Introductions for Traditional Christmas Plays

GA 274 — 24 December 1922, Dornach

Introduction

Wie seit vielen Jahren wollen wir auch diesmal Ihnen ein Weihnachtspiel vorführen, ein Volksspiel, welches in eine dramatisch-politische Zeit des Volkes zurückführt, ein Spiel, das gepflegt worden ist, lange bevor die moderne Arbeit der Bühne und des Bühnenspiels innerhalb Europas, des neueren Europa überhaupt, aufgekommen ist.

Die Spiele, die bei uns hier vorgeführt werden - das Adam und Eva-Spiel, welches gestern dargestellt worden ist1 und in den nächsten Tagen wiederum dargestellt werden wird, und das heutige Spiel, das Christ-Geburt-Spiel, und das Spiel, das ebenfalls in den nächsten Tagen vorgeführt werden wird, das Dreikönig-Spiel — diese Spiele lernte ich vor jetzt fast vierzig Jahren durch meinen längst verstorbenen Freund und Lehrer, Schröer, kennen. Karl Julius Schröer war eine Persönlichkeit, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ganz besondere Verdienste gehabt hat um die Erkenntnis jener deutschen Dialekte, welche namentlich den deutschen Kolonisten angehören, die einmal — wahrscheinlich schon im 16. Jahrhundert, gewiß aber im 17. Jahrhundert — aus Gegenden, die uns hier gar nicht so ferne liegen, aus Süddeutschland und vielleicht der Nordschweiz nach dem Osten hin ausgewandert sind; deutsche Kolonisten, die sich sowohl in Westungarn niederließen, im nördlichen und im südlichen Westungarn, dann auch in Nordungarn, südwärts der Karpaten und in anderen Gegenden Ungarns.

Karl Julius Schröer hat alle diese Gegenden bereist und in mannigfaltigster Weise die verschiedenen dialektischen Sprachen studiert. Es war so, daß dieses Wesen des Volkes schon dazumal eigentlich in der Abenddämmerung war; andere Völkerschaften nahmen diese Volkstümer auf, absorbierten sie. Es sind außerordentlich interessante und schöne Bücher, die zwar im Gewande des Wörterbuches auftraten, die aber dennoch außerordentlich interessant für denjenigen sind, der sich damit beschäftigen will, in denen Schröer die Sprache bearbeitet, die, wie gesagt, in uns nicht ferne liegenden westdeutschen Gegenden aufgekommen ist und dann durch Kolonisten nach dem Osten bis nach der Donau und den Karpaten also hineingetragen worden ist.

Unter diesen Leuten, in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, fand Karl Julius Schröer diese Weihnachtspiele, die wir hier aufführen; er hat sie dort kennengelernt. Diese Weihnachtspiele sind wohl entstanden im 16. Jahrhundert oder noch früher unter den Leuten, noch als sie mehr im westlichen Deutschland gelebt haben, bis zum Rhein hinüber. Das können wir noch aus gewissen Sätzen in den Stücken selber entnehmen. Sie sind dann, als sie auswandern mußten, von den Menschen mitgenommen worden und wurden immer wieder und wiederum alljährlich im Kolonistenlande, in Ungarn, aufgeführt. Unter dem Stand der sogenannten Haidbauern, welche in der Nähe von Preßburg, einer heutigen tschechoslowakischen Gegend, ihren ursprünglichen Duktus vom alten Volkstum her, lange bewahrt haben, wurden die hier aufgeführten, wieder aufgeführten Spiele eben jedes Jahr dort volkstümlich aufgeführt, aufgeführt in demjenigen Dialekt, den sich diese Leute vom Westen nach dem Osten hingetragen haben.

