Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1912–1918
GA 277a — 8 March 1915, Leipzig
Zur Entwickelung der Eurythmie
Erna var Deventer, Zusammenstellung aus: «Erinnerungen»; Notizheft 1913-16, mit Eintragungen Rudolf Steiners (Notizzettel NZ 7516-7523); Notizzettel; Eintragungen in Druckfahnen für GA 277a (1965); Brief vom 7. Februar 1965; Marie Steiner, Notizbuch 144; Rudolf Steiner: Notizzettel NZ 5917-5919
Am 7. März 1915 hielt Rudolf Steiner einen öffentlichen, am 8. März einen Mitgliedervortrag in Leipzig. An diesem Tag besuchte er Erna Wolfram(-van Deventer), die dort mit einer Gruppe von Eurythmie-Schülern arbeitete. Sie führte die Arbeit vor und hatte außerdem die Gelegenheit zu einem Gespräch mit Rudolf Steiner, in dem sie ihm ihre eurythmischen Fragen vorlegen konnte. Sie schreibt darüber am 3. März 1965 an Edwin Froböse: «Die Angaben vom 8. März waren so, dass sich alles ja im Laufe des Gesprächs mit Herrn Dr. entwickelte, während er zeichnete oder meine Zeichnungen anschaute.» Von den im Folgenden dokumentierten Zeichnungen in ihrem Heft, die zum Teil von Rudolf Steiners Hand stammen, wurden in den 1960er-Jahren im Zuge der Vorbereitung von GA 277a ‹1965› Kopien angefertigt, die im Rudolf Steiner Archiv noch vorliegen, die Hefte selbst sind jedoch verschollen. Doch schrieb sich Marie Steiner ca. 1915/16 Erna Wolframs Notizen - vor allem zum 8. März 1915 - in ihr Notizbuch 144 ab. - Im Folgenden werden in Erna van Deventers Bericht über diesen Tag ihre Erklärungen zu den Übungen aus Druckfahnen und Briefen, sowie die Zeichnungen von Rudolf Steiner in ihrem Heft eingefügt und durch die Abschrift in Marie Steiners Notizbuch 144 ergänzt; was genau sich davon nur auf den 8. März, was auf andere Daten bezieht, ist nicht genau aufzuklären.
Dieser Tag, an dem Rudolf Steiner Leipzig besuchte, war scheinbar nur eine Episode in der Entwicklungsgeschichte der Eurythmie. An jenem Tag hatte ich mit meinen Schülern eine Eurythmie-Aufführung vorbereitet, in der wir zeigen wollten, was wir seit seinem letzten Besuch gearbeitet hatten.
Meine Schüler, einige Herren und Damen, und ich waren in weiße Eurythmie-Kittel gekleidet. Im Logenraum führten wir nun Herrn und Frau Dr. Steiner vor, was wir erarbeitet hatten. Wir waren ungefähr zehn Menschen. Wir zeigten Vokale, Konsonanten; Spiralen; den Wochenspruch; den ersten Satz der Mondscheinsonate von Beethoven, obwohl es noch keine Toneurythmie gab, denn die ersten Anfänge der Toneurythmie bekamen wir erst im September [August] desselben Jahres in Dornach. Als Schluss unserer «Aufführung» ließen wir noch einige Gruppen- und Sologedichte sehen.
«Toneurythmie»? Das Wort war noch nicht geboren. Aber wir fühlten, dass wir das, was ein Beethoven in der Mondscheinsonate ausdrückte, doch auch durch Eurythmie ausdrücken könnten. Und so stellten wir Rhythmen dar und drückten mit Lautbewegungen der Arme aus, was uns ein Äquivalent für die Musik schien. Und im «Chor der Toten» von C. F. Meyer suchten wir durch Formen des Denkens, Fühlens und Wollens, die wir kannten, auszudrücken, was in diesem Gedicht für uns in Deutschland ein so reales Bild des Zusammenwirkens von Toten und Lebenden war: der Krieg selbst.
Aus diesem Arbeits-Mut heraus wagte ich dann Rudolf Steiner eine ganze Reihe von Fragen vorzulegen, nachdem er nach der Aufführung seine Zufriedenheit ausdrückte und sagte: «Und nun, haben Sie noch Fragen?»
Eines der Hauptprobleme war: Was sind Serpentinen? Welche Varianten sind möglich? Wir hatten Serpentinen von außen nach innen gehend gelernt, so wie Dr. Steiner sie 1912 Lory Smits gegeben hatte. Selbst hatten wir sie 1913 ausgearbeitet mit erregenden und beruhigenden Konsonanten, so wie Lory Smits es beschrieben hart.
[Das Folgende scheint eine weitere Variante der Angabe vom 29. Jannar 1912 in Kassel zu sein, sowie weitere Übungen in Bezug auf die Ihr-Form und die Serpentine mit Frage und Antwort im Dionysischen Kurs.]

