Introductions for Traditional Christmas Plays

GA 274 — 29 December 1923, Dornach

Introduction

während der Weihnachtstagung

Ich habe Ihnen gewissermaßen die Geschichte dieser Weihnachtspiele geschildert gelegentlich der Aufführung des Paradeis-Spieles, so daß ich heute nur von der Art sprechen möchte, wie in jenen deutschungarischen Kolonien, in denen Karl Julius Schröer diese Stücke gefunden hat, eigentlich diese Aufführung ins Werk gesetzt worden ist. Ich wiederhole also nur kurz, daß diese Weihnachtspiele, schon Ende des 15., Anfang des 16. Jahrhunderts aus ihrer mitteleuropäischen Heimat nach dem Osten gewanderten Stücke, bis ins 19. Jahrhundert herein in den verschiedensten Gegenden Ungarns aufgeführt worden sind. Karl Julius Schröer hat sie später in der Nähe von Preßburg, in der Oberuferer Gegend in der Familie Malatitsch gefunden. Die Aufführung dieser, als ein teures Erbgut angesehenen Stücke, welche sich in einer Familie immer fortsetzten, wurde gewöhnlich schon nach der Weinlese, also Mitte, Ende Oktober, beraten, ob die Spiele aufgeführt werden sollen. Schon aus dem Grunde war dies nötig, weil nicht jedes Jahr die nötige Stimmung bei den Leuten da war, durch das oder jenes, auch besonders weil nicht immer die nötigen Aufführer da waren. Aber zu gewissen Zeiten, nach der Weinlese, fanden sich doch die Leute zusammen an ihrem Stammtisch und sagten: Jetzt hätten unsere Burschen doch wieder einen gewissen neuen Aufputz für ihre Frömmigkeit nötig, und wir könnten dieses Jahr wiederum diese Spiele aufführen. — Und wenn sich der, welcher in der Familie diese Spiele bewahrte, dazu bereit erklärte, sah man sich um, welche Burschen im Dorf geeignet wären, um in dem betreffenden Jahre die Aufführungen zu machen.

Diese Spiele wurden nun in einer recht strengen Weise einstudiert. Denn, sehen Sie, die ganze Aufführung wurde als etwas angesehen, das mit dem innigsten religiösen Leben, mit der innigsten Frömmigkeit der Leute in jenen Gegenden zusammenhing. Und so gab es für diejenigen, die mitspielen sollten, während der Vorbereitungszeit strenge Verordnungen. Sie durften zum Beispiel in dieser Zeit sich nicht betrinken, was sehr viel heißen will in diesen Gegenden; sie durften nicht zum Dirndl gehen; sie durften viele andere Dinge nicht machen, welche sie sonst gerne machten. Das Ganze wurde überhaupt als etwas angesehen, was einer feierlichen Zeit angehört, und als etwas, dem man feierliche Stimmung entgegenbringen muß. Es verging zum Beispiel in gewissen Jahreszeiten kein Sonntag, ohne daß in diesen Dörfern der Haidbauern, oder wo die Dinge aufgeführt wurden, nicht Musik in den Wirtshäusern gewesen wäre. Nun kamen einmal diese Leute, welche die Volksspiele spielten, in ein Dorf, wo am Advent ihnen zu Ehren, als sie kamen, eine nicht schlimme Musik aufgeführt wurde. Da sagten sie, ob man glaube, daß sie Komödianten seien, daß man ihnen zu Ehren Musik mache! Also alle Lustbarkeit mußte überhaupt schweigen zu dieser Zeit, während der gespielt wurde. Es waren auch noch andere strenge Vorschriften, die wir durchaus nicht nachmachen können. Zum Beispiel derjenige, welcher mitspielte, mußte strengen Gehorsam dem Lehrmeister leisten. Das können wir natürlich nicht nachmachen. Außerdem, wenn irgend etwas, eine Attitüde, die einstudiert war, vergessen wurde, mußte man Strafe bezahlen. Auch das können wir natürlich hier nicht nachmachen. Das Entree war zwei Kreuzer, Kinder zahlten die Hälfte. Zwei Kreuzer, das sind vier Centimes. Das können wir auch nicht nachmachen. Wir können auch nicht nachmachen, daß zu den Spielen in der Form eingeladen wurde, daß der Teufel eine halbe Stunde oder eine Stunde vorher, bevor die Aufführung begann, im Dorf herumlief mit seinem Schwanz — denken Sie! — und mit einem Kuhhorn nun überall da in die Fenster hineintutete und den Leuten erklärte, sie müßten kommen, das gehörte sich so. Dann sprang er auch auf Fuhrwerke hinauf und trieb so seinen Unfug. Wir könnten es ja einmal probieren, vielleicht könnten sich die Sympathien für uns nicht vermindern, sondern sogar etwas vergrößern. Aber bis jetzt haben wir immer noch geglaubt, solche Dinge müßten wir eigentlich weglassen.

