Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1912–1918
GA 277a — 16 September 1912, Bottmingen
Erster Tag
Am 15. September hatte der Zyklus über das «Markus-Evangelium» in Basel begonnen, und am 16. September nachmittags um vier Uhr gingen meine Mutter und ich zum ersten Mal nach Bottmingen, einem ländlichen Vorort von Basel, wo Rudolf Steiner während dieser Septemberwochen wohnte.
Rudolf Steiner betonte, ohne auf eine der früher angegebenen Aufgaben Bezug zu nehmen, einleitend einige allgemeine Gesichtspunkte. Zum Beispiel: «Diese neue Bewegungskunst kann nur jemand ausführen, der anerkennt und in der Überzeugung lebt, dass der Mensch aus Leib, Seele und Geist besteht.» Und an die luziferischen und ahrimanischen Wesen erinnernd: «Eine Form in der Ruhe wirkt ästhetisch und in der Bewegung hygienisch.» Auch an den folgenden Satz, vielleicht meiner Jugend angepasst, erinnere ich mich: «Ein Zweitanz ist natürlich ausgeschlossen.» Und dann, schon das Folgende einleitend: «Sie müssen lernen, das Herz in den Kopf heraufsteigen, nicht umgekehrt, den Kopf in das Herz dringen zu lassen.»
«Und so lernen Sie empfinden a als Abwehr und drücken Sie es durch nach oben umgebogene Hände aus.»
a — Abwehr - nach oben, umgebogene / Hände
Als ich die Bewegung versuchte und unwillkürlich aus der in München angegebenen Haltung heraus bildete, war Rudolf Steiner anscheinend zufrieden, denn er sprach gleich weiter über den Laut e: «Lernen Sie in jeder, wenn auch nur angedeuteten Kreuzung ein e empfinden, verbunden mit dem Gefühl des Staunens.»
e — Kreuzung
Er erinnerte daran, dass er an einer bestimmten Stelle im ersten Bild seines zweiten Mysteriendramas «Die Prüfung der Seele» angegeben habe, Capesius solle seine Arme mit gekreuzten Händen langsam nach unten sinken lassen und in dieser Haltung fast bis zum Schluss des Bildes verharren. Es ist die Stelle, wo Benedictus allen Erkenntniskämpfen und Verzweiflungen, die in Capesius durch die Worte im Lebensbuche des Benedictus als schwerste Seelenkrisis ausgelöst worden waren, den Satz entgegenstellt: «Ich finde Euch im Glücke!» — «Versuchen Sie aber auch alle möglichen anderen Nuancen des Staunens in diesem e zu empfinden, zum Beispiel Ehrfurcht, Furcht, Ekel und so weiter.» Als ich dann mutig wurde, sagte ich lachend: «Ja, natürlich Herr Doktor, wenn bei uns im Rheinland die Marktfrauen sich irgendwelche Neuigkeiten erzählen, dann sagen sie immer: «Och nee, Och nee» Dabei machte ich die Bewegung, die ich oft auf dem Markt beobachtet hatte. Bei dem «Och» beziehungsweise «Och nee» heben sie ihre meist recht rundlichen Arme aus den Schultern, fast o-haft herauf und dann bei dem «Nee» lassen sie sie gekreuzt auf den Leib herunterfallen. Rudolf Steiner hatte anscheinend Spaß an meiner ziemlich drastischen Darstellung und sagte lachend: «Da sehen Sie es ja, e ist Staunen.»
ae — hintereinandergestellte Beine
ä: Hintereinandergestellte Beine, überhaupt alles Paarweisc-hintereinander-Stehen, zum Beispiel auch zwei Menschen.
i — jedes Strecken
i: «Jedes Strecken, wo Sie es nur empfinden, sei es in den Armen, in den Beinen, sei es, wie ich Ihnen schon in München gesagt habe, in der ganzen Gestalt, aber auch im Blick, mit der Nase, der Zunge, oder nur mit einem Finger oder, wenn Sie es können, nur mit einem Zeh. Aber das Streckerlebnis muss es sein. Ein sehr typisches ist es, wenn Sie den einen Arm seitlich nach oben und den andern entsprechend nach unten strecken.»
au — jede Berührung des eigenen Körpers
au: «Jede Berührung des eigenen Körpers. Das muss man eben fühlen, dann wird man auch da die mannigfachsten Bewegungen finden.»
o — jede zusammen sich fügende Rundung / der Glieder
o: «Jede zusammen sich fügende Rundung der Glieder, verbunden mit der Empfindung eines liebevollen, liebenden Umfangens.» Auch hier sprach Rudolf Steiner über viele Möglichkeiten, ob mit beiden Armen, ob nur mit den Unterarmen, den Händen oder nur mit den Fingern. Sogar mit einem Arm könne man es ausdrücken, zum Beispiel zwischen Hüfte und Arm, Kopf und Arm und so weiter.
u — jedes Nachobenwenden
u: «Jedes Nach-oben-Wenden - seriös durch eine große Armbewegung ausgedrückt, menschlich - zum Beispiel in Lust, Jubel, Juchhe durch einen Sprung oder ein Sprüngchen.» Hier stellte meine Mutter eine Frage: «Aber wenn nun das kleine Wörtchen «und» kommt, kann man doch nicht jedes Mal eine Armbewegung oder einen Sprung machen?» Da meinte Rudolf Steiner fast schalkhaft: «Da können Sie doch einfach so machen» - und mit einer Hand führte er einen ganz kleinen leichten ruckartigen Schwung nur eben aus dem Handgelenk heraus (und bewegte bei locker hängendem Arm die Hand sehr rasch und leicht aus dem Handgelenk nach oben).
