6. Der Neue Baukünstlerische Gedanke

GA 277a — 28 June 1914, Dornach

Meine lieben Freunde! Ich denke, es ist recht gut, wenn wir im Fortgange unseres Baues versuchen, immer weiter und weiter in seinen Sinn hineinzuwachsen. Wir haben ja damit begonnen durch die beiden Betrachtungen, die wir schon angestellt haben, und werden, so gut es geht, in den nächsten Zeiten durch weitere solche Betrachtungen versuchen, gewissermaßen eben eins zu werden mit dem, was hier entstehen soll.

Zunächst möchte ich Sie erinnern an eine Bemerkung, die ich gemacht habe gelegentlich der Eröffnung des Hauses, das gewidmet sein soll der Ausarbeitung der Fenster zu unserem Bau. Diese Bemerkung hat sich ja bezogen auf die Entwickelung, ich möchte sagen, des baukünstlerischen Gedankens, der baukünstlerischen Vorstellungen. Ich will nur ganz kurz rekapitulieren dasjenige, was ich dazu auch nur andeutungsweise habe bemerken können.

Von dem griechischen Tempel ist gesagt worden, daß er gewissermaßen eins bildet mit der ganzen Landschaft, sich hineinstellt in die ganze Landschaft, und daß die Landschaft eigentlich mit ihm zusammengewachsen ist, so daß der Tempel «das Wohnhaus des Gottes» ist, daß in diesem Tempel nichts zu sein braucht als geistig der Gott anwesend und physisch sein Bildnis, und daß das Wesentliche in der Formgebung des Tempels darauf beruht, daß gleichsam jeder Mensch bei seiner alltäglichen Beschäftigung in der Landschaft weiß: innerhalb des Gebietes, in dem ich diese oder jene Arbeit verrichte, bin ich nicht mit der Erde bloß allein, sondern ich bin zusammen mit der geistigen Welt. Und das Wahrzeichen dafür, daß man, indem man einfach die Erde bewohnt, zusammen ist mit der geistigen Welt, das ist die Tatsache, daß in der Landschaft drinnen der Tempel gleichsam wie ein Altar steht.

Wir haben dann gesehen, wie ein gewisser Fortschritt im baukünstlerischen Gedanken darin liegt, daß die christliche Baukunst das Gebäude absonderte von der Landschaft, daß gewissermaßen die Alltäglichkeit und die gehobene Stimmung, durch die man sich zum Geiste erhebt, zwei werden, so daß der christliche Bau nicht mehr eigentlich eins ist mit der Landschaft, sondern weil er dem Geiste abgesondert von der Landschaft dient, nun gleichsam ausdrückt: Wenn der Mensch sich zum Geiste erheben soll, dann muß er hinausgehen aus der Alltäglichkeit, er muß sich in abgesonderter Stätte aufhalten und da mit dem Geiste vereinigt sein. - Dadurch konnte der christliche Bau nicht mehr das sein, was der griechische und auch noch der römische Bau war, sondern er wurde in sich selbst eine Zweiheit: das Haus der Gemeinde und das abgesonderte Haus für den Altar und die Priesterschaft. Der Mensch ist herausgetreten aus der Alltäglichkeit und auf den Boden getreten, auf dem er sich fühlt hinaufschauend zum Geiste, und entgegen kommt ihm der Geist durch das Gehäuse des Altars.

Mit dieser Fortentwickelung des baukünstlerischen Gedankens ist selbstverständlich gegeben die Umformung der alten griechischen Bauform, die rein aus statischen und dynamischen Verhältnissen, aus Verhältnissen des Raumes und der Schwerkraft herausgewachsen ist, wie ich es angedeutet habe, in diejenige Form, die sich gewissermaßen dem Absonderungsgedanken der Gemeinde anpaßt.

Und rücken wir dann vor zum gotischen Dom, so haben wir gleichsam eine weitere Form des baukünstlerischen Gedankens. Wir haben das Streben der Gemeinde, nicht nur die eigene Persönlichkeit des Einzelnen hineinzutragen in das Tempelhaus, sondern auch die Arbeit des Einzelnen hineinzutragen; und das drückt sich aus in den Formen der gotischen Baukunst. Man fühlt gleichsam, wie das, was in der Umgebung gearbeitet worden ist, in den baukünstlerischen Formen zusammengetragen worden ist und sich wie eine Bitte, wie eine Händefaltung erhebt zu dem Geistigen.

