Introductions for Traditional Christmas Plays

GA 274 — 31 December 1923, Dornach

Introduction

während der Weihnachtstagung

Wir werden uns nun erlauben, Ihnen das Dreikönig- oder Herodes-Spiel vorzuführen. Wir haben in den vergangenen Tagen uns gestattet, das Paradeis-Spiel und das Christ-Geburt-Spiel vor Sie hinzutragen, und heute bringen wir Ihnen das Dreikönig-Spiel. Über die Geschichte, das heißt über den Ursprung der Spiele, habe ich bereits gesprochen, ebenso über die Art der Einstudierung. Ich will heute nur noch bemerken, daß das Paradeis-Spiel in der Regel in der Art gespielt wurde, wie ich Ihnen das beschrieben habe, in der Adventszeit, das Christ-Geburt-Spiel in der eigentlichen Weihnachtszeit und dieses Dreikönig-Spiel um die Zeit des Dreikönigfestes, am 6. Januar, um diesen Tag herum. Man kann deutlich wahrnehmen, wie der Stil der beiden Spiele, des Weihnacht-Spiels und auch des Paradeis-Spiels und dieses Dreikönig-Spiels voneinander verschieden sind. Bei dem Weihnacht-Spiel sieht man ganz genau, daß man es mit etwas zu tun hat, das aus dem unmittelbaren Volksgemüt ist. Man muß sich etwa das Folgende vorstellen.

Es gab ja, namentlich vor der Reformation auch in Mitteleuropa, nach der Reformation aber in den verschiedenen deutschen Kolonien, von denen eine diejenige von Oberufer ist, aus der diese Spiele stammen, überall die Brüdergemeinde, welche ein christliches Gemeinschaftsleben zu ihrer Aufgabe hatte, die fortleben wollte die religiöse Stimmung, die im Lukas-Evangelium gegeben ist. Und solche Brüdergemeinden waren sehr ausgedehnt. Es war eine Art von Gemeinschaftsleben, welches die religiöse Erbauung in den gemeinsamen Empfindungen derjenigen suchte, die sich zu einer solchen Brüdergemeinde zusammenfanden. In diesen Kreisen sind dann Spiele entstanden wie dieses Weihnacht-Spiel, das Christ-Geburt-Spiel. Dagegen ist dieses Spiel, welches wir heute sehen werden, nur, wie ich glaube, durch ein unbegreifliches Mißverständnis meines alten Freundes und Lehrers, Karl Julius Schröer, zusammengekoppelt mit dem Weihnacht-Spiel, mit dem es dem Stil nach gar nicht stimmt. Es ist dieses Dreikönig-Spiel aus dem Klerus hervorgegangen, der sich die Aufgabe gestellt hat, dem Volke etwas zu geben. Man kann es überall dem Spiel ansehen, daß das aus der Inspiration des Klerus stammt, allerdings solcher Kleriker, welche sich intim mit dem Volkstum befaßt haben, welche sich ganz in das Volkstum eingelebt hatten, und welche die Interessen der Kirche durch solche Spiele im Volkstum haben vertreten wollen.

Daher ist eine gewisse primitive Art in dem Christ-Geburt-Spiel zu bemerken, echte Frömmigkeit mit bäuerlicher Derbheit in Ehrlichkeit zu einem religiös-volkstümlichen Stil verbunden. Dagegen finden wir in diesem Spiel, welches heute vor unsere Seele tritt, Feierlichkeit. Feierlichkeit hervorgegangen aus dem Interesse der Kirche. Eine gründlich suggestive Gewalt ist gerade in diesem Dreikönig-Spiel sowohl in bezug auf die Komposition, die außerordentlich dramatisch geführt ist, wie auch in bezug auf das einzelne, das wir darinnen bemerken.

Das Paradeis-Spiel, das Christ-Geburt-Spiel traten immer vor mich hin im Gespräche mit Karl Julius Schröer, am Ausgang der achtziger Jahre. Er hatte die Dinge selber bei den Bauern aufführen sehen, wußte außerordentlich anschaulich von ihnen zu erzählen, und es konnte damals schon in mir eine deutliche Vorstellung von dem entstehen, was an altem Volkstum gerade in diesen Spielen enthalten ist. Von diesem Dreikönig-Spiel habe ich aber während meiner Knabenzeit selber noch den Grundstock gesehen. Überall in katholisch christlichen Gegenden sah man von Neujahr gegen den Dreikönigstag hin diese Gruppen überall herumziehen, deren Mittelpunkt gerade die drei Magier, die drei Könige bildeten mit dem Stern. Sie zogen in den Dörfern von Haus zu Haus und führten zusammen die Sache auf; nicht dramatisch. Aber dasjenige, was Sie hier bei uns als Chorgesänge haben, dieses mit einigen dramatischen Dingen, führten sie manchmal vor den Türen auf und in den Häusern, welche sie da besuchten, wenn dazu Platz war. Doch konnte man sehen, daß in diesem Herumziehen der Magier etwas war, was aus der Kirche heraus kam. Und so ist das ganze Dreikönig-Spiel eigentlich aus der Kirche heraus gekommen, und daher hat es in den einzelnen Teilen seine besondere suggestive Gewalt. Es ist daher ganz unrichtig, diese zwei Spiele mit dem ganz verschiedenen Stil in eins zusammenzuwerfen und sie als zusammengehörig etwa hintereinander aufzuführen. Das kann nur dadurch geschehen sein, daß vielleicht schon vorher einmal diese Spiele zusammengeworfen worden waren, und Karl Julius Schröer sie dann bei dem Malatitsch so zusammengeworfen gefunden hat. Wer aber die ganze Entwickelung der Spiele verfolgen kann, der weiß, daß diese beiden Dinge durchaus nicht zusammengehören, sondern sogar ganz verschiedenen Ursprung haben.

