Introductions for Traditional Christmas Plays
GA 274 — 6 January 1924, Dornach
Introduction
Wir werden uns erlauben, Ihnen auch dieses Jahr hier eines der Weihnachtspiele vorzuführen, die aus altem deutschen Volkstume stammen. Ich darf vielleicht von etwas Persönlichem ausgehen. Ich selber lernte diese Weihnachtspiele — die dieses Jahr nicht öffentlich zur Darstellung kommenden, das Paradeis-Spiel und das Christ-Geburt-Spiel und auch dieses heute aufzuführende Dreikönig-Spiel — kennen vor etwa, ich kann sagen, vierzig Jahren. Dazumal lernte ich diese Spiele bei meinem alten Freund und Lehrer, Karl Julius Schröer, kennen. Karl Julius Schröer, der dazumal, als er mir diese Spiele nannte, in Wien Hochschulprofessor war, war aber um die Mitte des 19. Jahrhunderts, in den vierziger, fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts, Professor in Preßburg, das heute zur Tschechoslowakei gehört, dazumal in einer deutschen Kolonie Ungarns, Westungarns, war. Wenn man die Donau, an der Prefburg liegt, nur ein wenig weiter ostwärts gegen Budapest zu geht, dann kommt man in die sogenannte Oberuferer Gegend. In dieser Oberuferer Gegend war eine deutsche Kolonie. Sie war urdeutsch in meiner eigenen Jugend, wie ja überhaupt in Ungarn vor der Magyarisierung wirklich recht ausgebreitete deutsche Kolonien waren: in der Zipsergegend, die Siebenbürgener Sachsen, im Banat und so weiter. Nun, als Schröer Professor in Preßburg war, hörte er einmal, daß interessante, volkstümliche Weihnachtspiele draußen in Oberufer von den Nachkommen jener deutschen Kolonisten gespielt würden, welche vom Westen gegen Ungarn hin gezogen waren, um sich dort niederzulassen, aus Gegenden, die wahrscheinlich nördlich vom Rhein in Süddeutschland gelegen waren, unmittelbar an die Schweiz angrenzend, nördlich vom Rhein und bis nach dem Elsaß hinein. Und von daher scheinen diese Weihnachtspiele eigentlich zu stammen.
Es ist so —- man kann das heute noch verfolgen -, daß wirklich im 13., 14. Jahrhundert diese Weihnachtspiele da jenseits des Rheins, vielleicht später in der Nordschweiz, höchstens in Brienz noch gespielt worden sind. Die Leute sind dann ostwärts gezogen, haben diese Weihnachtspiele als ein teures geistiges Erbstück mit einer innigen Frömmigkeit genommen und hielten es dann außerordentlich wert. Und durch das ganze 16., 17., 18. Jahrhundert wurden sie dann um die Weihnachtszeit und Dreikönigszeit in diesen Dörfern bei den sogenannten Haidbauern gespielt.
Es war dieses ein jährliches großes Erlebnis christlicher Frömmigkeit in diesen deutschen Gegenden Ungarns. Dadurch, daß diese Weihnachtspiele gerade dieses Schicksal gehabt haben, sind sie, ich möchte sagen, bis in die neueste Zeit herein ganz unverfälscht geblieben. Denn, sehen Sie, Weihnachtspiele sind in älteren Zeiten vor und nach der Reformation überall entstanden, sind gern gespielt worden, aber sie sind dann in späteren Zeiten von den sogenannten intelligenten Leuten verbessert worden, was man so verbessern nennt, das heißt, es ist ihnen ihre Volkstümlichkeit von Grund aus ausgetrieben worden. Und die Verbesserung, welche die Intelligenz hat anbringen wollen, ist eine gründliche Verschlimmerung geworden, so daß diese Volksspiele dann in den westlicheren Gegenden wirklich in einem schlechten Zustande eigentlich nur gefunden werden konnten.
