Introductions for Traditional Christmas Plays

GA 274 — 30 December 1917, Dornach

Introduction

anläßlich der Aufführung von alten deutschen Weihnachtspielen vor in der Schweiz internierten deutschen Kriegsgefangenen

Im Namen aller Freunde unserer anthroposophischen Bewegung und namentlich derjenigen, die hier an diesem Bau vereinigt sind, habe ich Sie mit tiefster Befriedigung heute auf das allerherzlichste zu begrüßen. Sie werden an die aufrichtige Herzlichkeit dieses unseres Grußes glauben. Sind ja doch die Empfindungen, die wir Ihnen entgegenbringen, durchtränkt von all dem, was wir miterleben als Folgen jener schmerzlichen Ereignisse der Gegenwart, die so tief eingreifen nicht nur in das allgemeine Weltenschicksal, sondern auch in das Schicksal jedes einzelnen Menschen, insbesondere derjenigen, deren Besuch uns heute hier zugedacht ist.

Das, was wir Ihnen bieten möchten, sind Weihnachtspiele. Anspruchslos sollen diese Darbietungen genommen werden; das bitten wir Sie zu bedenken. Denn sie sollen der Versuch sein, alte Erinnerungen der europäischen Kultur aufzufrischen. Und vielleicht kann ich am leichtesten sagen, wie es sich mit diesen Spielen verhält, wenn ich mir erlaube, darauf aufmerksam zu machen, wie ich selbst zunächst mit diesen Spielen bekanntgeworden bin.

Das, was diese Spiele darbieten sollen, steht zunächst in einem loseren Zusammenhang mit unserer anthroposophischen Bewegung, aber dies ist nur scheinbar. Nur derjenige, welcher diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft verkennt, kann des Glaubens sein, daß solche Aufgaben, wie die mit diesen Weihnachtspielen verbundenen, nicht in ihrer Richtung liegen. Muß doch in ihrer Richtung das Interesse für alles dasjenige liegen, was das geistige Leben und die Entwickelung der Menschheit betrifft.

Ich selbst wurde bekannt vor Jahrzehnten mit diesen Spielen, und zwar gerade mit den Spielen, von denen heute hier eine Probe entwickelt werden soll, durch meinen alten Freund und Lehrer, Karl Julius Schröer. Karl Julius Schröer entdeckte gerade diese Spiele, die alt sind, die irgendwo, da oder dort, in früheren Zeiten aufgeführt worden sind und die jetzt wiederum erneuert werden. Man kann viele solche Spiele allenthalben sehen. Allein gerade die beiden Spiele, um die es sich heute hier handeln wird, und einige andere unterscheiden sich doch von anderen Weihnachtspielen in ganz beträchtlicher Art. Karl Julius Schröer fand sie in den vierziger und fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts auf der Insel Oberufer. Das ist eine Vorinsel der Insel Schütt, welche durch die Donau unterhalb Preßburg, da wo Ungarn an Österreich angrenzt, gebildet wird. Da haben sich seit dem 16. oder mindestens seit dem Beginne des 17. Jahrhunderts unter den deutschen Bauern, den sogenannten Haidbauern, diese Weihnachtspiele erhalten, alle in persönlicher Überlieferung. Von Generation zu Generation sind sie gegangen. Der Haidbauer, von dem sie Karl Julius Schröer übernommen hat, hatte eigentlich nur noch die einzelnen Rollen abgeschrieben. Ein ganzes Manuskript von diesen Dingen fand sich kaum. Sie sind jedes Jahr, wenn man das konnte, wenn unter den Bauern Oberungarns die Leute dazu da waren, bei diesen Oberuferer Bauern aufgeführt worden.

