Introductions for Traditional Christmas Plays

GA 274 — 22 December 1920, Dornach

Introduction

Die beiden Weihnachtspiele, die heute vorgeführt werden, sind in derselben Weise, wie sie durch die Jahrhunderte gespielt worden sind, noch gespielt worden in der Mitte des 19. Jahrhunderts in den deutschen Sprachkolonien, die sich in Ungarn finden, etwas ostwärts von Preßburg, nördlich von der Donau, in der sogenannten Oberuferer Gegend. Ungarn war damals durchaus in diesen Gegenden, sowohl nördlich von der Donau, an den Karpaten vorüber und südwärts davon bis hinein nach Siebenbürgen, also über die Zipser Gegend hinweg, dann wiederum nach dem Banat hin, der Gegend seines Westens, überall von deutschen Kolonisten durchsetzt, welche seit einigen Jahrhunderten von Westen her nach Ungarn einwanderten, ihre Kulturschätze mitnehmend. Und wertvollste dieser Kulturschätze sind wohl gerade diese Spiele. Wir werden zurückgeführt durch diese Spiele — gerade diese hier, die mein verehrter Lehrer, Karl Julius Schröer, in den fünfziger Jahren so gesammelt hat, wie ich es gleich mitteilen möchte, auf die Entwickelung der mitteleuropäischen Weihnacht- und christlichen Spiele überhaupt. Diese Spiele führen uns zurück bis ins 11. Jahrhundert. Sie sind ausgegangen von dem Impuls desjenigen, was sich in den Kirchen abspielt, in das Volkstum hineinwirkt, den Inhalt der heiligen Legende, den Inhalt der Bibel in einer dramatischen Weise ausgestaltet.

Ursprünglich war das wirklich so, wie es auch noch war in Griechenland, wo die ganze Dramatik aus den Dionysos-Spielen hervorgegangen ist. So ähnlich war es auch im Mittelalter vom 10., 11. Jahrhundert an vor sich gegangen. Man dekorierte den Altar, man dekorierte die übrige Kirche. Geistliche waren es zunächst, welche diese Spiele aufführten. Wir werden bis zurück ins 11. Jahrhundert finden, wie drei Geistliche in Frauenkleidern in der Kirche selbst die Szene an Christi Grab aufführen, nachdem der Tod eingetreten war. Zwei der Priester stellten die Frauen dar, die ans Grab gekommen waren, der dritte den Engel. Das ist im Grunde genommen eines der ältesten Motive, und von solchen biblischen Motiven sind diese Dinge ausgegangen. Wir finden dann, daß zum Beispiel ein sehr häufig gespieltes Spiel das war, welches drei aufeinanderfolgende Szenen vorstellte: den Gang der Frauen zum Grabe Christi, das Gespräch des Heilandes mit Magdalena, und dann einen Chor der Frauen und der Jünger als dritten Teil.

Diese Dinge wurden immer mehr und mehr ausgebildet. Wir finden zum Beispiel im Beginn des 14. Jahrhunderts, daß über die meisten Gegenden Mitteleuropas zu den christlichen Festen manchmal ganz große, bedeutende Spiele schon aufgeführt wurden. So wird uns berichtet, wie am 24. April 1322 in Thüringen, am Fuße der Wartburg, im Hause «die Rolle», aufgeführt wurde ein Stück von den zehn Jungfrauen, den klugen und den törichten Jungfrauen, und die ganze Folgezeit haben wir Berichte zu verzeichnen, die übriggeblieben sind, welche das außerordentlich Eindrucksvolle gerade dieser Aufführung vom Sonntag Misericordiae, am 24. April des Jahres 1322 schildern. Allerdings, das Eindrucksvolle wird in einer sehr realen Weise geschildert. Einer der Teilnehmer an diesem Stücke war der Landgraf Friedrich, der den sonderbaren Beinamen trug: «mit der gebissenen Wange»; dieser Friedrich, der schon etwas schwach offenbar war, als er an diesem Spiel von den klugen und törichten Jungfrauen teilnahm, wurde so gerührt, daß ihn der Schlag traf und er kaum noch zwei Jahre lebte, im Jahre 1323 gestorben ist. Dieses Spiel ist dann in Mülhausen aufgefunden worden, ist jetzt auch gedruckt und gehört zu den interessantesten Denkmälern dramatischer Kunst, welche aus der Kirche, also aus der heiligen Handlung, die sich allmählich in Wahrnehmung gestaltet hat, heraus entstanden sind.