Man sieht aber wiederum, wenn man den ganzen Komplex dieser Weihnachtspielerei ins Auge faßt, welcher große Wert gelegt worden ist sowohl von der mährischen Brüdergemeinde, die von der heutigen Tschechoslowakei hinübergezogen war nach dem Osten - sie waren ja lange Zeit hindurch die vorzüglichsten Pfleger des Christ-GeburtSpiels - man kann sehen, was mit dem ganzen Komplex gemeint ist, auf der einen Seite im Volkstum ehrliche echte Frömmigkeit zu pflegen; Prokura, möchte ich sagen, der Kirche von der anderen Seite mit dem Dreikönig-Spiel. Man hat auf diese Weise gesucht, sich die Wege zu bahnen zu den Herzen der Menschen; man hat sie auch gefunden. Und es ist schon so, daß man in recht interessante Gebiete des religiösen Lebens hineinkommt, wenn man das mannigfaltige religiöse Leben vor der Reformation ins Auge faßt. Gewiß, nachher ist dazugekommen, was vielleicht schon von der Reformation beeinflußt ist, aber man sollte historisch wenigstens sich wieder vergegenwärtigen, wie eine ehrliche innerliche Grundstimmung vorhanden war in der Zeit, in der es gegen die Reformation zu ging. Der Klerus mußte da solche Mittel ergreifen, um zu der Volksseele seine Zuflucht zu gewinnen.

Manches von dem, was in der Geschichte heute dargestellt wird, beruht durchaus auf Mißverständnis. Es ist zum Beispiel außerordentlich interessant, Bibelübersetzungen, wenn auch nicht der ganzen Bibel, so doch großer Teile des Alten oder des Neuen Testaments in jener älteren, vorlutherischen Zeit kennenzulernen. Die Sprache ist eine viel ursprünglichere, viel innigere, als diejenige, die dann durch Luther angeblich für die Bibel geschaffen worden ist. Und es ist eigentlich bloß eine historische Legende, wenn immer wieder und wiederum erzählt wird, Luther hätte zuerst die Bibel ins Deutsche übersetzt. Es ist sogar nicht einmal die beste Übersetzungskunst durch ihn geübt worden, sondern dasjenige, was früher vorhanden war, ist eigentlich besser. Und aus derselben Stimmung, aus der in religiösen Gemeinschaften in der vorreformatorischen Zeit solche Bibelübersetzungen hervorgegangen sind, sind auch solche Spiele hervorgegangen. Wir werden also lebendig in ein Stück alten Volkstums durch diese Spiele versetzt.

Wir müssen das mit modernen Mitteln tun, aber wir versuchen sie in der Art aufzuführen, wie sie damals aufgeführt worden sind. Ich sagte schon einmal: gewisse Dinge können wir nicht wiederholen. Wohl könnte vielleicht einmal der Versuch damit gemacht werden, den Teufel mit dem Kuhhorn in Arlesheim und Dornach herumzuschicken. Zu jedem Fenster würde er hineinzututen haben, müßte den Leuten klarmachen — das ist so gebräuchlich —, daß sie heute zum Weihnachtspiel kommen sollen! Aber ich weiß nicht, ob wir dadurch beliebter oder noch unbeliebter werden würden.

Manche andere Dinge können wir auch nicht nachmachen. Zum Beispiel wurden diese Spiele ganz nur von Burschen gespielt. Das würde auch bei uns nicht gehen, sie nur von Burschen spielen zu lassen. Dann können wir namentlich dieses nicht wiederholen, daß Strafen bezahlt werden müssen, wenn jemand irgend etwas, das der Lehrmeister einstudiert hatte, sich nicht in richtiger Weise merkte. Ja, da käme eine ganze Revolution unter den Spielern. Dann können wir weiter auch das nicht einführen, daß wir zwei Rappen als Eintritt nehmen würden, oder es wurden vier Rappen als Eintritt gegeben und genommen damals. Kinder bezahlten die Hälfte. Das können wir auch nicht nachahmen. Ich weiß es nicht, aber es wird berichtet, daß von dem, was auf diese Weise einkommt, defekte Kleider und so weiter für die nächste Aufführung wieder hergestellt wurden. Nun, dabei war das Publikum gewöhnlich gar nicht so zahlreich wie dieses hier. Also wir sehen dabei auch in Zeiten hinein, wo die Dinge noch wesentlicher billiger waren.

Aber abgesehen von all dem, möchten wirfversuchen, ein richtiges Stück altes Volkstum vor Ihre Seele hinzustellen auch mit diesem Stück, diesem Dreikönig- oder Herodes-Spiel, trotzdem wir das nur dadurch können, daß wir sozusagen in moderne Verhältnisse transponieren, aber diese modernen Verhältnisse so gestalten, daß der alte Stil dabei erhalten bleibt. Und so möchten wir Ihnen auch gerade dieses Dreikönig-Spiel vor die Seele führen.

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