Werfen wir zunächst einen flüchtigen Blick auf die Art, wie das zuging. Ich möchte das in der folgenden Weise schildern. Wenn die herbstlichen Arbeiten, die Erntearbeiten verrichtet waren, dann sammelte einer der angesehensten Bauern des Ortes, der von seinen Vorfahren diese Spiele ererbt hatte und das Recht ererbt hatte, sie aufzuführen, sich eine Reihe von Burschen zusammen und übte mit denen durch die Monate Oktober, November bis Dezember, bis in den Advent hinein die Aufführungen ein. Die Gesinnung, welche mit der Aufführung dieser Spiele verbunden war, ist eigentlich dasjenige, was das Ergreifendste an der Sache ist. Es war wirklich, indem man an die Aufführung dieser die biblischen Geheimnisse enthüllenden Schauspiele ging, das ganze mit einem tiefen moralischen Bewußtsein verbunden. Das geht schon aus den Bedingungen hervor, die man denen auferlegt, welche mitspielen wollten. Der Bauer, der damals, in den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts, diese Spiele in Verwaltung hatte, teilte diese Bedingungen in folgender Art Karl Julius Schröer mit. Er sagte: Diejenigen Burschen, die aufführen durften, die also irgend etwas in diesen Spielen darstellen sollten, mußten für die ganze Zeit der Übungen bis zum Fest folgende Bedingungen erfüllen: erstens durften sie in dieser Zeit zu keinem Dirndl gehen; zweitens durften sie keine Schelmenlieder singen und drittens mußten sie ein ehrsames Leben führen die ganzen Wochen hindurch, was für manchen eine sehr schwierige Tatsache offenbar war; viertens mußten sie in allen Dingen, die sich auf die Vorbereitungen der Spiele bezogen, rückhaltlos dem Meister folgen, der sie mit ihnen einstudierte. Das war eben irgendeiner der angesehensten Bauern.

Diese Spiele wurden aufgeführt vor Katholiken und vor Protestanten durcheinander, und auch die Aufführenden selber waren das. Die Spiele hatten zwar einen religiösen, doch nicht den geringsten Konfessionscharakter. Und feindliche Gesinnung von irgendeiner Seite gegenüber dem, was in diesen Spielen dargeboten werden sollte, war eigentlich nur von seiten der «Intelligenz» in Oberufer. Dazumal schon war die Intelligenz abgeneigt solchen volkstümlichen Weihnachtspielen, solchen von jener Gesinnung getragenen Aufführungen. Nur, zum guten Glück, bestand die Intelligenz dazumal aus einem einzigen Schulmeister, der zugleich Bürgermeister und Notar war. Eine einzige Persönlichkeit, aber sie war spinnefeind den Spielen. Und die Bauern mußten sie gegen diese Obrigkeit des Ortes durchführen.

Teilnehmen durften an den Aufführungen als Mitspielende nur Burschen. Von dieser Gepflogenheit müssen wir aus leicht begreiflichen Gründen absehen; wie überhaupt manche Finessen, die mit jenen Aufführungen verbunden waren, wir natürlich nicht nachmachen können, obwohl wir uns bemühen, durch unsere eigenen Aufführungen eine Vorstellung von dem hervorzurufen, was dazumal durch die Bauern geboten werden konnte.

Die Burschen hatten auch die Frauenrollen darzustellen. Eva, Maria und so weiter wurden durchaus von Burschen dargestellt. Nachdem sie wochenlang geübt hatten, setzte sich der ganze Zug der Spieler in Bewegung. Vorne ging einer, der einen sogenannten Kranawittbaum als Paradiesesbaum oder Weihnachtsbaum trug. Das ist ein Wacholderbaum. Dahinter kam dann der Sternträger, der auf einer Stange oder auch auf einer sogenannten «Scher» den Stern trug. Sie werden es nachher sehen: die Schere ist so eingerichtet, daß der Stern durch Aufrollen der Sternschere nah oder fern gemacht werden kann. So bewegte sich der Zug dem Wirtshaus zu, in dem die Aufführung stattfinden sollte. Die Bekleidung derjenigen Personen, die mitspielten, außer dem Teufel und außer dem Engel, wurde erst im Wirtshaus selbst bewerkstelligt. Während sich die Personen ankleideten, lief im ganzen Ort der Teufel, den Sie auch kennenlernen werden, herum, machte überall Unfug mit einem Kuhhorn, machte aufmerksam, sprach auf die Leute ein, kurz, er bewirkte, daß möglichst viele Leute im Wirtshaus erschienen, wo dann die Aufführung stattfinden sollte. Die Aufführung selbst war dann so, daß die Zuschauer in einer Art von Hufeisenform saßen, und daß die Bühne in der Mitte dieses Hufeisens war, was wir natürlich wiederum auch nicht nachmachen können.

