The Problem of Faust
GA 273 — 19 January 1919, Dornach
Statt Homunkulismus und Mephistophelismus: Goetheanismus
Durch die beiden Betrachtungen, die ich anknüpfte an die Darstellung der letzten Walpurgisnachtszene aus dem zweiten Teil von Goethes «Faust», wollte ich die Empfindung hervorrufen, daß Goethe in der Tat mit seinem ganzen inneren Leben auf dem Wege war, wenn man so sagen darf, in die übersinnliche Welt hinein, und daß es ihm, wie vielleicht keinem andern Künstler, keinem andern Dichter, gelungen ist, künstlerisches Schaffen aus solchem spirituellem Leben heraus wirklich zu entfalten, so daß weder die Kunst noch die Weisheit in diesem Goetheschen Schaffen zu kurz kommt, sondern jedes dieser WeisheitsStrebensgebiete an seinem Platze voll zum harmonischen Ausdruck kommt.
Ich möchte nicht den Glauben erwecken, als ob ich mit alldem, was ich gesagt habe, eine Interpretation dieser Dichtung hätte geben wollen; das will ich überhaupt nie. Denn Interpretationen halte ich für das Unnützlichste, was es überhaupt auf diesem Gebiete geben kann. Alles das, was versucht wird durch solche Betrachtungen, wie die beiden vorangegangenen, zu geben, das ist, die Möglichkeiten hervorzurufen, in demselben Elemente eine Dichtung oder ein Kunstwerk zu genießen, aufzunehmen, in dem es geschaffen ist. Gewissermaßen soll eine solche Betrachtung nur lehren die Sprache, die Geistessprache, in der so etwas geschrieben ist, nicht irgend etwas auslegen oder erklären, was ohnedies meistens nur ein Unterlegen und ein Mißerklären ist.
Wenn man diese Stimmung der Sache festhält, dann darf man auch vielleicht das Folgende geltend machen. Allem Erkenntnisstreben, allem nach geistigem Erleben überhaupt gerichteten Menschheitsstreben liegen zwei Grundempfindungen unter. Die eine Grundempfindung kommt daher, daß der Mensch, indem er sein Leben zwischen Geburt und Tod im physischen Leibe verbringt, denken muß, vorstellen muß. Nicht wahr, wir wären nicht voll Mensch, wenn wir nicht über die Dinge und über uns selbst denken würden. Dann aber müssen wir, wenn wir unser Leben vollenden wollen zwischen Geburt und Tod im physischen Leibe, nicht nur denken, sondern auch wollen. Das Fühlen liegt eigentlich zwischen dem Denken und Wollen in der Mitte darinnen. Es ist manchmal mehr ein Denken und Vorstellen, manchmal mehr ein Wollen. Daher kann man, wenn man diese Betrachtung, auf die wir jetzt hinsteuern wollen, anstellen will, von dem Fühlen absehen, nach dem einen Pol des Denkens und Vorstellens hinblicken und auch nach dem andern Pol der menschlichen Betätigung, nach dem Wollen. Der Mensch ist einmal ein denkendes und ein wollendes Wesen. Aber mit diesem Denken und Wollen hat es doch noch seine ganz besondere Bewandtnis. Der Trivialmensch, der gewöhnliche Durchschnittsbürger, betrachtet schon dasjenige, zu dem man kommen kann, als etwas Erreichtes, wenn er auf der einen Seite — wenigstens nach seinen Vorstellungen — möglichst klar denkt, möglichst nach seinen Vorstellungen eindringlich denkt, und wenn er nach seinem Bedürfnisse entsprechend will. Dadurch unterscheidet sich aber gerade der wirklich bis ins tiefe Innerste seiner eigenen Wesenheit hinein ehrliche Erkenntnismensch, daß er sich, wenn er versucht, auf dem Wege des Denkens weiterzugehen, zuletzt gesteht: Ach, mit diesem Denken innerhalb des physischen Leibes komme ich doch nur bis zu einem gewissen Abstand an dasjenige heran, nach dem ich eigentlich hinstrebe.
Es ist mit dem Denken gerade so, wie wenn man nach einem Ziele hinstreben würde; die Richtung hat man, aber keine Anschauung vom Ziel. Man will bis zum Ziele hineilen, man weiß, in welcher Richtung das Ziel etwa liegen kann, aber es ist noch alles dunkel um das Ziel herum. Man hat genau die Vorstellung, hell kann es erst werden, wenn man hinkommt. Aber indem man noch lange nicht am Ziele sich fühlt, sondern in einem gehörigen Abstande vom Ziele ist, packt einen gewissermaßen ein Wesen dahinten und hält einen auf, läßt einen nicht weiter. Und man fühlt: Das Denken, das Vorstellen treiben einen in einer gewissen Richtung, aber man wird aufgehalten. Wenn man nur auf diesem Wege des Denkens bleiben will in dieser Richtung, kann man nicht an das Ziel gelangen, das einem das Denken selber, das Vorstellen, eigentlich vorzeichnet. -— So gelangt der Mensch an die eine Grenze, die seinem Wesen gesetzt ist für das Leben zwischen Geburt und Tod. Und man kann sagen: Eigentlich hat derjenige kein tieferes Erkenntnisleben, der nicht alle Schmerzen und Schicksalsrückschläge empfunden hat, die sich aus einem solchen Zurückgehaltenwerden gegenüber dem Denkziele auf dem Denk wege selbst ergeben. — Man ist gewissermaßen verurteilt, oberflächlich zu bleiben, wenn man durch seine innere Seelenkonstitution die Meinung haben kann, man könne durch das Denken zum Ziele dieses Denkens selber kommen. Man bewahrt sich bloß vor der Oberflächlichkeit, wenn man gerade, indem man versucht, mit aller Klarheit, mit aller Eindringlichkeit zu denken, durch diese Klarheit, durch diese Eindringlichkeit des Denkens dahin gebracht wird, daß man fühlt, wie einem der Denkhinderer im Nacken sitzt. Dieses Im-Nacken-sitzenFühlen des Hinderers, das ist ein tiefes menschliches Erlebnis, und ohne das geht es eigentlich nicht aus der Oberflächlichkeit in die Tiefe der Lebensauffassung hinein.