Da unten aber galten diese Weihnachtspiele der Intelligenz nichts. Als Karl Julius Schröer eben so in dem Anfang der fünfziger Jahre auf die Dörfer hinauskam, da haben die Schullehrer und der Dorfnotar gefunden: das ist etwas, um das man sich nicht kümmert. Die «intelligenten Leute» haben das als nichtsnutziges Zeug angesehen. Und so sind diese Weihnachtspiele ganz unverfälscht geblieben, weil sie niemand verbessert, das heißt, verschlechtert hat in Wirklichkeit. So sind sie geblieben die ganzen Jahrhunderte hindurch, und so hat sie Karl Julius Schröer noch in der Mitte des 19. Jahrhunderts gefunden. Da wurden sie nicht mehr jedes Jahr gespielt, sondern nur, wenn man glaubte, daß man das nötige Personal habe. Wenn die Weinlese vorüber war im Oktober, dann kamen die Honoratioren des Ortes zusammen bei ihrem Stammtisch und sagten: Dieses Jahr haben wir wiederum Burschen - denn nur Burschen durften da mitspielen —, um diese Weihnachtspiele aufführen zu können, und es tut unseren Leuten ganz gut, wenn sie wieder ein bißchen Frömmigkeit in die Adern kriegen. Jetzt wollen wir es wiederum einmal in diesem Jahr machen.
Da war dann auch derjenige darunter — es war immer eine angesehene Familie unter den Bauern des Dorfes —, welcher der Besitzer des «Manuskriptes» war. Gedruckt waren sie ja nicht, diese Weihnachtspiele. Der hatte es von seinem Vater und der wieder von seinem Vater und so weiter erhalten. So waren sie durch die Jahrhunderte bewahrt. Und wenn nun die Zeit da war nach der Weinlese, sollte derjenige, welcher im Besitz des Manuskriptes war, nun die Burschen um sich versammeln und ihr Lehrmeister sein und um die Advents- und Weihnachtszeit, um die Dreikönigszeit, die Aufführungen vorbereiten. Und diese Aufführungen wurden wirklich mit größtem Ernst betrieben. Es gab strenge Vorschriften für diejenigen Burschen, die da mitwirken sollten. Zum Beispiel durften diese Burschen die ganze Zeit über, während der sie diese Spiele vorbereiten sollten, sich nicht betrinken. Wer diese Gegenden kennt - ich habe lange dort in diesen Gegenden gelebt -, weiß, daß das eine große, eine außerordentlich große Entbehrung für diese jungen Burschen war, wenn sie nun von der Weinlese bis zum Dreikönigstag sich nicht betrinken durften; auch nicht raufen zum Beispiel. Wer kennt, was da alles sich noch in jener Zeit abgespielt hat, wenn zum Beispiel eine Bürgermeister- oder gar eine Vizinalratswahl war — das war einer der Vertrauensbeamten des Komitats -, was das alles in diesen Gegenden hieß: die Burschen durften nicht raufen an den Sonntagen! Also sie mußten ein ganz frommes Leben führen. Es war wirklich echte Frömmigkeit, volkstümliche Frömmigkeit. Außerdem war vorgeschrieben, die ganze Zeit nicht zum Dirndl zu gehen. Und es durfte auch keine weltliche Musik in den ganzen Wochen in den Dörfern, wo sie überall herumzogen, aufgeführt werden. Alle die Vorschriften, die wir hier bei unseren Spielern natürlich durchaus nicht durchführen können, das heißt, die bisher genannten können wir durchführen; die anderen aber nicht. Wenn zum Beispiel jemand etwas vergessen hatte, was er gelernt hatte, hatte er eine Strafe zu bezahlen. Das könnten wir bei uns nicht tun. Ebensowenig könnten wir das nicht durchführen, daß niemand zu spät kommen könnte und so weiter. Also alle diese Dinge wurden im strengsten Sinne dort gehandhabt. Es war wirklich etwas außerordentlich Disziplinierendes für die Burschen des Ortes.
