Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1912–1918
GA 277a — 22 September 1912, Bottmingen
Siebenter Tag
Am 22. September, einem wunderschönen Herbst-Sonntagmorgen, waren wir schon um %11 Uhr zu Dr. Steiner heraus bestellt worden. Er begrüßte uns wie immer mit einem Händedruck. Diesmal ließ er meine Hand nicht los, sondern sagte: «Nun wollen wir doch mal sehen, ob die Kleine schon etwas gelernt hat.» Meine Mutter unterbrach ihn und sagte etwas bedrückt: «Ja, Herr Doktor, glauben Sie denn wirklich, dass sie das alles überhaupt können wird?» Herr Doktor lächelte beruhigend zu ihr hin: «Sie werden sich wundern, was aus so einem jungen Ding herauskommen kann. Also, Kleine, machen Sie einmal ein h (abstoßende Reaktion, hatte ich gelernt) und gleich ein a (das ist eine innere Abwehr). Nun machen Sie siebenmal l (da fing ich klein an, sonst wird es zu eintönig), dann ein e (Kreuzen = Erstaunen). Nun folgen noch drei große, ruhige l-Bewegungen, die zu einem ganz großen, lang angchaltenen u (nach oben wenden, seriös in einer großen Armbewegung) hinführen. Zum Abschluss formen Sie noch ein starkes i und a.» Dann sagte er sehr ernst, aber ernst-glücklich: «Nun haben Sie das Wort ‹Halleluja...h› gemacht. Das bedeutet: Ich reinige mich von allem, was mich am Anblick des Höchsten hindert.»
Halleluja....h
Er schrieb das Wort hin, erklärte während des Schreibens: «e ist ein erster Höhepunkt, ein staunendes Erahnen, das aber erst nach den letzten großen l-Bewegungen im u seinen endgültigen, erstrebten Höhepunkt, ein ruhevolles Anschauen und Aufnehmen erreicht.» — Nach einer Pause mit gerade gerichtetem Antlitz sollten das i und das letzte a ganz groß und objektiv, bis in die Finger i und a, geformt werden, denn damit sei, wie ein Siegel, der Name des Höchsten, des Jahve hingestellt. «Und nun machen Sie das Ganze noch einmal.»
So ist «Halleluja» das erste Wort, welches eurythmisch dargestellt wurde!
«Eine schöne Übung wird es, wenn Sie fünf Menschen in einem Pentagramm aufstellen und alle das Wort gleichzeitig wie ein Wesen formen lassen. Das würde eine gesellige Wirksamkeit im höchsten Sinne des Wortes entstehen lassen.» Wenn es aber ein Mensch allein macht, dann sollte er - oben in der Spitze stehend - das Wort formen, aber dann mit einem ganz leisen, wie gehauchten h zum nächsten Platz gehen, wie durch das » dorthin getragen, und wenn der Hauch ausgeatmet hat, dann sollte man mit ganz gesenkten Armen dort angekommen sein. Auf diese Weise muss sechsmal «Halleluja...h» gemacht werden, denn am Anfang und am Ende sollte man immer oben an der Spitze stehen. Niemals dürfe man ein Pentagramm mit der Spitze nach vorne, also zum Zuschauer hin in den Raum stellen, ebensowenig dürfe man «Halleluja...h» im Laufen machen, «denn dann wird es bacchantisch!» Als er das letzte Pentagramm, das ein Einzelner ausführen soll, schilderte, rief Fräulein von Sivers plötzlich wie erschrocken: «Aber, Herr Doktor, das muss ja ungeheure Kräfte geben!» «Ja, meinten Sie denn, wir wollen nur tanzen? Wir wollen doch auch kranken Menschen helfen», war die Antwort, und er schrieb unter die Zeichnung: «Festigung des Aether-Leibes.»

gesellige Wirksamkeit / h fallen lassen / Festigung des Aether-Leibes
Man kann «Halleluja» aber auch noch mit einer solchen Form verbinden, die von sieben Menschen ausgeführt werden kann, der siebente muss, wenn der sechste auf seinen Platz kommt, rasch in einem Bogen hinter den anderen auf den Platz des ersten laufen, damit auch dieser Reigentanz wiederholt werden kann.

Außer über «Halleluja» sprach Rudolf Steiner an diesem Sonntagmorgen noch über den griechischen Ruf und Gruß «Evoe». Nachdem er den darin zu empfindenden Sinn erklärt hatte, schilderte er, wie es auszuführen sei. Um etwas zu Verehrendes - um eine Anzahl schöngeformter Mineralien, eine Schale mit Blumen, um ein Kind, aber niemals um einen alltäglichen, gleichgültigen Gegenstand, zum Beispiel um einen Stuhl oder etwas Ähnliches - sollte man einen Kreis bilden; oder, sich auf einer Kreislinie fühlend, sich mit einer ehrfurchtsvollen e-Bewegung dem zu Verehrenden nahen, um dann von einem tief in das Knie sich senkenden zweiten, sehr kleinen Schritt mit weit vorgestreckten Armen und Händen dieses Heilige leise und andächtig zu berühren: o, sich wieder aufrichtend ein o formen, und in den Kreis zurücktretend mit dem letzten e das Wort, den Gruß beschließen.

Evoe / Wir suchen uns und haben uns gefunden
Gruss aus Ev. entstanden
Auch zwei Menschen könnten «Evoe» gemeinsam ausdrücken, indem jeder in seinem Gegenüber den Menschen sucht und findet. Das heißt, dass jeder mit dem e den andern staunend wahrnimmt, mit dem v sich zu ihm neigend leise die Hände auf seine Schultern legt, dann zu ihm — nicht um ihn — das o formt und zurücktretend das e, «Sie können noch manche mittelalterliche Bilder finden, auf denen zwei Menschen das erste e - gemeinsam mit den Unterarmen ein Kreuz bildend - formen und dann das «Evoe weiter so gestalten, wie ich es Ihnen eben geschildert habe. Aber», fügte er lächelnd hinzu, «zu oft sollten Sie es Buben und Mädchen in der Schule nicht machen lassen, sonst verlieben die sich ineinander!» Mehr hat er wirklich nicht gesagt. - Außerdem formt wohl jeder Mensch täglich mit einem anderen Menschen ein «Evoe». Denn nun forderte Rudolf Steiner mich auf, ihm meine Hand entgegenzustrecken, näherte seine Hand der meinen so weit, dass beide Hände ein e bildeten, «nun die Berührung mit dem o, das Umschließen oder Umfangen mit dem o und im Lösen wieder ein e. - So, sehen Sie, ist jeder Gruß aus «Evoe entstanden.» Für die heutigen Menschen nicht nur unbewusst, sondern meist auch ungewollt. Und doch liegt in jedem grüßenden Handgeben das uralte «Evoe»: «Wir suchen uns und haben uns gefunden.»
Vorbereitungsnotizen Rudolf Steiners zu dieser Stunde

Halleluja

Evoe - wir suchen uns und haben uns gefunden e- 1 Schritt / v- Arm ausstrecken und den andern berühren / o - Sich entfalten /
e - Zurücktreten —
Allein: mit gestreckten Armen / sich neigen wie etwas begrüßen.