Wir haben dann ein sehr interessantes Spiel aus einer etwas späteren Zeit, das sogar etwa 1340 Verse hat, und welches erhalten ist in einer St. Galler Handschrift. Sie enthält die ganze Heilige Geschichte von der Hochzeit zu Kana in Galiläa bis zur Auferstehung, und zwar in einer außerordentlichen eindrucksvollen Weise, indem gerade überall die Szenen herausgestellt sind, wo Christus als Lehrer wirkt. Und die Art und Weise, wie die Sachen inszeniert wurden, scheint tatsächlich eine außerordentliche geschickte dramatische Handlung zu verraten. Der Vorgang war in der Darstellung so getroffen, daß zuerst nur einiges Wenige ganz dramatisch dargestellt wurde, dazwischen wurde immer etwas erzählt und auch noch etwas pantomimisch dargestellt. Wenn wir also ins 12., 13 Jahrhundert zurückgehen, ist die Darstellung so, daß etwas besonders Packendes dargestellt wird, dann folgt Pantomimisches und dann wiederum wurde erzählt. Aber allmählich ging diese Handlungsweise ganz ins Dramatische über. Man sieht auch, wie die Sachen aus der Kirche allmählich ins Profane herausgewachsen sind. Die ältesten Stücke, die erhalten sind, sind in lateinischer Sprache erschienen, dann waren nur noch die Überschriften und einzelne Sätze lateinisch, der Text in der Volkssprache, und dann werden allmählich, indem es ins 15., 16. Jahrhundert geht, die Stücke ganz in der Volkssprache abgefaßt, und sie dringen auch von der Kirche nach auswärts.

Die Stücke, die Ihnen heute vorgeführt werden, wurden in der Nähe von Preßburg, namentlich in der Nähe der Oberuferer Gegend, in den Gasthäusern aufgeführt, also von der Kirche ist die Sache durchaus allmählich in das Volk hineingedrungen. Wir sehen, wie mit einen ungeheuren Ernst dasjenige, was aus dem Christus-Impuls heraus gerade im Volke gefühlt und empfunden werden konnte, in diesen Stücken lebt. Später sieht man, wie immer mehr und mehr in der weltlichen Legende Traditionen, die nicht in der Bibel stehen, die aber doch in der Überlieferung vorhanden sind, in diese Stücke einlaufen. Die Stücke wurden nicht bloß zu Weihnachten, sondern auch zu Ostern, zu Pfingsten, zu Fronleichnam, in manchen Gegenden zum Feste der heiligen Rosalie und so weiter aufgeführt, schlossen sich aber immer an dasjenige an, was der Kirchenkalender bot. Man sieht überall, wie geradezu die Empfindungen aus der Heiligen Geschichte heraus, die dem Jahreslauf gemäß verlaufen, auch in diesen Stücken enthalten sind, so daß wir ein wunderschönes Stück echten Volkstums erhalten haben, durch das wir in die Jahrhunderte des Geisteslebens zurücksehen, wie es in Mitteleuropa war, dann nach dem Osten herübergenommen wurde. Ein solches wunderbares Stück von Volkstum haben wir noch darin.

Bei den späteren Stücken müssen wir besonders bewundern, daß einerseits ein wirklicher Ernst, ein großer Ernst und eine wahrhaft christliche Gesinnung in den Stücken leben, daß sie aber gar nicht sentimental sind. Solche Stücke sentimental aufzufassen in der Darstellung, wäre eine vollständig irrtümliche Note, denn es spielte im Volk auch in das Heiligste immer ein gesunder Humor hinein. Und man kann sagen: Gerade darinnen drückt sich eigentlich erst der rechte Ernst aus, daß das Volk durchaus nicht in unwahrer Weise sentimental wurde, sondern seinen Humor hineintrug, und dennoch das ganze Ernste der Heiligen Geschichte auch zum Ausdruck brachte.

Aus dieser ganzen Tradition heraus sind auch diese beiden Stücke, Sie müssen aus ganz anderen Gegenden stammen als aus der, in welcher sie zuletzt gefunden worden sind, denn wir werden im zweiten Stück in der Einführung hören, wie hingewiesen wird auf das Meer und den Rhein; das Meer, das also etwa der Bodensee sein kann, der Rhein, der jedenfalls nicht in der Preßburger Gegend fließt. Also es haben von westwärts her diese Stücke ursprünglich gelebt und sind mit den nach Osten hin wandernden deutschen Kolonisten nach Ungarn gebracht worden, wo sie dann weitergelebt haben. Und wie sie gelebt haben, das hat noch Karl Julius Schröer, der die Stücke hat selber aufführen sehen und sie niedergeschrieben hat in seinem Buche «Deutsche Weihnachtspiele aus Ungarn», nach dem Anhören derjenigen, die sie selber aufgeführt haben, die sie gedächtnismäßig innehatten für die Aufführung, abgehört und niedergeschrieben, nicht irgendwo abgeschrieben, sondern niedergeschrieben nach dem Wortlaute, denn die Leute haben diese Stücke außerordentlich stark in Ehren und in Verwahrung gehalten. Es hat immer einzelne wenige angesehene Familien innerhalb des Dorfes gegeben, in den meisten Dörfern sogar nur eine einzige, welche die Handschrift verwahrten. Es ging stets vom Vater auf den Sohn über. Und wenn nun die Weihnachtszeit heranrückte, wenn die Weinlese vorüber war im Herbste, dann sammelte derjenige, der das Stück hatte, im Verein mit der Geistlichkeit, dem Pfarrer des Ortes, diejenigen Burschen, welche er für geeignet hielt, in diesem Jahre die Vorstellung zu machen. Die weiblichen Rollen wurden durchaus auch von Burschen dargestellt, etwas, was wir hier - obwohl wir uns sehr bemühen, im Stile der Darstellung zu bleiben — nicht nachahmen können, weil unsere Frauen gar zu sehr remonstrieren würden, wenn wir die Stücke nur von Männern darstellen würden. Es würde nicht gehen, so etwas bei uns durchzuführen. Aber im übrigen bleiben wir tatsächlich in dem Stile, wie er sich erhalten hat ins 19. Jahrhundert herein.