Ich habe dann gesagt, wie nun ein wirklicher Fortschritt im baukünstlerischen Gedanken in unserer Zeit sich wieder vollziehen muß, und wie er sich nur dadurch vollziehen kann, daß gewissermaßen die Annäherung zum Geistigen, die sich immer mehr vollzogen hat von dem griechischen bis zum gotischen baukünstlerischen Gedanken, sich allmählich verwandelt in ein Einswerden mit dem Geiste. Das heißt, das Haus, das dem Zusammenleben mit dem Geiste nunmehr gewidmet sein muß, muß eine innige Gemeinschaft der Form mit dem Geistigen selbst darstellen. Man könnte dann sagen, wenn man nicht versucht ist, die Sache bloß abstrakt zu meinen, sondern sie mit dem ganzen Gefühl, mit der ganzen Seele umfassen kann: Alles das, was mit der Geisteswissenschaft sich in unser Seelisches einlebt, das ist wieder das Leben in der Form, die wir errichten. Frei erscheint der Geist, wie heruntergestiegen nun zum Menschen.

Während der Grieche wie einen Altar den Tempel in die Landschaft gestellt hat, stellt die Zukunft und - insofern wir arbeiten aus dieser Zukunft heraus mit unserem Bau - die Gegenwart den Geist selbst in seiner Ausdrucksform hinein in das Landschaftsgebiet. Und es muß dann selbstverständlich durch das, was der Geist in seinen Formen zum Ausdruck bringt, gegeben sein etwas, was wie eine Sprache zu den Menschen der Gegenwart spricht, wie ich das verschiedene Male angedeutet habe. Zu alledem aber ist notwendig, meine lieben Freunde, daß wir versuchen, den Geist zu verstehen in seiner Formengebung. Wir haben, um den griechischen Tempel zu begreifen, das letzte Mal versucht, ich möchte sagen, das rein Physikalische des Raumes und der Schwerkraft uns klarzumachen. Aber der Geist ist nicht bloß ein Mechaniker und Dynamiker, er zeigt sich nicht nur in Raum- und Kraftverhältnissen, der Geist ist lebendig, und die Folge davon ist, daß sein Ausdruck im Bau ein lebendiger, ein richtig lebendiger ist. Das, was ich damit gesagt habe, werden wir nicht dadurch besser verstehen, daß wir nun etwa anfangen, den Geist in symbolischer Weise zu deuten, sondern dadurch, daß wir anfangen, die Formen wirklich als lebendige zu fühlen, daß wir die Formen empfinden als Organe eines Sprechens aus der geistigen Welt.

Können Formen sprechen aus der geistigen Welt? Formen können vielerlei sprechen aus der geistigen Welt heraus. Nehmen wir einen Gedanken, der uns gerade besonders naheliegt, weil er auf der einen Seite der Ausdruck des Höchsten ist und auf der anderen Seite in seiner luziferischen Prägung in das Niedrigste eintaucht: den Gedanken des Ich, den Gedanken der Selbstheit.

Es ist ja nicht zu leugnen, daß beim bloßen Ausdruck des Wortes «Ich», «unser Selbst», der Mensch eigentlich noch nicht besonders viel denken kann. Es werden noch mancherlei Zeitepochen hinunterfließen müssen in der Menschheitsgeschichte, bis eine vollbewußte Vorstellung in der Seele auflebt, wenn das Wort «Ich» oder das Wort «Selbst» ausgesprochen wird. Aber in der Form kann die Selbstheit, die Ichheit empfunden werden, und zwar, wenn man vom rein mathematischen Formwissen zum Formfühlen übergeht, dann wird man stets empfinden bei dem völligen Kreis die Ichheit, die Selbstheit. Kreis fühlen würde heißen Selbstheit fühlen. Kreis fühlen in der Ebene, Kugel fühlen im Raum, ist Selbstheit fühlen, Ich fühlen. Wenn Sie sich das klarmachen, werden Sie auch das weitere leicht verstehen. Wenn Sie sich klarmachen, daß im Grunde genommen der wirklich lebendig empfindende Mensch, wenn er einem Kreise gegenübersteht, in seiner Seele auftauchen fühlt das Gefühl der Ichheit, das Gefühl der Selbstheit, so daß, indem er das Kreisrund sieht, oder nur ein Stück von dem Kreis sieht, oder wenn er ein kleines Stück Kugelschale sieht, er fühlt, daß das hindeutet auf das «Sich-selbständig-Fühlen». Wenn der Mensch so fühlt, dann lernt er in Formen leben. Und es ist gewissermaßen das Charakteristische des lebendigen Fühlens, in den Formen leben zu können. Nun werden Sie, wenn Sie dieses in Betracht ziehen, zu dem weiteren leicht übergehen können.