Aber nun ist dies nicht die einzige Grenze, die dem Ausleben des menschlichen Wesens zwischen Geburt und Tod gezogen ist, sondern die andere Grenze ist aufgerichtet da, wo das Wollen sich entfaltet. Wo das Wollen sich entfaltet, da keimen erstens auch die Begierden des Menschen, die aus dem Triebleben heraus kommen. Der Mensch wird zum Wollen getrieben durch Hunger und Durst im gröbsten Sinne, durch andere Triebe; und es ist dann eine ganze Skala von den Trieben hinauf bis zu den reinsten geistigen Idealen. In all dem, von den gröbsten Trieben bis hinauf zu dem reinsten geistigen Ideal entfaltet, liegen die Impulse des Wollens. Wenn man nun aber versucht, mit dem Wollen ins Leben sich hineinzustellen — das war im Grunde gerade Goethes Ziel in seinem «Faust», den Faust mit dem Wollen ins Leben hineinzustellen, damit er erfahren könne alles Lebenbeglückende, alles Lebenzerschmetternde, alles Befreiende und alles Sündhafte im Leben -, wenn man versucht, mit dem Wollen, das ins Tun übergeht, in die Tat sich übersetzt, in das Leben sich hineinzustellen, so kommt man wiederum an eine Grenze. Aber es ist jetzt eine andere Empfindung, die auftritt. Nicht so sehr, daß einen wie beim Denken einer im Nacken faßt und hält vor dem Ziele, sondern indem man will, faßt einen einer und setzt eigentlich immer in einer Weise, wie man es nicht selber haben will, das Wollen fort. Man wird sich gewissermaßen selbst entrissen im Wollen. Da tritt ein anderer auf im Wollen und reißt einen mit sich fort.
Das ist die Empfindung, die, wenn sie der Mensch hat, wiederum aus dem Oberflächlichen ins Tiefe einer Lebensauffassung hineinführt. Philiströse Sattlinge, satte Menschen sind allerdings der Meinung, daß man, wenn man das Denken nur weit genug ausbildet, das Wollen nur weit genug entwickelt, am Ziele ankommt. Aber in diesem satten Sich-Fühlen auf erfüllbaren Wegen liegt des Lebens Oberflächlichkeit, liegt nicht das, was möglich macht in der Lebensprüfung — denn geprüft wird man, wenn man mit gehöriger Intensität die zwei angedeuteten Grenzen sich im Inneren der Seele ausmalt — nach gehöriger Prüfung, gewissermaßen über einen Abgrund hinübersetzend, in eine andere Welt einzutreten, die nicht mit dem Bewußtsein durchlebt werden kann, das sich im Leben zwischen Geburt und Tod entfaltet. Es muß die Menschheit schon einmal gerade aus dem Goetheanismus heraus begreifen, daß wahrhaftig nicht bloße Beseligung des Strebens, die man sich oftmals nur einredet, die oftmals nur von Illusionen getragen ist, erlebt werden kann, sondern daß dasjenige, was den Menschen zu seinem Ziele führt, über Hindernisse, über Enttäuschungen, über Desillusionierungen führt, und wer sich sträubt, Entillusionierungen zu erleben, und sich dadurch sträubt, den ganzen Menschen in gewissen Zeitmomenten des Lebens umzugestalten, zu metamorphosieren, der kann nicht zur Menschheitserkenntnis, nicht zur Menschheitserfassung vorwärtsdringen.
Man darf schon annehmen, daß in dieser Beziehung gerade die durchchristete Weltauffassung und Lebensanschauung gegen die nächste Zukunft hin einen bedeutsamen Umschwung erfahren muß. Das Christentum ist bisher durch die Entwickelung, die es in verschiedenen Konfessionen erlebt hat, eigentlich nur in seinem Anfangsstadium. Will man ausdrücken, was das Christentum bis jetzt ausgestaltet hat, so könnte man sagen, eigentlich nur die Empfindung in dem Menschen, daß ein Christus einmal da war. Und diese Empfindung ist eigentlich der materiellen Forschung im 19. Jahrhundert wieder verlorengegangen, daß ein Christus da war. Was der Christus in die Welt gebracht hat, wie der Christus im Zusammenhang steht mit dem menschlichen Seelenstreben, da hinein soll erst Licht kommen gegen die Zukunft hin durch geisteswissenschaftliche Untersuchungen und geistige Art der Weltempfindung, durch übersinnliches Erleben, wenn auch zunächst die Menschheit in diesem intellektualistischen Zeitalter dieses übersinnliche Erleben nur im Vorstellen, in den Bildern des Vorstellens wird in ihrer großen Masse haben können.
Aber diese zwei Grundempfindungen, die ich angedeutet habe, von den beiden Grenzen des menschlichen Selbsterkennens und Selbsterfassens, müssen den Übergang finden aus einem mehr passiven Christentum zu einem aktiven Christentum. Denken Sie nur einmal, bei wie vielen Menschen der Christus eigentlich nichts weiter war in der Vergangenheit als eine Art Helfer in der Not für dasjenige, was der Mensch nur ja nicht selber tun mag. Jene eigenrümliche Art, wie die römisch-katholische Kirche von einem bestimmten Zeitpunkte an die Sünden vergeben hat -— man konnte sündigen, was man wollte, wenn man dann nur aufrichtig Buße leistete, Reue hatte und so weiter, so war einem das vergeben. Schließlich, der Christus war da zum Helfen in der Not, zum Gutmachen desjenigen, was man selber gar nicht beabsichtigte in erheblichem Maße gutzumachen, von dieser Abirrung, wo man eigentlich auch passiv bleibt, das weltliche Leben, das weltliche Treiben für sich einrichtet, und dann womöglich nur dadurch, daß man an den Christus glaubt, daß man sich ganz in Passivität mit dem Christus verbunden fühlt, von dem Christus sich erlösen läßt — dieses zwiefache passive Verhalten zu dem Christus gehört und muß angehören der Vergangenheit. Und dasjenige, was an die Stelle treten muß, das muß sein ein Verhältnis zu dem Christus als zu einer aktiven Macht, ein Entgegengehen dem Christus so, daß er nicht für sich das tut, was man selber nicht gerne:tut, sondern so, daß er einem durch sein Dasein die Kraft gibt, selber etwas zu tun. Ein aktives, oder besser gesagt, ein zur Aktivität kommendes Christentum ist dasjenige, was an Stelle des Passivitäts-Christentums treten muß, wo man im Grunde genommen — nun, verzeihen Sie, daß ich es so trivial ausdrücke - selber auf dem physischen Plane tut, was man will, und dann Gott einen guten Mann sein läßt, der einem alles verzeiht, wenn man nur im rechten Momente zu ihm zurückkommt.
