Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1912–1918
GA 277a — 1 January 1914, Leipzig
Zur Entwickelung der Eurythmie
Erna van Deventer, aus: «Erinnerungen»
Als Rudolf Steiner Ende Dezember 1913 in Leipzig den Zyklus Christus und die geistige Welt hielt, hatten wir eine Eurythmie-Aufführung vorbereitet. Bei der Aufführung wollten wir zeigen, wie in vielen Sprachen verschiedene Nuancen der Konsonanten und Vokale zu finden sind, aber die zwölf Konsonanten und sieben Vokale die gleichen bleiben. - Es war ungefähr dasselbe Programm, das wir später in Berlin wiederholten. Nur hatte Rudolf Steiner [für Berlin] noch das indische Mantram und ein Stück aus der Odyssee eingefügt.
Bei diesem Zyklus war auch Christian Morgenstern anwesend, der zum ersten Mal Eurythmie sah. Er war schon schwer krank und musste im Liegestuhl an den Vorträgen teilnehmen. An einem dieser Abende [31. Dez. 1913] sprach Rudolf Steiner nach der Eurythmie über die Gedichte von Christian Morgenstern und betonte, dass diese besonders geeignet für die Eurythmie waren, weil eben wirkliche «übersinnliche Imaginationen» in irdische Worte hineingeströmt wären. Diese Gedichte wurden dann auch von Frau Doktor Steiner rezitiert. Danach fragte Christian Morgenstern Doktor Steiner, ob ich ihm die Grundelemente, die Laute zeigen dürfe.
Am nächsten Morgen [1. Jan. 1914] gingen Dr. Steiner, Frau Dr. Steiner und ich hinauf in das Zimmer von Christian Morgenstern im Hotel de Pologne. - Da lag er, sichtbar todkrank, abgezehrt und leidend auf einem Ruhebett. In diesem Antlitz aber leuchteten zwei blaue Augen, so kristallhell, so durchsichtig, wie ich sie nie wieder gesehen habe. Und nun begann ich mit dem Alphabet, von jedem Laut verschiedene Möglichkeiten darstellend. Und Christian Morgenstern lauschte und schaute mit solch dankbaren Augen zu, dass ich mich wie beschenkt fühlte. Nach dem Alphabet fragte er, ob ich eines von seinen Gedichten eurythmisieren könnte. Mir fiel das Gedicht «Abendläuten» ein. Das Gedicht endigt mit den Zeilen: «Schicksalsglocke, die zu unsren Häupten läutet, läutet, läutet ...» Hier blieb ich stecken, denn vier Mal hintereinander ein sinnvolles äu zu formen, war mir nicht möglich. - Aber Rudolf Steiner kam lächelnd aus seiner Ecke, in der er saß, hervor und sagte: «Aber Erna, warum machen Sie denn nicht ein sich steigerndes ä# mit den Augenlidern? Das gäbe einen besonders wirksamen Abschluss! Sehen Sie, erst stemmen Sie die Hände in die Unterarme, dann die Unterarme in die Oberarme, dann die Oberarme in die Schultern, und als Schlussbewegung — die Augenlider tief in die sich schließenden Augen hineinsenken, stemmen Sie die Augenlider in die Augen, da fühlen Sie das Ausklingen von (läutet, läutet, läutev.» - Zwischen den äu-Bewegungen kam dann angedeutet jedes Mal das e von «läutet». Christian Morgernstern schaute in tiefer Verwunderung solchem Unterricht von Herrn Doktor zu. Danach wollte er, dass ich ihm das «Halleluja» zeige. Christian Morgenstern war so ergriffen von diesen Bewegungen, dass er mir ein Gedicht zu machen versprach, in dem sieben Mal das Wort «Halleluja» - jedes Mal am Ende der Strophe - vorkomme; außerdem sei er mit einem Gedicht beschäftigt, das «Evoe» ausdrückt. Ich zeigte ihm dann diesen griechischen Gruß eurythmisch: «Wir suchen uns und haben uns gefunden.» - Drei Monate später, am 31. März 1914 ging er von uns. Zu den beiden Gedichten konnte er nicht mehr die Kraft finden.
Erna van Deventer, aus: «Eine Begegnung Christian Morgensterns mit der Eurythmie»
Am nächsten Morgen rief Rudolf Steiner mich und sagte mir, dass Christian Morgenstern fragen ließ, ob ich ihm die Eurythmie, ihre Grundelemente, zeigen und einige Gedichte eurythmisch darstellen wollte; aber es müsse auf des Dichters Zimmer geschehen, da er nicht die Kraft habe, zweimal am Tag herunterzukommen. So geschah es, dass Frau Dr. Steiner, Dr. Steiner und ich hinaufgingen ins Zimmerchen zu Christian Morgenstern.