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So wie ich die Kreislinie hier gezeichnet habe, ist sie zunächst ganz ungegliedert [1]. Sie kann aber in zweifacher Weise gegliedert sein, so daß sie aussendet solche Vorsprünge [2]. Das wäre eine Gliederung. Eine andere charakteristische Gliederung wäre diese [3]. Beide Formen sind eigentlich nur gegliederte Kreise. - Was bedeuten diese Gliederungen? Diese Gliederung [2] bedeutet, daß das Selbst, das Ich, in Beziehung getreten ist zur Außenwelt. Wenn wir dem bloßen Kreis gegenüberstehen, dann können wir das Gefühl haben, daß die ganze übrige Welt nicht da sei, daß nur das sich im Kreise Abschließende da sei. Wenn wir den gegliederten Kreis betrachten, dann können wir nicht mehr das Gefühl haben, daß das, was durch den Kreis ausgedrückt ist, allein in der Welt ist. Die Gliederung der Kreislinie drückt aus einen Kampf, gewissermaßen eine Wechselbeziehung mit der Außenwelt. Und es ist charakteristisch, daß derjenige, der nun sich lebendig hineinfühlt in die Form bei dem gegliederten Kreis [2], fühlt: das Innere ist stärker als das Äußere! Und beim zackig ausgebildeten Kreis [3]: das Äußere hat sich eingebohrt und ist stärker als das, was im Kreise liegt. Und geht man nun durch irgendeinen Raum, der irgendwie Stücke von Kreislinien oder Kugelflächen hat, und merkt man daran solche Gliederungen, so kann man, indem man einfach die Linien verfolgt, von der Zackenlinie das Gefühl haben: Ah, hier siegt das Äußere! Und bei der Wellenlinie: Ah, hier siegt das Innere! Und es beginnt unsere Seele mitzuerleben mit der Form. Wir schauen sie nicht bloß an, sondern wir haben das lebendige, auf- und abwogende Gefühl «Überwindung und Übergriff», «Überwindung und Besiegung in der Seele, das heißt, unsere Seele gerät in Lebendigkeit, sie lebt mit der Form mit. Und das ist das Wesen des künstlerischen Empfindens, dieses Einswerden mit der Form, dieses Mitleben mit der Form.

Aber wir können weitergehen. Denken Sie sich die Gliederung nicht so einfach, wie sie hier ist, sondern so [4]:

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Das heißt, die Form bewegt sich nach der einen Richtung hin und sie ist Tat. Meine lieben Freunde, wer einigermaßen sich hineinlebt in diese Form, der hat unmittelbar das Gefühl: sie geht weiter, sie bewegt sich. So finden wir in den Formen selbst das Charakteristikum der Bewegung.

Ich habe in der einfachen Weise Ihnen hier etwas aufgezeichnet, was Sie in dem Bau kompliziert finden werden, aber Sie finden doch eine ganz bestimmte Einheit. Nämlich, wenn Sie sich den Westeingang denken, und Sie würden nach dem kleinen Raum hin vorschreiten, so würden Sie alle Formen so finden im Innern des Raumes, daß Sie für das vollständige Empfinden das Gefühl hervorrufen: es geht das Ganze von Westen nach Osten weiter. Das ist in den Formen ausgedrückt. Sie werden dies ideell im Gedanken, indem Sie von Westen aus den Bau betreten, so erfühlen, daß Sie sich sagen werden: Ich bin jetzt in dem Wagen, der mich dem geistigen Osten zuführt. Und das ist der Sinn der Reliefgliederungen, daß sie nicht bloß uns aufnehmen als tote dynamische oder mechanische Formen, sondern daß wir gleichsam in ein Vehikel, in einen Wagen hineingehen, der uns weiterführt. Geistig ist es nicht wahr, geistig selbstverständlich ist es nicht wahr, daß, wenn wir da drinnen sein werden, in unserem Bau, wir da ruhen werden; sondern geistig werden wir weitergeführt, im Ausdruck, im Sinn.

Sie sehen daraus, daß der ganze Grundcharakter der Form damit hier ein anderer ist als der Grundcharakter jener Formen, die bei den drei Stufen des baukünstlerischen Gedankens, die ich beschrieben habe, vorhanden waren. Der baukünstlerische Gedanke war bisher der Gedanke des ruhenden leblosen Mechanischen, nun aber beginnt der baukünstlerische Gedanke der Gedanke des Sprechens zu werden, der Gedanke des innerlich Beweglichen, der Gedanke desjenigen, was uns mit sich fortreißt. Und das soll das Neue sein in dem ganzen Gedanken in bezug auf diese eine Seite. Dem muß allerdings die Grundform entsprechen. Wie entspricht ihm die Grundform?

