Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1912–1918
GA 277a — 21 September 1912, Bottmingen
Sechster Tag
Wieder waren es Raumformen, mit denen Rudolf Steiner an diesem Tage begann. Hatte er gestern Ausdrucksformen für die persönlichen Fürwörter gegeben, für die Art, wie man «als Ich», «zum Du» oder «dem Er gegenüber» seine menschliche Beziehung dokumentiert, so sollten diese weiteren Formen gefunden werden, wenn der Mensch sich prüft, ob er sich jeweils als wollende, denkende oder fühlende Seele erlebt. Und diesen verschiedenen Kräften entsprechend, sollte er sich in verschiedenen Formprinzipien bewegen.

Jede krumme Linie
sei es in Stellung
sei es in
Bewegung
Wille
gerade gerichtetes Antlitz.

jede Winkelbewegung
Denken
nach unten gerichtetes Antlitz

Fühlen
gerade und krumm
ach unt oben gerichtetes Antlitz An diesem Tag selbst gab Rudolf Steiner keine weiteren Erklärungen oder Erläuterungen dazu. Man sollte Gedichte daraufhin studieren, ob sich die denkende, die fühlende oder die wollende Seele ausspricht, und danach die Formen einrichten. Denken verlangt gerade, Wollen runde Formen und Fühlen eine Kombination von beiden, und jede von ihnen verlangt ein ganz anderes Raumerlebnis, ich möchte fast sagen eine andere Raumerfüllung oder -erfühlung: Denken ganz linear, also wie in einer Dimension; Fühlen ein Weben und Schwingen zwischen der geraden und gebogenen Linie, immer die eine auf die andere beziehend, also ganz in der Fläche, zweite Dimension; und Wollen erst den ganzen Raum ergreifend und erfüllend - dritte Dimension. Da diese Formen sehr charakteristisch sind, kann bei sorgfältiger Ausarbeitung schon bei dieser «dionysischen Eurythmie» vieles zur Anschauung gebracht werden, was bei einfachem Lesen oder Hören eines Gedichtes nicht so ohne Weiteres offenbar werden kann.
Aber das Prinzip: «Jede krumme Linie, sei es in Stellung, sei es in Bewegung, ist der Ausdruck für Wille», wurde mir erst zu einem wirklichen Erleben, als Dr. Steiner mir viel später einmal selbst die letzten elf Zeilen des schönen Altersgedichtes von Walther von der Vogelweide: «Ach, wohin entschwanden alle meine Jahre!» nach Wollen, Denken und Fühlen gliederte [siehe S. 249f.] und - nachdem durch einen «Nicht-Ritter» in herzenswarmen Tönen das Ideal-Bild eines wahren Kreuzritters geschildert worden war - plötzlich sagte: «Und nun steigt der Willensimpuls herauf.» Wie tief hineingreifend in noch schlafende Kräfte hob er diese mit beiden Händen von tief unten herauf und breitete sie in einer krummen Linie im Raum aus, diesen Raum nach allen Richtungen er- und ausfüllend.
Als ich wieder viel später einen Vortrag von Rudolf Steiner über die Dimensionen kennenlernte, in dem er das Denken der ersten Dimension - der Linie -, das Fühlen der zweiten - der Fläche - und erst das Wollen der dritten Dimension - dem Raum - zuordnet, da wurde mir beschämend klar, wie wenig man doch den Intentionen und vielleicht sogar Hoffnungen Rudolf Steiners nachgekommen ist.
Schon in diesen allerallerersten Anfängen haben wir also eine gewisse Möglichkeit, eines der einleitenden Worte Rudolf Steiners zur Begründung der neuen Kunst zu bewahrheiten: Diese neue Bewegungskunst solle dazu gebraucht werden, Dinge, die vom Zuschauer eine zu intensive Aufmerksamkeit erfordern oder die so tief sind, dass sie gar nicht in ihrer ganzen Bedeutung in Worte gebracht werden können, auf diese neue Weise dem Zuschauer zum Verständnis zu bringen. - Würde es dem Eurythmisten also gelingen, an einem geeigneten Text dieses Spiel der Seele zwischen Denken, Fühlen und Wollen und dem wechselnden Leben in der ersten, zweiten oder dritten Dimension zu einer klaren Offenbarung zu bringen, müsste das dann nicht auch auf den Zuschauer die Wirkung haben, dass er geklärt und harmonisiert für sein eigenes Seelisches eine solche Darbietung verließe? Durch diese Andeutungen wollte ich versuchen, die Fülle und Tiefe in solch einer kurzen ersten Angabe Rudolf Steiners zu schildern.
