Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1912–1918

GA 277a — 26 April 1913, Düsseldorf

Zur Entwickelung der Eurythmie

Am 26. April 1913 führte Lory Smits mit ihren Schülern Rudolf Steiner und seinen Begleitern erstmals das bisher Erarbeitete vor. Dabei konnte Rudolf Steiner einige neue Übungen und auch den Text «Der Wolkendurchleuchter» geben. - In die Aufzeichnungen Lory Maier-Smits wurden Ergänzungen aus «Die Anfänge der Eurythmie» aufgenommen; sie sind zur besseren Erkennung im Druck eingerückt.

Erna van Deventer-Woifram, aus: «Die Entstehung und die Aufgabe der Eurythmie»

An einem regnerischen Nachmittag kam ich in das Haus der Familie Smits [...]. Das Erste, was ich, das Haus betretend, hörte, war ein sehr gleichmäßig-rhythmisches Laufen, dabei, im gleichen Rhythmus, eine Frauenstimme, die, mehr skandierend als rezitierend, ein Gedicht im gleichen Takt, wie die Füße sich bewegten, zu sprechen schien. Aus dem Vorraum in das Zimmer tretend, sah ich ein ebenso merk würdiges wie mich tief berührendes Bild: Mehrere Kinder und einzelne Erwachsene schritten feierlich in einem Kreis hintereinander, alle, außer der Lehrenden, gekleidet in licht-meergrüne Gewänder, die durch feine Goldschnüre zusammengehalten waren. - Die Lehrende selbst (Lory Smits) trug ein weißes Gewand im gleichen Stil und ebenfalls mit einer Goldschnur zusammengehalten. So schritten diese Gestalten im Takte des sehr metrisch gesprochenen Gedichtes: -v -v -v -v -v -v ‹Tiefe Stille herrscht im Wasser› (Meeresstille, von Goethe), im trochäischen Versmaß. Mit den Händen begleiteten sie den Rhythmus der Füße durch beinahe geometrische Formen, die sie mit Händen und Armen ausführten.

Lory Maier-Smits, Aufzeichnungen 1965, mit Ergänzungen aus: «Die Anfänge der Eurythmie»

Wie viel leichter, ja beschwingter wurde aber die ganze Arbeit, als Mitte März 1913 Annemarie Donath-Dubach zu uns kam und so schnell und selbstverständlich gleich alles mitmachte, dass man sich nur wundern und freuen konnte. Mit ihrem Kommen hörten auch die oft doch sehr schweren, einsamen Vormittage auf, denn nun wurde alles in einer freudigen Gemeinsamkeit erarbeitet, und für mich war es von größtem Gewinn, nun mit einem fast gleichaltrigen, vor allen Dingen so künstlerischen Menschen alles wie von Neuem zu erleben. Mitte April kam als Dritte im Bunde Erna Wolfram-van Deventer dazu. Die Arme hatte nicht einmal zwei Wochen Zeit bis zu dem von uns lang ersehnten Tag, an dem wir endlich Rudolf Steiner zeigen durften, was wir bis dahin gearbeitet und wie wir uns hereingestellt hatten.

Er kam am 26. April 1913, also genau sieben Monate seit dem Beginn der Arbeit nach unserer Rückkehr von Basel. Dr. Steiner kam in Begleitung von Frau Helene Röchling und Fräulein Mieta Waller, dem ersten Darsteller des «Thomasius» in den vier Mysteriendramen, kurz vor dem Mittagessen zu uns heraus. Die beiden Damen und als dritter Herr Adolf Arenson, der während Rudolf Steiners Anwesenheit in Düsseldorf bei uns wohnte, lernten an diesem Tage unsere neue Kunst kennen — und lieben [...]. Leider traf Fräulein Marie von Sivers erst am Abend, von einem längeren Aufenthalt im Norden zurückkehrend, in Düsseldorf ein; so war sie an diesem für uns so festlichen und bedeutungsvollen Tage nicht anwesend, doch konnten wir sie abends im Vortrag noch begrüßen.