Das bezeichnet zu gleicher Zeit die Grenzscheide zwischen dem Zeitalter, das vergangen sein muß, das in eine furchtbare Menschheitskatastrophe hineingeführt hat, und dem, das da kommen muß und nur, wenn es ein Passivitäts-Christentum in ein Aktivitäts-Christentum überführt, geeignet sein kann, jede Schäden, die sich schon herausgestellt haben und die sich aus dem Vergangenheitsprinzip immer mehr herausstellen werden, zu heilen. Diese Schäden sitzen noch tief in den menschlichen Herzen und menschlichen Seelen. Und sie müssen geheilt werden, wenn die Erdenentwickelung weitergebracht werden soll.
Die beiden Grundempfindungen von den Grenzen im Denken und im Wollen kann man auch so bezeichnen, daß man sagt: Die eine Grenze macht einen aufmerksam darauf, wie man an sein eigenes Wesen nicht heran kann. — Ja, wir sind wirklich als Menschen so, daß wir auf der einen Seite an das eigene Menschenwesen nicht heran können, und wir kommen nicht bis zu uns selber mit unserem Denken. Im Wollen, da kommen wir bis zu uns selber, denn das Wollen geht wirklich von uns aus. Aber da erfaßt uns wiederum ein anderer, ein anderes Weltenwesen, da verlieren wir uns. Im Denken erreichen wir uns nicht, und im Wollen verlieren wir uns. Der Mensch ist einfach nach dem Prinzip dieses Dualismus als irdisches Wesen gestaltet, er ist ein duales Wesen, keine Monade, ein duales Wesen. Das eine Glied dieses dualistischen Wesens kann sich nicht erreichen, das andere Glied dieses dualistischen Wesens verliert sich.
Man stellt daher den Menschen niemals richtig dar, wenn man ihn ‚bloß als Monon darstellt, sondern nur, wenn man versucht, ihn darzustellen als einen Mittelzustand zwischen dem Sich-nicht-erreichenKönnen und dem Sich-Verlieren. Und wenn man womöglich beides gleichzeitig in aller Stärke fühlt, dann fühlt man sich so recht als Erdenmensch. Wenn man fühlt eine Art Hin- und Herpendeln zwischen Sich-nicht-erreichen-Können und Sich-Verlieren, dann fühlt man sich als Erdenmensch. Und dasjenige, was man erreichen muß, ist, trotzdem man in einem solchen Pendeln darinnensteht, die Ruhe des Daseins. Die Ruhe des Daseins erreicht auf dem physischen Gebiete der Pendel, erreicht die Waage. Auf dem geistig-moralischen Gebiete muß dasselbe, was die Waage, was der Pendel erreicht in seiner Ruhelage, der Mensch erreichen können. Der Mensch soll nicht anstreben, die absolute Ruhelage zu haben, das macht ihn faul, verfault. Der Mensch soll anstreben die Ruhelage, die der Mittelzustand zwischen dem Ausschlagen ist, zwischen dem Nicht-Erreichen und Sich-Verlieren.
Wenn man solche Empfindungen richtig entwickeln will, dann müssen andere Empfindungen über Leben und Wirklichkeit noch wesentlich dazukommen.
Ich habe Sie öfters aufmerksam gemacht, wie einseitig eigentlich heute das Entwickeln aufgefaßt wird. Denken Sie nur einmal, daß die ganze Entwickelung heute so aufgefaßt wird, wie wenn immer das Folgende aus dem Vorhergehenden so herausgezogen würde. Eigentlich denkt sich der heutige Mensch die aufeinanderfolgenden Entwickelungszustände ungefähr wie eine Folge von Pappschachteln, die so ineinandergeschachtelt sind. Und nun, wenn es sich entwickelt — eine Pappschachtel, der Mensch zwischen der Geburt und dem siebenten Jahre. Dann nimmt man die zweite heraus und man hat den Menschen vom siebenten bis vierzehnten Jahr. Dann die dritte, und man hat den Menschen vom vierzehnten bis einundzwanzigsten Jahr, und so eins aus dem andern heraus. Das geradlinige Fortschreiten in der Entwickelung ist das, was dem heutigen Menschen am angenehmsten ist.
Das liegt auch zugrunde all den grotesken Vorstellungen, die wir heute in der Schule lernen, und die in der Zukunft einmal als der wissenschaftliche Wahnsinn der aufgeklärten Periode vom 19. und 20. Jahrhundert dargestellt sein werden. Sich so vorzustellen, daß einmal ein Nebelzustand dagewesen ist - Kant-Laplacesche Theorie -, dann nach und nach eins aus dem andern hervorgehend, Pappschachtel aus Pappschachtel, eine aus der andern hervorgehend, der folgende Zustand immer aus dem früheren, das ist die krankhafte Wissenschaftsvorstellung der Gegenwart. Denn so sind die Dinge nicht. Denken Sie doch, wie die Entwickelung beim Einzelmenschen zwischen Geburt und Tod bei einigermaßen unbefangener Beobachtung Ihnen entgegentritt.
Nicht wahr, die wirkliche Grenze der ersten Lebensperiode ist der Zahnwechsel, das Bekommen der zweiten Zähne. Ich habe öfters darauf aufmerksam gemacht. Was ist denn das eigentlich, dieses Bekommen der zweiten Zähne gegen das siebente Jahr hin, wo die erste Lebensperiode abschließt? Es ist das ein Konsolidieren, ein Verhärten des Menschen, respektive das Verhärten im Menschen gestaltet sich. Es ist wie ein Zusammenziehen aller Lebenskräfte, daß man Dichtestes, Mineralisiertestes zuletzt noch einmal hervorbringen kann, die zweiten Zähne. Es ist ein wirkliches Zusammenziehen aller Lebenskräfte ins Dichte.
Die zweite Lebensperiode schließt ab mit der Geschlechtsreife. Da ist gerade das Umgekehrte der Fall. Da ist nicht wiederum ein Zusammenziehen zur Verhärtung aller Lebenskräfte, sondern da ist im Gegenteil eine Verdünnung aller Lebenskräfte, ein Auseinandertreiben, ein Üppigwerden. Da ist ein entgegengesetzter Zustand, der in dem Organismus pulsiert.