Sie werden sehen, daß es im wesentlichen biblische Erinnerungen sind, die aufgeführt wurden. Als erstes — die Aufführungen wurden bewerkstelligt zwischen drei und fünf Uhr — wurde in der Regel aufgeführt das Hirten-Weihnachtspiel, das wir hier als zweites darstellen. Es stellte dar die Verkündung des Christus Jesus durch den Engel, die Geburt des Christus Jesus, also alles dasjenige, was unser zweites Spiel, das Hirtenspiel, darbieten wird. Dann folgte das Paradeis-Spiel, welches darstellt den Sündenfall im Paradies — unser heute aufzuführendes erstes Stück -—, dann folgte in der Regel noch ein Fastnacht-Spiel. So wie in der alten griechischen Tragödie dem Schauspiel immer ein Satyrspiel folgte, so hier ein Fastnacht-Spiel, ein komisches Nachspiel. Bemerkenswert ist, daß die Personen, welche heilige Individualitäten darstellten — Maria, Joseph und so weiter, die in den ersten Spielen auftraten — nicht im Fastnacht-Spiel mitspielen durften; so sehr verband man einen gewissen religiösen Gefühlsinhalt mit diesen Spielen.

Einzelne Dinge sind darinnen sehr interessant zu verfolgen. Wenn Sie heute das Hirtenspiel — das zweite aufzuführende — sehen werden, werden Sie drei Wirte erblicken, bei denen der wandernde Joseph, der als alter Mann in allen diesen Spielen dargestellt wird, als alter, gebrechlicher, schwacher Mann Herberge sucht für sich und Maria. Sie werden von den zwei ersten Wirten abgewiesen, von dem dritten in den Stall geführt. Das war ursprünglich anders, aber in Oberufer durchaus noch so dargestellt: ursprünglich war da ein Wirt, eine Wirtin und deren Magd. Und damit wurde noch die Idee verknüpft: der Wirt, weist Joseph und Maria ab, wie auch die Wirtin, nur die Magd bietet eine Unterkunft im Stall. Weil es wahrscheinlich schwierig geworden ist, bei den Aufführungen die nötigen jungen Leute zu finden, um eine Wirtin und deren Magd darzustellen, wurden dann die Rollen übertragen auf zwei andere Wirte, so daß wir jetzt drei Wirte haben. Aber wie gesagt, das ist beim alten Oberuferer Spiel durchaus schon nicht so zu nehmen wie bei den anderen Weihnachtspielen. Die Weihnachtspiele, Osterspiele, Passionspiele und so weiter führen zurück auf uralte Aufführungen, die alle eigentlich hervorgegangen sind aus den Kirchenfeiern. In den Kirchen hat man ursprünglich anschließend an die Weihnachtsfeier, Osterfeier und so weiter, durch die Geistlichen dargestellt, allerlei Dinge aufgeführt, die sich bezogen auf die Heilige Geschichte. Dann - namentlich dadurch, daß die Zuhörerschar immer vermehrt wurde und daß die Dinge aus der lateinischen Sprache in die Landessprache übertragen worden sind - ist es gekommen, daß die Spiele allmählich von dem Kirchlichen mehr ins Weltliche übersetzt wurden und daß sie außerhalb der Kirche durch Bauern eben dargestellt worden sind.