Bald nach dem wie meist bei Rudolf Steiners Gegenwart sehr heiteren Mittagessen (einmal, als außer ihm nur «Damen» den Tisch zierten, bot er meiner damals kaum sechs Jahre alten Schwester den Arm und sagt dazu: «Nun wollen wir mal bunte Reihe machen») verschwanden wir, um uns «umzuziehen». Außer mir, die ich ein weißes Kleid hatte, weil ja bei manchen Übungen eine dirigierende, manchmal auch etwas anfeuernde Gestalt in der Mitte stehen, ich nachher auch meine beiden Gedichte zeigen musste, trugen alle hellgrüne Kleider - im dionysischen Grün -, das meine Mutter, also nicht Dr. Steiner, gewählt hatte, entsprechend dem Kupfer, dem Venus-Metall, mit dem unsere Stäbe umwunden waren. Wie gut passten die frischen jungen Birkenzweige dazu, mit denen unser Eurythmie-Zimmer geschmückt war. Für unsere Gäste standen ein paar bequeme Sessel bereit - ja- und dann mussten wir eben anfangen! Das sorgfältig aufgestellte Programm begann mit Alliterationen, Beherrschungsübungen und Taktieren. Als wir «Chor der Schmiede» aus Goethes Pandora machten - also einen Daktylus machten -, nahm Dr. Steiner meiner Mutter das Buch aus der Hand und las selbst! Und wie las er! Ich habe schon oft mündlich und schriftlich erzählt, wie er das machte. Wie er langsam anfing, sodass wir wirklich unser «Maß» vor uns in den Raum zeichnen konnten, wie er dann schneller sprach, immer schneller, zuletzt so schnell und doch so beherrscht und deutlich akzentuiert, wie ich nie je wieder einen Menschen sprechen hörte, wie - mir wenigstens - jedes Bemühen, deutliche, klare Bewegungen zu machen, verging, und nur noch Daktylus, das lebendige Wesen Daktylus im Raum war, uns ergriff und unsere Glieder bewegte und mitriss! Aber dann ebbte dieses Prestissimo rasch wieder ab, sodass wir wieder einen Daktylus formen konnten und nicht mehr der Daktylus uns! So sollte man Tempo-Steigerungen handhaben, erklärte Dr. Steiner dann: Langsam, allmählich schnell und dann rasch wieder langsam werden. [...] Danach zeigten wir, wie seine Angabe: «Von einem raschen Lauf plötzlich in ein straffes Stillstehen übergehen» - gut für einseitig sanguinische Kinder und Personen - von uns ausgebildet worden war. Eben die Übung: ein Schritt - Stillstehen, zwei Schritte - Stillstehen, drei Schritte - Stillstehen und so weiter bis herauf zu sieben Schritten - Stillstehen. Die Schritte so schnell und leicht wie möglich, das Stillstchen so plötzlich und straff wie möglich! Diese Form der Übung stammt also nicht von Rudolf Steiner und kann daher sehr berechtigterweise anders gemacht werden, und wurde von vielen - auch von uns - schon anders gemacht.

Dann kam unsere so vielfältig ausgearbeitete Stabübung, die wir aus Gründen der «Ungezogenheiten in der körperlichen Haltung» schon ziemlich weit, in den verschiedensten Rhythmen, paarweise vor- und rückwärtsgehend, ausgebaut hatten. Und als wir damit fertig waren, verlangte Dr. Steiner selbst einen Stab, d.h., er nahm mir meinen einfach aus der Hand und zeigte eine Reihe neuer Möglichkeiten für Stabübungen, verschiedene Griffe, Haltungen und Bewegungen. Von der Ausgangsstellung der eben gezeigten Übung aus - also den Stab mit gestreckten Armen nach unten haltend - hob er ihn bis zur Schulter nach oben, indem er die Oberarme breit nach außen, nach den Seiten, nicht nach vorne, bewegte, und sagte dazu: «Das ist eine sehr gesunde Bewegung!» Dann fasste er den Stab auf dem Rücken, die Handflächen nach innen, warf ihn rasch so hoch wie möglich nach oben und fing ihn zwischen Oberarm und Schulterblatt auf: «Und das ist auch eine gesunde Bewegung!» Als Drittes führte er den Stab von vorne rasch über den Kopf nach hinten, ließ ihn los und fing ihn mit gestreckten Armen hinten unten wieder auf! «Und da muss man schon geschickt sein, damit der Stab nicht auf die Erde fällt!» Da wir alles gleich auch versuchten, fiel natürlich immer wieder ein Stab auf den Boden - manchmal auch der von Dr. Steiner. Es wurde sehr vergnügt und geräuschvoll - besonders, als er noch andere «Geschicklichkeits-Übungen» vormachte. Nicht nur wirbelte er den Stab, ihn mit drei Fingern fassend vor sich, seitwärts, herauf und herunter, aus dem Handgelenk ihn drehend, sondern er ließ ihn auch die Hand umkreisen, abwechselnd über den Handrücken und durch die Handfläche ihn laufen lassend. Und dann «Qui!». Zuerst ließ er den Stab überhaupt ganz los, um den Griff, einmal von oben und einmal von unten fassend, zu wechseln, dabei dem Stab einen ganz leichten Impuls nach vorne, nicht nach oben gebend.

