Introductions for Traditional Christmas Plays

GA 274 — 8 January 1922, Dornach

Introduction

Dieses Dreikönig-Spiel1 gehört in die Reihe derjenigen christlichen Festspiele, welche vor jetzt etwa siebzig Jahren mein alter Lehrer und Freund Karl Julius Schröer in der Oberuferer Gegend gefunden hat, im westlichen Ungarn, in der Nähe von Preßburg. In dieser Oberuferer Gegend befinden sich in Ungarn eingestreut deutsche Dörfer, namentlich in slawischen Gebieten; Dörfer, welche in einem ausgiebigen Maße die deutsche Sprache noch um die Mitte des 19. Jahrhunderts hatten. Die deutschen Stämme, welche dort saßen, gehörten den sächsischen Stämmen an, den gleichen Stämmen, denen auch diejenigen Deutschen angehören, die am Südrande der Karpaten, in der Zipser Gegend wohnen, die dann auch in Siebenbürgen wohnen. Andere deutsche Stämme sind die schwäbischen Stämme, die mehr im Banat wohnen. Es sind das diejenigen deutschen Stämme, welche im Verlauf des 15., 16. Jahrhunderts wahrscheinlich von westlichen Gegenden Mitteleuropas, sogar von Gegenden am Rhein, vom Siebengebirge noch Osten gezogen sind und sich als Kolonisten in den ungarischen Gebieten niedergelassen haben. Allerdings gerade in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden ja diese Gebiete sehr gewaltsam magyarisiert, und das deutsche Element ging zum größten Teil verloren und damit auch solche Volkstümer, wie diese Weihnachtspiele, das Dreikönig-Spiel und so weiter es sind.

Diese Spiele weisen uns in diejenigen Zeiten zurück, in denen sich über das ganze West- und Süddeutschland, auch über einen großen Teil der Schweiz, christliche Festspiele ausgebreitet haben. Wir können diese Festspiele bis in das 11., sogar bis in das 10. Jahrhundert zurück verfolgen. Als älteste Formen finden wir sie in den Kirchen aufgeführt, zum Weiihnachtsfeste, wo die Krippe aufgestellt worden ist, und wo die Geistlichen selbst — zuerst in lateinischer Sprache - diese Festspiele aufgeführt haben. Für die damaligen Begriffe war dieses Aufführen in lateinischer Sprache ebensowenig störend, wie ja heute noch im Katholizismus das lateinische Messelesen nicht störend ist. Später trifft man solche Festspiele an, welche die Heilige Geschichte, die Geburt Christi, das Erscheinen der Hirten, der Heiligen Drei Könige und so weiter zum Gegenstande haben, allerdings dann in der Landessprache und zwar im Dialekt, nur noch mit lateinischen Ausdrücken durchsetzt. Sie werden dann später auch von Laien aufgeführt, nicht mehr von Geistlichen, wandern aus der Kirche an andere, öffentliche Orte, namentlich in Gasthöfe, wo sie dann von Laien dargestellt werden. Solche Festspiele hatten die von Westen nach dem Osten wandernden Stämme, diese Kolonisten, mitgenommen, und sie hatten sie wirklich wie ein Heiligtum verehrt.

Wenn im Herbste die Weinlese zu Ende war, sammelte derjenige, der die Manuskripte dieser Spiele hatte — das war in der Regel der Angehörige einer wohlangesehenen Dorffamilie -, die jungen Burschen des Ortes. Frauen durften nicht mitspielen, nicht Mitdarsteller sein. Er sammelte die Burschen des Ortes, die er für geeignet hielt, und studierte durch Monate hindurch bis zur Weihnachtszeit hin diese Festspiele mit ihnen ein. Die ganze Inszenierung dieser Sache war eine außerordentlich feierliche. Es gab von dem Lehrmeister verfaßte und den Burschen in die Hand gegebene strenge Vorschriftsmaßregeln, denen sich jeder zu fügen hatte. Sie mußten zum Beispiel — so wird betont in diesen Vorschriften — während der ganzen Zeit sich des Trunkes enthalten; sie mußten ein moralisches Leben führen; und ähnliche Vorschriften hatten sie zu erfüllen, die wirklich etwas Außerordentliches bedeuteten gerade innerhalb der Dorfgemeinde. Man sah also dem Herannahen dieser Festspiele wirklich in feierlicher Stimmung entgegen. Und wenn die Aufführungen kamen zu Weihnachten, am Dreikönigstag, da versammelte sich dann die Bewohnerschaft des Ortes in den entsprechenden Gasthöfen. Es wurden die Bänke an die Wand gestellt und in der Mitte des Saales wurde dann die Sache aufgeführt.

