Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1912–1918

GA 277a — 21 February 1915, Bremen

Zur Entwickelung der Eurythmie

Lory Maier-Smits, Aufzeichnungen 1965; mit Ergänzungen aus «Erste Lebenskeime der Eurythmie»

Erst Anfang 1915 gelang es, eine sogenannte «Rücknaturalisation» zu erreichen und damit einen deutschen Pass. Und so konnte ich doch an den «Unterweisungen für die seelische Gestaltung der Sprachformen», wie Dr. Steiner den im August und September in Dornach gehaltenen Kurs nannte, teilnchmen und außerdem vorher noch zwei Mal mit ihm sprechen und ihm zeigen, was und wie ich in der Zwischenzeit gearbeitet hatte. Von diesen beiden Malen muss ich nun noch erzählen.

Das eine Mal [in Bremen] verlief nicht sehr glücklich. Ich hatte mich in den vergangenen, einsamen Monaten mit Goethes «Mahomets Gesang» beschäftigt und konnte es Dr. Steiner und Frau Marie von Sivers-Steiner zeigen. Für die Stelle: «Jünglingsfrisch / Tanzt er aus der Wolke / Auf die Marmorklippen nieder» hatte ich als Form eine auswickelnde Serpentine gewählt, und um sie möglichst «jünglingsfrisch» zu gestalten, hatte ich mit einer einzigen Drehung angefangen, aber — schon unterbrach Dr. Steiner sehr energisch: «Jetzt fangen Sie diese Unart auch an und zeigen sich von hinten! Das ist ganz unmöglich, das dürfen Sie nie machen!» Er sprach sich noch weiter über diese Stillosigkeit aus, die neuerdings auf den «modern sein wollenden» Bühnen eingeführt worden sei. Wie betroffen und ratlos war ich, als er wenig später in Dornach für ein Gedicht von Christian Morgenstern, «Schwalben», unsere «reigenmäßigen» Formen ohne Zeichnung auf einfachste Art dirigierte und, als es im Text hieß: «kurze, rasche Bogen schlagend», alle zehn oder zwölf Schwalben mit eben einem «kurzen raschen Bogen» der Nase nach hinten laufen ließ — und wir alle mit dem Rücken zum Publikum standen! Und später mussten die «Krähen» in Nietzsches «Vereinsamt» von vornherein so stehen und alle Bewegungen nach hinten machen. Erst bei einer dritten «Rückenwendung», die er für den nach jeder Strophe sich wiederholenden Refrains in dem Nietzsche-Gedicht «Dichters Berufung» angab, glaubte ich verstanden zu haben, wann dieses «Rückenzeigen» anzuwenden ist. Der Refrain lautet: «Ja, mein Herr, Sie sind ein Dichter / Achselzuckt der Vogel Specht!»

Aber mein «Rückenzeigen» war nicht das Einzige an diesem Tag! Es kam die Stelle: «Jauchzet wieder / Nach dem Himmel!» Als ich bei dem Wort «Himmel» ein kräftiges, mit beiden Armen nach oben gerichtetes » in ein ö führte, dazu noch mit allen zehn Fingern streckte, fragte Frau Marie von Sivers-Steiner sehr erstaunt: «FHammel?», und als ich entgegnete: «Aber ich strecke doch mit allen zehn Fingern!», sagte sie nur sehr bestimmt: «Ich sehe nur einen Winkel!» In mein betroffenes Gesicht hinein erklärte Rudolf Steiner mir dann, es hätte sich gezeigt, dass es doch gut wäre, nicht nur auf das Erlebnis bei einem Laut zu achten, sondern auch auf die dem Laut gemäße Form, also bei a auf den Winkel, bei i auf «Strecken in einer Linie», bei # auf eine Parallele, denn der Zuschauer sei doch darauf angewiesen, die «Laut-Formen» aufzunehmen. «Und darum sollten Sie auch die i-Bewegung, die Sie bei dem Wort «Riesenschultern machten, nämlich ganz waagerecht gestreckte Arme, vermeiden. Sie könnten diese Bewegung als i machen, wenn Sie Ihren übrigen Körper unsichtbar machen könnten. Aber so hat der Zuschauer als stärksten Eindruck doch ein Kreuz. Also, vermeiden Sie dieses i.»

Sehr bald, zwei bis drei Monate später, war aus diesem «zu vermeidenden i» das große e geworden! - Dieses stärkere - von einigen Eurythmisten ganz einseitig angenommene - Betonen der «Laut-Formen» hatte nicht nur zu Missverständnissen, sondern auch zu einem gewissen Misstrauen mir gegenüber geführt, und als Dr. Steiner mich eines Tages fragte: «Warum schauen’s denn so traurig aus?», erzählte ich ihm davon. Seine Reaktion war sehr einfach und selbstverständlich: «Ja, natürlich, - aber bei Ihnen wollte ich doch zuerst einmal über das Gefühl gehen!» - Man stelle sich vor, was aus der Eurythmie geworden wäre, wenn er am Anfang nur gesagt hätte: «a ist ein Winkel, e ein Kreuz, i eine Linie, o eine Rundung und « eine Parallele!» In Dornach wurde einmal der Ausdruck «okkulte Signale» geprägt!

Später, vielleicht nach zwei Jahren, kamen für mich erst einmal sehr ‹alarmierende› Nachrichten aus Dornach. Da hieß es: a ist nicht Abwehr, sondern Staunen; vor allen Dingen aber ist a ein Winkel, i ist ein Strecken nur in einer Linie, » ist eine Parallele usw. Nicht nur ich, vor allen Dingen viele unserer Mitglieder waren sehr aufgeregt und mir gegenüber vorwurfsvoll. Sie fühlten durch meine Angaben im Unterricht die nun glücklicherweise ausgeschaltete Gefahr, dass «ihre Ätherleiber verdorben und geschädigt würden, und ich sie bei lebendigem Leibe dem Luzifer in die Hände spielen würde!» Bei der nächsten Gelegenheit fasste ich mir ein Herz und fragte Rudolf Steiner, warum das so gewesen sei. Seine Antwort war sehr einfach: «Weil ich bei Ihnen über das Gefühl gehen wollte.» Ja, und bei der Persönlichkeit, die damals in Dornach den Unterricht in der Hand hatte, musste er das nicht wollen? Und warum nicht? Diese Persönlichkeit [Tatiana Kisseleff] war ein viel reiferer Mensch als ich und sie war ein russischer Mensch. Was bei mir als sehr jungem und deutschem Menschen wachgerufen und gepflegt werden musste, das war bei dieser Frau, schon aus ihrem Volkstum heraus, in so reichem Maße da, dass es nur geformt und umgrenzt werden musste.

German original of Notes on the Development of Eurythmy · ← Previous · Next →