Introductions for Traditional Christmas Plays
GA 274 — 19 December 1920, Dornach
Introduction
Wir werden uns erlauben, Ihnen heute Weihnachtspiele aus altem Volkstum vorzuführen. Die beiden Spiele, die wir hier zur Darstellung bringen, sind aufgefunden von Karl Julius Schröer in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts innerhalb der deutschen Sprachinseln in Ungarn, in der Gegend, die nordwärts von der Donau liegt, von Preßburg westwärts liegt. In diesen Gegenden sind zu Ende des Mittelalters und noch etwas später Deutsche eingewandert. Sie haben sich unter anderen Kulturgütern, welche sie in ihrer Einfachheit besessen haben, nach ihrem neuen Aufenthaltsorte auch diese Weihnachtspiele mitgebracht.
Karl Julius Schröer, mit dem ich viel in meiner Jugend über diese Dinge gesprochen habe, der mir aus seinen persönlichen Erfahrungen erzählen konnte, wie wiederum in seiner Jugend - in den vierziger und fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts — unter diesen, ich möchte sagen slawischen und magyarischen Bevölkerungen von den dort lebenden verschlagenen Deutschen diese Weihnachtspiele immer aufgeführt worden sind, und wirklich in außerordentlichem Ernst und mit einem regen Eifer um die Weihnachtszeit auf die Gemüter dieser Menschen gewirkt haben.
Wir haben in diesen Weihnachtspielen deshalb Keime, die sich nach und nach aus einer längeren Kulturstraße herausentwickelt haben, die wir bis ins 13. Jahrhundert zurückverfolgen können. So daß bis in die letzten Jahrzehnte des 12. Jahrhunderts damals das Bedürfnis entstand, über die weitesten Gegenden Mitteleuropas hin — durch Thüringen bis an den Rhein hin und über den Rhein hinüber bis ins Elsaß, dann durch ganz Süddeutschland, durch die Nordschweiz -, was sich bezieht auf die biblische Geschichte, was sich bezieht auf die christlichen Traditionen, namentlich auch auf die christliche Legende, vor dem Volke dramatisch darzustellen.
Man kann geradezu sagen, daß vieles in der neueren Dramatik auf diesen Mysterienspielen — so nennt man sie ja wohl auch — beruht. Zunächst schlossen sich diese Spiele an die kirchlichen Handlungen an. Wenn die Weihnachtszeit, die Österzeit, die Pfingstzeit, das Fronleichnamfest, manche anderen heiligen Feste herannahten, dann versammelten sich die Leute in der Kirche. Die Kirche selbst wurde dekoriert in der mannigfaltigsten Weise. Und zunächst im 12., 13. Jahrhundert wurde von den Geistlichen selbst, sogar zuerst in lateinischer Sprache dasjenige aufgeführt, was innerhalb der christlichen Tradition, innerhalb der Evangeliengeschichte enthalten ist.
So können wir gut zurückverfolgen, wie zum Beispiel dramatisch dargestellt wurde die Szene an dem Grabe Christi. Es kleideten sich ein drei Priester in Frauenkleider: die drei Frauen, die zu dem Grabe kamen; ein Engel, der auf dem eben verlassenen Grabe saß. Dasjenige, was die Evangelien erzählen, was die Tradition erhalten hat, wurde dramatisch dargestellt.
Man ging aber auch allmählich dazu über, die Dinge, welche man lateinisch zunächst dargestellt hat, dann in der Volkssprache darzustellen. Und im 14. Jahrhundert treffen wir bereits sehr weit ausgebildete dramatische Darstellungen, zum Beispiel der Geschichte von den weisen und törichten Jungfrauen.
Wir wissen, daß im Jahre 1322 in Thüringen, am Fuße der Wartburg, in Eisenach, in dem Hause «die Rolle», ein Spiel von den weisen und von den törichten Jungfrauen aufgeführt wurde, das so bedeutsam in ein Menschenschicksal eingreifen konnte, daß der Landgraf Friedrich, welcher dabei war, der den merkwürdigen Beinamen hat, «mit der gebissenen Wange», daß der Landgraf Friedrich mit der gebissenen Wange davon einen Schlaganfall bekam und im Jahre 1323 an den Folgen dieses Eindruckes sogar gestorben ist.