Und nur etwas verfeinert, aber doch wiederum so, wenn um das einundzwanzigste Lebensjahr die dritte Lebensperiode abschließt. Da konsolidiert sich der Mensch wiederum, zieht seine Kräfte zusammen. Mit dem achtundzwanzigsten Lebensjahr dehnt er sie wiederum aus. Einundzwanzigstes Jahr: Zusammenziehung, mehr auf das stellen, was in seinem Inneren lebt. Achtundzwanzigstes Jahr: Ausdehnung, mehr auf das stellen, das ihn zusammenbringt mit der ganzen weiten Welt. Mit dem fünfunddreißigsten Lebensjahr — approximativ zu nehmen ist wiederum eine Art Zusammenziehung da. Das ist ja die Lebensmitte, das fünfunddreißigste Jahr.
Also die Entwickelung ist nicht so geradlinig, sondern so, daß sie sich in einer Wellenlinie bewegt: Zusammenziehung, Erhärtung; Erweichung, Ausdehnung; Zusammenziehung, Erhärtung; Erweichung, Ausdehnung. Im Grunde genommen ist das auch das Leben des Menschen im Großen. Indem wir hier in die physische Welt hineingeboren werden, ziehen wir uns zusammen, so daß wir innerhalb unserer Haut sind. Indem wir das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt durchmachen, dehnen wir uns immer mehr und mehr aus.
Was folgt aus alledem? Aus alledem folgt, daß der Entwickelungsgedanke, der nur geradlinig die Entwickelung denkt, nichtsnutzig ist, daß er die Menschheit nasführt und abgestreift werden muß. Alle Entwickelung schreitet nämlich im Rhythmus voran. Alle Entwickelung geht: Wellental, Wellenberg, Zusammenziehung, Ausdehnung.
Wiederum auf elementaren Stufen hat das Goethe geahnt. Lesen Sie seine Metamorphose der Pflanzen, lesen Sie nur das Gedicht «Die Metamorphose der Pflanzen», so werden Sie sehen, wie jene eigentümliche Gestaltung, die von Laubblatt zu Laubblatt geht, dann Blütenblatt, dann Staubgefäß, dann Stempel, wie das von Goethe dargestellt wird als ein fortwährendes Ausdehnen, Zusammenziehen, aber nicht in ganz äußerlichen Gebilden nur, sondern auch die Säfte dehnen sich in ihren Kräften aus, ziehen sich wieder zusammen, expandieren, konzentrieren sich. Ich habe versucht, in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, als ich meine erste Einführung geschrieben habe zu Goethes naturwissenschaftlichen Werken, nachzukonstruieren die Goethesche Urpflanze, wo ich versuchte, in das Bild hineinzubringen dieses Ausdehnen und Zusammenziehen, Ausdehnen, Zusammenziehen bis in die Blüte hinauf. Also niemand kann das Leben wirklich erfassen, der dieses Leben nicht rhythmisch, in rhythmischem Gange vorstellt. Die geradlinige Entwickelung — das muß immer wieder betont werden - ist eine Idee, die nichtsnutzig ist als eine wirkliche Lebenserfassung.
Und so ist es auch mit dem Begreifen des geschichtlichen Lebens der Menschheit. Ich habe in den letzten Heften der Zeitschrift «Das Reich», wo ich über Ahrimanisches und Luziferisches im Leben abgehandelt habe, darauf aufmerksam gemacht, wie luziferische Perioden und ahrimanische Perioden der geschichtlichen Entwickelung abwechseln im Rhythmus. Alies Leben geht nicht geradlinig vorwärts, sondern schreitet von Wellenberg zu Wellental. Aber das ist verknüpft mit einer auch äußeren Veränderung, indem von Wellenberg zu Wellental geschritten wird. Und nur, wenn man diese Verhältnisse durchschaut, kommt man zu einer tieferen Lebensauffassung. Wer geradlinig sich die Evolution denkt, der denkt: Erst waren unvollkommenste Tiere, dann immer vollkommenere, dann so affenartige Tiere, dann hat sich daraus der Mensch entwickelt. - Und wenn man das dann aufs Moralische anwendet - ich habe Sie darauf schon öfter aufmerksam gemacht, auch in öffentlichen Vorträgen -, wenn man das dann weiter ausdehnt, ja, dann kommt so für den richtigen, für den waschechten Darwinisten heraus, daß er sagt: Man sieht ja schon im Tierreiche moralische Triebe, Instinkte, Veranlagungen, die dann zu menschlichem Wohlwollen und so weiter hinführen! — Wiederum eine nichtsnutzige Vorstellung, denn diese rechnet ganz und gar nicht mit dem Lebensrhythmus. Sie denkt die EntwickeJung in einer geraden Linie, Pappschachtel aus Pappschachtel hervorgehend. In Wahrheit liegt die Sache so. Denken Sie sich die höchstentwickelten Tiere mit ihren Eigentümlichkeiten weiterentwickelt, geradlinig weiterentwickelt, da kommt nicht der Mensch heraus, käme nie der Mensch heraus, sondern das höher entwickelte Tier, das würde gerade die Eigenschaften, die Ihnen sympathisch erscheinen im Tierreich, entwickeln in allerantipathischester Weise. Dasjenige, was Sie bei den Tieren bewundern als eine gewisse Geselligkeit, als den Anfang des Wohlwollens, eines sozialen Verhaltens, das weiter heraufentwickelt, schlägt ins Gegenteil rhythmisch um, wird zum Prinzip des Bösen. Hätte sich der Mensch so entwickelt, wie es Haeckel vorstellt, dann hätte sich entwickelt aus den menschenähnlichen Affen eine Menschengesellschaft, die von vornherein den Krieg aller gegen alle vollständig entwickelt haben würde. Denn in allen den Anlagen, die beim Tiere noch gut sind, liegt der weitere Entwickelungsimpuls zum Aufeinanderplatzen in heftigstem, blutigstem Kampfe. Das ist der Rhythmus! Wellenberg schlägt in Wellental um, und niemand sieht hinein in dasjenige, was die Natur birgt, der nicht auf die Entwickelungsmösglichkeiten im Rhythmus sieht. Nach außen anzuschauen das, was geschieht, das lehrt niemals erkennen dasjenige, was wirklich da ist. Nur dadurch, daß gar nicht herauskamen die Entwickelungsmöglichkeiten, die in den höheren Tieren liegen, sondern daß ihnen entgegenkam eine andere Welle des Weltenwerdens, welche abtötete das Bösewerden und gewissermaßen. darüberstülpte über das Bösewerden dasjenige, was die Menschen sein sollten vom Urbeginne aus, nur dadurch entwickelte sich die Menschheit. So daß man vorzustellen hat: Tierreich bis zu einer gewissen Höhe; ihm entgegenkommend die andere Welle, welche abstumpft das Bösewerden.
