Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1912–1918
GA 277a — 15 June 1915, Dornach
Zur Entwickelung der Eurythmie
Lory Maier-Smits, Aufzeichnungen 1965
Ich sagte, dass ich vor dem Apollinischen Kurs [...] noch zwei Mal mit Rudolf Steiner sprechen konnte. - Das andere Mal (Düsseldorf, 15.-17. Juni 1915) war sehr viel glücklicher. Es war das erste Mal, dass ich nach der langen Pause, eigentlich seit unserer Aufführung in Berlin, Januar 1914, wieder mit ihm sprechen konnte, und auch das erste Mal überhaupt, dass ich ein längeres Gespräch allein mit ihm haben durfte. «Nun, was haben Sie mir zu erzählen und zu fragen?» sagte er gleich nach der Begrüßung. Kurz erzählte ich ihm alles Wissenswerte von zu Hause, besonders wie es meiner Mutter ginge, auch welche Nachrichten wir von meinem Bruder aus dem Feld hatten, denn nach allem hatte er bei der Begrüßung gefragt.
Aber dann durfte ich weiter von meiner Arbeit in der Eurythmie und den dabei aufgestiegenen Fragen sprechen. Ich durfte schildern, wie ich versucht hätte, beim Eurythmisieren von Texten eine «Verbindung von Laut und Bild» zu erreichen. «Zeigen Sie ein Beispiel.» Nun zeigte ich drei Sprüche von Angelus Silesius. Bei dem ersten, dem wesentlichsten, handelte es sich im Anfang um lauter einsilbige Worte, mit denen der Dichter immer neue Gefühlsinhalte und Bilder für sein Gotteserleben findet: «Gott ist mein Stab, mein Licht, mein Pfad, mein Ziel, mein Spiel» und so weiter, aber auf diese Zeile kam es besonders an. Ich hätte nun versucht, das Feste, Haltgebende, in dem Wort Stab durch ein sehr bewusst und betont «geformtes a», das doch auch lautlich gerechtfertigt sei - es folgt auf ein £ -, auszudrücken. Das kurze i in Licht hätte ich schmal und hell, wie einen aufleuchtenden Strahl nach oben gemacht, Ffad tastender, vor allen Dingen etwas unsymmetrisch nach links zu formen versucht, aber auch das schien mir, vielleicht weil dieses a auf ein pf folgt, nicht unbegründet; Ziel hätte ich durch ein energisch vorwärtsstrebendes langes z, das von dem linken Fuß bis vorne in die rechte Hand sich streckte und endlich das gelöste, nicht «gezielte» Gefühl bei Spiel breit nach den Seiten gedehnt. - «Das ist sehr schön, wenn Sie versuchen, das, was Sie eine Verbindung zwischen Bild und Laut nennen, sich auf diese Weise zu erarbeiten.» Meine jugendliche Weisheit ließ mich zweifelnd fragen: «Aber entsteht so nicht die Gefahr, dass es zu persönlich wird?» Und die Antwort? «Es wäre doch wunderschön, wenn es möglichst persönlich würde!»
Aus dem Gefühl, sich Rudolf Steiner unbefangener und rückhaltloser als jedem anderen Menschen gegenüber aussprechen zu können, das von manchen andern ebenso erlebt und geschildert worden ist, konnte ich nun weitersprechen. «Herr Doktor, ich habe mich dabei beobachtet, dass ich Dinge, die mit der Außenwelt zu tun haben, meistens mit der rechten Hand mache, und solche, die mehr innerlich sind, mit der linken. Hat das eine wirkliche Bedeutung oder ist es gleichgültig?» «Nein, das ist gar nicht gleichgültig. Das ist sogar ganz richtig so, und ich freue mich, dass Sie von selbst darauf gekommen sind.» «Dürfte ich das dann auch unterrichten?» «Aber selbstverständlich dürfen Sie das.»
Dann kam noch eine ganz ungelöste Frage: «Ich habe den Dichtern gegenüber immer so etwas wie ein schlechtes Gewissen, weil wir doch vorläufig das, was man «dichterische Form» nennt, gar nicht beachten. Weder ob eine Strophe drei oder vier Zeilen hat, noch ob und wie die Reime sind. Ich mache meine Formen nach ganz anderen Gesetzen, und alles andere beachte ich überhaupt nicht, und das ist doch eigentlich nicht richtig!»
Diese Frage veranlasste Dr. Steiner dann, mir die letzten elf Zeilen des schönen Altersgedichtes von Walther von der Vogelweide «O wech, wohin entschwanden alle meine Jahr!» nach Wollen, Denken und Fühlen zu gliedern. Gleichzeitig aber bekam ich eine beglückende Antwort auf eine noch nicht gestellte, aber von Anfang an etwas quälende Frage. Das Prinzip: «Jede krumme Linie, sei es in Stellung, sei es in Bewegung, ist der Ausdruck für Wille», wurde mir erst an diesem Tage zu einem wirklichen Erleben, als er, nachdem durch einen «Nicht-Ritter» in herzenswarmen Tönen das Idealbild eines wahren Kreuzritters geschildert worden war, plötzlich sagte: «Und nun steigt der Willensimpuls herauf» - und dazu mit beiden Händen, wie tief hereingreifend in noch schlafende Kräfte, diese von tief unten heraufhob und in einer krummen Linie im Raum ausbreitete, und diesen Raum nach allen Richtungen erfüllte und belebte.
Ich gebe jetzt das Gedicht mit der Einteilung und seinen erklärenden Bemerkungen wieder.
Er macht schöne Worte um Empfindungen anzuregen (Fühlen):
Daran gedenket, Ritter! es ist euer Ding.
Ihr traget die lichten Helme und manchen harten Ring,
Dazu den festen Schild und das geweihte Schwert.
Und da steigt der Willensimpuls herauf (Wollen)
Wollte Gott, ich wäre für ihn zu streiten wert!
So wollte ich armer Mann verdienen reichen Sold,
Vernünftige Überlegung, sei es in Stellung, d. h. in der Ruhe, wie in der ersten Art der Darstellung der luziferischen und ahrimanischen Wesen (Denken):
Nicht mein ich Hufen Landes, noch der Fürsten Gold:
Er spricht seinen Herzenswunsch aus (Fühlen)
Ich trüge Krone selber in der Engel Heer,
Nüchtern, logisches Denken (Denken)
Die mag ein Soldner wohl erjagen mit dem Speer.
Durch kein Denken mehr gehemmter Willensimpuls (Wollen):
Dürft ich die liebe Reise fahren über See,
So wollt ich ewig singen: Heil! und nimmermehr: o weh!
Nimmermehr o weh!
Zum Schluss gab er noch folgende Anregung: «Versuchen Sie Ihre Formen, so wie ich es Ihnen jetzt gegliedert habe, nach Wollen, Denken und Fühlen einzurichten, aber dann dieselben so zu legen, dass Sie den Reim dorthin tragen, wo der Laut zuerst angeschlagen wurde. So, als zöge der dort noch immer klingende Reimlaut Sie an die gleiche, wenigstens annähernd gleiche Stelle zurück.»
Mehr habe ich nun nicht zu erzählen über die Zeit bis zu dem Kurs, der im August und September 1915 im «weißen Saal» des Ersten Goetheanum stattfand, der uns erschöpfende Antworten auf in und durch die Arbeit aufgetauchte Fragen gab und die Wege zu ganz neuen, weiten Gebieten im Reiche der Eurythmie erschloss.