Aber man denke nicht an ein «Zimmer; es war ein Stübchen, wo gerade ein Feldbett stehen konnte, auf dem Christian Morgenstern lag. Frau Dr. Steiner saß am Fußende, Herr Doktor stand am Fenster und dazwischen ich, sodass ich gerade Raum für zwei bis drei Schritte hatte. Christian Morgenstern begrüßte mich auf dem schmalen Feldbett liegend. Sprechen konnte er beinahe nicht, aber durch die Augen begriff man seinen Wunsch, die Eurythmie kennenzulernen in der Praxis.
So begann ich mit dem ganzen Alphabet und Dr. Steiner erklärte, dass dasselbe so - strömend von einem Laut in den andern - das Leben und Weben des menschlichen Ätherleibes sichtbar mache. Dann fragte er, flüsternd, ob ich eine seiner eigenen Gedichte eurythmisieren könnte, und ich wählte «In deine langen Wellen, tiefe Glocke, leg’ ich die Stimme meiner Traurigkeit. Das Gedicht endet mit «verschwistert dem Gesang der Schicksalsglocke, die zu unsern Häupten läutet, läutet, läuter».
Und nun konnte man erleben, wie intensiv der Dichter in Christian Morgenstern mit dem Wesen der Sprache mitlebte. Er hatte ja eben die für ihn so neuen Bewegungen geschen; und nun eurythmisierte ich vor ihm die viermalige Wiederholung des Doppelvokales «Ä-u» = Äu. Dieser Klang musste erlebt werden als «Einstemmen der Glieder» oder auch als «Wiederberühren der Erde nach einem Sprung». Und er fragte: «Kann man denn diese merkwürdige Bewegung des Einstemmens der Arme und Hände in einem solchen lyrischen Gedicht anwenden?» Damit sprach er aus, was uns Eurythmisten [...] schon oft Kopfzerbrechen gemacht hatte. Aber Dr. Steiner fragte mich, ob ich das Gedicht auf meine Weise eurythmisieren wolle. Er wollte dann eingreifen, wenn ich nicht weiterkönnte. So geschah es.
Abendläuten In deine langen Wellen,
tiefe Glocke
leg ich die leise Stimme
meiner Traurigkeit;
in deinem Schwingen
löst sie
sanft sich auf,
verschwistert nun
dem ewigen Gesang
der Lebensglocke,
Schicksalsglocke,
die zu unsern Häupten läutet,
läutet, läutet.
Ich eurythmisierte bis «Schicksalsglocke, die zu unsern Häupten läutet, läutet, läutet». Plötzlich rief Dr. Steiner: «Halt!» Und er sagte: «Herr Morgenstern, nun schauen Sie sich einmal an, wie Fräulein Wolfram die äu-Bewegung metamorphosieren kann!» Zu mir sagte er: «Jetzt machen Sie das erste ä# mit den Schultern, beim zweiten mit Schultern und Ellbogen, beim dritten mit den Schultern, Ellbogen und Handgelenk. Und das vierte äu, das lassen Sie langsam ausklingen, indem Sie die Arme passiv langsam nach unten gleiten lassen, während das äu selbst von Ihnen nur durch ein langsames Einstemmen der Augenlider geschieht, sodass die Augen zum Schluss sich langsam schließen. So erleben Sie in dieser letzten Bewegung das Ausklingen der Schicksalsglocke.» — Dann fragte er: «Herr Morgenstern, ist das nicht sinnvoll?»
Wir, Frau Dr. Steiner, Morgenstern und ich, waren verwundert, erstaunt. Wir hatten ein Beispiel, wie stark man in der Kunst-Eurythmie modifizieren, metamorphosieren kann, wenn man die Gesetzmäßigkeit des Lautes nicht verletzt.
Hiernach fragte Christian Morgenstern, ob ich das Wort «Halleluja» eurythmisieren wolle, das er am Tag zuvor gesehen hatte. Ich tat es, und er war so tief betroffen davon, dass er sagte: «Und nun mache ich für Sie ein Gedicht, in dem am Ende jeder Strophe ‹Halleluja› vorkommt. Ich schicke es Ihnen im Frühjahr, wenn ich wieder ein wenig besser bin, und bei der ersten Gelegenheit machen Sie es mir vor.»