Introductions for Traditional Christmas Plays
GA 274 — 25 December 1923, Dornach
Introduction
während der Gründungsversammlungen der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft
Ich habe mir gestern erlaubt, einiges über die historische Herkunft der Spiele zu sagen, die wir Ihnen hier während dieser Weihnachtstagung aufführen. Heute möchte ich nur noch etwas hinzufügen über die Art und Weise, wie diese Spiele in den ungarischen deutschen Kolonien aufgeführt worden sind in der Zeit, als sie Ende der vierziger Jahre, Anfang der fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts Karl Julius Schröer dort gefunden hat. Die Spiele waren handschriftlich das Besitztum der gewissermaßen angesehensten Familien im Dorfe. Und sie wurden gespielt von dem Dorfe aus, in dem sie vorhanden waren, in den Nachbardörfern im Umkreise von zwei bis drei Stunden. Wenn im Herbste die Weinlese vorüber war, also etwa Mitte oder Ende Oktober, dann kamen - nicht jedes Jahr, aber wenn es, ich möchte sagen, gerade das Schicksal ergab — die Bauernhonoratioren des Dorfes zusammen und besprachen sich. Der Schullehrer, der zu gleicher Zeit Notar war, war nicht dabei; er hielt sich zur Intelligenz, und die Intelligenz verachtete diese Spiele. Aber die Bauern, nachdem ein paar Jahre aus irgendwelchen Gründen die Spiele wiederum nicht gespielt wurden, sagten dann: Na, unseren jungen Burschen könnte es auch nichts schaden, wenn sie wiederum was besseres zu tun hätten zur heiligen Weihnachtszeit! — Und dann wurde beratschlagt, ob richtige Burschen dazu da sind, die man brauchen kann zum Spielen. Eine Liste wurde zusammengestellt. Dann aber, wenn man die Burschen gefragt hat, ob sie spielen wollen, und wenn sie nun ausersehen waren zu spielen, stellte man einzelne strenge Bedingungen.
Es will viel heißen für diese Gegenden, daß die Burschen — denken Sie, die ganze Zeit von Oktober bis zu Weihnachten hin und Heilige Dreikönige — sich nicht betrinken durften, nicht zu dem Dirndl gehen durften und was wir hier schon gar nicht durchführen können, absoluten Gehorsam leisten mußten dem, der die Sache mit ihnen einstudierte. Nun, wenn wir so etwas verlangen würden wie das letzte, dann würden uns die Mitspielenden schön auf den Kopf kommen!
So wurden denn durch Wochen hindurch mit außerordentlichem Fleiß diese Übungen gemacht, in denen die Spiele einstudiert wurden. Aber noch etwas gab es, was wir nicht durchführen können. Derjenige, welcher etwas vergessen hatte oder etwas schlecht machte, mußte einen halben Kreuzer Strafe zahlen. Nun, das können wir auch nicht durchführen, Strafen können wir nicht verhängen fürs Vergessen! Und so wurden dann in strengster Weise diese Übungen gemacht bis zum ersten Adventsonntag. Denn am Adventsonntag fing man schon an, das Paradeis-Spiel, das Sie gestern gesehen haben, zu spielen. Zu Weihnachten gab es das Christ-Geburt-Spiel und gegen den 6. Januar dann das Spiel, das in den nächsten Tagen noch hier zu sehen sein wird.
Die Anordnung des Spieles — ich habe ja schon gestern einiges davon erwähnt — war so, daß die Burschen sich versammelten und sich anzogen im Hause des Lehrmeisters, und von da aus dann in das Wirtshaus gingen, in dem die Aufführung stattfand. Aber der Teufel, der wurde schon früher weggeschickt. Sie haben ihn ja gestern auch gesehen. Er war mit einem Kuhhorn ausgestattet und tat etwas, was wir wiederum nicht nachmachen können, denn er tutete zu jedem Fenster hinein. Vielleicht würde das gerade unserem Dorf unten auch Spaß machen, aber wir wollen es zunächst nicht probieren. Dann aber sprang er auch auf jedes Fuhrwerk hinauf und trieb so sein Unwesen. Dann gesellte er sich zu der ganzen Kumpanei, wie man es nannte. Dort wurde es so aufgeführt: in der Mitte des Wirtshaussaales war die Bühne, und an den Wänden standen die Bänke für die Zuschauer. Die Einstudierung schilderte mir Karl Julius Schröer, mein alter Freund und Lehrer, sehr genau; er hat ja diese Spiele niedergeschrieben nach der Art, wie er sie gehört hat von den Bauern selber, sie dann korrigiert nach dem Manuskript. Es sind immerhin Fehler unterlaufen. Und ich muß schon sagen, erst im Laufe der Jahre komme ich auf so manches, was eigentlich ursprünglicher Text dieser Spiele war. So zum Beispiel konnten wir wirklich die verflossenen Jahre niemals zurechtkommen mit den ersten zwei Zeilen, welche der Herrgott spricht im Paradeis-Spiel. Da steht bei Schröer: Adam, nimm an den lebendigen Atem, den du empfangest mit dem Tahen (Tag). Es reimt sich weder, noch hat es einen Sinn. Erst in diesem Jahre wurde mir ganz klar, es stimmt absolut:
Adam, nimm an den lebendigen Atem,
Den du empfangest mit dem datem...