Nun, ich habe gesagt, meine lieben Freunde, daß das Selbst, das Ich, im Grunde genommen der nächstliegende Eindruck ist, nämlich der Eindruck der Kreis- oder Kugelrundung. Warum das? Nun, weil im Grunde genommen die einfache Kugel oder der einfache Kreis das Überschaulichste ist, das Allerüberschaulichste. Man braucht nämlich unendlich wenig, um etwas als Kreis zu erkennen. Was braucht man denn, um etwas als Kreis zu erkennen? Nun, man braucht nichts weiter, als den, ich möchte sagen, banalsten Gedanken, den es überhaupt geben kann: daß etwas von seinem Mittelpunkt überall gleich weit absteht. Sobald man sich vorstellt: hier sind überall Punkte, die gleich weit abstehen von einem mittleren Punkt, so hat man den Überblick über die Kugel oder den Kreis. Es ist das Unschwerste, was man in Gedanken vollziehen kann. So daß man sagen kann: Der Kreis als Form ist das wenigst Geheimnisvolle, was es gibt. Und schließlich entspricht das ja auch zunächst der äußeren Wirklichkeit, denn die Selbstheit, mit der jedes Wesen auftritt, von der einfachsten Zelle bis zum komplizierten Menschen, das ist der alleralltäglichste Eindruck, der allereinfachste Eindruck, gerade wie der Eindruck des Kugeligen, des Kreises, der allereinfachste Eindruck ist.

Aber hinter dem Ganzen steckt etwas Tieferes, und ich bitte Sie, jetzt mit mir zu verfolgen einen Gedanken, der für denjenigen, der sich recht genau diesen Gedanken klarmacht, etwas außerordentlich Tiefes einschließen kann. Ich bitte mir zu folgen bei folgendem Gedanken.

Sehen Sie, eine etwas kompliziertere Form als die des Kreises ist die Ellipse. Ich will ganz trokken die Ellipse aufzeichnen, so wie man eben gewöhnt ist, sie zu sehen; sie braucht nicht eine genaue Ellipse zu sein, sondern nur im allgemeinen die Ellipsenform zu haben. Die triviale Einfachheit des Gedankens verläßt einen, wenn man vom Kreis zur Ellipse vorschreitet. Da hat man nicht mehr die Gleichheit, aber die Regelmäßigkeit ist doch in der Ellipse, und da muß ich eben bitten, daß die, die sich mit Geometrie befaßt haben - höflicherweise wollen wir voraussetzen, daß sich alle damit befaßt haben, aber daß sie schon etwas davon vergessen haben -, sich hineinfinden in den folgenden Gedanken:

286-21
286-21

Es herrscht auch in der Ellipse eine Regelmäßigkeit. So wie der Kreis eine Beziehung hat zu einem Punkt, so hat die Ellipse Beziehung zu zwei Punkten. Und wenn Sie irgendeinen Punkt der Ellipse betrachten und ziehen die Verbindung mit den zwei Punkten, so sind natürlich diese Linien ganz verschieden voneinander, aber immer, wenn Sie hier sich eine Linie aufzeichnen, und Sie nehmen das eine Stück von der Ellipse zu dem einen Punkt, und tragen es sich da auf, und Sie nehmen das andere Stück und tragen es daneben auf, und Sie nehmen jetzt dieses und das andere Stück, so gibt das immer dieselbe Länge. Da haben Sie das, daß Sie die Entfernung jedes Punktes von diesen zwei Punkten addieren können, und Sie bekommen immer dieselbe Länge. So einfach ist das alles beim Kreis, daß wir nicht zu denken brauchen. Nun aber müssen wir addieren. Beim Kreis sind die Linien alle gleich bis zum Mittelpunkt, hier müssen wir erst den Gedanken haben, daß wir addieren.