Die Reinkarnation läßt sich auch moralisch anschauen. Was glauben Sie, was wäre dann der Mensch geworden, wenn er nur immer geboren und geboren würde hier auf dem physischen Plane, wenn nicht dem, was geboren wird rein physisch auf dem physischen Plane, entgegenkäme dasjenige, was immer in die geistige Welt aufgenommen und wieder hinuntergetan wird? Wenn der Mensch nur geboren würde, wenn er nicht durchseelt würde von den Wesen, die immer wiederum in die geistige Welt aufgenommen werden und herunterkommen, dann würde der Mensch nur im Kriege auf der Erde leben, nur im Kampfe auf der Erde leben wollen, dann würden sich die furchtbarsten Kampfesinstinkte entwickeln. Diese Kampfesinstinkte ruhen auf dem Grunde der menschlichen Seele, sie ruhen im menschlichen Organismus. Und sie werden abgelähmt durch dasjenige, was, wenn ich mich jetzt so ausdrücken darf, von oben kommt, was aus der geistigen Welt heraus kommt von derjenigen Menschenwesenheit, die immer wiederum in die geistige Welt aufgenommen wird.
Das drückt sich auch aus in der äußeren Form. Es ist geradezu grotesk für den Einsichtigen, wenn das Menschenhaupt so dargestellt wird, als ob es sich aus dem Tierkopf entwickelt hätte nach und nach. Es ist nämlich ein völliger Unsinn. In Wahrheit würde, wenn sich der Tierkopf weiterentwickelte, ein schreckliches Ungetüm herauskommen in dem, was Sie in der gegenwärtigen Inkarnation entwickeln aus Ihrem Unterleibe. Wenn das allein den Kopf bilden würde, wenn es aus sich heraus den Kopf bilden würde, nun, das wäre eine richtige Mißgeburt als Kopf, das wäre ein schreckliches Tierungeheuer. Denn da sitzt die Möglichkeit zum Tierungeheuer. Nur dadurch, daß das Geistige von oben kommt und sich entgegenstülpt, entsteht dasjenige, was Menschenhaupt ist, das aus dem Zusammengehören von zwei Kräften entsteht, von dem, was aus dem Leibe hinaufstrebt, und dem, was aus dem Kosmos entgegenstrebt. Als eine Gleichgewichtslage wird dieses Menschenhaupt herausgebildet. Und in dieser Gleichgewichtslage des Menschenhauptes ruht es, daß wir mit dem, was wir mitbringen aus der geistigen Welt, nicht frei hantieren können. Wir schlüpfen in unseren physischen Kopf hinein, und da können wir nicht das ganz zum Ausdruck bringen, was wir eigentlich sind, wenn wir durch die Geburt ins Dasein eilen. Könnten wir so denken, wie wir gedacht haben vor unserer Geburt, beziehungsweise vor unserer Konzeption, da würden wir nicht einen Homunkulus, da würden wir einen Menschen denken, einen Homo.
Sie erinnern sich, ich habe neulich einmal auf so etwas aufmerksam gemacht vorübergehend, als ich den Weihnachtsvortrag in Basel gehalten habe, wo ich darauf aufmerksam gemacht habe, daß Nikolaus von der Flüe vor seiner Geburt geschaut hat Szenen, die er nach seiner Geburt erlebt hat. Da hat er sich als Mensch geschaut vor der Geburt. Aber wenn man geboren ist und nicht den Erkenntnisschlaf überwindet, das heißt, das Erwachtsein außerhalb des Leibes entfalten kann, sondern nur mit dem Leibe denkt, denkt man nie einen Menschen, sondern nur einen Homunkulus. Man erreicht sich nicht, indem man auf dem Wege durch den Kopf in sich hineinzukommen sucht. (Es wird gezeichnet.) Es ist eigentlich so, daß man in sich hineinzukommen sucht, dann gehalten wird, und - irgendwo in der Mitte des Menschen - da irgendwo ist eigentlich das, was man nicht erreicht. Es ist im Menschen selber darinnen. Man bleibt beim Homunkulus und wird nicht kommen zum Menschen.
Und eigentlich, wenn man alle technischen Hilfsmittel hätte, so würde man in die Phiole, die über die Bühne geführt wird als der Homunkulus, hineintun — klein, daher auch niedlich - ein schreckliches kleines Ungetüm, das eigentlich dasjenige wäre, was entstehen würde, wenn es dem menschlichen Leibe allein übergeben wäre, daraus etwas zu entwickeln. Da käme so ein Tier, das doch kein Tier ist, sondern eine menschliche Mißgeburt, zustande, die auf dem Wege zum Menschwerden ist und doch nicht ganz Mensch wird. Daher erlangt man es nicht, wenn man nicht herankommt an dieses, was auf dem Wege zum Menschwerden ist und doch nicht ganz Mensch wird. Man erlangt es nicht, man kommt nicht in sich hinein.
Und wiederum, wenn man mit dem Wollen sich erfaßt, dann faßt einen gleich ein anderer. Dann verliert man sich, dann treten alle möglichen fremdartigen Motive und Impulse in diesem Wollen auf. Nur wenn man versucht, ins Gleichgewicht hinein die inneren Kräfte zu bringen, dann gelangt man zum wahren Menschtum.
Nun, mit dem, was ich gesagt habe, vergleichen Sie drei Momente, die Ihnen jetzt vor Augen treten können im zweiten Teil des «Faust». Jenen erhebenden Moment, wo der Faust vor die Manto hintritt. Da versucht Goethe, auszugießen über diesen ganzen Moment jene innere Ruhe der menschlichen Seele, welche durch die Empfindungen des Gleichgewichtszustandes hervorgerufen wird. Faust möchte weder auf der einen Seite hinein in das Schwärmerische einer abstrakten Mystik: «Könnt? ich» das ist eine seiner letzten Reden —- «Magie von meinem Pfad entfernen». Er möchte nicht äußere Magie, er möchte den inneren Weg in die übersinnliche Welt hinauf. Er ist nahe daran und doch wiederum entfernt. Goethe ist, wie ich das gestern ausführte, durchaus ehrlich in dem Augenblicke, wo Faust vor der Manto steht. Aber Faust wird auch nicht bloß in abstrakter Ruhe gehalten, sondern durch die Gegensätze hin- und hergeworfen. Daher wird er auf der einen Seite immerfort wiederum in den Gegensatz hineingeworfen, wo der Mensch sich verliert, indem er sich im Wollen zu erfassen versucht. Vergleichen sie alles das miteinander, was dem Faust passiert in den Szenen, in denen er selbst mit dem Mephisto zusammen sein Leben entfaltet. Da haben Sie immer den Willens-Faust, der aber sich immer verliert, indem eigentlich der Mephisto seine Impulse ergreift. Da haben Sie dasjenige, wo der Mensch abirrt in dem Willen, wo er sich verlieren will. Da haben Sie all die Gefahren, die den moralischen Impulsen des Menschen drohen. Und das ist eben in einer ungeheuren Tiefe im Goetheschen «Faust» zum Ausdruck gebracht.