Die Weihnachtspiele selber — als die Zeit herangekommen war wurden in der Weise gefeiert, daß man sagen kann: es mischte sich da zusammen wirkliche, echte volkstümliche christliche Frömmigkeit, verbunden mit dem, was als Volksbräuche, nicht Sentimentalität da war. Es war wirkliche Volkstümlichkeit da drinnen: ehrliches Frommsein, nicht irgendwie scheinheiliges Frommsein, sondern ehrliches Frommsein, das schon vermischt ist auch mit einer gewissen Derbheit. Das war ja grade die aufrichtige Frommbheit in alten Zeiten. Es hatte sich bis ins 19. Jahrhundert erhalten.
Dann, wenn die Aufführungen herannahten, kamen auch einige Sachen, die wir nicht ebenso nachmachen können, denn ich weiß doch nicht, wie man das auffassen würde, wenn wir das zum Beispiel nachmachen würden. Der Teufel, der mußte, wenn die Aufführung herankam, im ganzen Dorf mit seinem langen Schwanz herumgehen und überall hineintuten und den Leuten sagen, sie müßten jetzt zum Weihnachtspiel kommen. — Ich weiß nicht, wie man das auffassen würde; es könnte vielleicht gut sein, daß es gefiele! Und wir können auch das nicht nachmachen hier, daß der Teufel zum Beispiel auf jedes Fuhrwerk springt und dort seinen Schabernack treibt, wenn die Aufführung herannaht und so weiter. Wenn dann die Leute zusammengekommen waren im Wirtshause, ringsherum saßen auf den Bänken, dann wurde in der Mitte des Wirtshaussaales diese Aufführung gegeben. Etwas, was wir hier auch nicht nachmachen können, das war, daß man zwei Kreuzer bloß, das sind vier Rappen, Eintrittsgeld bezahlte. Das war für damals ein außerordentlich hohes Eintrittsgeld; Kinder zahlten die Hälfte. Die Dinge waren eben alle noch in der Mitte des 19. Jahrhunderts, als Karl Julius Schröer diese Spiele fand, durchaus so erhalten, auch die Gebräuche wie im 16. Jahrhundert, wo das Volk da hingezogen ist und diese Weihnachtspiele sich mitgebracht hat.
Und dazumal, vor vierzig Jahren, habe ich diese unendliche Liebe zu diesen wunderbaren Weihnachtspielen gefaßt, und ich glaube tatsächlich, daß etwas Schönes erhalten werden kann, wenn man sie da, wo man Gelegenheit hat, wieder spielt. Denn dort, in den ehemaligen deutschen Gegenden Ungarns, werden sie längst nicht mehr gespielt. Die letzte Familie, die sie gehabt hat, ist ja wohl ausgestorben, und erneuert sind sie nicht mehr worden, so daß eigentlich dasjenige, was wir nun schon in der Vorkriegszeit für diese Spiele getan haben, eine wirkliche Erneuerung der Sache ist. Es steckt ein Stück deutschen Volkstums in diesen Spielen. Es ist wirklich etwas erhalten, was früher sehr geehrt und geschätzt worden ist im Volke.
Und hier glaube ich, daß das noch seinen besonderen Wert darinnen hat, daß die Schweizer sich erinnern, wenn vielleicht noch in der Nordschweiz, aber ganz sicher, wenn man die Augen über den Rhein hinüber gerichtet hat, dann waren diese Spiele im 14., 15., 16. Jahrhundert dort überall gespielt. Gerade hier kann man also recht gute Erinnerungen damit verbinden, und deshalb glauben wir, daß es auch ganz gut ist, diese Spiele hier zur Vorführung zu bringen. In diesem Sinne erbitten wir Ihre Aufmerksamkeit für diese Spiele.
Wir müssen natürlich mit ganz neuen Mitteln arbeiten, mit den Mitteln, die ein heutiger Bühnenbetrieb, soweit wir ihn hier haben, gibt, aber innerhalb dessen versuchen wir die Gestalt so zu geben mit dem Dialekt und mit allem, wie sie im Volke aufgeführt worden sind. Wir dürfen sie also nennen: Weihnachtspiele aus altem Volkstum.
Dieses ist die letzte Ansprache zu einer Aufführung von den Oberuferer Weihnachtspielen, welche Rudolf Steiner gehalten hat. Im Herbst des gleichen Jahres erkrankte er schwer und starb am 30. März 1925.