Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1912–1918

GA 277a — 31 August 1912, Munich

Zur Entstehung der Eurythmie

Lory Maier-Smits, aus: «Erste Lebenskeime der Eurythmie»

Ich aber wartete von Tag zu Tag darauf, dass Dr. Steiner uns [Clara und Lory Smits] rufen lassen würde und die «Stunden» begännen. Endlich eines Tages begegnete ich ihm in einer offenen Tür. Vielleicht habe ich ihn sehr fragend und erwartungsvoll angesehen, jedenfalls legte er die Hand auf meine Schulter und sagte: «Ja, Kleine, es gehört die Weisheit der ganzen Welt dazu, ich kann es Ihnen jetzt noch nicht sagen. - Ich kann mir in diesen Wochen hier nicht die Zeit nehmen, die ich dazu brauche. - Wäre es möglich, dass Sie im September, wenn ich in Basel bin, dorthin kämen? Da werde ich Zeit haben.» Und so kam cs, dass schon das erste Kapitel der Eurythmie in Basel gegeben wurde. Einen Tag vor unserer Abreise von München wurden wir aber doch noch ganz überraschend zu Dr. Steiner gerufen, und in dieser Besprechung gab er die ersten konkreten Angaben über drei Vokale.

Er sagte ungefähr das Folgende: «Stellen Sie sich aufrecht hin und versuchen Sie, eine Säule zu empfinden von den Ballen der Füße bis in den Kopf, und diese Gerade, diese Aufrechte lernen Sie empfinden als i;» — Ich glaube, er war nicht befriedigt von dem, was ich machte, er wiederholte, während ich mich noch bemühte; «Das Gewicht ruht auf dem Ballen, nicht auf der Ferse!» - Ich möchte nun jeden Leser bitten, das selbst zu versuchen und sich den Unterschied fühlend und lauschend zum Bewusstsein zu bringen. Und dann möchte ich schon an dieser Stelle von einem Satz erzählen, den Rudolf Steiner später in Basel, die Unterweisungen einleitend und die ganze Eurythmie damit unterbauend, sagte, und den er bei seiner Ansprache zu der ersten Eurythmie-Aufführung am 28. August 1913 in München der Frau Felicia in den Mund legte: «Sie müssen lernen, das Herz in den Kopf hinaufsteigen zu lassen.» - Ich stand also da in der angegebenen Haltung, fühlte, wie von den Füßen (Ballen) ausgehend eine Aufrechte emporstieg, ich fühlte sie vor meinem Körper, nicht in der Wirbelsäule, durch Brust und Herz. hinauf bis in die Stirne, von der ich das Empfinden hatte, sie müsse zu leuchten beginnen.

«Nun verlagern Sie diese Säule so, dass der Kopf hinter dem Punkt der Füße steht, und dann haben Sie eine Haltung, die Sie als a empfinden lernen sollen.» Das ist nun ein ganz anderes Erlebnis. Das Gewicht verlagert sich auf die Fersen, die Säule, die außerhalb des Körpers und doch ihn aufrichtend, emporgestiegen war, erfasst und durchdringt die Wirbelsäule, sodass man jetzt ein deutliches Erleben seines Knochenmenschen hat und damit einer gewissen Schwere und Erdgebundenheit. Dafür aber ist Brust und Herz wie geöffnet für alle Einflüsse. Die ganze Welt und der ganze Himmel schicken ihre Strahlen herein. Und alle diese Strahlen treffen sich im Herzen. Im Vergleich mit der Empfindung bei der ersten Haltung ist es ein leiser Schmerz, ein Getroffen-Sein. Geöffnet und preisgegeben der Außenwelt.

«Und nun kommt die dritte Haltung: Dazu bringen Sie den Kopfpunkt der Säule vor den Fußpunkt, und das lernen Sie empfinden als 0.» - Das ist ein ganz großer Unterschied gegenüber den beiden ersten Lauten, wenn man es empfindend macht. Aus dem a, aus diesem Untergetaucht-Sein in den physischen Leib bis zu einem Erleben des Rückgrats, der Rippen, bis zu dem deutlichen Gewahr-Werden: ja, die Arme sind ja eigentlich Rippen, die sich frei gemacht haben, die nicht mehr angewachsen sind, von diesem a kommt man über das i, das die Schwere überwindend sich in der Aufrechten erlebt, zu dem o. Da entsteht in zarter und doch so überzeugender Weise das Gefühl, dass die empfindende Seele, entlassen aus der Leibgebundenheit, sich draußen in dem andern, dem sie sich zuneigt in dieser leisen Geste, erleben kann.

Das dritte Glied der menschlichen Organisation, das Instrument für die Eurythmie, wurde durch diese Übung angesprochen, und ein erstes leises Bewusstsein davon ermöglicht, wie die empfindende Seele in dreifach verschiedener Weise sich verbinden kann mit ihrem eigenen Leib und mit der Außenwelt. Immer wieder von den verschiedensten Gesichtspunkten aus werden diese drei Laute von Rudolf Steiner genannt und ihre grundlegende Bedeutung hervorgehoben.