Drei Jahre lang ließ Rudolf Steiner uns mit diesen Formen leben und arbeiten, ehe er die apollinischen, die Sinnformen, wie er sie auch nannte, oder gar nur «den Sinn» dazu gab. - Und darum sollte man solche Formen nicht vergessen, denn, wenn die Schüler später Rudolf Steiners Standardformen arbeiten dürfen: «Da werden Sie sehen, dass schon im weitesten Sinne verarbeitet ist dasjenige, was in solchen Formen liegt. Sie werden es immer finden.» — Aber nur dann, wenn man sich ernsthaft und intensiv damit beschäftigt hat.
Übrigens gab es, als Rudolf Steiner diese Angaben für Denken, Fühlen und Wollen machte, seit 1910 Philia, Astrid und Luna, aber er hat niemals, auch nicht in dem letzten Kurs 1924, wenn er über diese Formen sprach, auf die drei Seelenkräfte hingewiesen. Man sehe nur die Luna-Formen, oder man überlege sich, wie man Liebe, Schmerz, Sehnsucht, Andacht in der Philia-Zone machen sollte.
Schon die eben geschilderten Formen für Wollen, Denken und Fühlen sind mit Kopfhaltungen verbunden, die jetzt noch differenzierter beschrieben werden. Das in Verbindung mit Wille gerade gerichtete Antlitz wird nun in seiner ganzen Ausdrucksfülle geschildert, und man denkt unwillkürlich an die strengen, eindrucksvollen Häupter der ägyptischen Statuen, die größte Geschlossenheit zeigen, gerade weil sie noch in größter Abhängigkeit vom All, von Himmelsgesetzen bestimmt, tatkräftig handeln. - Das nach oben gerichtete Antlitz beim Fühlen verstärkt sich zu immer deutlicherem und tieferem «Ich begreife mich» der fühlenden Seele. - Das im Denken nach unten gerichtete Antlitz - wer sieht nicht die sinnend gesenkten Stirnen der meisten griechischen Bildwerke vor sich - kann nun mit warmem Denken und Erkennen in «Ich begreife dich» immer wahrer das Wesen des anderen erfassen.
Sollte man nicht auch versuchen nachzufühlen, warum Dr. Steiner bei einigen der kleinen Sätze einen Punkt macht und bei anderen andeutet, dass da so etwas wie ein Geschehen vorliegt, das nie zu einem Abschluss führt, dem man nachhorchen sollte? - Rudolf Steiner hat mehr als einmal betont, dass die Sätze so weit wie möglich gefasst werden müssen und die verschiedenen Kopfhaltungen kombiniert werden sollten. So heißt «Ich will mich» genauso gut: Ich will mich allem und allen gegenüber behaupten und durchsetzen, aber auch: Ich will mich für euch einsetzen, ja mich hingeben und opfern. In diesem letzten [Satz] haben wir sogar schon eine Kombination von «Ich will mich» und «Ich begreife dich». Zuerst wendet sich der Kopf nach rechts, dann nach unten, wodurch das Kinn sich zur rechten Schulter senkt.
Zuletzt schilderte er noch die zwei Möglichkeiten des Nichtwollens und Nichtfühlens von etwas. Diese beiden sollen durch Neigungen des Kopfes nach rechts oder links ausgedrückt werden. Dr. Steiner machte das erste vor. Aus der Stellung: gerade gerichtetes Antlitz neigte er den Kopf nach rechts ohne jegliche Wendung. Es sah aus, als würde sich der Kopf durch eine Verkürzung des rechten Halsmuskels auf die rechte Seite neigen, das rechte Auge und die starke Braue senkte sich, und das linke Auge mit der Braue hob sich ein wenig.

grösste Abhängigkeit / vom All / und zugleich grösste / Geschlossenheit
Wendung nach rechts = „ich will mich“
Wendung nach links: „ich fühle mich“
Wendung nach oben: „ich begreife mich ...“
Wendung nach unten: „ich begreife dich ...“