Da warf er den Stab mit leicht gestreckten Armen, von oben ihn haltend etwas nach vorne, um ihn gleich wieder von unten zu fassen und wieder vorwärts zu werfen, und so immer den Griff wechselnd wie hinter dem Stab hergehend.

«Wenn Sie das viel üben, dann kann es zuletzt so aussehen, als «schwebe der Stab vor Ihnen im Raum. Ihre Hände müssen nur sorgen, dass er nicht fällt!» «Man kann es aber auch so machen!» Diese zweite Art, das ja allen bekannte «Qui», machte er mit leicht und weich nach vorne gestreckten Armen, und sagte dazu: «Das muss so leicht und zierlich gemacht werden wie der Ruf eines Vogels auf einem Zweig: «Qui! Qui - Da darf man doch auch nicht zu nahe herangehen, sonst fliegt der Vogel ja davon! Und wenn man es zu nah und «kurzsichtig; vor seiner Nase macht, fliegt die «Leichtigkeit» doch auch davon!»

Zuletzt zeigte er noch die Spirale, die auch in dem am selbstverständlichsten aus dem menschlichen Organismus hervorgehenden «Siebener-Rhythmus» gemacht werden sollte und in einer auf- und in derselben Richtung wieder absteigenden Spirale, Kraft und Form spendend, den mittleren Menschen wirksam umkreist. - Wie schön und wichtig wäre es, wenn man das alles wirklich einmal mit «griechischer Musik» als Begleitung machen könnte, also in dem richtigen «Siebener-Rhythmus», denn, hatte Rudolf Steiner einmal gesagt: In unserm Tonsystem kann man es nicht, aber griechische Musik verträgt sehr gut diesen 7/8-Rhythmus. - Wäre nicht das schon ein Grund, diese Musik in die Eurythmie einzugliedern?

Auch eine Art von Kiebitz-Schritt (er nannte ihn so) machte Dr. Steiner uns vor, allerdings ohne das Schlagen in die Kniekehle, wie es später für heileurythmische Übungen ausgeübt werden sollte. Doch er nannte ihn so und machte nur lang, kurz, lang. Aber wie lang waren diese Längen! Wie vergnügt war er und wie elegant seine Bewegungen! - So viel von seinen Angaben und Anregungen sind liegen geblieben, nicht nur wegen der Fülle des Gegebenen, sondern auch wegen unserer menschlichen Unzulänglichkeit und Trägheit.

Nach diesem erfrischenden Intermezzo wickelte sich unser «Programm» einige Nummern hindurch ohne Erweiterungen oder neue Anregungen ganz flüssig weiter ab. Wir machten «Energie- und Friedenstanz», machten «Ich und Du» und dann «Wir». Dabei stand ich zuerst auch in der Mitte, wie es ja für diese Gruppentänze auf den Zeichnungen angegeben ist, aber dann mischte ich mich, wie auch sonst beim Üben, aus «Freude am gemeinsamen Dasein» in den Kreis, und da sagte Dr. Steiner plötzlich zu den Zuschauenden: «Die Lory geht ganz richtig! Sie geht nämlich wie ein Seiltänzer oder wie ein Wilder im Urwald.» Und dann zu mir gewandt: «Das genügt aber nicht, dass Sie richtig gehen, Sie müssen auch wissen, wie Sie es machen, Sie müssen es doch Ihren Schülern auch erklären können. Wenn Sie das aber nicht können, muss man eben einen Kodak nehmen und jede Phase Ihres Schrittes aufnehmen, damit man es später den Schülern vorführen kann.» Er erwartete aber nicht, dass ich es gleich wusste, und so darf ich das Resultat unserer Bemühungen auch erst später darlegen.

Nach «Wir» kamen natürlich verschiedene Lemniskaten, gemeinsam im Kreis geschritten und auch gemeinsam gesprochen. Sogar die «Harmonische Acht» haben Annemarie Donath-Dubach und ich gezeigt. Dr. Steiner war von Nummer zu Nummer immer heiterer, und wir durch seine freudig liebevolle Zustimmung immer beschwingter und glücklicher geworden. Ja, und dann zeigte sich auf einmal, dass wir in unserm Programm beides, die Einzahl und die Mehrzahl des dritten persönlichen Fürwortes, die «Er»- und die «Sie»-Form vergessen hatten. Die einzige Reaktion Dr. Steiners war: «Ich sche, was Ihnen fehlt, sind Texte! Aber die werde ich Ihnen schaffen!»