Und so haben wir Ihnen diese Spiele hier vorzuführen. So haben sie sich erhalten in der ursprünglichen Gestalt, die sie, wahrscheinlich schon im 16. Jahrhundert, hatten. Und zwar haben sie sich aus dem Grunde erhalten, weil sie höchstwahrscheinlich aus alten Zeiten der deutschen Entwickelung in Süddeutschland stammen, namentlich aus der Bodenseegegend. Als die verschiedenen Stämme, die ursprünglich in der Bodenseegegend von Süddeutschland waren, in früheren Jahrhunderten nach Österreich und nach Ungarn eingewandert sind, haben sie diese Spiele mitgenommen. Diese Spiele waren auch in der Heimat da, aber in der Heimat veränderten sie sich fortwährend. Da hatten zahlreiche Leute, Geistliche, Gelehrte, Einfluß auf diese Dinge, und die Dinge wurden verdorben. Unverdorben wurden sie erhalten unter der Pflege derjenigen, die inmitten der slawischen, magyarischen Bevölkerung auf sich angewiesen waren, und die durch die Jahrhunderte die Dinge in der ursprünglichen Gestalt erhalten haben. Deshalb war es für Schröer ein wirklicher Fund, als er in den vierziger, fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts unter den Deutschen Oberungarns diese Spiele entdeckte. Sie sind für eine feinere Empfindung durchaus nicht das, was die heute so vielfach aufgeführten Weihnachtspiele sind, die sich in den späteren Jahrhunderten verändert haben, sondern es ist wirklich etwas, was uns in einen Teil der europäischen Vergangenheit früherer Jahrhunderte zurück versetzt. Karl Julius Schröer war besonders geeignet, so etwas zu erhalten. Er war wirklich ein mustergültiger Mann, ein merkwürdiger Mann, und sein Andenken muß mit solchen Dingen mit erhalten bleiben; er war tief durchdrungen von dem Gedanken, wie durch solche und ähnliche Dinge eigentlich der Kitt geschaffen worden ist, der dieses Staatengebilde Österreich kulturell zusammengehalten hat auf dem Grund und Boden, der geschaffen worden ist von jenen Kolonisten, die vom Rhein, von Süddeutschland, von Mitteldeutschland her hinüber gewandert sind nach Oberungarn, gewandert sind vom Westen nach Osten; auch nach der Steiermark, nach den südlicheren Gegenden Ungarns gewandert sind als Zipser Sachsen nach Siebenbürgen, gewandert sind als Schwaben nach dem Banat, was, ich möchte sagen, wie in einer tragischen Weise den Grund und Boden abgab, auf dem sich gerade diese Kultur entwickelt hat. Nun, von diesem Kulturgedanken war Schröer ganz durchdrungen, als er die alten Erinnerungen, die in den Weihnachtspielen enthalten sind, aufgefrischt hat. Er hat manches andere auch getan. Und wenn man sich mit ihm in sein Kulturstudium versenkte, das so ohne alle Färbung des Chauvinismus war, das aber tief von der Kulturmission durchdrungen war, die damit verbunden ist, so erkannte man erst den vollen Wert der Lebensarbeit dieses Mannes, der alles das gesammelt hat, was gerade von der Mitte des 19. Jahrhunderts ab in diesen Gegenden bereits mehr oder weniger durch die sich ausbreitenden Kulturströmungen, die heute diesen Boden beherrschen, zum Verschwinden gebracht worden ist. Die Grammatik, die Wörterbücher der deutschen Dialekte in Ungarn, in den Zipser Gegenden, hat er uns in sorgfältigster Bearbeitung hinterlassen, die Heanzen-, die Gottscheer Mundart, nach der Grammatik behandelt. Es har eigentlich so sein Lebenswerk, das er der Literaturgeschichte und Goethe gewidmet hat, eine wunderbare Schilderung hinterlassen über alles dasjenige, was zusammenführt mit dem gesamten deutschen Elemente, das in allen Kulturgebieten dieses mitteleuropäischen Staates Osterreich als der eigentliche Kulturkitt zugrunde liegt. Und das ist es, was als eine besondere Idee die Forschungen Karl Julius Schröers durchlebt. So daß wir nicht bloß das Produkt philologischer oder linguistischer Gelehrsamkeit vor uns haben, sondern etwas, was gesammelt worden ist mit Herz und Sinn für dasjenige, was als Geist in diesen Sachen lebt. Und deshalb ist es so befriedigend, diese Dinge ein wenig auffrischen zu können.

