Introductions for Traditional Christmas Plays

GA 274 — 24 December 1923, Dornach

Introduction

während der Weihnachtstagung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft

Wir werden uns gestatten, Ihnen einige Weihnachtspiele vorzuführen aus altem Volkstum. Heute werden wir damit beginnen, Ihnen das Paradeis-Spiel vorzuführen, dann morgen und in den nächsten Tagen das Christ-Geburt-Spiel und das Dreikönig-Spiel. Diese Weihnachtspiele stammen aus jenen Zeiten, in denen man durch Europa hindurch vorzüglich, aber nicht nur zur Weihnachtszeit, sondern auch zur Osterzeit und sogar zur Pfingstzeit ähnliche Spiele aufgeführt hat. Es sind solche Spiele von den germanistischen Gelehrten gesammelt, und man kann sie in allerlei Veröffentlichungen in den Bibliotheken finden. Solche Spiele wurden aufgeführt bis ins 19. Jahrhundert herein in den Marktflecken und Dörfern, weniger in den Städten. Nun muß man aber doch sagen: Diejenigen Weihnachtspiele, die wir Ihnen hier vorführen, haben einen gewissen außerordentlichen, bedeutsamen Vorzug vor anderen solchen Weihnachtspielen. Die anderen Weihnachtspiele, die in Mitteleuropa aufgeführt worden sind, wurden eigentlich von Jahrzehnt zu Jahrzehnt verbessert. Dasjenige, was aus altem Volkstum in einer wunderbaren Weise vorhanden war, ist von allerlei intelligenten Leuten verbessert worden, und man hat sie dann also von Jahrzehnt zu Jahrzehnt wieder aufgeführt. Was aus dem dann werden kann, das wirklich altem Volkstum künstlerisch und religiös und musikalisch entstammt, sieht man an der Karikierung des Volkstümlichen in den Oberammergauer Passionspielen. Aber in diesen Weihnachtspielen, die wir hier aufführen, ist etwas, was tatsächlich, so wie es gespielt worden ist, noch bis ins 16., 15. Jahrhundert zurück unverfälscht erhalten geblieben ist, und zwar aus folgendem Grunde.

Diese Spiele, um die es sich hier handelt, sind wohl gespielt worden im Elsaß, durch den Süden von Baden und Württemberg hindurch, wohl auch bis nach Bayern hinein. Sie werden es aus einer Anspielung in einem der Spiele in den nächsten Tagen ersehen, wie hingewiesen wird auf den Rhein. Sie wurden in den Gegenden nördlich vom Rhein — von der Schweiz aus gesehen — gespielt. Dann wanderten Stämme, unter denen diese Weihnachtspiele gespielt wurden, nach dem Osten hin aus, nach Ungarn. Man kann zunächst fragen: Warum wanderten im 15., 16. Jahrhundert deutsche Stämme nach Osten hinüber, nach Ungarn? Es wanderten ja solche Stämme aus in die Gegend von Preßburg, das heute in der Tschechoslowakei liegt, von der Donau abwärts über Preßburg nach den Zipser Gegenden, südwärts von den Karpaten, nach Siebenbürgen, nach dem Banat, der Gegend zwischen der südlichen Donau und der Theiß. Dahin wanderten diese schwäbischen Stämme aus. Und unter diesen Stämmen, die auswanderten, waren am charakteristischsten die Haidbauern. Und eben diese Leute sind in jener Gegend in Oberufer, etwas stromabwärts an der Donau, ansässig geworden und brachten sich aus ihrer ursprünglichen Heimat diese Weihnachtspiele mit, erhielten sie nun unverfälscht und spielten sie in der dortigen deutschen Kolonie von Jahr zu Jahr. Sie wurden als ein teures Gut in gewissen Familien aufbewahrt und so behandelt, wie sie vor Jahrhunderten waren. Da hat sie mein guter Freund und Lehrer, Karl Julius Schröer, kennengelernt, dort in Oberufer; es hatte sich noch keine Intelligenz, kein Verbesserer hineingemischt. Diese Spiele wurden in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts so aufgeschrieben, wie die Bauern, welche sie gespielt haben, sie Karl Julius Schröer diktieren konnten aus ihrem Gedächtnisse heraus, als er dahin kam. Er war ja in Preßburg Lyzeumsprofessor. Als er dahin kam, wo die Spiele gespielt wurden von den Haidbauern draußen in den Dörfern, da ging er zunächst — nicht wahr, man ist ja auch höflich zu der Intelligenz des Dorfes, zum Beispiel zu dem Schulmeister, der zugleich Dorfnotär war. Der sagte: Das ist dummes Zeug, es ist gar nicht einmal der Mühe wert, daß man sich damit beschäftigt! - Dort hatte sich natürlich die Intelligenz nicht darum gekümmert, glücklicherweise hat sich die Intelligenz nicht darum gekümmert gehabt. So konnten sie noch die Spiele aufführen, wie sie von den Bauern hinterlassen worden waren. Das war ein besonderes Glück, denn dadurch sind sie in diesen Gegenden so erhalten geblieben, wie sie waren. Man kann höchstens noch die Frage aufwerfen: Wie kamen denn die Leute dazu, dort in dieser Gegend dieses teure Erbgut aufzubewahren? — Dann muß man sagen: Vorangegangen sind den heutigen Ausgewanderten die aus der Tschechoslowakei nach den ungarischen Gebieten ausgewanderten Mährischen Brüder. Und diese Mährischen Brüder mit ihrem intimen, christlichen tiefen Leben, das in so schöner Weise das Bruderschaftsprinzip zum Ausdrucke gebracht hat, waren schon dort, als dann die anderen Stämme, die ich jetzt meine, die Haidbauern und so weiter den Drang verspürten, auch hinüberzuwandern nach dem Osten. Es ist nicht irgendein besonderer wirtschaftlicher Beweggrund oder dergleichen gewesen, sondern es war tatsächlich ein idealer Grund für jene Menschen, als sie nachzogen dem schönen, intimen christlichen Bruderschaftsleben der Mährischen Brüder, die schon da hinübergewandert waren. Noch vor dem Auftreten des Luthertums haben diese aus dem eigentlich noch menschlichen Gemüte Mitteleuropas eine ideale christliche Atmosphäre hinübergetragen, die nicht die Schäden des in den westlichen Ländern vorhandenen Katholizismus mit sich nahm, aber auch nicht die Schäden des Protestantismus enthielt, sondern die wirklich echtes, wahres Christentum war, aus brüderlicher Menschheitsgesinnung heraus geboren. Das wanderte hinüber. Und angezogen von der idealen Gesinnung wanderten dann andere deutsche Stämme in die Gegenden hin, die von den Mährischen Brüdern besiedelt und mit dem Christentum durchtränkt worden waren und nahmen dahin das Teuerste mit, was sie hatten: diese christlichen Weihnachtspiele.