Ich habe in meiner Jugend mit meinem verehrten Lehrer, Karl Julius Schröer, der in diesen Sachen ganz darinnen lebte, viel über diese Dinge gesprochen. Wir haben viel geredet über die Art und Weise, wie diese Spiele gespielt wurden, und es ist durchaus möglich, trotzdem wir unter ganz anderen Verhältnissen arbeiten, nicht wie dort in einem ländlichen Wirtshause und dergleichen und nicht unter der unmittelbaren Teilnahme der ganzen Bevölkerung, so wie es dort war, es ist doch möglich, annähernd in dem Stil zu bleiben. Der Ernst, mit dem die Sache angegriffen worden ist von diesen Leuten, konnte einem daraus hervorgehen, daß strenge Vorschriften da waren, wie die Leute, die an der Aufführung als Schauspieler teilnehmeä sollten, leben mußten. In dem Augenblicke, wo sie nach der Weinlese anfingen, die Proben zu machen, wurde die ganze Woche geübt. Von der Weinlese bis zum Weihnachtsfest, wo die Aufführung war, wurden strenge Vorschriften von ihrem Lehrmeister, Pfarrer, Lehrer und von dem Meister, der das Stück hatte, gegeben. Solche Vorschriften, die sich auf das ganze Leben dieser Burschen erstreckten, zeigen, mit welchem Ernst die Sache unternommen worden ist. Wir hören da, daß zum Beispiel die Menschen, welche teilnehmen sollten, eine Bedingung erfüllen mußten das brauchen wir nicht vorzuschreiben, weil das natürlich ganz selbstverständlich ist, daß Anthroposophen ein ehrsames Leben führen, aber das scheint bei den Burschen des Ortes nicht immer der Fall gewesen zu sein. So wurde die strenge Vorschrift gegeben: die Burschen müssen die ganze Zeit, während die Proben stattfinden, ein ehrsames Leben führen.

Die zweite Bedingung, die einzuhalten war, war diese: sie dürfen die ganze Zeit über keine Schelmenlieder singen. Nun, ich habe nie gehört, daß Anthroposophen Schelmenlieder singen, also kommt diese Bedingung für unsere Mitspielenden nicht in Betracht! Die dritte Bedingung können wir allerdings nicht erfüllen, die von den Lehrmeistern den Burschen des Ortes gestellt worden ist. Das ist diese, daß sie in der strengsten Weise, während die Proben stattfinden, Gehorsam leisten müssen den Lehrmeistern. Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, das ist bei uns nicht durchzuführen! Also das würde uns gar nichts helfen, solch eine Vorschrift etwa zu geben. Ebensowenig ließe sich durchführen diejenige Vorschrift, die da bestimmt, daß Strafen zugelegt werden müßten für jeden Gedächtnisfehler, denn erstens behaupten unsere Leute, sie machen gar keine Gedächtnisfehler, und zweitens würden sie nie eine Strafe bezahlen!

Aber Sie sehen aus diesen strengen Bedingungen, die da gestellt worden sind, daß man die Sache mit außerordentlichem Ernst auffaßte. Es ist wirklich ein Stück wunderbaren christlichen Lebens, das sich da erhalten hat. Unter den modernen Verhältnissen gehen auch diese Dinge ganz verloren. Wir betrachten es seit Jahren mit als eine unserer Aufgaben, solche Dinge, die mehr als irgendeine theoretische Geschichtsbetrachtung in das Leben der Vergangenheit hineinführen, auch wiederum lebendig vor die Gemüter der Gegenwart hinzustellen, und wir glauben, daß es wirklich auf diese Art möglich ist, zu zeigen, wie das Christentum vom 11. bis ins 19. Jahrhundert in zahlreichen Gemütern Mitteleuropas, bis weit nach dem Süden vor, gelebt hat. Wir glauben, daß man zeigen kann, wie christliche Gesinnung in den Herzen vorhanden war aus dem heraus, was diese Leute als Ausfluß ihrer christlichen Gesinnung in solchen Spielen zu allen Festeszeiten des Jahres geleistet und gezeigt haben.

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