Wir haben versucht, soweit es bei unseren Verhältnissen geht, die Art und Weise nachzuahmen, wie die Aufführung gerade innerhalb des Volkstums stattgefunden hat. Alles läßt sich natürlich nicht nachahmen, vor allen Dingen nicht die Anordnung, wie sie im Gasthof war; wir wählen die bühnenmäßige Anordnung. Aber in allem übrigen sind wir, soweit es möglich ist auf die Überlieferung einzugehen, der Forderung nachgekommen, die Spiele so vor das Publikum der Gegenwart hinzustellen, daß man schon einmal eine Vorstellung von der Art und Weise bekommen kann, wie solche Festspiele aufgeführt worden sind.

Ein anderes, das ich besonders betonen möchte, ist dieses, daß sich in diesen Spielen beobachten läßt, wie eine wirklich fromme Stimmung, eine an die Heilige Geschichte hingegebene, feierliche Stimmung, sich überall mit Humor vereinigt, der hineinspielt. Der Teufel zum Beispiel ist überall der böse Feind der Menschen, aber zugleich eine lustige Person. Und in ähnlicher Weise spielt der gesunde Humor, ein gesunder Volkshumor in die feierliche, religiöse Stimmung hinein. Das ist dasjenige, was besonders betont werden muß aus dem Grunde, weil gerade diese Seite in der Volksfrömmigkeit in diesen Gegenden vorhanden war, und sie sich bei den deutschen Kolonisten Ungarns bis ins 19. Jahrhundert hinein so erhalten hat, daß in dieser religiösen Volksstimmung keine Sentimentalität vorhanden war, sondern eine naive Ursprünglichkeit, die selbst das Erhabenste mit dem Humor durcheinanderspielen läßt.

Wir haben in diesen Festspielen etwas, was in einer viel anschaulicheren Weise, in einer viel lebendigeren Weise als sonst irgendwie, Zeiten, die nun schon seit Jahrhunderten vergangen sind, wieder auferstehen läßt vor uns. Das 15., 16. Jahrhundert steht wieder vor uns auf. So daß wir versuchen müssen, auch den Dialekt in entsprechender Weise festzuhalten, und, so gut es geht, versuchen müssen, diese Stücke auch in demjenigen Dialekt wiederzugeben, in dem sie dann im 19. Jahrhundert in den deutschen Gegenden Ungarns gespielt worden sind. Gerade aus dem Grunde, weil da ein Stück Geistesleben aus früherer Zeit vor die gegenwärtig Lebenden wieder hintreten kann, machen wir es uns innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft zur besonderen Aufgabe, diese Spiele vor die Offentlichkeit zu bringen.

Es sind dann später viele solche Weihnachtspiele auch aus anderen Gegenden gesammelt worden. Man sammelte sie dann zum Beispiel in Schlesien, wo Weinhold außerordentlich viel dafür getan hat; dann aber wurden sie auch bis in die Pfälzischen Gegenden hin gesammelt. Und es war so merkwürdig, daß der Grundcharakter und Grundinhalt im wesentlichen bei allen diesen Spielen derselbe ist; sie sind nur durch den Dialekt verschieden, so daß man also sieht: das ist gemeinsames Geistesgut von der zweiten Hälfte des Mittelalters, welches in unsere heutige Zeit heraufragt. Und es darf vielleicht gerechtfertigt sein, gerade in einer solchen Weise, wie wir es tun, vor die gegenwärtige Menschheit hinzutreten, weil dieses Volksgut verschwindet. Innerhalb der Dorfgemeinde ist natürlich nicht mehr die Stimmung vorhanden, in der gleichen Weise wie früher dieses Volksgut zu pflegen. Aber der von mir genannte Karl Julius Schröer, der in den vierziger, fünfziger Jahren diese Sachen gesammelt hat, hat mir oftmals erzählt, welchen tiefgehenden Eindruck diese Auferstehung alten Volkstums, dargestellt von den Bauern, die im Besitze dieser Stücke waren, auf ihn machte. Das ist dasjenige, was mich bewog, schon vor Jahren die Anregung zu geben, diese Spiele gerade innerhalb unserer Gesellschaft für ein weiteres Publikum aufzuführen. Und aus dieser Anregung heraus haben wir in den verflossenen Tagen das Weihnacht-Spiel und das Paradeis-Spiel aufgeführt, und werden uns erlauben, heute das Dreikönig-Spiel oder Herodes-Spiel so, wie es in den fünfziger Jahren in den Gegenden von Preßburg bei den deutschen Kolonisten aufgeführt worden ist, vor Sie hinzustellen.



  1. Die einleitenden Worte zu der Aufführung des Paradeis-Spieles und des ChristGeburt-Spieles am 4. Januar 1922 liegen nicht in einer Nachschrift vor. ↩

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