Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1912–1918

GA 277a — 28 August 1913, Munich

Ansprache zur Eurythmie

Meine verehrten lieben Freunde! Als einmal der Professor Capesius zu Frau Felicia kam, da sagte er, dass er immer eine so große Erfrischung hätte durch alles das, was ihm die gute Frau Balde an Märchen und Geschichten und so weiter erzählen könne.

Frau Balde ist nun eine gerade Dame und daher sagte sie zu ihm genau, wie sie dachte, und zwar: «Ja, es macht mir ja immer eine recht große Freude, wenn ich sche, wie Sie das erfrischt, was ich Ihnen erzählen kann, aber Sie können nur so schlecht zuhören, und das macht mir große Schwierigkeiten!»

Sie war, wie gesagt, eine gerade Dame, die geradeaus sagte, was ihr auf dem Herzen lag.

CAPESIUS: «Ja, aber ich höre doch mit aller meiner Fassungskraft zu!»

FELICIA: «Das ist es ja eben, dass Sie die Fassungskraft nicht haben, mit der Sie auch noch zuhören sollten.»

CAPESIUS: «Ja, was fehlt denn an meinem Zuhören?»

FELICIA: «Ich glaube, Sie werden mich gar nicht richtig verstehen.»

CAPESIUS: «Ich möchte es aber doch gerne verstehen!»

FELICIA: «Ja, wissen Sie, wenn Sie mir richtig zuhören würden, dann würde Ihr Ätherleib tanzen - aber er tanzt nicht!»

CAPESIUS: «Warum sollte denn mein Ätherleib tanzen? Und wie sollte ich das machen?»

FELICIA: «Ja, sehen Sie, da müssen Sie einmal verstehen, wie ich eigentlich zu all den Märchen komme, die ich Ihnen erzähle.»

Da war der gute Professor Capesius ein wenig verlegen und sagte: «Sie haben mir so oft gesagt, dass Sie die Märchen aus der geistigen Welt empfangen, und - ich getraue mich eigentlich gar nicht, zu sagen, was ich möchte: Ich kann immer nicht begreifen, warum diese Wesenheiten, die da mit Ihnen sprechen, immer gerade die Sprache haben sollen, welche diejenigen haben, die sie hören und die die Märchen dann nacherzählen.»

FELICIA: «Ja, das ist cs ja eben, da müssen Sie noch gescheiter werden gerade in dem Punkt: Die Wesenheiten erzählen eben in gar keiner Sprache, sondern sie bewegen sich. Und alles, was an ihnen Bewegung ist, das muss man verstehen.»

CAPESIUS: «Wie machen Sie das?»

FELICIA: «Ja, sehen Sie, da muss man die Kunst verstehen, das Herz eine Weile in den Kopf hinauffahren zu lassen. Dann fühlt man da eine eigentümliche Empfindung von all den Bewegungen, welche die Elfenwesenheiten, die Märchenprinzen und Feen da machen. Und was man da fühlt, das geht dann wie Ströme in den Kehlkopf hinein: da kann man dann erzählen. Aber wenn Sie recht zuhören würden, dann würde auch Ihr Ätherleib nachtanzen. Da Sie das aber nicht können, so können Sie auch nicht alles verstehen, und vieles geht Ihnen verloren von dem, was ich Ihnen sage.»

Nun hat man diese Mitteilungen der Frau Balde an Capesius aufgefangen und hat versucht - wenigstens so haben wir es gemacht -, einmal diese Bewegungen, diese Elfen-, Gnomen- und auch sonstigen Engeltänze systematisch herauszubilden zu einer Art von Bewegungssprache.

In einer ganz wunderbaren Weise hat sich herausgestellt in vielen Konferenzen mit Frau Felicia, dass man eine intime Sprache, eine Ausdruckssprache - man darf es schon gebrauchen, das Wort - tanzen kann. Kurz, es ist ein Ausdruckstanzen möglich, gewissermaßen eine Kunst der Bewegung, die wir uns erlaubt haben, die Kunst der Eurythmie zu nennen. Eine Art Sprache durch Bewegung, eine solche Sprache, welche in einem gewissen sehr schönen Verhältnis stehen kann zu den Vorgängen, welche in der geistigen Welt sich abspielen. Denn Frau Felicia konnte nämlich, wenn auch unbewusst, aus der Welt der Formen, welche die Welt des physischen Planes ist, wenn sie ihr Herz in das Gehirn hineinstrahlen ließ, da konnte sie Blicke in die Welt der Geister der Bewegung tun. Und da empfing sie ihre Märchen.

