Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1912–1918
GA 277a — 24 August 1912, Munich
Zur Entstehung der Eurythmie
Für die Darstellung der luziferischen und ahrimanischen Wesen im sechsten Bild des dritten Mysteriendramas, «Der Hüter der Schwelle», gab Rudolf Steiner im Sommer 1912 die ersten eurythmischen Formen. - In den folgenden Aufzeichnungen Lory Maier-Smits’ für GA 277a ‹1965› finden sich Ergänzungen aus ihrem Text «Erste Lebenskeime der Eurythmie» eingerückt gedruckt. Sie werden ergänzt durch Oskar Schmiedels Aufzeichnungen von 1912 - mit Eintragungen Rudolf Steiners.
Lory Maier-Smits, aus: Aufzeichnungen 1965; «Erste Lebenskeime der Eurythmie»; Rudolf Steiner, Notizzettel
Da Rudolf Steiner, als er in Kassel die geschilderten Vorarbeiten angab, in Aussicht gestellt hatte, während der Probenzeit für die alljährlich in München stattfindenden Mysterien-Spiele die ersten, konkreten Anweisungen zu geben, fuhr ich im Juli dort hin.
Nach meiner Ankunft fand ich die Mitteilung vor, mich am nächsten Morgen um ½10 Uhr in der Turnhalle einer Schwabinger Schule, in der die Proben stattfanden, einzufinden. Ich sollte bei einer ganz erstaunlichen Sache, die bei den Teilnehmern die größte Überraschung, ja sogar etwas wie Befremden erregte, mitwirken. Die Proben fanden um 10 Uhr statt, aber für diese aus dem Rahmen herausfallende Arbeit sollte bereits eine halbe Stunde vorher geübt werden. [Es] war etwas ganz Neues und alle Mitspieler sehr Überraschendes in einer Szene enthalten. Was war es aber? Im sechsten Bild des neuen, dritten Mysteriendramas Der Hüter der Schwelle sollten «Wesen in tanzartiger Weise Bewegungen ausführen, welche Gedankenformen, den Worten Luzifers und Ahrimans entsprechend, darstellen». [...]
Es handelt sich in diesem Drama um geistige und seelische Vorgänge und in diesem Bild um ein Erlebnis des Capesius, der bei dieser ersten Aufführung auf der Bühne anwesend blieb.
Rudolf Steiner hatte für beide Gruppen eine Anzahl - je acht bis neun Personen - bestimmt, als Tanzmeister oder Dirigenten Dr. Oskar Schmiedel bestellt und diesem ganz einfache Formen aufgezeichnet und ihm zu den ersten, also der Lemniskate und dem etwas nach innen gezogenen Viereck, als unausgesprochenen dahinterstehenden Gefühlsinhalt die Worte: «Ich will», zu dem Zweiten: «Ich kann nicht» und zu dem Dritten: «Ich muss» angegeben. Diese Formen sollten aber nicht gelaufen werden, sondern die Ausführenden sollten in den Formen stehen und wie durch ein gewisses Chaos von der einen in die andere laufen, sodass die Formen in der Ruhe anschaubar wurden. Die Aufgabe unseres Dirigenten war, den Übergang von der einen Form in die andere durch Händeklatschen zu veranlassen und zu beobachten, dass die Formen sich klar und genau zusammenfanden. Bei der Aufführung selbst wurde der Tanz von Musik begleitet und die Übergänge durch Lichtsignale unten an der Rampe dirigiert.
Rudolf Steiner hatte für jede Gruppe drei allereinfachste Formen angegeben, die durch die Anordnung und Stellung der Personen im Raum sichtbar wurden. Das heißt, man stand zum Beispiel ruhig in einer Acht und lief auf ein bestimmtes Zeichen hin in einen flach nach rechts geöffneten Bogen, dann zurück in die Acht, und von da in einen Winkel [...]. Rudolf Steiner hatte vier kleine Sätze angegeben, die diesem Geschehen zugrunde lagen: «Ich will» (Acht), «Ich kann nicht» (Bogen), «Ich will» (wieder Acht), «Ich muss» (Winkel).
Die Wesen trugen gürtellose, die luziferischen rote, die ahrimanischen fahl grau-blaue Kleider mit ganz leichten, etwas dunkleren Chiffonstolen. Sie mussten den vorne hängenden Teil mit der rechten und den hinten hängenden mit der linken Hand halten und so ihre drei verschiedenen Bewegungen ausführen. Zu der ersten Form eine u-hafte und zu zwei und drei zwei verschieden gerichtete i-Bewegungen. Natürlich mussten die luziferischen Wesen ihre Bewegungen möglichst schmiegsam und anmutig gestalten, die ahrimanischen die gleichen Bewegungen hart und ruckhaft. Alles Weitere ist aus den Regieangaben zu ersehen.