äu — Aufspringen oder Einstämmen der Glieder
äu: «Aufspringen oder Einstemmen der Glieder. So wie # ein Sprung nach oben ist, so ist äs ein Aufspringen auf den Boden, ein Wiederberühren der Erde. Einstemmen der Glieder kann es auch sein, zum Beispiel das In-die-Hüften-Stemmen der Arme, oder das Stemmen des einen Ellbogens in die Hand des anderen Armes, oder das Zurückstemmen der Arme in das Schultergelenk, sogar die Augen können Sie einstemmen.»
ei — jede Bewegung des ganzen Leibes.
ei: «Jede Bewegung des ganzen Leibes. Haben Sie dabei die Empfindung: «wie lieb», so wie Sie erleben, wenn Sie ein Kind streicheln. Das kann man doch mit unbeweglich gehaltenem Körper weder empfinden noch zum Ausdruck bringen.»
Nachdem Rudolf Steiner so die einzelnen Vokale und schon einige Umlaute und Diphthonge erklärt und geschildert hatte, gab er auch noch Hinweise über die Art, wie man üben sollte. Immer wieder jeden Laut einzeln vornehmen, versuchen, immer neue Bewegungen zu finden und nicht zu ruhen, bis jede, auch die kleinste Bewegung wirklich im Herzen erlebt und empfunden sei. Erst dann sollte man versuchen, zwei Laute, zum Beispiel i o, danach drei Laute, i o u, aneinanderzureihen beziehungsweise einen Laut in den andern übergehen lassend fast gleichzeitig zu bilden.

«Sie werden sehen, wie schön das dann wird, ein wie differenziertes Erlebnis sich darin ausspricht.» So viel erwartungsvolle Freude schwang bei solchen Worten oftmals in seiner Stimme, dass dieser unvergessliche Klang immer wieder eine tragende Hilfe sein konnte, wenn später bei der Arbeit Schwierigkeiten oder gar schmerzhafte Flauten auftraten.
Schon an diesem ersten Nachmittag sprach Rudolf Steiner als Letztes von drei Konsonanten — eindringlich hatte er betont: «Man muss die Vokale empfindend durchleben in ihren Bewegungstendenzen: streckend, greifend, biegend, kreuzend, strebend.» In all diesem Tun lebt ja die Seele und spricht sich in immer anderer Weise aus: «Das ganze Seelische stellt sich in seinem Gefühlsleben dar in den Vokalen.» Diesem in rein Seelischem webenden und lebenden Geschehen wurden nun gegenübergestellt drei bestimmte Konsonanten, und zwar die drei Konsonanten », b, s, zu denen ein Stück Außenwelt ergriffen wird, bei denen wir «etwas in der Hand haben» und nun unsere ganze Aufmerksamkeit, unser ganzes Erleben, alle Anpassungsfähigkeit hinlenken auf dieses «Etwas», diesen Gegenstand. Anders werde ich dieses Stück Außenwelt berühren, halten, auf mich beziehen oder gar mich mit ihm gemeinsam bewegen oder Form geben, wenn cs ein Schleier, ein Stab, ein Schild, eine Knospe oder eine Blume ist. «Denken Sie sich, wie geistvoll es sein kann, wenn der Knabe im ‹Heidenröslein› einen Stab in der Hand hält und mit dem Stab alle seine s-Bewegungen ausführt», sagte Rudolf Steiner, als er uns etwa ein halbes Jahr später zu der einzigen Stabübung, die er während dieser ersten Unterweisungen angab, noch einige weitere zeigte, die zum Teil deutlich einen solchen s-Charakter hatten.
Nach einem kurzen Schweigen ergriff er plötzlich einen sehr großen Bleistift, einen Zimmermannsstift, hielt ihn zuerst lässig, lose, wie zufällig in der Hand und sagte: «Das ist v. Lernen Sie v empfinden als Etwas-in-der-Hand-Haben oder auch nur Berühren.»
v — als etwas in der Hand haben
Dann ergriff er den Bleistift wieder, und nun führte er seine Hand so, dass die Spitze des Bleistiftes auf seine Brust deutete, sie fast berührend, und sagte: «Lernen Sie b empfinden als Etwas-in-derHand-Haben, das wieder zurückwirkt auf den Leib.»
b — als etwas in der Hand haben, das wieder / rückwirkt auf den Leib
In diesen ersten Stunden brachte Rudolf Steiner häufig Bücher oder Bilder mit, um etwas daran zu erläutern. - So zeigte er einige Tage später, als er mir bestimmte Kopfhaltungen zeigen wollte, im Brevier der Tanzkunst von Albert Czerwinski das Bild eines Korybantentanzes, eine Abbildung zweier griechischer Krieger /siehe $. 73], die mit Schild und Schwert sich gegenüberstehen. «Sehen Sie, durch die Art, wie sie den Schild wie in einer b-Geste halten, zeigen sie, dass jeder die Angriffslust des anderen auf sich bezieht. Sie brauchten sich ja nicht zu decken oder zu schützen, wenn sie sich nicht angegriffen fühlten. Dann würden sie den Schild nur in einer v-Geste halten, in einer v-Bewegung ruhig hängen lassen, eben nur an der Hand haben.»
