Sie trat ihm nahe, als er das Problem Homunkulus-Homo zu erfassen versuchte und es dichterisch zu gestalten bestrebt war.

Auch da stellt er, ich möchte sagen ehrlich-skeptisch alles dasjenige hin, was der die Metamorphosen-Idee repräsentierende Proteus vermag. Proteus tritt auf in seinen verschiedenen Gestaltungen. Allein, sie stehen nebeneinander. Alles wird herbeigezogen, möchte ich sagen, von Goethe, was wirklich zu der Geburt, zu der übersinnlichen Geburt der Homunkulus-Idee führen kann. Goethe verzagt dann wiederum. Da blitzt herein, möchte ich sagen, ein anderer Strahl. Gegenüber all den Dämonen, den geistigen Wesenheiten elementarer Art, Nereiden, Tritonen und Doriden, dem Nereus. dem Proteus und so weiter, gegenüber all denen treten die Telchinen auf. Diese, gewissermaßen die ältesten Künstler der vierten nachatlantischen Erdenwelt, erinnern uns daran, daß Goethe nicht nur auf dem Wege über sinnliche Wissenschaft, sondern auf einem andern sinnlichen Wege sich dem Menschenrätsel zu nähern versuchte: auf dem Wege der Kunst. Goethe war in der Tat nicht einseitig erkennender Mensch oder einseitig künstlerischer Mensch, sondern in ihm verband sich der Künstler bewußt mit dem Erkenner. Daher sagte er, alser vor den Kunstwerken in Italien stand, in ihnen vernehme er etwas, wie wenn er erkennen würde, daß die Griechen beim Schaffen ihrer Kunstwerke nach denselben Gesetzen verfahren seien, nach denen die Natur selbst verfährt und denen er auf der Spur ist. Und wenn man Goethes Buch über «Winckelmann» auf sich wirken läßt, so wird man sehen, wie Goethe auf dem Wege der Kunst versuchte, gewissermaßen das menschliche Erkenntnisrätsel sich nahezubringen, zu verfolgen den Wandel der Naturerscheinungen bis da herauf, wo die Natur im Menschen ihrer selbst bewußt wird, wie er das im Buche über «Winckelmann» so schön ausdrückt. Was da die Naturanschauung, die künstlerische Naturanschauung vermag, angeschaut von der andern Seite, vom übersinnlichen Erkennen aus, das wird uns nahegebracht durch das Auftreten der Telchinen, die alte Künstler sind, die Götter zuerst menschlich gestaltet haben.

Goethe zeigt uns an, daß, während er sonst immer gewissermaßen hinüberleitet das menschliche Bewußtsein aus dem Sinnlichen ins Übersinnliche, er da wiederum zurückschauen läßt aus dem Übersinnlichen ins Sinnliche. Die Telchinen sind im Übersinnlichen, aber ihr Sinn geh' gewissermaßen wiederum ins Sinnliche herüber; sie sind im Gegensatze gezeichnet zu all den andern Gestalten, welche rein geweiht sind dem Monde, der Luna, sie sind diejenigen, welche von den Sirenen angesprochen werden:

Euch, dem Helios Geweihten,
Heiteren Tags Gebenedeiten,
Gruß zur Stunde, die bewegt
Lunas Hochverehrung regt!

Sie gehören also eigentlich der Sonne. Sie haben auf Rhodus dem Gotte Apollon Statue über Statue errichtet. Es wird gewissermaßen gesucht, durch Hinüberschauen in die übersinnliche Welt dem HomoHomunkulus-Problem nahezukommen. Aber auch das geht nicht. Und Proteus selbst weist energisch ab, daß etwas gewonnen ist für den Übergang des Homunkulus zum Homo durch die Telchinen. Was geschieht? Nun, die Psylilen und Marsen, eine Art Schlangendämonen kommen heran, und sie bringen den Muschelwagen mit der Galatee, die wir vorhin charakterisiert haben. Die Psyllen und Marsen sind Schlangendämonen, Dämonen, welche gewissermaßen das Seelische aus dem Menschen herausführen ins Geistige hinein und zu gleicher Zeit Diener sind in derjenigen Welt, die dann der Mensch betritt, wenn er seinen physischen Leib verläßt. Da ist keine Trennung zwischen reinem Tier und reinem Menschen; da geht die Tiergestalt in die menschliche über.