So wurde also dieses einstudiert. Und wenn dann die Adventszeit herankam, wurde das Paradeis-Spiel gegeben, wie wir es hier vor einigen Tagen gegeben haben, zur Zeit der Weihnacht das Christ-Geburt-Spiel und zur Zeit des Heiligen Dreikönig-Festes das Herodesoder Dreikönig-Spiel, welches Sie noch sehen werden oder schon gesehen haben.

Wir können es diesen Stücken in der äußerlichen Struktur ansehen, wie geartet diese besondere bäuerliche Frömmigkeit war, die sich da so wundersam noch erhalten hat. Diese Frömmigkeit trägt ihre ehrliche, ihre innere Wahrheit dadurch zur Schau, daß sie alle Sentimentalität vermeidet und dafür eine ganze selbstverständliche Derbheit hat. Dieses derbe Wesen, dieses Sich-Ergehen in derben Späßen, ist etwas, was überhaupt den Volksspielen, trotzdem diese Leute volle, ehrliche Frömmigkeit hatten, durchaus eignete. Das ist das besonders Charakteristische. Sie werden daher auch hier Szenen von großer Feierlichkeit sehen und solche Szenen, welche massive Derbheit des Bauerntums, des Volkstums zur Schau bringen.

An solch einer Bemerkung, wie sie der Vorsinger, der Anführer der Singer, macht, wo hingewiesen wird, daß der Rhein da in der Nähe ist, sehen Sie eben, daß die Dinge aus der Gegend nördlich vom Rhein hier nach dem Osten hinübergewandert sind, und sie haben wirklich durchaus auch sich die Sprache erhalten. Es hat Karl Julius Schröer die Dinge nach dem Gehör aufgezeichnet, von seiten derjenigen, welche diese Stücke dazumal in den vierziger, fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts auswendig gekannt haben und sie öfter aufgeführt hatten. Dabei sind mancherlei Fehler unterlaufen. Und diese Fehler, die da in dem Schröerschen Druck unterlaufen sind, haben es mir unmöglich gemacht, daß ich der Anforderung nachgekommen wäre, einen Text dieser Spiele neu drucken zu lassen, denn man müßte sich wahrhaftig viele Wochen damit beschäftigen, die ursprüngliche Fassung, die echte, ehrliche Fassung wieder herzustellen. Man kann natürlich nicht sein Einverständnis damit geben, einen schlampigen Text herzustellen. Sehen Sie, man kommt auf manches erst nach sehr, sehr langer Zeit. Der gedruckte Text war durchaus korrumpiert, zum Beispiel muß er an dieser Stelle heißen:

Adam, nimm an den lebendigen atem,
Den du empfangest mit dem datem....

nämlich: mit diesem Datum. Das ist: von diesem Tage an bekommst du den lebendigen Atem.

Man muß, wenn man diese Dinge heute auf die Bühne bringen will, die Gewissenhaftigkeit haben, sich solche Texte herzustellen. Und so werden wir uns bemühen, meine lieben Freunde, Ihnen, trotzdem wir uns moderner Mittel bedienen müssen, ein Bild von der Art und Weise zu geben, wie solche Dinge ursprünglich gespielt worden sind, wie im Volkstum gesucht worden ist echte Frömmigkeit. Ich werde manches noch ausführen bei der nächsten Aufführung des Herodes-Spiels. Es ist hervorgegangen auch wiederum aus einem künstlerischen Elemente, das sich gerade in Mitteleuropa ergeben hat wie eine volkstümliche Vorführung uralter dramatischer Kunst.

Sie werden sehen, wie da Chöre sind, und aus den Chören der Dialog und das andere Dramatische herauswächst in einer wunderschönen Weise. Es ist wirklich so, wenn man dieses Primitive mit den griechischen Tragödien vergleicht, so sieht man, wie da in diesen volkstümlichen Gegenden eine sehr schöne Fortsetzung ist. Und der Kontakt, der da ist mit dem ganzen Publikum, daß man eigentlich sich als Mitspielender mit dem Publikum als eins fühlt, tritt insbesondere in dieser Begrüßung von allem zutage, was in dem Saal und außer dem Saale ist, was auf der Erde und außer der Erde ist. Das brachte etwas zutage, etwas zu fühlen von Heimischsein. Das ist dasjenige, was diesen Spielen den besonderen künstlerischen Reiz gibt.

Wir möchten uns damit eben bemühen, Ihnen in lebendiger Art ein Stückchen Geschichte, das im Grunde genommen draußen, außer unseren Kreisen schon zum größten Teil verlorengegangen ist, vorzuführen.

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