Und dann kam das Allerschönste, was an diesem so schönen Tag geschah! Er rief uns drei «Großen», ließ uns einen kleinen Kreis bilden, und während er mit starker, klingender Stimme die Worte:

Der Wolkendurchleuchter —
Er durchleuchte
Er durchsonne
Er durchglühe
Er durchwärme
Auch mich!

sprach, dirigierte er unsere Schritte im Raum. Bei «der Wolkendurchleuchter» sollten wir mit zwei Schritten wie ehrfurchtsvoll zurücktretend einen zweiten größeren Kreis um die Gottheit bilden, auf diesem Kreis die vier Bitten anapästisch abschreiten und bei «auch mich» uns mit wieder zwei Schritten «bittend der Gottheit nähern». "Trotzdem wir doch drei «Bittende» waren, sagte Dr. Steiner «auch mich» und nicht «auch uns». Wir mussten es mehrmals machen, und ich weiß, alle, die ihn miterlebten, haben diesen Augenblick niemals vergessen. Wir erlebten wohl alle damals ahnend die tiefe menschenbildende und menschenheilende Kraft dieser neuen, für unsere Zeit inaugurierten Mysterien-Kunst.

Nach einem ganz kurzen Schweigen und Nachsinnen rief er uns drei «Großen». Wir mussten uns in einen kleinen Kreis stellen, mit zum Mittelpunkt gerichteten Antlitz, und dann sagte er mit tönender, machtvoller Stimme das erste für die Eurythmie geschaffene Gedicht, indem er gleichzeitig unsere Bewegungen im Raum dirigierte: «Der Wolkendurchleuchter — Dabei weichen Sie zwei Schritte zurück, auf einen größeren Kreis. Nun vier Anapäste auf dieser erweiterten Kreislinie: Er durchleuchte
Er durchsonne —
Er durchglühe
Er durchwärme Und nun wieder zwei Schritte vorwärts zum Mittelpunkt hin: Auch mich!» Wir haben es dann gleich einige Male wiederholt und ich glaube, wie alle die Zuschauenden und wir Ausführenden hatten das gleiche erschütternde und beglückende Erlebnis: Jetzt ist die wahre Eurythmie geboren; in ihrer ganzen sakralen und formenden Kraft ist sie lebendig geworden.

Eigentlich hätten wir unsere Darbietungen damit abschließen müssen, aber es gab ja noch so viel zu zeigen! Es fehlte noch «Ballen und Spreizen» - es fehlten noch «Serpentinen». Erna Wolfram, die natürlich noch nicht alles mitmachen konnte, zeigte, trotz ihrer so kurzen «Lehrzeit», die große einwickelnde Serpentine, die außer «starke Befestigung des Ich sehr gut für bleichsüchtige Personen» ist. Sie war damals die «Bleicheste» unter uns. Sie machte eine nur von uns gewählte Konsonanten-Folge, und zwar d f g k h, um dann, wenn alle störenden Einflüsse der Außenwelt abgelehnt und abgestoßen wären, über kleine l-Bewegungen zu der Schlussstellung «mit am Herzen gelegten Händen» eu zu gelangen.

Wir haben auch Evoe gezeigt: Zuerst im Kreis, in dessen Mitte ein riesengroßer Pyrit lag. [...]- Nach einem Evoe, das Annemarie Donath und ich, uns ernst-feierlich begrüßend, ausgeführt hatten und einer «musikalisch untermalten» l-Übung haben wir «Halleluja...h» noch gezeigt und nach einer Pause, in der ich mich, da mir ja nun der immer noch etwas unentschiedene Kampf mit dem konsonantischen Gedicht bevorstand, mit einer «Schleier-Stola» bewaffnet hatte, kamen meine beiden Goethe-Gedichte und noch ein kleines «Wiegenliedchen» von Clemens Brentano, das wir als Gruppe zu dritt machten.