Diese Volksspiele sind gerade innerhalb dieses Kolonistenvolkes in einer echteren alten Gestalt erhalten geblieben, als sie in anderen Gegenden, wo auch ähnliche Spiele gespielt wurden, erhalten worden sind. Denn diejenigen, die sich von dem Stamme ihres Volkstums getrennt haben, in die Fremde gezogen sind, haben solche Dinge wirklich als ein heiliges Gut bewahrt. Bei den armen Leuten - denn das waren sie wirklich - von Oberufer zum Beispiel und den benachbarten Gegenden auf der ungarischen Donau-Insel Schütt war es so, daß in einer besonders angesehenen Familie Abschriften dieser Spiele vom Vater auf den Sohn und von diesem auf den Enkel immer wiederum übergingen. Derjenige, welcher diese Spiele bewahren durfte, war in der Regel auch derjenige, welcher die Art und Weise, wie man sie spielte, in mündlicher Überlieferung von seinen Vorfahren erhalten hatte. Er war der sogenannte Lehrmeister. Er versammelte vielleicht mit einem Gehilfen im Herbste, wenn die Weinlese vorüber war, diejenigen Burschen des Ortes, die er für geeignet hielt, die Spiele aufzuführen. Nur Burschen wurden dazu verwendet; ein Gebrauch, den wir nicht nachmachen können. Diesen Burschen wurde Ernstliches auferlegt in dieser Zeit. Vor allen Dingen mußten sie einen außerordentlichen, sittlichen Lebenswandel führen, mußten friedfertig mit den übrigen Dorfbewohnern in der ganzen Zeit von der Weinlese bis zum Advent leben. Dann erst wurden sie für würdig gehalten, wirklich mitzutun bei demjenigen, was dann vom Advent bis zum Heiligen Dreikönigs-Tag an solchen Spielen aufgeführt worden ist.

In solchen Spielen drückte das Volk dasjenige aus, was für seine Anschauung, für seinen ästhetischen Genuß, möchte ich sagen, das Richtige war. Aber diese Spiele waren zu gleicher Zeit - ihre Stoffe sind ja den wichtigsten, für das Volk wichtigsten Partien der biblischen Geschichte entnommen — dem Volke ein Ausdruck seiner innigsten Frömmigkeit. Daher durften zum Beispiel auch in der ganzen Zeit, in der geübt wurde für diese Spiele, in dem Dorfe keine Musik aufgeführt werden, die eine andere gewesen wäre als die, die zu den Spielen gehörte. Und es ist uns überliefert, daß, als einmal einzelne Spielleute in ein Dorf kamen - sie sind mit ihren Spielen in die verschiedenen Dörfer herumgezogen —, man ihnen zu Ehren die Dorfmusik hat aufspielen lassen. Da sagten sie ganz entrüstet: Hält man uns denn für Komödianten, daß man uns mit dieser Musik kränkt? — Sie betrachteten das als etwas durchaus Ernstes, was in der Aufführung solcher Spiele lag.

Dann, wenn die Adventszeit und später die Weihnachtszeit herangekommen war, wurden diese Spiele in einem Wirtshause aufgeführt. Die Leute aber trugen tatsächlich ihr frommes, echt frommes Gemüt, ihre heilige Stimmung, möchte ich sagen, in dieses Wirtshaus hinein. Diese Spiele tragen echt volkstümlichen Charakter schon dadurch in sich, daß sie erstens in der ganzen breiten Entwickelung des europäischen Spielwesens darinnen stehen. Man sieht das in den Nachwirkungen der Bilder, denn solche sind es, die immer wiederum eingestreut sind in die Handlung der Spiele. Man sieht, wie sich die Spieltradition aus dem alten Griechenland bis in diese einfachen Volksspiele hinein fortgesetzt hat.

Aber etwas anderes ist noch viel, viel wichtiger. Es ist dieses, daß eingestreut sind immer zwischen die zarteste, echte Frömmigkeit atmende Stimmung derbe Volksszenen mit robusten Späßen. Das ist gerade das Eigentümliche, das in diesen Stücken zum Beispiel neben der außerordentlich zart gezeichneten, in wunderbar frommer Verehrung gekennzeichneten Gestalt der Jungfrau Maria hingestellt ist der etwas tölpische Joseph. Es wurde auch nicht gerade besonders zart dargestellt in der Szene, wo neben das Ergreifende, zum Beispiel wo die Hirten dem Jesus-Kinde opfern, hingestellt ist, neben diese fromme, heilige Szene dasjenige, was die Hirten auf dem Felde an lustigen Späßen untereinander austauschen und so weiter. Gerade das zeigt uns aber, wie diejenigen, deren Namen nicht erhalten sind, die aus echter Volksempfindung heraus diese Spiele gemacht haben, die wahre, ehrliche Frömmigkeit des Volkes kannten, die niemals sentimental wurde. Gerade dann war sie ehrlich, wenn sie nicht in die unehrliche Sentimentalität verfiel, wenn daneben vertragen werden konnte zugleich das Lachen und die derben Späße. Und in schöner Weise haben diejenigen, die solche Spiele gestaltet haben, herauszuformen gewußt aus dem derben Volksspaß dasjenige, was in einer zarten, frommen Verehrung, möchte ich sagen, himmelwärts dringen will.