Nun wird, nachdem noch gezeigt worden ist, wie schwierig es wird, das Verhältnis der geistigen Welt zu der sinnlichen Welt dem Menschen vorzuführen an den Doriden und den Schifferknaben, die sie bringen, das Zerschellen des Homunkulus am Muschelwagen der Galatee gezeigt. Auch das ist eine Intimität in dieser Szene, daß die Doriden die Schifferknaben heranbringen. Die Doriiden sind Dämonen, Meereswesen; die Schifferknaben Menschenwesen. Goethe will anzeigen, daß der Mensch nahekommen kann den geistigen Wesen von der andern Seite des Daseins, daß das Schicksal — wir werden ja deutlich hingewiesen: gerettet worden sind durch die Doriden die Schifferknaben -, daß das Schicksal den Menschen mit den Göttern zusammenbringt. Allein hier im physischen Leben löst sich das Verhältnis alsbald wieder auf; es kann nicht festgehalten werden, wenn sich Übersinnliches mit Sinnlichem verbinden will:

Die Götter wollen’s nicht leiden.

Und dann tritt uns am Schlusse dieser Szene in einer ganz wunderbaren Weise entgegen, wie, nachdem all das versucht worden ist in grandiosen Imaginationen, was den Homunkulus zum Homo machen kann, gewissermaßen als höchste, als bedeutsamste, intensivste Annäherung an die Lösung dieses Menschenrätsels das eintritt, daß wirklich Homunkulus untertaucht in die Gebärungskraft der Natur, insoferne sie sich durch die mondbeglänzte und mondeslichtdurchzauberte Meereswelle kundgibt. Da taucht Homunkulus ein. Was sehen wir am Schlusse der Szene? Ein Aufblitzen, Aufflammen. Alle Elemente machen sich geltend: Erde, Wasser, Feuer, Luft, alle Elemente — überwältigend gewissermaßen dasjenige, was da geschieht. Und es steht vor uns etwa so, wie wenn wir nun selbst uns eingesenkt hätten in den Erkenntnisschlaf, uns mit den Imaginationen, die allein über das Menschenrätsel in der andern Seite des Daseins aufklären können, uns bekanntgemacht hätten, und dann durch das Fortrollen der Gebärungskraft wieder zurückgerufen werden in das Leben, das wir im Leibe vollbringen. Ich habe Ihnen schon gestern gesagt: Die Kraft, welche der Konzeption, der Empfängnis, dem Embryonalen, der Geburt zugrunde liegt, ist nur eine ausgebreitetere, intensivere Kraft, aber sie ist gleicher Art, ist ganz dieselbe Kraft eigentlich wie diejenige, die uns aus dem nächtlichen Schlafe oder auch aus dem Erkenntnisschlafe zurückzaubert in das körperliche Wachsein. Jeden Morgen, wenn wir aufwachen, wachen wir auf durch dieselbe Kraft, die nur in anderer Intensität da ist, durch die ein Mensch empfangen, getragen, geboren wird. Nur wird das eine hier, aber auch nur seiner Außenseite nach, nicht seiner tief geheimnisvollen Innenseite nach, auf der Erde geschaut; das andere geht ganz unvermerkt vorüber. Dieses heilige Mysterium des Aufwachens, es geht unvermerkt vorüber. — Wir sind eingesenkt in eine geistige Welt, wir sind untergetaucht in eine geistige Welt; wir wachen auf, beziehen unseren Leib, sind in der physisch-sinnlichen Welt.

Es gibt immerhin auch unter den nicht hellsehenden Menschen einige, welche ganz gut wissen, was eigentlich lebt, wenn sie drüben sind im schlafenden Zustande und durch den Schlaf mehr als Traumhaftes, traumhaft wogend die geistige Wirklichkeit empfinden und dann aufwachen, aufwachen durch dieselbe Kraft, die im Muschelwagen der Galatee lebt: die Gebärungskraft der Natur, mit der sich der HomoHomunkulus verbindet zur Menschwerdung. Einige Menschen wissen es, auch wenn sie nicht Hellseher sind. Die Wissenschaft des Hellsehens gibt es aber vollständig klar bei diesem Aufwachen: es ist ein Untertauchen aus der geistigen Welt heraus, die nur in Imaginationen zu erfassen ist, in die physisch-sinnliche Welt, die in den Elementen: Feuer, Wasser, Erde, Luft, lebt. Da zerschellt wiederum dasjenige, was wir glauben, schon gewonnen zu haben für das Homo-Werden des Homun kulus drüben in der andern Welt, da zerschellt es, wenn er wiederum in die Wirklichkeit zurückgeht. Faust soll in die Wirklichkeit des alten Griechentums untertauchen, Faust soll die Helena persönlich in seine Nähe bekommen. Wenn Sie nur umblättern von jenem gewaltigen Schlusse dieser Szene, wo es heißt:

Heil dem Meere! Heil den Wogen!
Von dem heiligen Feuer umzogen;
Heil dem Wasser! Heil dem Feuer!
Heil dem selt’'nen Abenteuer! Heil den mildgewogenen Lüften!
Heil geheimnisreichen Grüften!
Hochgefeiert seid allhier,
Element!’ ihr alle vier!

