Introductions for Traditional Christmas Plays
GA 274 — 27 December 1923, Dornach
Introduction
während der Weihnachtstagung
Heute werden wir uns erlauben, Ihnen das dritte der volkstümlichen Spiele vorzuführen, die um die Weihnachtszeit im älteren Volkstum in den Gegenden, von denen ich schon gesprochen habe, überall aufgeführt wurden.
Das erste Spiel war das Paradeis-Spiel, das immer begonnen wurde zu spielen am ersten Adventssonntag, dann durch die Adventszeit hindurch gespielt worden ist. Das zweite war dann das eigentliche Weihnacht-Spiel, das ungefähr vom letzten Adventssonntag bis Ende Januar gespielt wurde. Dann um die Zeit des Heiligen Dreikönigs-Festes wurde dieses dritte Spiel aufgeführt. Über die Geschichte dieser Spiele habe ich ja schon gesprochen. Ebenso habe ich mir erlaubt, einiges anzuführen über die Art und Weise, wie gespielt wurde. Aus welchem Geiste heraus dies geschehen möchte, will ich nur in wenigen Worten noch darstellen, gerade mit Bezug auf dieses Dreikönig- oder Herodes-Spiel.
Auch bei ihm wird man sehen, wie beschauliche Frömmigkeit, in diesem Falle sogar außerordentlich feierliche Frömmigkeit, vereinbar ist mit einer gewissen Derbheit. Das ist überhaupt der Grundcharakter dieser Spiele und das ist um so interessanter, als eigentlich ein radikaler Unterschied ist zwischen dem Weihnacht-Spiel, das wir vorgestern auch vorgeführt haben, und diesem Dreikönig-Spiel. Es ist auf eine unbegreifliche Weise geschehen, daß mein lieber alter Freund und Lehrer, Karl Julius Schröer, diese zwei Spiele - das Weihnacht-Spiel und das Dreikönig-Spiel — durcheinander gedruckt hat. Ich gebe zu, daß vielleicht schon durch eine ungenaue Überlieferung manches Ineinanderschieben der beiden Stücke irgendwie sich vollzogen hat. Aber ursprünglich sind die beiden Spiele — das eigentliche Weihnacht-Spiel und das Dreikönig-Spiel — durchaus auch ihrem Ursprunge nach ganz voneinander verschieden.
Von diesem Dreikönig-Spiel habe ich selbst noch einiges, was auf die Art und Weise hinweist, wie es aufgenommen wurde da, wo es sich zeigte, gesehen. Die anderen Spiele, sie habe ich viel besprochen mit dem Auffinder derselben, mit Karl Julius Schröer, im Anfange der achtziger Jahre, und sie sind mir dadurch ganz gegenwärtig geworden. Immer mehr und mehr hat sich das dann ergeben, wie es mit diesen Spielen war. Aber von diesem Herodes-Spiel konnte man eigentlich in allen Gegenden Deutsch-Österreichs um die Neujahrszeit bis zur Dreikönig-Zeit und darüber hinaus einfach die Leute sehen, wie sie als Drei Könige - auf die war die Sache reduziert -, Kaspar, Melchior und Balthasar, wie sie als diese Drei Könige mit dem Stern herumzogen und ganz ähnliche Lieder sangen, wie sie hier vorkommen.
Nun mache ich Sie darauf aufmerksam, daß die Struktur dieser Spiele eigentlich an allerälteste Dramatik erinnert. Wir haben überall darinnen die gemeinsamen Chöre, wie man sie im Volkstümlichen nannte: die Kumpaneigesänge, die eigentlich dasselbe darstellen — nur eben in spätvolkstümlicher Weise —, was der griechische Chor darstellt. Und dann haben wir herausgewachsen aus diesen Gesängen, die auch für sich durchaus aufgeführt würden, das eigentlich Dramatisch-Dialogische und so weiter.