Unser Freund, Leopold van der Pals, hat versucht, das musikalische Element dieser Dinge etwas aufzufrischen, und mit seiner Musik werden Sie die Darbietungen hier sehen. So daß man sagen kann, dasjenige, was wir Ihnen hier bieten, ist das Produkt von den wirklichen Mysterienspielen, den verschiedenen Weihnachtspielen, wie sie überhaupt über Europa hin verbreitet waren in früheren Jahrhunderten. Aber man sollte sie nicht in der Gestalt haben, wie zum Beispiel in jener Karikierung, in der dann die Welt die sogenannten Oberammergauer Passionsspiele bewundert hat. Da hat man nichts mehr von dem, was eigentlich in jenen alten Zeiten gewollt war.

Allerdings, manches ist nicht wieder aufzufrischen. So zum Beispiel ist nicht aufzufrischen eine besondere Art des Vortrages, die noch ganz nach alter Sitte, auch in den fünfziger Jahren noch, unter den Bauern gepflogen war. Mit Ausnahme der besonders feierlichen Momente, wo Gottvater spricht und dergleichen, wurde alles, was vorgebracht wurde, von den Mitspielenden so vorgebracht, daß der Spielende im Geiste seines Verses sprach. Der Vers hatte vier Hebungen, er trat auf, der Ton bewegte sich bei der vierten Hebung um eine Tonstufe, Tonfolge. Eine bestimmte Person, sagen wir: Joseph, den Sie nachher finden werden, der Mann der Maria, hat zum Beispiel die erste Hebung in der Tonhöhe c vorgebracht, dann e, dann f, dann wurde also wiederum zurückgegangen bei der vierten Hebung. Die anderen Personen sprachen so, daß sie mit einem c begannen, und dann dreimal die Tonhöhe e e e hatten, dann wiederum zum c zurückgingen. Mit großer Kunst, aber mit einer einfachen, zurückhaltenden Kunst wurden diese Dinge vorgebracht und man merkte daran wirklich die Weihnachts-, die österliche Stimmung mit Übergängen ins Weltliche, ohne Sentimentalität, ohne alles Gefühlselement. So ist in diesen Dingen dasjenige enthalten, was die Leute als ihr geistiges Leben, wenn sie aus der Kirche in die Welt heraustraten, fühlten und empfanden.

Es sollen noch einige Stellen erläutert werden, welche vielleicht schwerer verständlich sein könnten. Das Ganze ist selbstverständlich in der Mundart vorgebracht worden, und da kommt manches darinnen vor, was nicht gleich verständlich sein könnte. Da ist zum Beispiel im Paradeis-Spiel der Gottvater.

Wenn gesagt wird: Eva ist gemacht aus einer Rieben, Sie müssen nicht denken, daß es eine falsche Aussprache hier ist, wenn es heißt, daß Eva erschaffen wird von Gottvater aus einer Rieben des Adam. Der Bauer sagt wirklich nicht Rippe, sondern Riebe. Der Teufel meldet dann im Laufe des Herodes-Spieles einmal, er habe a paar ratzen. Ratzen ist eine Entstellung von Ratten. Dann ist vielleicht auch nicht allgemein bekannt das Wort «Kletzen».

Hätten Adam und Eva Kletzen gfress’n,
’s wär ihna tausendmal nützer gwes’n.

Nun, Kletzen ist etwas, was in jener Gegend, wo die Spiele aufgeführt wurden, zu Weihnachten immer gegessen worden ist: das sind nämlich gedörrte Pflaumen und Birnen. Das wird gesagt, damit die Leute an etwas anzuknüpfen haben, was sie schon kennen. Dann das Wort frozzeln, welches der Teufel gebraucht. Frozzelei, necken, sich lustig machen. Es gibt in beiden Spielen so einige Ausdrücke, die vielleicht nicht sogleich verständlich sein werden.

