Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1912–1918
GA 277a — 18 December 1913, Cologne
Zur Entwickelung der Eurythmie
Elisabeth Baumann-Dolifus, aus: «Erinnerungen»
Im Dezember wurde Rudolf Steiner in Köln zu Vorträgen erwartet, und bei dieser Gelegenheit sollte eine zweite Eurythmiedarbietung stattfinden. Wer die Anregung dazu gab, ist mir nicht mehr erinnerlich, wahrscheinlich die Kölner Freunde. Diesmal sollten nicht der Aufbau und die pädagogische Seite der Eurythmie gezeigt werden, sondern zum ersten Mal eine einheitliche Darbietung künstlerischer Leistungen. Diese Frucht unserer dreimonatigen eurythmischen Ausbildung reifte in intensiver gemeinsamer Arbeit und gestaltete sich zur stimmungsvollsten Aufführung, deren ich mich in den Jahren zu erinnern weiß. Durfte sie doch stattfinden im Lichte der zwei einzigartigen Vorträge über das Fünfte Evangelium, die Rudolf Steiner am 17. und 18. Dezember im winterweihnachtlichen Köln hielt. Die gewaltigen Bilder aus dem Jesusleben, die er am Abend vorher hatte erstehen lassen, schwangen nach, sowohl in Zuschauern wie in den Aufführenden, als am Nachmittag des 18. Dezember diese Eurythmiedarbietung stattfand. Ich erinnere mich nicht mehr an das ganze Programm, nur die wesentlichsten Nummern desselben stehen mir noch lebendig vor Augen, wie wenn wir erst vor Kurzem daran gearbeitet hätten. Es waren dies: «Hyperions Schicksalslied» von Hölderlin, das Weihnachts-Evangelium nach Lukas, das Halleluja und das Allegretto aus der 7. Symphonie von Beethoven. An dies Letztere hatten wir uns gewagt, obwohl noch keinerlei Angaben zu einer Toneurythmie gegeben waren; doch lag der Ausarbeitung eine Anregung Dr. Steiners zugrunde, der einmal zu Lory Smits von dem Gebrauch von Zymbeln beim Aufführen von Gruppentänzen auf musikalisch-eurythmischer Grundlage gesprochen hatte. Wir hatten uns nun Zymbeln angeschafft, und zwar nicht die in Europa fabrikmäßig hergestellten Messingzymbeln mit ihrem schetternden, leeren Klirren, sondern die echten chinesischen, handgearbeiteten Bronzebecken, die bei richtigem Anschlag einen vollen, glockentief hallenden Klang ergaben. [...] Sie sind nicht nur für das Ohr ein Genuss, sie bieten auch durch ihre leicht nach außen gewölbte edle Schalenform für das Auge einen schönen Anblick. Wir verwandten sie daher nicht nur im rhythmischen Ertönenlassen, sondern auch in den sogenannten eurythmischen Stellungen: Feierlich, Innig, Heiter, Evoe, sogar in einzelnen Lautgebärden, und vermochten so der eigentümlich feierlichen Heiterkeit dieses Allegrettos einen zwar noch nicht den Tongesetzmäßigkeiten entsprechenden, aber der musikalischen Dramatik gerecht werdenden Bewegungsausdruck zu geben. «Hyperions Schicksalslied» war ganz aufgebaut auf den Angaben Dr. Steiners über die Gesetzmäßigkeit dionysischer Gruppengestaltungen und brachte in seinen drei Teilen die griechisch beschwingte Geistes-Schicksalsdramatik im Hölderlinschen träumenden Nacherleben sehr eindrucksvoll zum bewegten Ausdruck. Im Mittelpunkt stand die Gruppendarstellung des Lukas-Evangeliums, mit sorgfältiger Ausarbeitung aller Lautgesten, Kopfhaltungen und Stellungen. Die Rezitation zu den verschiedenen Darbietungen hatte Fräulein Wilma Schreiber aus Köln übernommen. - In meiner Erinnerung leuchten diese drei Kölner Tage weiter im winterlichen Frost und Nebel, den die Sonne zur Mittagszeit siegreich durchbrach, ihn zerteilend in feinste, prismatische Farbstrahlungen. Durchhallt sind sie vom Glockengeläut der zahllosen Kirchen. St. Gereon, die älteste und schönste Rundkirche Kölns, lag in nächster Nähe des Vortragsraumes und bildete mit dem tiefen Klang ihrer Glocken den Orgelpunkt zu Rudolf Steiners Stimme, die vor den ergriffenen Zuhörern die Einzigartigkeit des Jesuslebens in seiner tragischen Einsamkeit erstehen ließ.
Nach diesen unvergesslichen Kölner Tagen ging unsere Arbeit weiter, die Weihnachtszeit hindurch, die in fröhlicher Gemeinschaft verbracht wurde.
Lory Maier-Smits, Aufzeichnungen 1965
Vielleicht darf ich doch noch etwas zu dem Versuch, das «Allegretto» von Beethoven eurythmisch darzustellen, anfügen. Eigentlich haben wir hauptsächlich zwei Angaben Dr. Steiners dabei angewandt. Erstens: «Jedes Ertönenlassen muss im Tanz einer Fußbewegung entsprechen» und zweitens seine Angaben für v, b und s, also Laute, die ursprünglich «mit einem Gegenstand» ausgeführt werden sollten. Unser «Gegenstand» waren nun wunderschön klingende und ebenso schön und edel geformte echt chinesische Bronze-Zimbeln, die uns für beide Angaben Rudolf Steiners geeignet erschienen waren.
Zu «Hyperions Schicksalslied»: Den ersten Teil machten wir in der Art des Wolkendurchleuchters «zum Preise der Götter», der zweite, mittlere Teil war, auch einer Angabe Rudolf Steiners entsprechend, die ich ja schon bei dem Tag, als er über «Taktieren» sprach, geschildert habe, nämlich getrennt in Solo-Darstellungen und Chor. Unser Solo-Darsteller war Elisabeth Baumann, und wir andern sechs bildeten den :-, o-taktierenden Chor, der außerdem einige Formen im Charakter von Wollen, Denken und Fühlen, die aber «in der Ruhe» zur Erscheinung kamen, formten. Den letzten Teil drückten wir durch eine große, von hinten nach vorne gelegte, sehr rhythmisch wieder gemeinsam geschrittene und mit gemischten Lauten begleitete Lemniskate aus, als «Das Empfinden der ganzen Menschheit».