Bei den Mysterien-Spielen in München hatten Philia, Astrid und Luna, wenn sie gemeinsam sprachen, immer in einem Moll-Dreiklang gesprochen. Luna die Prim, Astrid als Verstandes- und Gemütsseele die Moll-Terz und Philia die Quint. Es wurde als Reeitando, als Sprechgesang, nicht wirklich gesungen, ausgeführt. [...] Uns hatte dieses Sprechen der Seelenkräfte so gut gefallen, dass wir es bei unserem Wiegenliedchen auch so machten. Nicht einmal das hat Rudolf Steiner damals beanstandet! Auch nicht unsere musikalische Schlussnummer!

Als ich in der mir zugänglichen Musik-Literatur nach für uns geeigneter Musik gesucht hatte, um erst einmal eine Begleitung für die Reigentänze der Vorübungen zu finden, später dann auch für die Stabübung, für «Ballen und Spreizen», sogar für Rhythmen, war mir ein kleines Stück «Semplice» in Schumanns «Papillons» aufgefallen. «Semplice» beginnt mit einem rhythmischen Motiv zu je zwei Takten, welches viermal wiederholt wird. Der erste Takt hat sechs Achtel und der zweite drei Viertel, die sich immer auf dem vorletzten Ton des ersten Taktes aufbauen. Wir begannen nun mit sechs raschen Laufschritten, Arme in «Innig», blieben dann aber nicht nur plötzlich stehen, sondern machten eine Dreivierteldrehung in der entgegengesetzten Richtung am Ort, dabei in die Stellung «lieblich» übergehend. Wir liefen zu viert in einem Viereck, und da wir uns ja nie ganz von hinten zeigen wollten, musste eine Seite rückwärts gelaufen werden. Als nun meine jüngste Schwester (achtjährig) an diese «schwere Stelle» kam und sich sichtlich bemühte, den richtigen Platz da hinten zu erreichen, rief Dr. Steiner auf einmal strahlend: «Sehen Sie doch nur, wie anmutig die kleine Thea da läuft!» Auch vorher schon hatte er auch die nebensächlichsten, zufälligen Kleinigkeiten freudig bemerkt: «Das ist nämlich schon was, wenn man das so geschickt macht!», sagte er zum Beispiel einmal, als ich für meine jugendlichen «Mitarbeiter» Achten oder Serpentinen auf den Boden zeichnete, mich selbst als eine Art Zirkel benutzend. Und so löste sich unsere mit «Semplice» abgeschlossene erste Eurythmie-Darbietung in lauter zufriedene, lebhaft-heitere Gespräche auf. Als sich die erste Freude, bei uns Darstellern auch Erregung, gelegt hatte, konnten wir endlich auch einige Fragen stellen, besonders auch wegen der «selbsterfundenen» ö-, ö- und sch-Bewegungen. Rudolf Steiner hatte nichts daran auszusetzen, gab aber auch noch keine weiteren Erklärungen dazu, wie zum Beispiel 1924 zu dem sch «das Wegblasende» oder zum ä: ein # und die Bewegung der Arme selber als i frisieren. Das i hatten wir ja schon bei: «Er durchglühe» - sehr deutlich betont anwenden müssen, und mein halb ängstlicher, halb schuldbewusster Blick auf Dr. Steiner hatte nicht einmal ein Erstaunen oder Befremden in seiner Miene feststellen können. Trotzdem war es doch besser, eine deutliche Bestätigung oder Ablehnung und Korrektur zu erhalten.

Auch in einer anderen Sache hätte ich gerne Sicherheit und Korrektur erhalten: Ich erzählte, dass ich unsere Dichter manchmal daraufhin «prüfte», ob sich Stellen fänden, die geeignet wären, einen bestimmten Laut als für ihn charakteristisch in verschiedenen Färbungen zu üben, wie a in «Barbara saß stracks am Abhang» oder «Lass’ ahnend nahn am Abend Phantasie». - Nun fände sich in Also sprach Zarathustra im dritten Teil in dem Abschnitt: «Im Vorübergehen» ein Satz mit lauter Umlauten, vor allen Dingen mit einer sicher gewollten Anhäufung von ö, «wo alles Anbrüchige, Lüsterne, Düstere, Übermürbe, Geschwürige, Verschwörerische zusammenschwärt!». Zuerst sei ich ganz begeistert gewesen, aber als ich’s dann versucht hätte, wäre es cine große Enttäuschung geworden, unbefriedigend und unmöglich, dabei etwas ü-haftes zu erleben, wie ich es bei meiner liebsten ö-Übung - bei den Worten des Doppelgängers: «Ich will mit meiner Kraft dich tüchtig rüsten» - immer so stark empfunden hätte. Wie beruhigt war ich, als Dr. Steiner ausgesprochen lebhaft zustimmte: «Da haben Sie ganz recht, hier handelt es sich einfach um eine «Lautspielerei bei Nietzsche, die aus dem Kopf kommt und nicht aus einer wirklichen Lautempfindung, das kann man nicht ü-haft ausdrücken.» — Durfte mir das ein Zeichen sein, dass ein kleiner Schritt auf dem Wege: «Lernen Sie empfinden» - gelungen war? Und nun haben wir ja seit 1924 für das ü und die ganze Eurythmie als Wahlspruch bekommen: «Prüfe dich, Schüler, übe mit Mühe»; lautlich auch hier ö in Verbindung mit i wie bei: «Ich will mit meiner Kraft dich tüchtig rüsten» und der «Hieroglyphe» von Richard Dehmel.