Lory Maier-Smits, Aufzeichnungen 1965

An diesem Abend gab Dr. Steiner die ersten konkreteren Angaben für die drei charakteristischen Vokale, für i a o: «Stellen Sie sich aufrecht hin und versuchen Sie eine Säule zu empfinden, deren Fußpunkt der Ballen Ihrer Füße und deren Kopfpunkt Ihr eigener Kopf, Ihre Stirne ist. Und diese Säule, diese Aufrechte, lernen Sie empfinden als.» Während ich mich noch bemühte, rief er noch einmal stark betonend dazwischen: «Das Gewicht ruht auf dem Ballen, nicht auf dem ganzen Fuß!» Dann gelang es besser und führte zu einem ganz starken Erleben, besonders im Gegensatz zu dem ersten, missglückten Versuch.

«Nun verlegen Sie den Kopfpunkt der Säule hinter den Fußpunkt, und das lernen Sie empfinden als a.»

Und als Drittes: «Neigen Sie den Kopfpunkt der Säule vor den Fußpunkt und lernen Sie so ein o empfinden.»

Nur diese drei Laute und nur in dieser Form gab Rudolf Steineran jenem Abend in München. Also noch immer keine Armbewegungen, und doch entstand durch diese drei verschiedenen Orientierungen im Raum der drängende Wunsch, nein Impuls, Arme und Hände aus dieser Säule herauszulösen, um das Erleben noch deutlicher, noch differenzierter zum Ausdruck bringen zu können. Außerdem, hatte Rudolf Steiner noch hinzugefügt, müsse man versuchen, die Laute farbig zu erleben.

Lory Maier Smits, aus: «Die Anfänge der Eurythmie»

[...] in dieser abendlichen Besprechung gab er die ersten konkreten Angaben über drei Vokale [...]:

«Stellen Sie sich aufrecht hin und versuchen Sie eine Säule zu empfinden von den Ballen der Füße bis in den Kopf; diese Säule, diese Aufrechte, lernen Sie empfinden als i.» Ich glaube, er war nicht befriedigt von dem, was ich nun ausführte, denn er rief, während ich mich noch bemühte: «Das Gewicht ruht auf den Ballen, nicht auf der Ferse.» - Nun gelang es halbwegs. Ich stand in der angegebenen Haltung und fühlte auf einmal, wie von den Ballen ausgehend eine Aufrechte emporstieg; ich fühlte sie vor meinem Körper, Brust und Herz wie hinauftragend in die Stirne, von der ich das Empfinden hatte, sie müsse warm werden und zu leuchten beginnen.

«Nun verlagern Sie diese Säule so, dass der Kopf hinter dem Punkt der Füße steht, und dann haben Sie eine Haltung, die Sie als a empfinden lernen sollen.» - Das war nun ein ganz anderes Erlebnis. Das Gewicht verlagert sich auf die Ferse, die Säule, die wie außerhalb des Körpers und doch ihn aufrichtend, emporgestiegen war, erfasst und durchdringt jetzt die Wirbelsäule, sodass man jetzt ein deutliches Erleben seines Knochenmenschen hat und damit einer gewissen Schwere und Erdgebundenheit. Dafür aber ist Brust und Herz wie geöffnet für alle Einflüsse. Die ganze Welt und der ganze Himmel schicken ihre Strahlen in mich hinein. Und alle Strahlen treffen sich im Herzen. Im Vergleich mit der Empfindung bei der ersten Haltung ist es ein leiser Schmerz, ein Getroffensein; man ist geöffnet und auch preisgegeben der Außenwelt.

«Und nun kommt die dritte Haltung: Dazu bringen Sie den Kopfpunkt der Säule vor den Fußpunkt, und das lernen Sie empfinden als o.» - Das war wieder ein ganz großer Unterschied gegenüber den beiden ersten Lauten, wenn man es übend zur Empfindung brachte. Aus dem a, aus diesem Untergetaucht-Sein in den physischen Leib, bis zu einem Erleben des Rückgrates, der Rippen, bis zu dem deutlichen Gewahrwerden, dass die Arme eigentlich Rippen sind, die sich freigemacht haben, nicht mehr angewachsen, von diesem a kommt man über das , das die Schwere überwindend sich in der Aufrechten erlebt, zu dem o.

Da entsteht in zarter und doch überzeugender Weise das Gefühl, dass die empfindende Seele, entlassen aus der Leibgebundenheit, sich draußen in dem andern erleben kann, dem sie sich in dieser leisen Geste zuneigt. Die menschliche Organisation, das Instrument für die Eurythmie, wird durch diese Übung in ihrem dritten Gliede, dem Astralleib, angesprochen und ein erstes, leises Bewusstsein davon wird ermöglicht, wie die empfindende Seele in dreifach verschiedener Weise sich verbinden kann mit ihrem eigenen Leib und mit der Außenwelt.

German original of Notes on the Origin of Eurythmy · ← Previous · Next →