Nun wäre es recht schön, meine lieben Freunde, wenn man auch noch dieses Verständnis mitbringen könnte, das dem Capesius fehlt, wenn man seinen Ätherleib immer bei Mitteilungen, auch bei Mitteilungen, wie Frau Felicia sie geben konnte aus der geistigen Welt, bei vollstäindigem Ruhigsein des physischen Leibes tanzen lassen könnte. Dazu aber muss man erst sich ein wenig hineinfinden in das Bewegungsspiel, welches in einer gewissen Harmonie steht mit den Bewegungen, die der Ausdruck sind der Weltentöne, der Weltenworte. Was man da feststellen konnte in den Konferenzen mit Frau Felicia, das soll jetzt unserer Kunst der Eurythmie zugrunde liegen.

Es soll einmal der Anfang gemacht werden mit einer Kunst, die an einem Grenzgebiete steht und deshalb so bedeutend ist. Man kann mit dem Tanze sozusagen das Alleralltäglichste haben, das, was menschlichen Trieben und Leidenschaften am nächsten liegt; man kann aber auch das dionysische Element in der Menschheitsentwickelung verkörpern.

Eine kleine Probe soll Ihnen vorgeführt werden, Sie sollen aufmerksam gemacht werden auf das, was in Anlehnung an menschliche Worte und Gedanken übersetzt werden kann in die hier gemeinte Bewegung, wie auch auf das, was, in der Bewegung selbst verstanden werden soll, damit man immer mehr und mehr lerne, dass man zuhören kann auch dem, was in einer solchen Sprache zum Ausdruck kommt. Beachten Sie dabei, dass wir es zu tun haben mit etwas, was im Anfang steht. Beachten Sie zunächst das Wollen, das dahinterliegt und aus dem wir glauben, dass sich im Laufe der Zeit noch viel Bedeutungsvolleres entwickeln kann, als jetzt da ist.

Beachten Sie aber auch, dass ein dreifaches Wollen hinter dieser Eurythmie liegt.

Erstens ein ästhetisches Element, ein Element, das man als das Element der Schönheit bezeichnen könnte. Schönheit ist ein unmittelbarer Ausdruck desjenigen, was in den höheren Welten bewegungsmäßig vorgeht: verstärkte Bewegung der höheren Welten. Also ein künstlerisches Element, aber damit soll sich zugleich verbinden als Zweites ein pädagogisch-didaktisches Element. Die menschliche Seele in ihrer Verbindung mit dem Leiblichen wird zu einer Entfaltung kommen, die angemessen ist ihrer ganzen Verbindung mit den Welten, zu denen sie gehört, mit den Vokalismen und Konsonantismen, die durch die Welt strömen als Weltenwort, umgesetzt in sichtbare Bewegungen des physischen Leibes. Dadurch wird etwas ganz anderes erreicht werden - wenn unsere Anfänge einmal zu größerer Vollendung gekommen sein werden - als durch gewöhnliches Turnen und ähnliche Übungen, die in der Jetztzeit gemacht werden und die aufgebaut sind nur auf physiologischen Gesetzen.

Drittens das hygienische Element: Indem der menschliche Leib angemessen wird der Welt der Bewegung und hineingegossen wird in die Didaktik die durchaus gesunde Beweglichkeit des Menschen, wird auch in gesunder Weise auf den menschlichen Organismus und auf die menschliche Seelenverfassung gewirkt werden können. Denn vieles, was unhygienisch ist heute in der äußeren Welt, das rührt davon her, dass so wenig Harmonie ist zwischen dem, was der physische Leib in Anpassung an die äußere Welt tut, und dem, was eigentlich der Ätherleib durch seine innere Beweglichkeit von dem physischen Leibe verlangt. Dieses Nicht-Zusammenstimmen möchten wir aufheben durch eine Bewegungsfähigkeit des physischen Leibes, die dem Ätherleibe entspricht.

Und so wäre es schön, wenn namentlich unsere Jugend - bis zum sechzigsten, siebzigsten Lebensjahre - Verständnis sich erwerben würde für diese Eurythmie, welche immer in einer anderen Weise die geistige Welt auf den physischen Plan heruntertragen möchte. Wenn sich diese unsere Jugend nach und nach gewöhnt, Verständnis zu haben für diese Ausdruckskunst, so werden immer mehr und mehr unter uns sein, zu denen Frau Balde sagen kann: «Sie hören mir nicht mehr so schlecht zu, Sie verstehen mich schon besser.» Sie ist eine gerade Frau, und damit sie sich aus ihrer Geradheit heraus nicht nur ein negatives Urteil zu machen braucht, damit wir ihr Verständnis entgegenbringen, wollen wir uns Verständnis aneignen für das, was sie erschaut in der Märchenwelt, und das sie dadurch, dass ihr das Herz in den Kopf zu steigen vermag, in Worte umsetzen kann.

German original of Address on Eurythmy · ← Previous · Next →