Zuletzt baten wir Dr. Steiner noch, uns ein neues Gedicht aufzugeben. Er nahm ein Buch, eine Anthologie neuerer Dichter, das mit seiner kleinen Schrift Zyrik der Gegenwart mit andern Büchern auf dem Klavier lag. Trotzdem in dieser Sammlung fast alle Dichter vertreten waren, die er in seiner Schrift besprochen hatte, musste er lange, oftmals den Kopf schüttelnd, suchen, bis er auf ein kleines Gedicht von Richard Dehmel stieß und darauf zeigte. «Das können Sie machen.» -[...] Das von ihm gewählte Dehmel’sche Gedicht, das mit drei schr interessanten Reimpaaren beginnt, heißt:

Hieroglyphe
In allen Tiefen
musst du dich prüfen,
Zu deinen Zielen
dich klarzufühlen.
Aber die Liebe
ist das Trübe. Jedweder Nachen,
drin Sehnsucht singt,
ist auch der Rachen,
der sie verschlingt.
Aber ob rings von Zähnen umgiert
Das Leben sitzt und jubiliert:
Liebe!

Nun hatten wir also alles gezeigt, was wir bis dahin gelernt hatten. Und dann war es für Rudolf Steiner und seine Begleitung Zeit, zurück nach Düsseldorf zu fahren. Fräulein von Sivers musste auf dem Bahnhof abgeholt werden, und am Abend war der erste der beiden Vorträge. Und nun geschah das, was ich nicht meinerwegen erzähle, sondern nur, um seine ganze Größe, Güte und menschentragende Positivität zu schildern. Er nahm meine Hand in seine beiden Hände und ... dankte mir. Als ich ganz betroffen und fassungslos stammelte: «Aber Herr Doktor, wir müssen doch danken!» ergriff er wieder meine Hand und wiederholte: «Nein, ich danke Ihnen.» Und nochmals an der Haustür, ehe er ins Auto stieg, dieser Händedruck und: «Ich danke Ihnen.» - Auch diese Tugend der Dankbarkeit und des Danksagens, die in unserer Zeit so weitgehend verloren gegangen ist, lebte er uns in selbstverständlicher Größe und tragender Wärme vor. Wir aber blieben sehr glücklich und voll neu impulsierter Bereitschaft, alle Kräfte für unsere Arbeit, für die Eurythmie einzusetzen, von Dank erfüllt zurück.

Wie gut war es, dass wir erst am Anfang der Tage mit Rudolf Steiner standen, dass wir noch zwei Vorträge vor uns hatten, sonst hätte man wahrlich glauben können, dieser Tag sei nur ein beglückender Traum gewesen. Aber da waren die verschiedenen Aufgaben und dazu kam am Abend nach dem letzten Vortrag noch eine weitere. Ich sollte versuchen, «Charon» aus Goethes neugriechisch-epirotischen Heldenliedern eurythmisch auszuarbeiten. Er gab eine Einleitung nach Vokalen und Konsonanten an, und zwar sollte der erste Teil bis «Nein, Charon ist’s» vokalisch gemacht werden, von da an konsonantisch, um dann den Schluss «Nicht am Gehege halt ich still ...», also die Worte Charons, wieder vokalisch zu gestalten. Die Formen im Raum musste ich selber finden, und auch «den Gegenstand zum gemeinsamen Bewegen und Formgeben», den ich bei v, bund sin der Hand habe, musste ich selbst wählen. Da ich irgendwo gelesen hatte, dass Charon häufig mit einem Hammer dargestellt wurde, wählte ich einen solchen aus vergoldetem Holz, der fast wie ein «Tau» wirkte.