Nehmen Sie den Moment, wo Mephisto sich vereinigt mit den Phorkyaden, wo er selbst die Gestalt einer Phorkyade annimmt, wo er in seiner ganzen Häßlichkeit auch seine Häßlichkeit gesteht, denn vorher lügt er, nachher, als die Phorkyaden ihn umfassen, da muß er seine eigene Häßlichkeit gestehen. Die Phorkyaden gestehen ja — lesen Sie die Rede der Phorkyaden noch einmal nach — ihre Häßlichkeit, sind gewissermaßen ehrlich in ihrer Häßliichkeit. In diesem Moment haben Sie einen Gegensatzmoment zu jenem heilig-erhabenen Moment, da Faust vor der Manto steht. Dasjenige, was uns uns selbst verlieren läßt im Willensmotiv, das steht so recht da, als Mephisto in der «Klassischen Walpurgisnacht» zum letzten Male auftritt. Faust tritt zum letzten Male auf, sichtbarlich, äußerlich dramatisch, in der Manto-Szene, Mephisto in der Phorkyaden-Szene. Und Goethe wollte aus seiner tiefen Empfindung heraus andeuten, daß im Grunde genommen dasjenige, was uns uns selbst verlieren läßt im Willensmotiv, nur dann Heilung finden kann, wenn wir es nicht bloß moralisch verabscheuen, sondern wenn wir es gegen unseren Geschmack verstoßend als Häßliches erleben. Das war ja auch die Grundempfindung Schillers, als er das Moralische so nahe heranbrachte an das Ästhetische in den «Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen».
Das ist gerade das Jammervolle, daß innerhalb der neueren Menschheitsentwickelung die Bildung es einmal bis zu einer solchen Höhe gebracht hat, wie sie zum Beispiel in Schillers Ästhetischen Briefen vorhanden ist, und daß das alles von der Menschheit vergessen worden ist. Man denke sich, daß Schiller eigentlich glaubte, eine politische Tat zu verrichten mit seinen zunächst an den Herzog von Augustenburg geschriebenen Asthetischen Briefen. Der lernt viel über die Entwickelung der Menschheit, der die zwei Tatsachen in ihrer richtigen Tiefe auffaßt, daß einmal das da war, daß Schiller aus der Anschauung von Goethes "Werdegang heraus seine Asthetischen Briefe geschrieben hat, daß einmal das da war; daß das vergessen werden konnte. Und daß durch das Vergessen die heutige Menschheitskatastrophe mit herbeigeführt worden ist. Wer diese zwei Tatsachen ins Auge faßt, der lernt wirklich viel über die Entwickelung der Menschheit kennen.
Und dramatisch groß ist der Moment, wo wie eine ästhetisch-ekelhafte Empfindung das moralisch Unerlaubte im Menschen lebt, dargestellt in der eigentlich furchtbaren Szene, wo Mephistopheles unter den Phorkyaden steht. Da wird charakterisiert in seiner ganzen Abscheulichkeit der Impuls, der wesenhafte Impuls, der den Menschen dazu treibt, sich selber im Willenspol zu verlieren. Lernt man ihn nicht erkennen, so wird man ihm verfallen. Denn nur das Erkennen befreit einen davon. Das finden Sie in der Schlußszene meines ersten Mysteriums «Die Pforte der Einweihung» ausgesprochen. Da ist ausgesprochen, wie nur die Erkenntnis, die unmittelbare Anschauung desjenigen, was eigentlich unser Verführer, unser Versucher ist, uns auch erlösen kann von der Verführung, von der Versuchung. Im Zeitalter der Bewußtseinsseele, in das wir eingetreten sind, ist es daher notwendig, daß wir, um die Versuchung, die Verführung zu überwinden, nach Erkenntnis des Versuchers, des Verführers in rechtmäßiger Weise streben, nicht fortsumpfen in einem bloß äußerlichen Naturerkennen und in einer bloß abstrakten Mystik.
Schließlich ist ebenso schlimm die abstrakte Mystik, das bequeme «den göttlichen Menschen erfassen in seinem Inneren», wobei nichts anderes als eine furchtbare, egoistische Abstraktion herauskommt. Ebenso schlimm als der Materialismus ist dieses abstrakte Mystifizieren.
Drei Momente, sagte ich, nehmen Sie im Goetheschen «Faust». Nehmen Sie so recht künstlerisch empfindungsgemäß das, was Sie fühlen können, da Faust der Manto gegenübersteht; das, was Sie fühlen können, da Mephisto unter den Phorkyaden selber zu einer Phorkyas wird. Und jetzt den dritten Moment: da Homunkulus am Muschelwagen der Galatee zerschellt, und fühlen Sie, was nun dieser Homunkulus ist. Wir kommen aus der geistigen Welt, suchen durch die Empfängnis und die Geburt das physische Dasein. Im physischen Dasein treten wir entgegen demjenigen, was aus dem physischen Dasein uns als unser Leib gegeben wird. Jeden Abend kehren wir zurück in die Welt, aus der wir heraustreten durch die Geburt; jeden Morgen müssen wir die Geburt bildhaft erneuern, indem wir wiederum in den physischen Körper untertauchen. Da können wir fühlen, wie wir von außen hereinkommend nicht das erreichen, was der Mensch ist, sondern wie uns nur der Homunkulus, das Menschlein, das embryonale -Menschentum entgegentritt, und wie schwierig es ist, zum wirklichen Menschen zu kommen. Wir könnten zum wirklichen Menschen kommen, wenn es uns gelingen würde, knapp vor dem Aufwachen, wenn alle Entwickelungsmöglichkeiten der Nacht ausgeschöpft sind, eine ganz helle Vorstellung zu haben. Diese helle Vorstellung wäre eine Weltvorstellung; diese helle Vorstellung wäre so, daß wir uns nirgends begrenzt glaubten, daß wir uns ausgegossen fühlten über die Welt; daß wir uns ausgegossen fühlten über alles Weltenlicht, allen Weltenton, über alles Weltenleben. Vor uns etwas wie einen Abgrund; jenseits des Abgrundes die Fortsetzung desjenigen, was wir gerade noch fühlen, bevor wir den Abgrund betreten beim Aufwachen: Wärme. Wärme, sie strömt über den Abgrund hinüber. Nun aber treten wir über den Abgrund ein durch das Aufwachen in Luft, Wasser, Erde, die ja unseren eigenen Organismus zusammensetzen. Allerdings, wir treten dem Menschen nahe, wir haben uns vorbereitet, indem wir den Homunkulus befruchten ließen in der geistigen Welt, den Menschen zu erfassen. Aber im gewöhnlichen Verlauf des Lebens tun wir das nicht, was ich jetzt eben angedeutet habe. Die lebendige Vorstellung, die wir haben, die ein Sich-Erleben im Licht, im Weltenton, im Weltenleben wäre, die ein Sich-Zusammenfinden wäre mit den Wesenheiten der höheren Hierarchien, die ebensogut sich verbunden fühlen würde mit den Wesen der höheren Hierarchien, wie sich hier der physische Leib verbunden fühlt mit dem mineralischen, mit dem pflanzlichen, mit dem tierischen Reich, diese Vorstellung, die wir entwickeln würden, wenn der Schlaf knapp vor dem Aufwachen an uns sein Werk getan hätte, die müßten wir mitbringen ins Aufwachen hinein, müßten wir hineinversenken in unseren Leibesmenschen. Dann würden wir das verstehen können, was der Leibesmensch ist. Aber, ach:
Die Götter wollen’s nicht leiden.