Nun können Sie selbstverständlich sagen: Ja, aber ich addiere gar nicht, wenn ich eine Ellipse sehe. - Sie nicht, aber der Astralleib, der addiert jetzt, und was der Geometer bewußt tut, das tut der Astralleib unbewußt. Er ist tatsächlich ein fertiger Geometer. Und was Sie alles wissen im Astralleib, davon, verzeihen Sie den Ausdruck, davon haben Sie keine Ahnung; da sind Sie ein ungeheuer weiser Geometer, bloß daß das, was Sie im Astralleib von dieser Geometrie wissen, erst unter - verzeihen Sie den Ausdruck, aber heute ist er ja erlaubt... [es war sehr heiß an dem Tage] - erst unter Schwitzen herauskommen muß in das Bewußtsein, wenn man es sich aneignen will im Bewußtsein. Aber da unten im Astralleib, da ist das alles vorhanden, und wenn die Lehrer der Geometrie anwenden könnten statt der Methoden, die sie haben, eine Presse oder eine Pumpe, um das, was im Astralleib ist, heraufzupumpen, dann brauchten sie nicht zu lehren. Alles würde von selbst heraufkommen. - So also addieren Sie die zwei Entfernungen von den zwei Punkten und kriegen immer dasselbe. Und eine Ellipse schön finden, was heißt das im tieferen Grunde? Das heißt: mein Astralleib addiert und kriegt immer dieselbe Summe. Und nun denken Sie sich einmal, daß Sie addieren, ohne daß Sie es wissen und jedesmal dieselbe Summe kriegen: da freuen Sie sich ein bißchen. Und jetzt gehen Sie zu diesem Punkte: Oh Freude, dieselbe Summe! Zu diesem Punkte gehen Sie: Oh Freude, dieselbe Summe! - Darin besteht das lebendige Miterleben mit der Ellipse.

So ist beim Kreis die geringste Freude vorhanden, denn er ist trivial, man überschaut ihn leicht. Bei der Ellipse erlebt man schon eine größere Freude, weil man da innerlich tätig sein muß. Und je mehr man innerlich tätig sein muß, desto mehr ist man glücklich. Das ist gerade dasjenige, was vielen so schwer einzusehen ist, daß der Mensch in seinem Innern eigentlich tätig sein will; wenn er faul sein will, so ist das bloß im Bewußtsein. Sein Astralleib ist nicht bloß weiser, sondern auch emsiger, er möchte immer tätig sein.

Jetzt gibt es eine andere Linie, die besteht allerdings immer aus zwei Stücken. Warum, das wissen die, die Geometrie kennen. Sie besteht gleichsam aus zwei symmetrischen Ästen, — das ist die Hyperbel. Sie hat auch zwei solcher Punkte, die hier ungefähr liegen. Nun kann man wiederum Linien ziehen zu diesen zwei Punkten. Das Eigentümliche ist nun da, daß wir nicht addieren, sondern subtrahieren. Wir kriegen immer dasselbe, wenn wir die kleinere von der größeren abziehen. Da subtrahiert unser Astralleib und freut sich, daß die Differenz immer dieselbe bleibt. In diesem innerlichen Gleichgefühl hat unser Astralleib das Miterleben der Entstehung der Hyperbel.

286-22
286-22

Also ein Rechner sind wir in den Untergründen des Bewußtseins, und durch eine unbewußte Rechnung verschaffen wir uns das Regelmäßige der Form. Wir addieren und subtrahieren. Aber wir können auch multiplizieren. Das geht dann so vor sich, daß wir wiederum zwei Punkte haben. Dann muß beim Multiplizieren das so sein: wenn wir das mit dem und das mit dem multiplizieren, so kriegen wir wiederum eine Linie, die zwar ähnlich schaut der Ellipse, die aber nicht dasselbe ist. Diese Linie [T], die enthält also eine innere Multiplikation. Diese Linie, die hat etwas Geheimnisvolles schon an sich. Der Kreis ist ein recht trivialer Wicht, die Ellipse ist schon komplizierter, die Hyperbel ist noch komplizierter, denn ich glaube, der gewöhnliche Mensch sieht gar nicht einmal eine einzige Linie in den zwei Ästen, der gewöhnliche Verstand glaubt, es seien zwei Linien, das sind sie aber nicht. Diese Linie, die ist durch etwas anderes geheimnisvoll, denn je nach der Art, was da herauskommt bei der Multiplikation, ändert diese Linie [T] sich in diese sonderbare Form [II]. Das ist dieselbe Linie, die Multiplikationslinie, die Lemniskate, die eine so groBe Rolle spielt bei allen okkulten Untersuchungen. Und es kann soweit kommen mit der Linie, daß sie diese Form [III] annimmt.

286-23
286-23

Ja, sehen Sie, das sind wieder zwei Linien, aber innerlich ist es bloß eine Linie, und wenn man im Astralischen sie als eine Linie empfindet, so weiß man, daß diese Form [III] nur ein spezieller Fall ist von der Form [II]. Aber denken Sie sich: die Überkreuzung verschwinde nun in die vierte Dimension und mit ihr die Linie [bei 2] - nun kommt die Linie wieder heraus [bei 3] und kommt in das Physische, - nun verschwindet sie wieder [bei 5], nun kommt sie wieder heraus [bei 6]. Dadurch ist sie eins, daß sie immer wieder verschwindet in die vierte Dimension. Man kann sagen, diese Linie der Multiplikation hat schon drei verschiedene Formen.

