Introductions for Traditional Christmas Plays
GA 274 — 23 December 1921, Dornach
Introduction
Wir werden uns erlauben, Ihnen in diesen Tagen einige deutsche Weihnachtspiele, die aus älterem Volkstume erhalten sind, vorzuführen. Wir werden heute damit beginnen, ein sogenanntes Paradeis-Spiel vorzuführen. Diese Weihnachtspiele wurzeln tief im mitteleuropäisch-deutschen Volkstum und sind, wenn man sie heute betrachtet, eigentlich eine lebendige Geschichtsdarstellung. Viel lebendiger bekommt man das Bild der Volksentwickelung aus der Wiederbelebung dieser Spiele, als durch eine sonstige historische Schilderung. Es ist ja in Europa das Drama aus kirchlichen Veranstaltungen hervorgegangen. Solche kirchlichen Veranstaltungen können wir geschichtlich ziemlich weit, bis in das 12. Jahrhundert zurückverfolgen; sie gehen aber eigentlich viel weiter zurück. Aus dem 12. Jahrhundert wird namentlich über ein oftmals gespieltes kirchliches Drama «Der Antichrist» berichtet; in den verschiedensten Formen war dieser «Antichrist» vorhanden. Und es ist außerordentlich bemerkenswert zu sehen, wie in diesem « Antichrist» großartige Kämpfe dargestellt wurden, die zwischen den europäischen und asiatischen Völkern stattfanden.
Nun, später wurden dann das Leiden und die Geburt Christi und sonstige kirchliche Erinnerungen zuerst von Geistlichen in den Kirchen selbst dargestellt. Es wurden dann weltliche Veranstaltungen daraus, indem zuerst die Geistlichen außerhalb der Kirche diese geistlichen Spiele aufführten, und dann die Aufführungen auch auf weltliche Personen übergingen.
Ein besonders bemerkenswertes Spiel war zum Beispiel das von den «Zehn Jungfrauen». Bei einer Aufführung der «Zehn Jungfrauen», die 1322 in Eisenach stattfand, am Fuße der Wartburg, ging es so ergreifend zu, daß der anwesende Landgraf Friedrich «mit der gebissenen Wange» trostlos darüber war, daß es, wie dieses Spiel besagte, selbst der Heiligen Jungfrau nicht möglich war, durch ihre Fürbitte die Verbannten zu erlösen. Durch den mächtigen Eindruck, den dieses Spiel auf ihn mit dieser Tendenz machte, traf ihn der Schlag. Er siechte dahin und starb infolge des Eindruckes dieses Spiels der «Zehn Jungfrauen». Diese Geschichte wird durch das folgende Mittelalter hindurch viel erzählt. Kurz, wir finden überall Spuren durch ganz Mitteleuropa solcher geistlichen Spiele,
Diese geistlichen Spiele, welche dann ins Volksmäßige übergingen, treten uns noch in der mannigfaltigsten Gestalt als Festspiele, Weihnacht-, Oster- oder Fastnacht-Spiele durch die folgenden Jahrhunderte hindurch entgegen. Es ist insbesondere interessant, wie man verfolgen kann, daß wandernde deutsche Stämme diese Spiele auf ihren Wanderungen mitnahmen.
Wir müssen uns darüber klar sein, daß mehr im Westen Mitteleuropas lebende deutsche Stämme, die dann nach Osten herüberzogen, nach Österreich zogen, die böhmischen Gegenden, aber namentlich Ungarn bevölkerten, ihre Spiele als ein teures, heiliges Gut mitnahmen und die Aufführung dieser Spiele in einer ganz außerordentlich bemerkenswerten Weise trieben. Diese Spiele lebten im Volke, ohne daß sich die gebildeten Stände viel darum kümmerten. Erst als die deutsche Altertumskunde im 19. Jahrhundert eine gewisse Vertiefung erfuhr, waren es einzelne solcher Altertumsforscher, welche aus dem Volkstum heraus diese Spiele aufführten. Einer derjenigen, die sich viel Mühe gaben, insbesondere solche Volkstümer in den verschiedensten deutschen Gegenden Ungarns aufzutreiben, war mein alter Freund und ehemaliger Lehrer Karl Julius Schröer. Seinem Verdienste ist es zuzuschreiben, daß namentlich aus der Preßburger Gegend die deutschen Weihnachtspiele erhalten blieben, wenigstens zunächst in der Literatur. Karl Julius Schröer fand solche Weihnachtspiele im Nordwesten Ungarns, in der Preßburger Gegend, in der sogenannten Oberuferer Gegend vor. Weihnachtspiele, die durchaus durch ihren Inhalt, . durch ihre Sprache zeigten, wie sie aus westlicheren Gegenden mit den nach Osten wandernden deutschen Stämmen gebracht worden waren. Schröer konnte feststellen, daß solche Weihnachtspiele wie ein heiliges Gut von Generation zu Generation vererbt wurden, wie sie jedesmal, wenn die Weihnachtszeit herannahte, einstudiert und dann zur Weihnachtszeit aufgeführt wurden. Eine besonders bevorzugte Familie hatte diese Weihnachtspiele im Besitz. War nun die Zeit der Weinlese im Herbste vorüber, und hatten die Landleute einige freie Zeit gewonnen, dann versammelte derjenige, der im Besitze des Manuskriptes solcher Weihnachtspiele war, die Burschen des Ortes, die er für geeignet hielt, und bereitete sie durch Einstudieren vor für die Aufführung zur Weihnachtszeit.