Aber es ging ja nicht jedem so, sondern es war schon durchaus gerade das, was durch solche Darstellungen dargeboten war, etwas in diesen Zeiten außerordentlich feierliches. Es war lange Zeit gerade die dramatische Darstellung verloren, welche dazumal in Eisenach gegeben worden ist und einen so großen Eindruck gemacht hat. Das Spiel wurde dann später wieder aufgefunden, merkwürdigerweise in Mülhausen im Elsaß, am Tegernsee und in einem Kloster Benediktbeuern, so daß man sehen kann, gerade aus diesem Auftreten am Tegernsee, daß diese Dinge eigentlich aus dem Süden in den Norden gezogen sind.
Wir finden dann sehr bald, wie nicht mehr etwa bloß Geistliche diese Dinge darstellten, sondern wie diese Dinge durchaus vom Volke übernommen wurden, dem Volke sehr ans Herz gewachsen waren. Das Volk hatte sie außerordentlich lieb. Wir sehen, was ausgeführt wurde. Wir können das noch von einem Stück ablesen, dessen Handschrift erhalten ist. Wir entnehmen dieser Schrift, daß im 15. Jahrhundert die ganze Geschichte des Christus Jesus auf Erden aufgeführt worden ist: von der Hochzeit zu Kana in Galiläa bis zur Auferstehung. Und überall sehen wir, daß man außerordentlich dramatisch, geistig, gerade die wirksamsten Momente, die äußerlich für die Anschauung wirksamsten Momente herausgehoben hat, immer die Dinge, welche das Volk selber in diesen Darstellungen erlebte. Und wir dürfen annehmen, daß im 15. Jahrhundert, Ende des 16. Jahrhunderts und weiter über einen großen Teil der deutsch sprechenden Gegenden diese Volksspiele zur Weihnachtszeit, zur Osterzeit, zur Pfingstzeit, zum Fronleichnamstag, zu anderen Festen aufgeführt wurden.
Das eine der Weihnachtspiele ist ein Paradeis-Spiel, welches sich mehr an die Adventszeit hielt, das andere ist ein direktes christliches Hirten-Spiel, welches wir vor Ihnen hier aufführen. Sie werden aus dem zweiten Spiel, aus der Einleitung sehen, daß vom Rhein gesprochen worden ist, daß diese Stücke gewandert sind. Trotzdem kamen sie, wie Schröer sie aufgefunden hat, wie gesagt in den Oberuferer, in den Preßburger Gegenden — wie man sie ja auch nennt Oberuferer Weihnachtspiele — ostwärts von Preßburg zur Aufführung. Dort sind sie also in der Weihnachtszeit gespielt worden, trotzdem sie ganz anderswo entstanden sind. Ursprünglich sind sie gespielt worden da, wo der Rhein durchfließt. Sie sind also von einer Volksgemeinschaft mitgenommen worden, welche ostwärts gezogen ist, und die sich östlich von der Donau im Banat und so weiter angesiedelt hat. Da wurden dann diese Spiele weitergespielt bis eben ins 19. Jahrhundert hinein. In der letzten Zeit gingen viele solche Schätze des Volkes unter den Zeitereignissen, die ganz andere geworden sind, verloren. Aber diejenigen, die sich die Spiele noch angesehen haben, waren tief ergriffen, nicht nur von dem Spiel selbst, sondern namentlich von der Art und Weise, wie diese Spiele eingeleitet wurden.
Wenn die Weinlese vorüber war, im Herbste, dann versammelte der Geistliche und einige andere, der Lehrer des Ortes, diejenigen Burschen, die sie für fähig hielten, ein solches Weihnachtspiel aufzuführen. Durch viele Wochen hindurch wurden die Übungen, die Vorübungen gepflogen. Und aus der Art und Weise, wie die Leute sich vorbereiten mußten für das Feierliche dieser Stücke, ersieht man, aus welchem Geiste heraus solche Dinge unternommen worden sind. Es lebte, ich möchte sagen, ein innerlich gemütvolles Christentum, eine innerlichste gemütvolle Christlichkeit noch. Man sieht es in der ganzen Art und Weise der Einleitung solcher Spiele. Es gab bestimmte Vorschriften, nach denen wochenlang, viele Wochen lang diese Spiele vorbereitet wurden. Der Geistliche, der Lehrer hat die Burschen gesammelt. Es wurden auch die weiblichen Rollen in der Regel von Burschen gegeben; das können wir hier nicht nachahmen. Da würden gar zu sehr unsere weiblichen Mitglieder dagegen protestieren, aber in der Oberuferer Gegend, da wo Karl Julius Schröer diese Dinge entdeckte, waren es durchaus Burschen, welche auch die weiblichen Rollen gaben. Diesen Burschen