Wie gesagt, Karl Julius Schröer hat in den fünfziger Jahren diese Spiele noch selbst von den Bauern der Haiddörfer aufführen sehen. Dazumal war es, gerade auch um die Weihnachtszeit, daß ich von ihm hörte von diesen Volksspielen. Er sprach mit einer ungeheuren inneren Hingabe, denn er liebte alles dasjenige, was volkstümlich war, und in seinen Worten lag selber etwas von einem Abglanz der Weihe, welche von den Bauern mit diesen Stücken verbunden wurde.

Er übergab mir dann das Büchelchen, in dem er in den sechziger Jahren diese Stücke verfolgt hat, und ich konnte mit ihm nachher noch manches Gespräch führen, in dem er aufmerksam darauf machte, in welcher Weise der Dialekt gehandhabt wurde, in welcher Weise die Sprache geformt wurde in bäuerlich künstlerischer Weise, kann man schon sagen. So konnten wir über Gebärden, über die ganze Gestaltung des Stückes sprechen. Es war schon eine Offenbarung echten Volkstumes; sie wuchs mir dazumal wirklich recht gründlich ans Herz. Und als wir in der Lage waren, innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft nun schon vor vielen Jahren solches aufzuführen, war es vor allen Dingen mein Bestreben, zur Weihnachtszeit immer diese Stücke aufzuführen, soweit das bei den verwendeten Mitteln, die man für ein Bühnenmäßiges hatte, selbstverständlich möglich war, so daß ein Bild gegeben wird dessen, was das Volk in alten Zeiten vor sich hatte, und was es in gewissen Gegenden bis vor kurzer Zeit noch bewahrt hat.

Jetzt sind wohl diese Spiele zum großen Teil verlorengegangen. Wir durften selbst während der Kriegszeit die Spiele aufführen. Freunde von uns durften sie in den Lazaretten aufführen und während des furchtbaren Krieges die Kranken erfreuen und befriedigen mit diesen Spielen. Auch in Dornach spielen wir sie hier nun seit Jahren und versuchen es auch in diesem Jahre wiederum so, daß dadurch wirklich ein Bild entsteht zu gleicher Zeit von dem religiösen Gehalte und von dem volkstümlich-künstlerischen Streben.

Dasjenige, was Inhalt der Aufführungen ist, meine sehr verehrten Anwesenden, ist so überliefert, wie es immer vom Vater auf den Sohn und Enkel übergegangen ist, und wie es dann Karl Julius Schröer nach seinem Eindrucke beim Hören aufgezeichnet hat, wie er es aufgezeichnet hat nach dem, was ihm die Mitspielenden sagten. Nur in einem Falle habe ich mir erlaubt, ein in der Überlieferung nicht Vorhandenes hinzuzufügen. Sie konnten es gestern schon sehen beim Paradeis-Spiel, werden es dann sehen, wenn das Paradeis-Spiel wiederum aufgeführt wird, aber ich bin fest davon überzeugt, daß dieses Stück vorhanden war, und es kann sich nur darum handeln, den Geist, der dazumal im Volke lebte, wiederum lebendig werden zu lassen, so daß schon eine Überlieferung, die eben zu der Zeit da war, die schon einmal vorhanden war, ich möchte sagen, schwarz auf weiß vorhanden gewesen ist und nur verlorengegangen ist, daß die nun bühnenmäßig notwendig geworden ist. Wir versuchen durch die Aufführung dieser Spiele ein echtes Bild von dem zu geben, was: in vielen Gegenden als Volkstum im 16. Jahrhundert bis zum 11. Jahrhundert zurückgelebt hat und was am treuesten die armen Leute bewahrt haben, die dazumal gerade im Untergang ihres Volkstums lebten, welches Volkstum Karl Julius Schröer bewahren wollte, indem er es aufzeichnete in Wörterbüchern, sprachdramatischen Büchern, und indem er es uns gerade erhalten hat in diesen Weihnachtspielen.

Es sind viele dieser Weihnachtspiele auch von anderen dann gesammelt worden, aber mir scheint doch, daß diese Spiele der Haidbauern diejenigen sind, wo dasjenige, was da einmal im Spätmittelalter war, am reinsten bewahrt worden ist.



  1. Am 23. Dezember 1922 fanden nachmittags 5 Uhr und 6.30 Uhr zwei Aufführungen des Paradeis-Spieles statt, von denen aber keine Nachschriften vorhanden sind. ↩

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