Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1912–1918

GA 277a — 20 January 1914, Berlin

Zur Entwickelung der Eurythmie

Lory Maier-Smits, Aufzeichnungen 1965

Nach den Kölner Tagen ging unsere Arbeit im gleichen Stil weiter. Wir bereiteten einige neue Dinge für eine Aufführung in Berlin vor, die während der zweiten Generalversammlung der Gesellschaft im Januar 1914 stattfand.

Erna van Deventer, aus: «Nach der Münchener Mysterienspielzeit»

Während der Zeit des Übens am Indischen Mantram und am Hebräischen Psalm ergab sich für mich die Frage: Kann oder muss man alle Laute eurythmisieren oder kann man die am wichtigsten scheinenden Laute herausgreifen? Aber Dr. Steiners Antwort war ganz eindeutig: «Vor dem Zuschauer muss stets das ganze Wortbild stehen, sonst ist die Eurythmie keine Sprache, nur ein «Lallen>, wie beim Kind, das noch nicht alle Laute im Worte aussprechen kann.»

Und auf meine Frage, ob man denn dann nicht mit der Rezitation mitkäme, frug Herr Doktor sehr freundlich-ironisch: «Warum denn nicht? Sie müssen ja nicht alle Laute gleich groß bilden, im Sprechen tun Sie dies ja auch nicht, denn dann wird es ein «Skandieren», aber keine künstlerische Sprache. Ist denn ein e mit den Fingern nicht schön, oder ein l mit dem Mittelfinger, oder ein u zwischen Arm- und Halslinie?» Durch eine solche Antwort hatten wir wieder Übungsstoff für Jahre.

Dr. Steiner hatte in Berlin Prof. Hermann Beckh gebeten, mich das Indische Mantram phonetisch zu lehren. Herr A. Cordes aus Leipzig übte mit mir den Hebräischen Psalm: «Wohl dem, der nicht wandelt im Rate der Gottlosen» und im Griechischen aus der Odyssee einige Zeilen. Beim Psalm hatte Dr. Steiner darauf hingewiesen, dass im Hebräischen die konsonantischen Kräfte die Hauptsache wären, während im Griechischen die Vokale die größte Bedeutung hätten. Den mehr kultischen Text des Psalms musste ich dadurch betonen, dass ich am Ende jeder Strophe ganz kurz niederkniete und die Zymbeln (es waren chinesische mit sehr schönem Merallklang) öber dem Kopf erklingen ließ. Weil nun im Hebräischen sich die Konsonanten so häufen, spiegelt sich dies auch in der Eurythmie, dass man stets viel mehr plastische Bewegungen hat, während dazwischen die Vokale strömen.

Elisabeth Baumann-Dolifus, aus: «Erinnerungen»

Aus dem schon in Köln Gebotenen, mit Ausnahme des Weihnachts-Evangeliums, stellten wir ein Programm zusammen, erweitert durch einiges neu Erarbeitete, als Wesentlichstes die drei Büßerinnen und Gretchen aus Faust II, letztes Bild. Annemarie Donath war für kurze Zeit von Berlin herübergekommen, um an unserer Gruppenarbeit teilzunehmen, ebenso war Käthe Mitscher eingetroffen, welche die Rezitation übernahm. Alle zusammen fuhren wir dann nach Berlin, wo zuerst die Generalversammlung stattfand, darauffolgend der Vortragszyklus Der menschliche und der kosmische Gedanke. An einem der Nachmittage erfolgte dann auf vergrößertem Vortragspodium des Architektenhaussaales die dritte Eurythmie-Aufführung.

Programm zur Aufführung

Die Generalversammlung und damit auch die Eurythmie-Aujführungen fanden im Saal des Architektenhauses in Berlin statt. Ausführende des Programms vom 20. Januar 1914 war Erna Woifram.

Der erste Psalm (hebräisch): «Aschrey ha’isch - ascher io halach ba’atzat reschaim»
Aus der Odyssee des Homer (altgriechisch)
Panis angelicus (lateinisch, Thomas von Aquin): «Panis angelicus, fit panis hominum»
Pater noster (lateinisch): «Pater noster, qui es in Caelis»
Reisesegen (althochdeutsch): «Ic dir nâch sihe, ic dir nach sêndi»
Mantrischer Spruch (sanskrit): «yasmajatam jagatsarvam»

German original of Notes on the Development of Eurythmy · ← Previous · Next →