Nun, wenn ich von einem radikalen Unterschied der beiden Stücke sprach, so ist dieser nicht nur im Grundcharakter zu erkennen, sondern auch im Ursprung. Alles dasjenige, was Stil des Weihnacht-Spieles, des Christ-Geburt-Spieles ist, weist überall darauf hin, daß die eigentliche Pflege dieser Christ-Geburt-Spiele und wohl auch des Paradeis-Spieles von den Brüdergemeinden ausging und vor dem 16. Jahrhundert viel zahlreicher in Europa lebte, als man heute denkt. Überall waren solch christliche Brüdergemeinschaften, die insbesondere dasjenige auch in diesen dramatischen Darstellungen gepflegt hatten, was sich an den Grundstil des Lukas-Evangeliums anlehnt. Sie werden sozusagen den Grundton des Lukas-Evangeliums im Weihnacht-Spiel finden. Dagegen dieses Dreikönig-Spiel, welche Sie heute sehen, ist von den Kirchen ausgegangen, von den Kirchenleuten, allerdings von solchen Kirchenleuten, die mit ihrer Seele ganz im Volkstum darinnensteckten. Und gerade dieses Dreikönig-Spiel ist urkatholisch, währenddem das Christ-Geburt-Spiel herrührt von, ich möchte sagen, den Vorläufern des Protestantismus.
Da, wo diese Spiele in Deutsch-Ungarn aufgeführt worden sind, waren Katholiken, Protestanten und alles durcheinander; da nahm man sie ganz interkonfessionell. Aber dem Ursprunge nach sind die eigentlichen Weihnachtspiele aus den Brüdergemeinschaften hervorgegangen, in denen es auch wunderschöne Bibelübersetzungen in einem ganz prachtvollen Deutsch gegeben hat. Es würde mir einmal Freude machen, sogar einige Stücke dieser älteren deutschen, wirklich wunderschönen Bibelübersetzungen vorzuführen, denn sie zeigen ganz deutlich, was es für eine Geschichtslegende ist, für eine unglaubliche Geschichtslegende, wenn überall tradiert ist, Luther habe zum ersten Mal die Bibel ins Deutsche übersetzt und die Sprache dazu erfunden, was gar nicht wahr ist, weil die älteren Übersetzungen, die man nur nicht kennt, viel schöner und viel eindringlicher sind, sogar den ursprünglichen Text viel besser treffen als die lutherische Übersetzung. Aus diesen Brüdergemeinden sind also ursprünglich auch diese Spiele hervorgegangen. Dagegen dieses Dreikönig-Spiel trägt deutlich den katholischen Charakter an sich, ist von Klerikern des Mittelalters herstammend, welche sich im Volkstum eingelebt hatten, und die durchaus auch das Interesse der Kirche mit fördern wollten.
Es trägt dagegen das Weihnacht-Spiel vor allem den Charakter des Anmutigen, während dieses Herodes-Spiel zum Teil den Charakter des Suggestiven trägt. Ich möchte sagen, es würde beim Weihnacht-Spiel ganz entschieden stören, wenn man Weihrauch dabei hätte; das würde nicht volkstümlich sein. Dagegen würde es bei diesem Dreikönig-Spiel, das durch die Kleriker dargestellt wurde - Sie werden es verspüren —, gar nichts machen, wenn irgendwie auch Weihrauchgeruch bemerkbar würde, denn es ist außerordentlich viel Suggestives darin, das bei der Darstellung herausgeholt werden soll. Aber natürlich wußte die Kirche der früheren Zeit auch sehr, wie sie volkstümlich wirken kann. Daher ist auch da durchaus echtes Volkstum, schöne, wahre, volle Feierlichkeit verbunden mit volkstümlich Derbem, und vor allen Dingen etwas außerordentlich Tiefes, dem Volke zum Herzen Sprechendes. Man darf daher auch dieses Dreikönig-Spiel, Herodes-Spiel schon als ein schönes Stück mittelalterlicher Geschichte ansehen, welches heraufgekommen ist bis ins 19. Jahrhundert herein am reinsten und unverfälschtesten in jenen Gegenden, wo die deutschen Kolonisten unter fremden Völkerschaften waren, wo sich nichts von der sogenannten Intelligenz und neueren Verbesserung von seiten des Klerus hineingemischt hat, so daß man also im Weihnacht-Spiel wie im Herodes-Spiel etwas hat, was im volkstümlich-künstlerischen dramatischen Stil, wie auch in dem Stil der volkstümlichen Frömmigkeit durchaus aus der vorreformatorischen Zeit stammt und die Geschichte des Christentums in Mitteleuropa, die Geschichte aus der vorreformatorischen Zeit, sehr schön vor uns wiedererstehen läßt.
Und damit das geschehen könne, was im Grunde ein Interesse vieler Menschenherzen sein muß, möchten wir diese Weihnachtspiele vor Ihnen aufführen.