Und auch das war noch nicht alles! Rudolf Steiner kam damals von Elberfeld aus nach Düsseldorf, und meine Mutter und ich hatten ihn in Elberfeld schon begrüßt und um seinen Besuch bei uns draußen in Haus Meer gebeten, den er schon auf den nächsten Tag festlegte. Nach dem Vortrag durfte ich ein Stück des Weges, der Dr. Steiner in sein Hotel und uns zum Bahnhof führte, mit ihm gehen. Auf diesem Wege fragte er auf einmal, obwohl er doch erst am nächsten Tag das Resultat unserer bisherigen Arbeit sehen würde, ob ich schon einmal daran gedacht hätte, ein französisches Gedicht zu versuchen: «Ihr Vater liebte doch Frankreich und die französische Sprache so schr, sprach besser Französisch als Deutsch. Er würde sich sicher darüber freuen!» — Es dauerte dann aber doch bis Januar 1914, bis zu der zweiten Generalversammlung der Anthroposophischen Gesellschaft, ehe ich so weit war, bei einer Aufführung in Berlin ein Gedicht von Lamartine «Le Matin» zeigen zu können. Als ich damit fertig war, stand er auf und meinte: «Sie sehen, ein französisches eurythmisiertes Gedicht sieht wirklich ganz anders aus als ein deutsches!»

Nach Dr. Steiners Besuch arbeiteten wir noch fast zwei Monate lang mit neuem Eifer zusammen weiter. Wir versuchten, für die verschiedenen «gesunden Bewegungen» oder die, für die man schon «geschickt sein musste», gewisse Formen zu finden. So entstand in gemeinsamer Arbeit die «Zwölfteilige Übung» und die später - weder von Dr. Steiner noch von uns - «Wasserfall» genannte Übung. Wir bemühten uns ja gerade, keinen «Wasserfall von Stäben» dabei entstehen zu lassen, trotzdem wir versuchten, das Tempo immer mehr zu steigern, und immer raschere Zwischenbewegungen dabei zu machen. Es zeigen also diese beiden letzteren Übungen nur eine von uns und nicht von Rudolf Steiner gewählte Form, und er war immer der Erste, der sich über neue Ideen freute, der sich beklagte: «Sie haben alle keine Phantasie!»

In den Monaten Mai und Juni 1913, nach Dr. Steiners Besuch, beschäftigten wir uns auch mehr mit einer Übung, von der ich nicht mehr genau weiß, ob wir sie ihm schon gezeigt hatten, als er bei uns war. «Jedes Ertöncnlassen muss im Tanz einer Fußbewegung entsprechen», stand ja auf dem letzten Blatt der Bottminger Notizen. Und darum war das auch eine gestellte Aufgabe, und man musste sich auch damit beschäftigen und «empfinden lernen», was damit gemeint war im Zusammenhang mit Eurythmie.

Auf der anderen Seite stand ja der Anapäst stark im Mittelpunkt der dionysischen Formen und Gruppentänze, und so entstanden anapästische Übungen, bei denen der Länge immer ein «Ertönenlassen» entsprach und folgte. Es gab energische, tragische und heitere bis zu «bacchantische» Anapäste, leider vorerst nur mit Händeklatschen. Später benutzten wir wunderschöne echt chinesische Bronze-Zimbeln, die in Klang und Form wirklich ein Genuss waren. Aber was durch diese Übungen zu lernen und zu erleben war, konnte auch so erreicht werden: Denn nicht nur das «Ertönenlassen» folgte der Fußbewegung, sondern die Bewegung des ganzen Leibes, sich bis in die Arme und Hände ergießend, bekam ihren Impuls und Charakter von der Art, wie dieser Impuls, ob energisch-straff, tragisch-schwer oder heiter-beschwingt, eben durch die Fußbewegung in Verbindung mit der Erde ausgelöst wurde, und von da aus wie ein Klang und Fluss ungebrochen die ganze Gestalt ergriff! Die Erklärung, die wir damals für das «Richtig-Gehen-wie-ein-Seiltänzer» gemeinsam gefunden haben, brauche ich eigentlich gar nicht aufschreiben. Es war, nach langem Suchen, Ausprobieren und Verwerfen genau dieselbe, die man im Lauteurythmie-Kurs 1924 nachlesen kann. Nur nannten wir die erste Phase ausdrücklich «Revoltieren gegen das Erdgebundensein» oder «Willensimpuls», die zweite: den «Gedanken oder den Weg», der zu der dritten Phase «zur Tat, zum Wiederberühren der Erde» führte. Ganz und gar konzentriert auf den aktiven Fuß. -Man fühlte seine Füße eigentlich wie beseelte, bewusst wollende Wesen, die mit aller Intensität das gesteckte Ziel prüften, um sich dann kraftvoll damit zu verbinden.