Diese Weihnachtspiele blieben in der ursprünglichen Gestalt dadurch, daß sie getrennt waren von dem Mutterlande, daß nicht über sie kommen konnte die spätere Intelligenz. Und in dieser ursprünglichen Gestalt hat sie mein alter Lehrer und Freund, Karl Julius Schröer, in Oberufer, das eine halbe Eisenbahnstunde von Preßburg entfernt ist, wo er dazumal Professor am Lyzeum war, gefunden und aufgeschrieben, so wie sie die Bauern ihm vorgesprochen haben. — Sie haben sie immer eingelernt gegen die Weihnachtszeit hin. So ließ er sie sich vorsprechen und so sind sie uns ganz unverfälscht erhalten geblieben; so sind sie noch aufgeführt worden bis um die Mitte des 19. Jahrhunderts hinein. Heute wären sie ohne ihn verschwunden.

Karl Julius Schröer hat die Dinge, so wie sie gerade da unten üblich waren, erhalten. Ich habe viel im Beginne der achtziger Jahre über diese Dinge mit ihm sprechen können. Er war voll von Erinnerungen an die Aufführungen, die er dort gesehen hat, und so sind mir diese Spiele auch ans Herz gewachsen. Daher möchten wir sie unter unseren Gemeinschaften so aufführen — mit einigen Variationen, denn genau so, wie es in den Wirtshäusern aufgeführt wurde, können wir es hier nicht tun, auch manches andere, was dort ausgeführt worden ist, können wir hier nicht ausführen -, aber so echt diese Dinge nur dargestellt werden können, möchten wir Ihnen diese schönen Stücke echten Volkstums vorführen. Zum Beispiel hatte dort der Teufel vor der Aufführung ein Kuhhorn, und da rannte er im ganzen Dorfe herum und blies mit diesem Kuhhorn hinein in jedes Fenster und forderte die Leute auf, zum Spiel zu kommen: das sei Christenpflicht eines jeden zum Advent. - Nun, Sie können sich schon denken: das können wir hier nicht ausführen. Wir würden schön ankommen, wenn wir den Leuten sagen würden: das sei Christenpflicht zum Advent! — Außerdem mußte der Teufel auf jeden Wagen, der vorbeifuhr, hinaufsteigen, machte Unruhe, polterte herum und so weiter. Auch das und manches andere müssen wir hier bleiben lassen. Aber all dasjenige, was möglich sein kann, soll eben in voller, echter Wahrheit vorgeführt werden.

Ich will jetzt die Aufführung nicht länger aufhalten, doch wollte ich dasjenige, was zu sagen ist über die Art und Weise, wie die Aufführungen üblich waren und wie die Weihnachtspiele unter den Bauern einstudiert wurden, in einigen einleitenden Worten kurz mitteilen.

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