Wir tauchen unter. Es flammt auf, es blitzt - das bemerken wir kaum. Statt in uns selber hineinzuschauen, schauen wir aus dem Auge heraus, statt in uns selber hineinzuhorchen, hören wir aus dem Ohre heraus, statt in uns selber hineinzufühlen, fühlen wir mit den Tastnerven aus der Haut heraus. Homunkulus, der aufleben würde und zum Menschen werden, wenn wir nicht untertauchen würden in das, was durch die physischen Augen nur erreichbar liegt, durch die physischen Ohren, durch den physischen Ton, durch das physische Getaste nur erreichbar liegt, Homunkulus zerschellt in dem Augenblicke an dem Widerstand der Elemente. Das Augenlicht flammt auf statt des Weltenlichtes, der Ohrenton beginnt statt des Weltentones, das Körperleben beginnt statt des Weltenlebens: Homunkulus zerschellt. Und wenn man es bewußt erlebt, so ist der Schluß der «Klassischen Walpurgisnacht» erlebt. So ist dieser Schluß der «Klassischen Walpurgisnacht» aus dem wahren, wirklichen Leben genommen.
Diese Dinge sind nicht dazu da, daß nur in Sonntagnachmittagspredigten in der Anthroposophischen Gesellschaft über sie gesprochen werde, sondern diese Dinge sind wahrhaftig dazu da, daß sie von der Menschheit allmählich gewußt werden, und daß sie als Impulse wesenhaft durchdringen dasjenige, was in die Entwickelung der Menschheit gegen die Zukunft hin aufgenommen werden muß, wenn diese Menschheit dem Heil und nicht dem Unheil entgegengehen soll. Denn seinen richtigen Zusammenhang mit der Wirklichkeit findet der Mensch wirklich nur, wenn er sich von jetzt ab neue Begriffe aneignet. Wenn er anfängt zu durchschauen, daß dasjenige, was man gerade als die große Errungenschaft des 19. Jahrhunderts immer gepriesen hat, ein Ende ist.
Es ist nicht zu verwundern, daß von einem gewissen Gesichtspunkte aus diese Errungenschaft des 19. Jahrhunderts, die ins 20. Jahrhundert hinüberreicht, als vollkommen empfunden wurde. Es ist gar nicht zu verwundern. Denn, nicht wahr, bevor der Baum im Herbste alles abwirft, ist er gerade in seiner vollkommensten Fruchtentfaltung. Diese Naturwissenschaft des 19. Jahrhunderts, die noch hereinspukt in das 20. Jahrhundert, alle diese technischen Vollkommenbheiten, die bis zu einer gewissen Höhe gekommen sind, sie sind der Baum, bevor er seine Früchte abwirft. Das, worauf das alles gewachsen ist, es ist ja zum Verdorren, und es genügt nicht, daß dieser Baum weiterwächst, sondern es muß in den Kulturboden der Menschheit ein neuer Same gelegt werden, und ein neuer Baum gepflanzt werden. Es genügt nicht, daß wir denken, wir haben die Entwickelung der Tiere erkannt, wir denken sie uns etwas weitergeführt, dann den Menschen. Es genügt nicht, daß immer mehr solche Geister auftreten, die zuerst in einer genialen Weise über Tiere Artikel schreiben und später ein Buch über die Entstehung des Menschen so wie eine Fortsetzung schreiben, sondern es ist notwendig, daß mit der Geradlinigkeit der Entwickelung gebrochen werde, und die Menschen verstehenlernen den Rhythmus des Lebens, der in Wellenberg und Wellental verfließt; daß die Menschen lernen, wie in das Innere der Menschheit der Weg nicht geht in geradliniger Weise, sondern über zwei Grenzen. An der einen Grenze glaubt man schier ersticken zu müssen, weil einen jemand erfaßt, der einen nicht bis dahin kommen läßt, wo das Denken hinkommen will. Auf der andern Seite glaubt man schier, daß man zugrunde gehe mit dem Geschleiftwerden durch die mephistophelischen Gewalten. Das Gleichgewicht zu finden zwischen dem Homunkulismus und dem Mephistophelismus, zwischen dem im Homunkeltum-Aufgehen und Sich-nicht-erreichen-Können, und dem vom Mephistopheles Erfaßtwerden und Sich-Verlieren. Das Verständnis dieses Gleichgewichtes, das ist es, was über die moderne Menschheit kommen muß, und das ist es, in dem Goethe vorahnend als in der Empfindung davon lebte, als er versuchte, ganz ehrlich zu sagen, was er über das Menschheitsrätsel zu sagen hatte in seinem «Faust». Herauswachsen aus dem, was heute bildhaft die Vorstellung der platten Menge ist, das ist es gerade, wonach die Menschheit hinstreben soll. Nichts wird heute mehr angefeindet als dieses Herausstreben. Mit nichts schadet sich die Menschheit mehr als durch dieses Anfeinden des Herausstrebens aus der platten Alltäglichkeit. Aber solange dieses Bekämpfen des Herausstrebens aus der platten Alltäglichkeit nicht auf der andern Seite wirklich bekämpft wird von denjenigen, welche die Notwendigkeit des Eindringens in das Übersinnliche anerkennen, so lange kann nicht Heil kommen in die Entwickelung der Menschheit.