— wenn Sie nur umblättern, so haben Sie den dritten Akt:

Bewundert viel und viel gescholten, Helena,
Vom Strande komm’ ich, wo wir erst gelandet sind,
Noch immer trunken von des Gewoges regsamem
Geschaukel, das vom phrygischen Blachgefild uns her...
und so weiter.

Faust soll sein in der griechischen Wirklichkeit, Faust soll sein aufgewacht aus der Wahrnehmung höchster Geistigkeit für das Homunkulus-Homo-Rätsel, in der griechischen Welt. Da soll er bewußt aufwachen, wie Goethe es wollte. Da mußte sich der Moment des Aufwachens so vollziehen, daß gewissermaßen gezeigt wird, wie das im Geistig-Übersinnlichen über das Menschenrätsel Wahrgenommene zerschellt, indem man in die äußere physische Wirklichkeit, in seinen Leib, wieder untertaucht. Das ist ein Vorgang draußen in der Natur, wenn der Mond erlischt und die Morgenröte wird. Aber diesen Zusammenhang empfindet der Mensch heute höchstens allegorisch, symbolisch oder dichterisch. Die Realität, die dem zugrunde liegt, ist wenig bekannt. Hier tritt sie auf in etwas, was zu gleicher Zeit Verkörperung des Erkenntnisrätsels, aber wahre Dichtung ist. Es ist Goethe wirklich gelungen, in grandioser Weise Faust einzuführen in die übersinnliche Welt und aufwachen zu lassen für das Zusammenleben mit der griechischen Wirklichkeit.

Man möchte sich sagen: Es war in den achtziger Jahren des 18. Jahrhunderts, Goethe trat seine Flucht nach Italien an, denn eine Flucht war es. Er wollte kennenlernen, nachdem er sich in der nordischen Natur umgetan hatte, dasjenige, was er glaubte, für die Anschauung der Weltenrätsel nur durch die Anschauung der südlichen Kunst gewinnen zu können. — Er hatte viel gewonnen, denn wir wissen, was dann geworden ist aus Goethe in den neunziger Jahren des 18. Jahrhunderts. Dann war er wieder älter geworden, das heißt, jünger in der Seele. Während der Mensch äußerlich alt wird, wird er jung in der Seele; wenn er stirbt, ist er in der Seele am allerjüngsten. Das seelische Leben ist rückgängig. Nun war so etwas wie das Jahr 1829 herangerückt. Man spürt, man empfindet, wie Goethe da etwa in sich selber fühlte: Wie hätte ich erst, als ich die Möglichkeit hatte, unterzutauchen in die Welt der südlichen Kunstwerke, das Griechentum vor meiner Seele aufzuerwecken, wie hätte ich das alles erleben können viel reicher, viel intensiver, als ich es erlebt habe, wenn ich dazumal schon hätte so in die geistige Welt untertauchen können, wie ich es jetzt ahnend erlebe. - Das macht die eigentümliche Stimmung in diesem zweiten Teil von Goethes «Faust» aus, daß man die jung gewordene, aber in der Verjüngung reich gewordene Seele in einem erhöhten Maße noch einmal das sich künstlerisch vorführen sieht, was das Leben hindurch erfahren worden ist. Philister werden daher den zweiten Teil von Goethes «Faust» niemals irgendwie sich nahebringen können. Und ich kann es vollständig verstehen, wenn der in vieler Beziehung so geistreiche Schwaben -Vischer, der sogenannte V-Vischer, der manches recht Gute über Goethes «Faust» gesagt hat, gefunden hat, so etwas ist ledern, das ist zusammengeschustertes, zusammengeleimtes Machwerk des Alters. Aber Philisterei, wenn sie noch so gelehrt, noch so gescheit, noch so intelligent ist, wird auch in das Poetische, gerade in das höchst Poetische, das der zweite Teil von Goethes «Faust» hat, nicht eindringen können. Man wird nur eindringen können, wenn man seinen poetischen Sinn durchglühen, befeuern läßt von demjenigen, was geistige Anschauung gibt.:

Wir wollen dann noch morgen nach der Vorstellung dieser Szene einiges im Zusammenhange mit dieser Darstellung Goethescher Impulse sagen.

German original of The Vision of Reality in the Greek Myths (After a Performance of the Classical Walpurgis-Night · ← Previous · Next →