Und als dritte Bewegung deutete er mit dem Bleistift mit einer energischen Streckung, den Bleistift wie eine Verlängerung seines Fingers benutzend, nach vorne. (Wieder nahm er den Stab und führte ihn in einer unglaublich energischen, ich möchte sagen strahlenden Bewegung nach oben.) «Und da haben Sie ein s, wenn Sie nämlich Ihren Arm und diesen Stab als eines fühlen. s bedeutet immer das gemeinsame Bewegen und Formgeben mit einem Gegenstand.
s bedeutet immer das gemeinsame / Bewegen oder Formgeben mit einem Gegenstand
Das Urbild des s ist der Mensch, der sich an einen Thyrsosstab lehnt. Und nun bedenken Sie, wie verschiedenartig Ihre s-Bewegungen werden müssen, je nach dem Gegenstand, das heißt dem Stück AuRenwelt, das Sie in der Hand haben und dessen Charakter entsprechend Sie sich mit ihm bewegen oder sich Form geben müssen. So lernen Sie ein s empfinden.»
Das also war der Inhalt dieser ersten Nachmittagsstunde. Rudolf Steiner stellte dar das ganze Gebiet des Vokalischen, zeigte, wie die Seele sich ausspricht in diesen Vokalen, die über Fremdheit von Staunen ergriffene, die sich aufrecht erhaltende, die in reinstem Selbstbewusstsein sich erlebende, die in liebevoller Bewunderung sich hinneigende, die aus Kälte und Verlassenheit zu einem Höheren, Größeren sich hinwendende Seele. Es spricht die Seele ihr eigenstes Wesen aus, lebend und webend in ihrem ureigensten seelischen Gebiet. - Und dem stellt er entgegen diese drei Konsonanten. Deutlicher und eindringlicher könnte der Unterschied wirklich nicht sein! Er gibt uns einfach ein Stück «Außenwelt» in die Hand, und wie ausgelöscht ist all das Vorige, unsere ganze Aufmerksamkeit, unser ganzes Erleben richtet sich auf diese Außenwelt. Ihrer Art, ihrem Charakter müssen wir uns anpassen, einem gänzlich anderen Geschehen müssen wir uns hingeben, nachahmend, nachbildend, nachgestaltend dasjenige, was da draußen in der Außenwelt ist. - Gefühlswärme und Wahrhaftigkeit müssen wir entwickeln, wenn wir vokalisieren. Geschickt, geistvoll, einfallsreich müssen wir werden, wenn wir konsonantieren.
Nach einer Pause, die erfüllt war von einem Nachsinnen und Nachklingenlassen des Gehörten und Gegebenen, schon im Aufstehen, stellte meine Mutter eine Frage: «Was sollte man mit Kindern, die sehr leicht schwindelig werden, tun respektive sie machen lassen?» Daraufhin ließ Herr Doktor sich seine für mich gemachten Notizen noch einmal geben und zeichnete die liegende Lemniskate, erst langsam und dann immer schneller, so wie sie das Kind der Nase nach laufen sollte.

Und für Kinder und Personen, die zu stark und einseitig sanguinisch seien, riet er, sie zu veranlassen, aus einem raschen Lauf plötzlich in ein straffes, aufrechtes Stillstchen überzugehen. - Das allein war die Angabe, die ja dann in der verschiedensten Weise ausgebildet werden konnte und auch wurde.
Vorbereitungsnotizen Rudolf Steiners zu dieser Stunde

Vokale drücken immer etwas Innerliches aus A — Abwehr. (Schreck, der sich wehrt)
E - Überkreuzung - Ehrfurcht, Furcht Ekel —
Ä - Hintereinander gestellte Beine - Hände
I - Jedes Strecken - [andeutend in sich erleben]
Au - Jede Berührung des eigenen Körpers —
O - Jede zusammen sich fügende Rundung der Glieder - zögernd Umfangen - [Bewunderung]
U - Jede nach oben Wende - [Beide Hände || ausdrückend] [Staunen]
Äu- Aufspringen oder Einstemmen der Glieder —
Ei - Jede Bewegung des ganzen Leibes
Eu — Mit am Herzen liegenden Händen oder den anderen meinend, auf ihn zeigen —
a — Abwehr
e — übers Kreuz
i — grad ausgestreckt
o — Rundung
u — emporgehobene Hände
ü — Rückfläche der Hände aneinander
ä — Arme gekreuzt über die Brust
ö — leichter Sprung
ei — geneigte Bewegung
ai
äu — rechter Arm auf Hüfte
au