Wir haben also eine Linie der Addition, eine Linie der Subtraktion, eine Linie der Multiplikation. Nun kann einer sagen, es müsse ja auch eine Linie der Division geben, der vierten Rechnungsart. Da müßte man die zwei Entfernungen dividieren, anstatt addieren, subtrahieren oder multiplizieren. Das heißt, es müßte möglich sein, daß unser Astralleib sich zwei Punkte fixiert, und nun irgendwie andere Punkte. Wenn er die größere Linie nimmt [a], und sie dividiert durch die kleinere [b], bei dem Punkt wiederum die größere [c] durch die Kleinere [d] und so weiter, so kriegt er auch eine Linie, nämlich diese [Kreis]. Alle Punkte sind so gewählt, daß ihre Abstände von zwei Punkten bei der Division dasselbe geben.

Das heißt:

Wir addieren und bekommen die Ellipse,
wir subtrahieren und bekommen die Hyperbel,
wir multiplizieren und bekommen die Cassinische Kurve, Lemniskate,
wir dividieren und bekommen den Kreis.

Und nun haben wir etwas höchst Merkwürdiges; höchst merkwürdig ist das, was ich jetzt sage. Wenn man wirklich versucht, in die Tiefen der Natur einzudringen, so treten sie einem ganz merkwürdig vor die Seele. Wenn man den Kreis so anschaut, so sieht man, er ist ein ganz banaler Wicht, er ist etwas ganz Triviales; aber es liegt doch etwas Geheimnisvolles im Kreis. Er kann auch dadurch verstanden werden, daß man zwei Punkte nimmt und dividiert, und indem man überall dasselbe Resultat bekommt bei der Division, ergibt sich der Kreis. Der Kreis ist also etwas ganz Merkwürdiges: der gewöhnlichste Wicht, den man leicht überschauen kann, und zugleich das Ergebnis einer okkulten Division, das sich der Mensch zum Bewußtsein bringt. Geradeso ist es bei dem menschlichen Selbst: das gewöhnliche Selbst, der alltägliche Wicht, und das höhere Selbst, das Geheimnisvolle, das in den Tiefen unserer Seele ruht und das erst gesucht werden muß dadurch, daß man aus ihm herausgeht und die Welt in Betracht zieht, mit der es in Beziehung steht. Wie der Kreis dasselbe ist, wenn wir sagen: er ist etwas ganz Triviales, er ist die einfachste Form - oder wenn wir sagen: er ist so, daß das Ergebnis der Division von zwei Punkten immer dasselbe ist -, wie wir denselben Kreis haben, so haben wir in uns selbst ein Zweifaches vor uns: das, was der Alltäglichkeit angehört, was leicht überschaubar ist, und das, was man nur begreift, wenn man zur ganzen Welt hinausgeht, wenn man es sozusagen als das komplizierteste Ergebnis des großen Weltenkampfes auffaßt, wo Ahriman und Luzifer die Division ausführen, gegenüber welcher sich als Quotient zu halten hat unser höheres Selbst, wenn es eben zum Ausdruck kommen will.

Stücke von der Ellipse, Stücke von der Hyperbel werden Sie in unserem Bau überall finden; aber auch Stücke der Cassinischen Kurve, der Lemniskate, werden Sie an unserem Bau finden, und Ihr Astralleib wird in diesem Bau genügend Gelegenheit haben, solche Operationen zu machen. Ich will nur das eine erwähnen: Wenn einmal in unserem Bau die Menschen zur Brüstung sehen werden, wo die Orgel steht und wo die Sänger sein werden, dann wird die Seele Gelegenheit haben, diese Multiplikation auszuführen, wenn die Seele es auch nicht weiß, aber in ihren Tiefen erfühlt sie das, weil die Linie des Umbaues um die Orgel diese Linie ist. Diese Linie findet sich vielfach an unserem Bau.