Lemniskaten Jede 8 in 8 Anapästen. Bei 1. a-, e-Bewegung, 2. a, u; 3. au, a; 4 a, i; 5. a, e; 6. a ,u; 7. e, 8. i, s.8 I

Zur Pfle inneren Harmonie
Zur Pflege gesunder Heiterkeit
Serpentinen. Frage u. Antwort

font! Dr.
Aber in der Zeit nach Kriegsanfang, August 1914, waren wir Eurythmielehrerinnen jede auf sich selbst angewiesen, und so kam wohl jede von uns zu anderen Erfahrungen. Ich selbst gab viel Unterricht, und weil Rudolf Steiner diese Serpentinen «Übungen aus den griechischen Mysterien» genannt hatte, auch «sakrale Tänze», sah ich in ihnen etwas besonders Wichtiges. Im Laufe des Winters 1914/15 hatte ich Blätter voll Serpentinen gezeichnet und viele Möglichkeiten entworfen.
In den Aufführungen hatten wir manches vorgeführt. Aber das Glück, einen ganzen Tag fragen zu können, ergab sich doch erst an jenem 8. März 1915.
Nachdem Dr. Steiner nun meine «Serpentinen-Versuche» auf dem Tisch ausgebreitet hatte, gab er einige prinzipielle Anweisungen.
Serpentinen dürfen sich niemals kreuzen. Rhythmus: Serpentinen immer im Anapäst oder in sehr ausgesprochenen Jamben, zum Beispiel aus Goethes «Pandora». Mündliche Bemerkung von Dr. Steiner 1913, die ich für 1915 ausgearbeitet hatte, und mit Dr. Steiner am 8.3.1915 veränderte in mehrere Möglichkeiten. «Es wäre schön, wenn man ganze Alleen von Serpentinen darstellen würde, aber so, dass in der Mitte der Raum leer bleibt.» Vorbereitungszeichnung für GA 277a ‹1965›, bearbeitet
Mitte leer. / Dr 7 Paare hintereinander, zuerst alle zusammen eine Spirale aus- und einwickeln; dann das 1. Paar nach dem Auswickeln im Bogen zur neuen Spirale, die anderen währenddem zurück einwickeln. sehr geeigneter Text: «Die Schöpfung ist zur Ruh gegangen, oh, wach‘ in mir» (Fr. Rückert) 1. Bewegung: Alle eine Spirale einwickeln und wieder auswickeln
2. Bewegung: 1-4 vom Bogen weiter nach der Mitte zum Kreis, 5-8 währenddem eine Spirale nach innen.
3. Bewegung: 1-4 führen in der Mitte eine Form aus, während 5-8 die Spirale wieder auswickeln.
4. Bewegung: 1-4 gehen die einwickelnden Spiralen zurück auf die Anfangsplätze, 5-8 bleiben stehen.

- Alle acht machen nach gleicher Richtung eine Spirale nach innen
II. Alle gehen ihren Weg zurück zum Außenkreis
III. 1/3/2/4 gehen wieder herein zum Innenkreis, und laufen auf dem Innenkreis weiter, während 5/6/7/8 in ihrer Kurve auf dem Außenkreis weiterlaufen. Also: 5, 6, 7, 8 bleiben wandeln auf dem Außenkreis, der viel größer ist, während die 1, 2, 3, 4 im kleinen Innenkreis enden.
Ja nach dem Gedicht können 5, 6, 7, 8, wenn sie den großen Kreis «abgewandelt» haben, stehen bleiben am Ausgangspunkt (5 bei 5, 6 bei 6 etc.) oder nun von Neuem beginnen.
1,3, 2, 4 ebenso in ihrem Kreis herum, dann stehen, oder im Spiegelbild wieder heraus, dann wird die Form nicht gekreuzt!