mit dem Datum. Das ist absolut volkstümlich, also an diesem Tage. Das ist durchaus dasjenige, was da gestanden hat. Ich habe es daher wirklich schmerzlich empfunden, als schon vor einigen Jahren mit einer ungeheuren Schlampigkeit und Nachlässigkeit diese Spiele nachgedruckt wurden. Mir ist oftmals diese Zumutung gestellt worden, daß ich diese Spiele wieder erscheinen lassen soll; ich wollte es nicht tun, ohne eben erst diese Spiele redigiert zu haben. Aber es wurden solche Drucke mit großer Nachlässigkeit gemacht, und daher ist in den Drucken, die jetzt verbreitet sind, überall zeilenweise solcher Unsinn zu sehen.
Natürlich haben wir hier andere Mittel zur Verfügung. Wir spielen nicht in einem Wirtshause, können auch nicht die Anspruchslosigkeit entfalten, wie sie dort war, aber trotzdem: im Grundcharakter möchten wir diese Spiele so geben, wie sie eigentlich unter den Bauern bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts herein ursprünglich aufgeführt worden sind. Sie lernen da Spiele kennen, in denen Sie erstens wirklich die Grundgebräuche der Leute von dazumal ersehen können. In diesen Begrüßungen, wie sie vorhanden sind vor diesem Christ-Geburt-Spiel zum Beispiel, liegt etwas, was in schöner Weise den Kontakt herstellte zwischen den Spielern und dem damaligen Publikum. Es fühlte sich jeder eigentlich mit zur Sache gehörig, der dazumal erschien gerade durch diese Begrüßungen, die eigentlich etwas wunderbares sind. Daher habe ich nachgeforscht, ob es nicht auch vor dem Paradeis-Spiel eine solche Begrüßung gegeben hat, und Sie konnten wirklich, ohne daß das historische Dokument vorliegt, rein aus dem Geiste der Überlieferung eine solche Begrüßung vorgespielt bekommen im vorigen Jahr auch für das Paradeis-Spiel.
Sie werden ferner sehen, daß in diesen Spielen wirklich innerste Frömmigkeit waltet, aufrichtige, ehrliche Frömmigkeit, immer mit einer gewissen Derbheit zusammen waltet. Und damit ist gerade etwas im Grundcharakter der damaligen christlichen Frömmigkeit gegeben. Die war ohne Sentimentalität durch und durch absolut ehrlich. Der Bauer konnte nicht sentimental werden, er konnte nicht ein langes Gesicht machen; er mußte auch lachen, selbst bei dem Frömmsten. Und das tritt uns bei diesen Spielen in einer so schönen Weise entgegen. Manche Ausdrücke werden dadrinnen als in der Sprache unbekannt auffallen, zum Beispiel wird mancher bei «Kletzen gefressen» nicht wissen, was das bedeutet. Das sind nämlich getrocknete Birnen und Pflaumen, die insbesondere in diesen Gegenden zur Weihnachtszeit als solche Kletzen gegessen werden. Es wurden die Birnen getrocknet, dann in Spalten geschnitten, Pflaumen wurden getrocknet, und das bildete dann die Kletzen. Aber insbesondere wurden diese getrockneten Früchte in das Brot hinein verbacken, und im Brote drinnen wurden diese kleinen Stückchen von den Kletzen mit besonderem Appetit genossen. Das war zu Weihnachten in diesen Gegenden etwas ganz besonders Gutes, das Kletzenbrot. Daher haben Sie gehört im Paradeis-Spiel:
Hätten Adam und Eva Kletzen gfress’n,
’s wär ihna tausendmal nützer gwes’n
als wenn sie den Apfel im Paradies gegessen hätten! Gerade in solchen Dingen, die so ganz aus dem Volkstum heraus sind, kann man sehen, wie echt diese Spiele sich erhalten haben. Nun, wir möchten tatsächlich dasjenige, was sich da aus dem alten Volkstum erhalten hat als ein Stück mittelalterliche Geschichte, die aber in die Gegenwart hereinragt, vor Sie hinstellen.
Ich darf vielleicht noch auf unser Plakat aufmerksam machen, das allerdings mehr noch als zu dem Hirten-Spiel zu dem Dreikönig-Spiel paßt, aber es ist von uns auch heute schon verwendet worden. Wir wollten aus der farbigen Stimmung heraus dasjenige gestalten, was gerade diese Weihnachtspiele in der Gegenwart noch sein können.
Anläßlich der Weihnachtstagung 1923/24 wurden am 24. und am 25. Dezember infolge des großen Andranges sowohl das Paradeis-Spiel als auch das Christ-GeburtSpiel um 4.30 Uhr und um 6 Uhr aufgeführt. Beide Ansprachen entsprechen sich fast wörtlich, so daß nur die erste Einführung hier zum Abdruck gelangt.