Hamerling versuchte am Ende des 19. Jahrhunderts in seinem «Homunkulus», man möchte sagen, einen noch aus der alten Zeit hervorgehenden, letzten Ruf an die Menschheit zu richten, indem er wirklich all das, was an verfaultem Wesen in dieser neueren Menschheit ist, als Homunkeltum hinstellte.
Man könnte sich eines denken: jemand läse jetzt den Hamerlingschen «Homunkulus», der am Ende der achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts erschienen ist, diesen «Homunkulus», über den ich ja manchen Vortrag gehalten habe, wahrhaftig auch vor dem Kriege nicht ohne eine gewisse Bedeutung darüber gesprochen habe. Nehmen wir an, es läse jetzt jemand diesen Hamerlingschen «Homunkulus», er lasse auf sich wirken, was Hamerling sich denkt von dem Werdegang seines Homunkel. Das alles hat er gedacht am Ende der achtziger Jahre, als schon gebrochen war mit allem Goetheanismus, als schon die Menschen nichts mehr wissen wollten von allem Goetheanismus. Hamerling hat dargestellt den Werdegang des Homunkel: wie er ganz von materialistischem Denken erfaßt wird, wie er lebt in einer Welt, in der man sich nicht bereichert durch geistige Schätze, wohl aber Billionär wird -— Homunkel wird Billionär -, in der man sich in der frivolsten Weise selbst mit der geistigen Welt zu schaffen macht, in der sich schon ausbildet, mit Respekt zu vermelden, jener Journalismus, der seither noch viel furchtbarere Versumpfung erfahren hat. Man nehme an: jetzt läse jemand diesen Hamerlingschen «Homunkulus». Nun würde er sich vielleicht sagen: Ja, Gott, dieser Hamerling - er ist 1889 gestorben - hat eigentlich doch nur mit physischen Augen, als er seinen «Homunkulus» schrieb, die Menschheit gesehen, wie sie damals war auf den Wegen, denen sie zueilte. Nehmen wir an — so könnte ein solcher sagen, der jetzt diesen «Homunkulus» liest —, die Leute hätten damals so etwas, wie das ist, was Hamerling in seinem «Homunkulus» zeigt, ernst genommen, sie hätten es wirklich ein bißchen auf sich wirken lassen, nicht bloß als literarisches Produkt, sondern sie hätten es ernst genommen, dann hätten sie sich wahrhaftig nicht verwundert, wenn jemand gesagt hätte: Aus dieser Menschheit muß diese Weltkatastrophe entstehen ganz notwendigerweise. - Das kann sich jemand sagen, der heute den «Homunkulus» liest. Was ist weiter verwunderlich daran, daß diese Weltenkatastrophe entstanden ist, da ein Dichter der achtziger Jahre den Menschen Homunkel in dieser Weise darzustellen vermochte?
Aber der Ruf, der da liegt in dieser Darstellung des Menschen Homunkel, ist zu gleicher Zeit der, nicht stehenzubleiben bei dem Leben, das doch nur ein Homunkeltum gibt, sondern hinüberzusetzen über den Abgrund da, wo Geisteswissenschaft redet von den übersinnlichen Erkenntnissen, die erst den Homunkulus in einen Homo verwandeln können. Und so könnte man sagen: In den Homunkulismus, der sich in einer Welt, in die sich der Mensch heute nicht so gern versetzen will, befindet in der Szene, die wir heute darstellen, zwischen den Homunkulismus und den Mephistophelismus, der aber in die Region der Phorkyaden führt, ist die Menschheit hineingestellt. - Goethe ahnte das und stellte es dar in seinem «Faust». Er ahnte schon, daß ein Weg gebahnt werden muß, der ebenso sehr die Klippe phantastisch-abstrakter Mystik vermeidet wie die andere Klippe wirklichkeitsfremder gespensterhafter Naturanschauung, der aber hinführt ins übersinnliche Erkennen und aus dem übersinnlichen Erkennen heraus auch wiederum soziale Impulse findet.
Das ist nun gewissermaßen eine tiefere Bewußtseinsschicht. Dringen wir in sie ein, durchdringen wir unsere Empfindung mit ihr, lernen wir gewissermaßen die Sprache jener Bewußtseinsschicht verstehen, die aus den Regionen kommt, wo man fühlt, im Denken kann man sich nicht erreichen, im Wollen verliert man sich. Das Sich-nicht-erreichen-Können im Denken ist homunkelisch, das Sich-Verlieren im Wollen ist mephistophelisch. Empfindet man dies, dann steht man darinnen in so tiefen Szenen mit einer Sprache, die einem eben verständlich macht dasjenige, was in einer solchen Szene gegeben ist, wie die Szene ist vom Schluß der «Klassischen Walpurgisnacht».
Schließlich, jeder sieht die Welt so an, wie sie sich ihm darstellen kann nach seinen empfangenen Kräften. Aber die gegenwärtige Aufgabe der Menschheit besteht darinnen, diese empfangenen Kräfte zu steigern, damit manches von der Welt gesehen werde, was zum Unheil der Menschheit in den letzten Jahrzehnten nicht gesehen worden ist.
Und so ist auch eine wirkliche Vertiefung in solch eine tiefe Szene, wie diejenige ist, die wir jetzt vorführen, ein Weg für den Menschen, um gerade in der Richtung weiterzukommen, in der die Menschheit jetzt weiterkommen soll. Wie überhaupt Goetheanismus - nicht ProfessorenGoetheanismus, nicht der Goetheanismus der Goethe-Gesellschaft, an deren Spitze kein Goethe-Mann, sondern ein ehemaliger Finanzminister mit dem symptomatischen Namen Kreuzwendedich steht, nicht all das, was man geglaubt hat, aus Goethe machen zu müssen am Ende des 19. Jahrhunderts und Anfang des 20. Jahrhunderts, sondern was im Goetheanismus wirklich liegt - gesucht werden muß. Das wird ein Gutes und ein guter Impuls sein, um die Menschheit in der Richtung weiterzubringen, in der sie weiterkommen muß, wenn ihr Heil und nicht Unheil werden soll in der nächsten Zeit.