I. Alle acht Personen gehen zuerst in einer einwickelnden Spirale nach innen und in einer auswickelnden Spirale wieder auf ihre Anfangsplätze.
II. 1/3/2/4 gehen in einer einwickelnden Spirale nach innen; 5/6/7/8 bleiben,
III. 1/3/2/4 wandeln auf dem Mittelkreis einen Platz (1/8 des Kreises) weiter und gehen in die zweite einwickelnde Spirale, in den Innenkreis. 5/7/6/8 bleiben, «wandeln» auf dem Außenkreis.
IV. 1/3/2/4 bleiben innen, oder gehen den Weg zurück, bis sie wieder außen zwischen 5/7/6/8 sich einfügen.
[Bemerkungen Erna van Deventers dazu] nur 12, der 13. ist immer unsichtbar / s. Donner!) 12 Personen der 1. fängt allein an (x) geht dann während der 2. anfängt nach innen [x“], die andern folgen nach. / Können sich so herein und herausdrehen. / Dr

12 Personen im Halbkreis: zuerst jeder eine Spirale einwi- _ ExD.DF ckeln und wieder auswickeln. Dann, während 2-12 eine Spi rale ein- und auswickeln, geht 1 auf Punkt [x], macht von da aus eine ein- und auswickelnde Spirale und geht dann zur nächsten Spirale weiter, während 2 auf Punkt [x] folgt, und so weiter.
Einer der Schüler, der an jenem Tage anwesend war, erinnert sich EvD,Erinnoch, wie Dr. Steiner nach der Vorführung sein r korrigiert habe und mit fliegenden Rockschößen durch den Logenraum lief, um zu zeigen, dass das r eben «wie vom Winde geweht sein müsse». Etwas später gab Rudolf Steiner noch eine r-Steigerung. Wenn man schema tisch den Konsonanten r zeichnen würde, fügte er hinzu: r so, zwei r übereinander, wenn man das r stark betonen wolle.

Handgelenk durchdrücken (a) / u. rollen, erst schwächer, dann / stärker (2x) /
Am gleichen Tage gab er noch eine neue Art an, das «Pater noster» sinnvoll auszudrücken, sodass man «Gefühls- und Willensform in diesem Gebet verbinden müsse».
Eines der Herz-Stücke war auch die Übung für Denken, Fühlen und Wollen, welche Annemarie Dubach-Donath sehr schön in ihrem Buch «Die Grundelemente der Eurythmie», Seite 113-115 [siehe S. 528f.], beschreibt. Nur muss die Zeichnung auf Seite 114 so gesehen werden, dass der Zuschauer am oberen Rand der Zeichnung gedacht ist, also die Zeichnung umgekehrt abgebildet ist [siche $. 529]. Man vergesse nie, dass Rudolf Steiner stets die Zeichnungen vom Zuschauer gesehen und angewandt haben wollte.

Denken, Fühlen, Wollen / griech. Tragödie
Durch diese Zeichnung kamen wir ins Gespräch über Varianten beim Taktieren, woraus sich eine Art des Taktierens ergab, die Dr. Steiner so beschrieb und vorführte:

Zu gleicher Zeit erinnerte er, dass man nicht vergessen müsse, das Taktieren in o und i zu üben, das will sagen: Jede Kürze als o und jede Länge als i. Eine Übung, die sich später auch für die Heil-Eurythmie als sehr bedeutsam erwies.
Am Nachmittag wurden noch Varianten zum Halleluja gegeben, nachdem wir es am Vormittag gezeigt hatten. Rudolf Steiner nannte diese Form «die Krone».

Allein: zur Stärkung des Ätherleibes
Gemeinsam: Zusammenklingen der Ätherleiber
Hauptform für Hallelujah

H/a/ 11x 7 Steigerung, 1. Höhepunkt / e / 1 x 3 / u Höhepunkt j / a / Erfüllung / h
Mehrere können es hintereinander stehend machen. Verbindungsschritte. Zahlen immer unregelmäßig. Man kann auch Pentagramm etc. nehmen.

Zum Schluss möchte ich noch erwähnen, wie Rudolf Steiner uns geleitet hat, indem er Dinge anregte, Fragen beantwortete und dann wartete, ob in unserer Seele eine Resonanz entstand für das, was er gegeben hatte. An jenem 8. März 1915 sprach er noch im Anschluss an die Serpentinen über schmale und weite Kurven und zeichnete in mein Heft die beiden Arten ganz flüchtig hinein.

In Dornach gab er im August 1915 dann die «Cassinische Kurve» als pädagogische Form. Gesprächsweise fügte Rudolf Steiner ein, dass es «gut wäre, solche Kurven zu beachten und zu studieren».