Neigung des Kopfes nach rechts: Gef / „ich will nicht, dass etwas so ist ...“
Neigung des Kopfes nach links: / „ich fühle nicht, dass etwas so ist ...“
Lassen Sie mich jetzt versuchen, einige weitere Kombinationen zu schildern: Zwei Menschen sehen das schwere, leidvolle Schicksal eines Dritten. Der erste [erlebt]: «Ich begreife dein Unglück und fühle mich erfüllt von Mitleid.» (Der Kopf senkt sich erst nach unten, wendet sich dann nach links, wodurch eine leise Beziehung zwischen Kinn und linker Schulter entsteht.) Der andere sieht das Gleiche. Sein erster Impuls [ist]: «Ich fühle nicht, dass dein Unglück so sein muss, ich will mich für dich einsetzen mit all den Kräften, die ich als die stärksten und tiefsten in mir begreife.»
Über eine Kombination sprach Rudolf Steiner noch selbst. Bei zwei Kriegern, die sich feindlich gegenüberstehen [siehe S. 73], könnte man an der Kopfhaltung erkennen, wer der Sieger sein wird. «Beide wollen nicht, dass der andere siegt. Aber der, welcher es aus dem Gefühl seiner Stärke tut, der wird siegen, nicht der, der sich verkrampft und an das «Ich will nicht, dass ...» noch das «Ich will mich» hinzufügt. Oder wie lustig könnte es ausschauen, wenn bei den zwei Morgenstern’schen «Eseln» der eine, wenn er sagt: «Ich bin so dumm» ein schwelgerisches: «Ich begreife mich» macht, der andere mehrfach bestätigt: «Ich begreife dich» und bei: «Du bist so dumm», sie ihre Erkenntnisse und Beteuerungen tauschen.
«Aber der Kopf darf nie angewachsen aussehen, er muss immer wie ein kleiner Kosmos frei über dem Leibe, wie ein kleines All über dem übrigen Menschen schweben.» Wieder einmal sah ich ihn hilfesuchend an! «Das ist doch ganz einfach! Sie dürfen nur eine Kopfbewegung nie bis ganz zu Ende führen, sondern immer nur so weit, dass Sie noch weiter gehen könnten, che Sie durch irgendeinen Muskel oder Wirbel gehemmt werden. Niemals darf weder bei Ihnen selbst noch beim Zuschauer das Gefühl entstehen: Weiter geht's nicht, er ist ja angewachsen! Nun kann er mir nichts mehr über seine seinem Geist gemäße Einstellung sagen.
Wissen Sie, dass nur ein ichbegabtes Wesen lachen und weinen kann? Dass nur der Mensch, niemals aber ein Tier lachen und weinen kann? Und so wollen wir die beiden Möglichkeiten, wie das Ich im Lachen oder Weinen der Welt gegenübersteht, auch durch zwei Arten in der Gestaltung der Bewegungen zum Ausdruck bringen. Nämlich durch Spreizen und Ballen.»
Und so wurden diese beiden wesentlichen Äußerungen des ichbegabten Wesens zu einer Übung ausgebildet, die gut ist für initiativlose und etwas unintelligente Kinder. Allerdings setzte Dr. Steiner hinzu: «Aber schaden kann sie niemandem.» Der Ausspruch von der «okkulten Höflichkeit» stammt ja eben auch von ihm!
hygienische Seite = der vorstehende / Reigentanz =
ist gut für initiativlose und / etwas unintelligente Kinder —
Empfinden lernen sollte man in jedem Spreizen eine Erhebung des Inneren über das Äußere, sodass dieses Innere lachend herabschaut auf alle Unbilden der Außenwelt. «Humor ist beherrschende Seelenkraft», antwortete Rudolf Steiner im Jahre 1918 auf die Frage einer Malerin.
Wenn aber dieses Innere sich schwach fühlt gegen äußere Tatsachen, dann versucht es im Ballen sich seiner eigenen Kräfte bewusst zu werden, sie zusammenzufassen und alles, was in ihm steckt, wie in einen Punkt zusammenzupressen, so wie im physischen Leib aus der sich ballenden Tränendrüse zuletzt die Tränen im Weinen herausgepresst werden.
spreitzen = Erhebung des Inneren über / das Äussere - / Lachen /
ballen = fühlen innerer Hilflosigkeit / gegen äussere Tatsachen;
aber / Zusammenfassen der inneren / Kräfte / (Verteidigung) / Weinen
Diese Übung wurde gegeben, um das jüngste und schwächste Glied der menschlichen Wesenheit zu stärken. Und so sollte man versuchen, zwei kleine Ich-Wesen je als «äußere Tatsache» einander gegenüberzustellen und sie anhalten, ihre Hilflosigkeit und ihr Angstgefühl zu überwinden und sich tüchtig anzustrengen. Denn: «Du weißt ja noch gar nicht, was du alles kannst, wenn du nur willst. Eigentlich ist es ja zum Lachen, dass du so ängstlich warst. Lach also tüchtig! Ja, und dann dreh dich einfach um und lauf ganz fix weg. Es lohnt sich doch wirklich nicht, sich damit abzugeben!»
Vielleicht nicht gerade am Schluss einer Stunde sollte man «Ballen und Spreizen» machen lassen, obwohl ein gewisser Ausgleich von Rudolf Steiner schon von vornherein angegeben ist. Denn auch für diesen Reigentanz gilt das: Beginn eines Reigentanzes gespreizte Hände, Ende eines Reigentanzes - leicht geballte Hände - denn jedes Ich, sei es noch so stark, muss, wenn es sich aus einer Gemeinsamkeit herauslöst, erst einmal sich leicht zusammenfassen.