286-25
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Nach dem, was ich jetzt mitgeteilt habe über die doppelte Bedeutung des Kreises, wird es Ihnen naheliegen, zu sagen: Nun also, ich trete von Westen herein in unseren Bau, ich fühle mich umfangen von dem kreisrunden Bau, von dem kugeligen Abschluß nach oben. Das ist einfach zu überschauen, es ist das Abbild des menschlichen Selbst. Aber nun werde ich hinblicken in den Nebenbau, der etwas kleiner ist, der wird mir nicht sofort so verständlich sein. - Man wird schon fühlen: da ist etwas, was geheimnisvoll ist. Das rührt davon her, daß es auch die Kreisform ist, die aber so vorgestellt werden muß, daß sie das Ergebnis einer Division ist und dem anderen Raum nur äußerlich vollkommen gleich ist. Kreis und Kreis: Das eine aber ein Kreis, der dem Alltag sich anpaßt, das andere ein Kreis, der mit der ganzen Welt in Beziehung steht. So wahr wir in uns tragen niederes, gewöhnliches Selbst und höheres Selbst, und sie doch wieder eins sind, so wahr mußte unser Bau ein Doppelbau werden. Dadurch drückt er aus in seiner Form - nicht in symbolischer Weise, sondern in der Form selbst - die zwei Naturen des Menschen. Und indem man sich bei geöffnetem Vorhang im Bau fühlen wird, wird man ein Abbild des Menschen, nicht nur wie er im alltäglichen Leben ist, sondern des ganzen Menschen erfühlen. Und indem das der Fall ist, was gesagt worden ist, daß die Formen etwas wie eine Bewegung ausdrücken von Westen nach Osten, ist der Gang des gewöhnlichen Selbst zum höheren Selbst unmittelbar in der Form ausgedrückt.

Alle die Dinge, die ich jetzt ausgesprochen habe, sind so, daß sie in den Formen wirklich gefühlt werden können. Und indem einmal ein Bau dieser Art ausgeführt wird, wird gezeigt, wie die geistige Form der Natur und die höhere Geisteswelt auf naturgemäße und geistgemäße Weise zum Ausdruck kommen können. Nicht der wird unseren Bau verstehen, der anfängt zu spintisieren und allerlei ausdenken wird, sondern der, der lebendig fühlen wird; der fühlen wird das Werden der Formen und das Sein der Formen. Deshalb will ich auch nicht in bildlichen Ausdrücken sprechen von dem Bau, sondern so, wie er entstanden ist, wie wirklich das geistige Wesen Form geworden ist und Bewegung geworden ist und in unseren Bau eingeflossen ist. Und wenn nun einfach jemand spintisieren würde, etwa einmal sich den Bau von innen ansehen würde und sagen würde: Ja, zwei Kuppeln, zwei Rundbaue: niederes Selbst und höheres Selbst, ein niederes, ein höheres Selbst, also ein Einheit -, nun, dann könnte das ja eine ganz niedliche Spekulation sein, aber sie wäre nicht mehr wert als wenn jemand sagen würde: Nun, Maria und Thomasius in den Mysterienspielen sind eigentlich nur eine einzige Wesenheit. — Wer so sagt, der spintisiert, denn er erklärt etwas für eine abstrakte Wesenheit. Die Einheit liegt im lebendigen Werden. Selbstverständlich können die lebendigen Werdekräfte Maria und Thomasius hervorbringen, aber nur durch die Differenzierung. Und selbst bei dem Gleichen wird der wahre Okkultist nach den Mannigfaltigkeiten suchen, während es ein schlechter Okkultismus wäre, das Mannigfaltige auf eine Einheit zurückführen zu wollen. Deshalb das Beispiel vom Kreis. Der Kreis ist nicht bloß ein Kreis, sondern der Kreis ist zwar das Allereinfachste: alle Punkte von einem Mittelpunkt gleich weit abstehend; aber er ist auch zugleich das Ergebnis einer Division. Da haben Sie das, was in der Außenwelt eine Einheit ist und zum Komplizierten der geistigen Welt wird.

Das sind so einige Bemerkungen, die ich habe machen wollen; andere werden wir noch machen bei einer anderen Gelegenheit, wenn ich noch über den Bau als solchen sprechen werde. Nun möchte ich von einer anderen Seite her ein paar andere Betrachtungen vor Ihre Seele rufen.