Auch Armbewegungen machten wir schon. Wir hatten ganz leichte Schleierstolen; die rechte Hand hielt den vorderen Teil, die linke den Rückenteil der Stola, und nun wechselte man zwischen einer a- oder u-Geste ungefähr in Brusthöhe und einer i-Geste. Natürlich ohne diese Lautbezeichnungen. Die luziferischen Wesen mussten die Bewegungen «graziös und geschmeidig» machen, die ahrimanischen «hart und eckig». Die Formen für diese ahrimanischen Wesen hatten auch diesen Charakter. Ein auf der Spitze stehendes Quadrat mit leicht nach innen gebogenen Seiten - «Ich will», eine Gerade, vom Hintergrund nach vorne verlaufend - «Ich kann nicht», wieder das Quadrat «Ich will» und dann ein Kreuz «Ich muss».
Niemand jedoch, weder Mitwirkende noch Zuschauer, ahnten damals, dass sie die allerersten Manifestationen einer neuen Kunst miterlebt hatten.
Das war also die erste «Eurythmie», die gezeigt worden ist, aber Rudolf Steiner hatte gar keine näheren Erläuterungen dazu gegeben, und so ahnte damals niemand, dass es sich um den allerersten, zartesten Anfang einer ganz neuen Kunst handelte.
Oskar Schmiedel, aus: Aufzeichnungen
Bei den Proben zum Hüter der Schwelle 1912 war ich auch als erster «Eurythmielehrer» beschäftigt. Das kam so: Dr. Steiner gab zu den Tänzen der luziferischen und ahrimanischen Wesen Tanzformen
Stimme aus Geisteswelten (die 3 Seelenkräfte zusammen) / Es schweben Gedanken / Wie webendes Träumen / Sich wesenhaft bildend / An Seelen heran / Sich schaffender Wille / Sich regendes Fühlen / Sich weitendes Denken Luci. Ahri. / Erstehe dem Träumer. / Benedictus (der sich entfernt hat, als Stimme)
In deinem Willen wirken Weltenwesen: luc
(Hereinkommen u stehen 5 sec)
Nach dem Tanz 5 sec bis sprechen
Die Weltenwesen, sie verwirren dich.: ahr
(Hereinkommen u stehen 5 sec)
zwischen jeder Tanz [?] 3 sec
zwischen einzelnen Tanz ... [3sec] zusammen
zusammen 3 sec. Zusammentanz Zwischenraum 4 sec
In Deinem Fühlen weben Weltenkräfte. „ [luc.]
(gleich nach dem Sprechen / wird das Zeichen gegeben)
—Die Weltenkräfte, sie verführen dich. „ [ahr.] zusammen
—In Deinem Denken leben Weltgedanken. „[luc.]
—Die Weltgedanken, sie beirren dich. » [ahr.] zusammen / 4mal einzeln / 3mal zusammen
und Tanzbewegungen, und ich studierte diese Tänze ein, und zwar mithilfe von Glühlämpchen - für jede der beiden Gruppen eines. Bei Aufflammen eines Glühlämpchens musste auf eine andere Form gegangen werden. Ich war der Meinung, dass die Tänzerinnen ohne diese Zeichen den Wechsel nicht exakt ausführen würden. Wenn dies selbstverständlich noch keine Eurythmie war - diese begann ja erst im Herbst 1912-so waren darinnen doch Elemente derselben schon enthalten: Formen, auf die übergegangen wurde, und Armbewegungen. 1913, als die Eurythmie nun schon begonnen hatte, waren die Tänze dann natürlich anders geworden.
Vorbereitende Aufzeichnungen für GA 277a (1965)
[Aus der Hand von Eva Froböse haben sich weitere Zeichnungen erhalten, die später nicht in die Druckfassung aufgenommen wurden; siehe dazu auch im Anhang, 8. 526.]
- Tanz der luziferischen und der ahrimanischen Gedankenwesen (6. Bild des «Der Hüter der Schwelle»). Luziferische Gedankenwesen

Ahrimanischen Gedankenwesen

Nach den Angaben von Rudolf Steiner liegen diesem Geschehen folgende Stimmungen zugrunde:
Bemerkungen: Diese kurzen Sätze wurden nicht eurythmisch aufgeführt: Es hat ja zu jener Zeit noch keine Angaben für eurythmische Laute gegeben, außer der Gebärde, die annähernd i für die luziferischen Wesen und annähernd a für die ahrimanischen Wesen zum Ausdruck brachte.
Die Übergänge von einer Gruppierung in die andere (8 Menschen in jeder Gruppe) hat uns viel Arbeit gemacht. Ich kann darauf hier nicht eingehen.
Übergänge von einer Stellung in die andere:
Luziferische Wesen für 1 und 2 (als Stellung)

für 3 und 4 (als Stellung)

Ahrimanische Wesen
Für 1 bis 4 (2 als Stellung)