Wendung zweier Menschen zu einander mit Ballen der Hände darauf folgendes Spreizen der Hände
nachher auseinanderlaufen —
Handgeben = Ballen + Spreizen
Beginn eines
Reigentanzes
gespreizte
Hände
Ende eines Reigentanzes
leicht geballte Hände.
Außer dieser wichtigsten hygienischen Wirkung war «Ballen und Spreizen» für uns jüngste Anfänger in der Eurythmie noch in einer anderen Beziehung von allergrößter Bedeutung. Gab die Übung doch den ersten, bis 1915 wohl den einzigen Hinweis dafür, wie man aus einer gewissen Bewusstheit heraus seine Bewegungen färben, unter Umständen stark färben konnte, hin zum Lachen, Spreizen, Lösen bis zum hellsten Licht, oder zum Weinen, Ballen, sich Abschließen, Verdunkeln bis zum hoffnungslosesten Schwarz.
Darf ich noch einmal an einen der ersten Sätze erinnern, die Rudolf Steiner zu Anfang dieser Bottminger Stunden fast wie eine Bedingung aussprach? Dass nämlich nur derjenige diese neue Bewegungskunst in Wahrheit ausüben könnte, der in seinem Innern davon überzeugt ist, dass der Mensch aus Leib, Seele und Geist besteht, mit ihren Entsprechungen im Gliedmaßenmenschen, im Brust- oder Herzmenschen und im Kopfmenschen. Von da aus schaue man noch einmal auf die oben geschilderte Stunde zurück.
Vorbereitungsnotizen Rudolf Steiners zu dieser Stunde

Ballen Sich schwach fühlen gegenüber der Außenwelt — gleichzeitig Zusammenraffen aller inneren / Kräfte zur Verteidigung gegen die Außenwelt — Ballen empfindet man wie / Weinen Spreizen Sich stark fühlen sich überheben über Außenwelt — wie Lachen empfunden — Stehen - menschlich / Gehen — (oder schon Entlasten des Fußes) Revoltieren gegen die Erde gegen die er Geister der Form (luz.) 3 Momente — Wille als Impuls / Denken / Tat

Geradeaus den Kopf — größte Abhängigkeit und zugleich größte Geschlossenheit.
Wendung des Kopfes: rechts: ich will mich / links: ich fühle mich Neigung — rechts — ich will nicht, das etwas so ist / links: ich fühle nicht, das etwas so ist —
Kopf gesenkt: Ich begreife dich
Kopf nach oben gewendet — ich begreife mich

Kopfbewegungen / geradeaus. grösste Geschlossenheit, / gleichzeitig grösste Abhängigkeit / vom All.
rechts wenden: // senken neigen ich will mich / links wenden: // senken neigen // ich fühle mich Neigung // Wendung // rechts: ich will nicht, dass / etwas so ist. / Neigung / Wendung // links: ich fühle nicht, dass / etwas so ist.
oben zurück: ich begreife mich ... / unten zurück: ich begreife dich ...

Kopfhaltungen.
nach links Wendung / ich fühle nicht
nach links Senkung / ich fühle mich
nach rechts Wendung: / ich will nicht
nach rechts Senkung / ich will mich
nach unten Senkung: / ich begreife dich
nach oben Hebung / ich begreife ich.