Als Dr. Steiner damals die Bemerkung machte: «Sie geht richtig, sie geht wie ein Seiltänzer», war es bei der Wir-Übung, und es war sehr viel Freude und Schwung in mir, und wirklich keine Zeit, eine von ihm «ägyptisch-erdgebundene Phase» einzuschalten und darum musste ein vierteiliger Schritt als unbefriedigend verworfen werden, bei dem als vierte Phase der ganze Fuß sich voll auf den Boden stellte. Das geschah erst, wenn durch das «Revoltieren» des zweiten Fußes das ganze Gewicht von dem ersten Fuß aufgefangen und getragen werden musste.

Seit dem Tag in Kassel, an dem Rudolf Steiner mir die beiden in ihrer Beziehung zur Erde so verschiedenen Statuen: den Apoll von Tenea und den Apoll Sauroktonos, gezeigt hatte, ahnte ich wirklich beglückt, dass man es beim Gehen mit einem lebendigen Geschehen zwischen Fuß und Erde zu tun hatte, und nicht mit dem Betätigen eines «Mechanismus», wie es mir kurze Zeit vorher eine «Gymnastikerin» erklären wollte: «Wenn man einen Schritt machen will, muss man zuerst einmal das betreffende Bein «verkürzen», indem man es in der Hüfte nach oben zieht. Dadurch löst sich der Fuß vom Boden und nun kann das Bein drei schwingen» und durch einen kleineren ‚oder größeren Schwung einen entsprechenden Schritt machen!» - Im Gegensatz. dazu war das, was man an diesen beiden Statuen erlebte, so beglückend, weil die Füße nicht mehr irgendein lebloses Gewicht, da unten am Bein mitgeschwungen, waren, sondern schr aktive, bewusste, fühlende Glieder. Sie müssten den Impuls des «Revoltierens» betätigen und sich durch ihr Tun aus der «Erdgebundenheit» selbst lösen.

Wir hatten auch einmal einen «vierteiligen» Schritt ausprobiert, bei dem als vierte Phase der Fuß sich voll auf den Boden stellte, und nicht erst dann, wenn durch das «Revoltieren» des zweiten Fußes er nun seinerseits das Gewicht des ganzen Körpers aufnehmen und tragen musste, Das schien uns aber sehr unnatürlich und unterbrach den Fluss der Bewegung auf unschöne Weise. Auch hatte Dr. Steiner damals die Bemerkung «sie geht richtig, sie geht wie ein Seiltänzer» bei der Wir-Übung gemacht, und es war sehr viel Freude und Schwung in mir und wirklich keine Zeit, eine vierte Phase einzuschieben und damit das sehr bewusste Vorwärts- und Rückwärts-Streben zu unterbrechen. Und so kamen wir endlich zu der uns alle drei befriedigenden Erklärung des «dreiteiligen» Schrittes.

In diesem Zusammenhang möchte ich eine Deutung des Wortes «Unter-Richten» anführen, die Dr. Steiner einmal gab: «Es wird etwas gerichtet, richtiggestellt, in eine vom Unterrichtenden gewollte Richtung gebracht, aber - unter der Oberfläche. Ein Kind» - und in der Eurythmie waren wir alle «Kinder - «wird unterrichtet, nicht an Kopf-Verstehen appellierend, sondern indem man es tun lässt.» Vielleicht sollte man beides zuletzt Geschilderte von diesem Gesichtspunkt aus ansehen!

Er regte das Erleben beim «Ertönenlassen im Tanz» in der geschilderten Art an, unausgesprochen als eine Übung, ungebrochen durch die ganze Gestalt fließende Bewegungen zu veranlagen. Er hat angeregt, den Unterschied zwischen «Erdgebundensein» durch die ägyptisch-archaische Gestalt und dem freiwilligen sorgfältigen «Erdverbundensein» - durch das Schreiben mit den Füßen - in einer fruchtbaren Richtung zu betätigen und zu erleben. An der griechischen Gestalt betonte er das «Revoltieren gegen Erdgebundensein» und zeigte damit, dass jeder Fortschritt, auch im Raum, durch den Wechsel von Freiheit und Gebundenheit - aber auch diese freiwillig — entstehen muss.

German original of Notes on the Development of Eurythmy · ← Previous · Next →