So werden Sie sehen, daß von den Wirten namentlich eine Redensart gebraucht wird:

I åls a wirt von meiner gstålt
Håb in mein haus und loplaynt gwålt.

Da könnte man meinen, daß der Wirt denkt, er sei ein Wirt von einer besonderen Statur, Gestalt und hätte in seinem Haus Gewalt. Es bedeutet dies aber Rang. Ich als ein Wirt von meinem Rang, von meinem Gestelltsein. Der so gut gestellt ist, solches Ansehen hat, der hat in seinem Haus Gewalt, nämlich Anziehungskraft für sein Wirtshaus. Also: ein Wirt, der weiß, seinem Haus solchen Ruf zu geben wie ich, der hat die Macht, sein Haus in solches Ansehen zu bringen, daß es viele Leute zu Gästen hat. Das ist mit diesem Ausdruck gemeint. Geschrei bedeutet: Gerücht; das Wort braucht der Bauer für ein Gerücht, das sich verbreitet. Der Engel sagt: Elisabeth stehe in dem Geschrei, daß sie unfruchtbar sei. - Also ist damit gemeint: es gehe das Gerücht, daß sie unfruchtbar sei. Aber der Bauer sagt: Geschrei, er sagt nicht: das Gerücht. Dann werden Sie von einem der Hirten das Wort hören: um und um. Das kommt öfter vor, es ist so üblich.

I hob’s ihm glichen um-und-um. Also: ich habe ihm meine Handschuhe geliehen, wie schon öfter. Dann finden Sie unter den Hirtenreden öfters das Wort bekern. Das ist in der Gegend, wo die Spiele gespielt wurden, gebräuchlich für etwas, was sich zugetragen hat; also eine Geschichte, die sich erzeugt, die sich zugetragen hat. Als sie sich sehen, sagen sie: es hat sie gefrört, gefroren; oder der Ausdruck: spiegelkartenhal is. Der Boden ist so glatt wie ein Spiegel.

Ein besonders hübsches Wort ist die Art, wie der eine Hirte aufmerksam gemacht wird, daß es schon spät ist, daß die Vögel schon zwitschern — das ist in der Bauernsprache piewen.

Stichl, steh auf, die waldvegala piewa scho!

In der zweiten Zeile sagt der Gallus:

Stichl, steh auf, dö fuhrleut kleschn scho auf der stroßn.

Kleschen, das ist mit der Peitsche knallen. Die Fuhrleute knallen schon mit der Peitsche auf der Straße.

Das sind so einige Ausführungen, die ich unserer Aufführung noch voranstellen wollte, Im ganzen können die Spiele durchaus für sich selber sprechen. Sie sind der schönste Abglanz von allem, was in früheren Jahrhunderten durch ganz Mitteleuropa ging, in solchen festlichen Spielen ablief. Es gibt zum Beispiel noch die St. Galler Handschrift, die aus 340 Versen besteht. Es gibt Spiele, die bis ins 11. Jahrhundert zurückgehen. Aber alles dasjenige, was sonst in dieser Beziehung existiert, glaube ich, kann nicht ganz heranreichen an die Innigkeit, die gerade in den Oberuferer Spielen liegt, die bis in die fünfziger Jahre des 19. Jahrhunderts sich in der Preßburger Gegend erhalten haben.

Man darf schon sagen: Diese Spiele gehören zu jenen Dingen, die sich leider verloren haben, die verschwunden sind und die man so gern, so gern wiederum auffrischen möchte. Denn sie sind wirklich so, als ob man durch sie sich erinnerte an das, was mit dem Werden unseres geistigen Lebens so innig zusammenhängt.

Das ist es, was vor der Aufführung Ihnen zu sagen ich mir gestatten wollte.

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