Es war mit solchen Aufführungen etwas ganz besonderes; sie wurden wie etwas behandelt, das eine tief religiöse Seite hat. Das geht daraus hervor, daß strenge Vorschriften für diejenigen bestanden, welche viele Wochen hindurch diese Spiele unter der Direktion des Meisters einstudiert hatten. Solche Vorschriften waren zum Beispiel diese, daß jene Burschen, die ausersehen waren, dieses Weihnachtspiel zu studieren und aufzuführen, während der Zeit des Einstudierens ihrem Meister in einer außerordentlichen Weise unbedingten Gehorsam leisten mußten; daß sie in dieser Zeit einen moralischen Lebenswandel führen mußten. Die besondere Vorschrift war diese, daß sie in dieser Zeit, wie der Volksmund sich ausdrückte, nicht zu dem Dirndl gehen durften. Wenn dann die Weihnachtspiele einstudiert waren, wurden sie in der Regel in einem Gasthof aufgeführt, und zwar in echt volkstümlicher Weise. So gut es heute geht, wollen wir in unserer Aufführung diese Volkstümlichkeit eben festhalten, damit gewissermaßen historisch vor unsere Seele treten kann die Art und Weise, wie Weihnachten innerhalb dieses Volkstums gefeiert worden ist.
Eine besondere Eigentümlichkeit dieser Spiele war ihre Durchsetzung mit einem volkstümlichen Humor. Und es ist ganz falsch, wenn man diese Volksspiele etwa sentimental aufführt. Jede Sentimentalität muß ferneliegen. Führt man sie sentimental auf, so zeigt man einfach, daß man kein Verständnis hat für ein Element, welches im religiösen Leben des Mittelalters und der beginnenden Neuzeit ganz besonders vorhanden war. Die Leute konnten tief religiös sein, waren es aber in humorvoller Weise, waren es ohne falsche Mystik, ohne Sentimentalität. Und sie konnten zwischen den Schilderungen der erhabensten Szenen zu gleicher Zeit echt volkstümliche Witze machen, echt volkstümlichen Humor entfalten. Man wollte das Lachen nicht verlernen, indem man betend zu den erhabensten Dingen aufblickte. Das ist ein Charakteristisches für die besondere Religiosiät früherer Zeiten, die in dieser Richtung gesund war. Ungesund wurde die Religiosität erst in späteren Zeiten.
Heute werden wir uns erlauben, dasjenige Spiel aufzuführen, das in der Regel den anderen voranging: das Paradeis-Spiel, darstellend wie Gott Adam und Eva ins Paradies führt, und wie sie von dem Teufel verführt werden. «Adam und Eva» ist ja der Festtag, welcher dem 25. Dezember im Kalender vorangeht, der eigentlichen Weihenacht. Und für die Weihnachtszeit, die spätere Weihnachtszeit war dann so etwas gewöhnlich in Aussicht genommen, wie das Christ-GeburtSpiel, das wir uns dann erlauben werden, morgen diesem Paradeis-Spiel nachfolgen zu lassen.
In dieser Aufführung wurde zum ersten Male der von Rudolf Steiner rekonstruierte Text zur Einleitung des «Paradeis-Spieles» gesprochen. - Von den Aufführungen am 25. und 26. Dezember liegen keine Nachschriften vor.