wurden strenge Vorschriften gegeben. Vorschriften wurden gemacht, die in derselben Weise jetzt, wo wir hier schon seit Jahren den Versuch machen, diese Spiele innerhalb unserer Kreise wiederum zu beleben, für diejenigen der verehrten Zuhörer, die dabei erscheinen wollen, - Vorschriften also wurden den Spielenden gemacht, die für unsere Spielenden nicht mehr jene Bedeutung haben, aber die uns zeigen, mit welchem Ernst die Dinge da aufgefaßt worden sind. So zum Beispiel war einer der Paragraphen, daß diejenigen, die da mitspielen sollten, an den vielen Wochen, vor allem Abend für Abend all die Wochen durch, wo sie diese Proben durchmachten, ein ehrsames Leben zu führen haben. Nun, das ist selbstverständlich ganz natürlich, daß unsere Leute immer ein ehrsames Leben führen! Also dieser Paragraph hat für uns weiter keine Bedeutung. Ferner durften keine Schelmereien verübt werden. Das dürfte ja unter Anthroposophen nicht die Regel sein. — Allerdings gab es auch noch eine Vorschrift, eine Art Strafe, die wir hier einfach aus dem Grunde nicht einführen, weil auch dagegen zu stark protestiert würde, und wenn es doch nötig wäre, sie zu verlangen, würde das nicht eingehalten werden. Es war nämlich eine strenge Vorschrift, daß für jeden Gedächtnisfehler, der begangen wurde noch bei der Generalprobe und insbesondere bei den Aufführungen selbst, strenge Strafen bezahlt werden mußten durch den Mitspielenden! Wie gesagt, das können wir nicht einführen. Denn es würden nie diese Strafen bei uns bezahlt.
Nun war aber eine ganz strenge Vorschrift, meine sehr verehrten Anwesenden, die wir gar nicht einführen können, vorhanden. Diese strenge Vorschrift war diese, daß in der Zeit, während welcher die Proben stattfanden, die Probenden also dem Geistlichen oder Lehrer, also allen, die Lehrmeister sein müssen, streng gehorsam sein mußten. Nun, Sie werden begreifen, das können wir unter uns natürlich niemals einführen. Sie sehen aber aus diesen strengen Paragraphen, mit welch außerordentlichem Ernst man an diese Sache ging. Und dieser Ernst ist es, der einem auffällt, wenn man sich in die ganze Art und Weise wiederum vertieft, wie diese Spiele gespielt wurden. Nicht sentimental, oftmals mit einem köstlichen Humor durchsetzt, durchaus aus dem Volksgefühl heraus waren ursprünglich von der Geistlichkeit diese Dinge gegeben, aber das Volk hat sich ihrer bemächtigt, ganz in seinem Geiste aufgenommen. So daß, wie sie hier vorliegen, sie durch und durch volkstümlich sind und uns zurückweisen in das Fühlen, in das Empfinden, in das Denken eines Teiles des christlichen Volkes im 16. Jahrhundert, vielleicht im 15. Jahrhundert noch. Das alles steht vor unserer Seele, wenn wir diese Spiele ansehen.
Wir dürfen uns vorstellen, daß über einem großen Teil von Mitteleuropa, über die Gegenden, die ich früher schon erwähnt habe, vom 14. Jahrhundert bis in die folgenden Jahrhunderte hinein — in einzelnen Gegenden, wie Sie sehen, ist das erst nach und nach verschwunden im 19. Jahrhundert -, zu allen sogenannten heiligen Zeiten diese Spiele, also das Weihnachtspiel, das Osterspiel, das Pfingstspiel vorgeführt wurden. Und an der Art und Weise, wie diese Leute das Christentum in sich belebt haben, wie sie in einer außerordentlich volkstümlichen Art und Weise, ich möchte sagen, anschaulich die Evangelien vor uns hinstellen, sieht man, daß sie tief eingegriffen haben in das Volk. Und wir betrachten es als unsere Aufgabe auch, darauf aufmerksam zu machen, wie das geistige Leben durch die Jahrhunderte durch, wie ein Stück des geistigen Lebens Mitteleuropas dadurch erhalten blieb. Derjenige, der noch gesehen hat, wie auch sonst dieses geistige Leben Mitteleuropas, insoferne es Volksleben war, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts allmählich unter den neueren Zeiten dahingestorben ist, wird viel empfinden können durch diese Auferweckung alter volkstümlicher Zeiten. Aus diesem Geiste heraus, meine sehr verehrten Anwesenden, möchten wir Ihnen zunächst das Paradeis-Spiel und dann auch das Christ-Geburt-Spiel heute vorführen.