Weitere Kurven / Kassinische Kurven / Ellypse / x + y = a Ellypse /
x - y = a Hyperbel / x - y = a Cassinische Curve / x / y = a Kreis // Serpentinen / immer in Ana- / pästen, ev. / Jamben, wenn / sie sehr scharf / sind, wie in/ Pandora
War dieser 8. März 1915 aber nur eine zufällige Episode, oder wollte Rudolf Steiner nach unserer Vorführung diese Gelegenheit gebrauchen, Antworten auf unser Suchen zu geben und Keime zu legen für das Weiterentwickeln der Eurythmie, die dann sechs Monate später Erfüllung fanden im Dornacher Kursus im Weißen Saal? Wie vieles war im September 1915 ein Antworten auf unser Suchen!
Rudolf Steiner: Wir suchen die Seele, uns strahlet der Geist
Die folgende Übung in Rudolf Steiners Handschrift findet sich unmittelbar nach den oben dokumentierten Kopien Marie Steiners in ihrem Nb 144 von den Aufzeichnungen Erna Wolframs.

Wir suchen die Seele / Uns strahlet der Geist
Wir suchen die Seele / Uns strahlet der Geist / Vita eurythmo = Geometrio
Rudolf Steiner: Form für Christian Morgenstern: «Schwalben», mit Erläuterungen von Erna van Deventer
Die folgende Form Rudolf Steiners für Christian Morgensterns Gedicht «Schwalben», die in den Zeichnungen Erna van Deventers aufgeschlüsselt wird, findet sich im Umkreis der Notizen für den 8. März 1915, könnte aber auch später entstanden sein.

Christian Morgenstern: «Schwalben»
1 Schwalben, durch den Abend treibend
2 leise rufend, hin und wieder,
3 kurze rasche Bogen schreibend,
4 goldne Schimmer im Gefieder-.
5 Oh, wie möchte ich dir sie zeigen,
6 diese sonnenroten Rücken!
7 Und der götterleichte Reigen
8 müsste dich wie mich entzücken.

- in Form von 3 stehen

Annemarie Dubachs Beschreibung der Übung, die Erna Woifram an diesem Tage erhielt, in ihrem Buch Die Grundelemente der Eurythmie (Dornach, 5. Aufl. 1981, S. 113-115):
Diese nur durch Kopfbewegungen ausgedrückten apollinischen Formen werden zum Beispiel angewendet in einer Übung zur Harmonisierung von Denken, Fühlen und Wollen, bei der die eine der drei Personen, die sie ausführen, für jedes einzelne Wort des Textes die entsprechende Sinn-Form nur mit dem Kopf angibt, während sie gleichzeitig ein Dreieck - also eine dionysische DenkForm - in daktylischem Rhythmus abschreitet, und zwar auf einen Text, der anapästisch rezitiert wird. Folgende Übersetzung aus der Antigone bietet ein gutes Beispiel:
Am ersprießlichsten ist stets, um glücklich zu sein, der besonnene Sinn; Und nie frevle darum an der Götter Gesetz! Der Vermessene büßt das vermessene Wort stets mit schwerem Gericht! Bis im Alter er dann noch lernt, weise zu sein.
Es ist durchaus möglich, ein beliebiges Versmaß in einem andern Rhythmus taktierend zu begleiten; man muss beide Rhythmen nur zunächst ins Musikalische übersetzen, in diesem Fall in den 4/4-Takt, indem man die betonte Silbe gleichwertig zwei unbetonten rechnet, und auf diese Weise 4 gleiche Taktteile erhält. Nun kann man den Daktylus so herausbringen, dass man die beiden ersten Kürzen als seine Länge und die folgende lange Silbe als zwei Kürzen behandelt. Den Amphibrachis, der bei dieser Übung von einem zweiten rythmisten auf den gleichen Text taktiert wird, erhält man durch folgende Einteilung: die erste Kürze des Anapästes fällt zusammen mit derjenigen des Amphibrachis; nun wird die zweite Kürze und die erste Hälfte der Länge als eine Länge zusammengelasst und die letzte taktierende Kürzen-Bewegung erfolgt auf die zweite, allerdings unhörbare Hälfte der Länge, also scheinbar auf eine Pause:

In diesem amphibrachischen Versmaß bewegt sich (auch mit den Armen taktierend) die zweite Person in einer Gefühls-Form. Die dritte hat eine WillensForm, einen Kreis, zu beschreiben. Sie schreitet anapästisch und eurythmisiert dazu alle Konsonanten des Textes. Diejenige, die in der Mitte [...] das Dreieck abschreitet — die das Denken repräsentiert -, hat die Vokale wiederzugeben. Sie hat also die schwerste Aufgabe: mit den Füßen den Daktylus taktierend, die dionysische Form abzuschreiten, mit den Armen die vokalischen Bewegungen und mit dem Kopf die apollinischen Formen auszudrücken.
[Nebenstehende Zeichnung ist nach den Angaben Erna van Deventers auf den Kopf gestellt.]