Der Mensch, wie er als Mensch in die Welt tritt, ist eigentlich ein sehr kompliziertes Wesen. Wenn er so als Mensch in die Welt tritt - ich habe das ja schon oft erwähnt -, dann kann er zunächst nicht aufrecht stehen. Er kriecht; anfangs kriecht er sogar nicht einmal. Er lernt nach und nach die Kräfte bemeistern, die ihn aufwärts bringen. Versuchen wir einmal schematisch auf zuzeichnen, was da eigentlich vorliegt: Hier [es wird zu zeichnen begonnen] die Erde. Der Mensch, zunächst ein horizontales Wesen; er richtet sich auf, wird vertikal. Das ist eine Errungenschaft der menschlichen Natur selbst, sich in die Vertikale zu stellen. Nun, wer tut denn das eigentlich? Ich sagte: Es ist ein Ergebnis der menschlichen Natur selbst. Aber der Mensch hat Hilfe, Hilfe von allen Hierarchien, indem er seinen Lebenslauf durchläuft. Was kommt ihm denn zu Hilfe, wenn er sich zum Stehen, zum Gehen erhebt? Zu Hilfe kommen ihm die Kräfte, die aus der Erde heraus wirken gegen die Weiten des Weltenraums zu. Diese Kräfte stellen Kräfte der Erde dar. Heute sprechen die Physiker nur von solchen Kräften der Erde, die eben physikalische Kräfte sind: Anziehungskraft, Schwerkraft. Aber die Erde ist nicht bloß ein physikalischer Körper, sondern ein geistig-seelisches Wesen, und indem wir uns als Kind zum Aufrechtgehen aufrichten, da vereinigen wir uns mit den Willenskräften, die aus der Erde herausdringen. Der Wille der Erde durchdringt unser Sein. Wir lassen den Willen der Erde in uns einfließen und stellen uns in die Richtung des Willens der Erde aufrecht hinein. Verbündung mit dem Willen der Erde ist es. Aber dem Willen der Erde ist gegnerisch ein Wille, der vom Weltenall hereinwirkt, und der wirkt von allen Seiten herein. Indem wir uns aufrichten, wissen wir es zwar nicht, aber es ist der Fall. Es wirken überall, von allen Seiten, die Kräfte herein. Wir stoßen, indem wir uns aufrichten, immer an solche Kräfte an, die von außen hereinkommen.

286-26
286-26

Heute hat das auf der Erde keine besondere Bedeutung mehr, aber auf dem alten Mond hatte es noch eine große, eine riesengroße Bedeutung. Nämlich auf dem Mond war es so, daß der Mensch in einer gewissen Weise von seiner ersten Kindheit an bis später eine andere Richtung angenommen hat, daß er sich in die Willensrichtung des Mondes hineinzustellen hatte. Dadurch hat er die erste Anlage bekommen zu der Schädeldecke. Heute haben wir sie schon ererbt, aber auf dem Mond mußten wir sie uns noch erwerben. Da arbeiteten wir in uns gegen die äußeren Willenskräfte. So etwa, wie eine Lokomotive arbeitet, wenn sie Schnee zurückschieben muß, so schob der Mensch die Willenskräfte des Kosmos zurück, und dadurch preßte sich sein weicher Schädel zur Schädeldecke. Heute brauchen wir das nicht mehr, heute ist es Vererbung; wir brauchen nicht mehr die Schädelknochen zu bilden. Aber im Ätherleib, da bilden wir sie noch, indem wir uns aufrichten, da verdichtet sich das hier auf dem Kopfe noch, was Ergebnis ist des Kampfes zwischen den Kräften, die von der Erde ausstrahlen, und den Kräften, die von allen Seiten herankommen. So daß wir sagen können: Wenn wir den Ätherleib betrachten, da finden wir noch, daß der Mensch mit den beiden Beinen gerade Linien aufrichtet und entgegenarbeitet den Kräften, die von außen kommen. Und der Ätherleib wird verdichtet, so daß wir sagen können: da entsteht diese Form. Wir richten uns auf. Die physischen Beine haben oben ihre Verbindung, die Ätherbeine gehen weiter hinauf. Dadurch verdichtet sich hier der Ätherleib des Kopfes, und durch die Bildung des Gehirns entsteht auch heute noch im Ätherleib der verdichtete Ätherkopf. Aber nicht nur geschieht das im Kindesalter, sondern, indem der Mensch sieben Lebensperioden durchmacht - vom ersten bis siebten Jahr, vom siebten bis vierzehnten Jahr und so weiter -, da bilden sich immer neue Linien, solche verschiedengeartete Kräfte, die nach oben gehen. So daß, wenn wir das Alter erreicht haben, von dem wir ja schon sagen dürfen, daß wir durch dieses Alter wirklich im vollen Sinne des Wortes Mensch geworden sind, wenn wir das fünfzigste Lebensjahr überschritten haben - nicht wahr, das ist schon eine ganz respektable Menschheit -, dann haben wir zu den ersten starken Säulen, die wir während der ersten sieben Jahre gebaut haben, immer weitere Säulenpaare hinzugefügt. Im Ätherleib zeigen sie sich in verschiedenen Farben. Und jedesmal machen wir unsere Ätherdecke stärker, indem wir diese - man möchte sie «Lebenssäulen» nennen -, indem wir diese Lebenssäulen ausbilden. Mit den ersten sieben Jahren ist das erste Paar abgeschlossen, mit dem vierzehnten Jahr das zweite Paar, mit dem einundzwanzigsten Jahr das dritte Paar, mit dem neunundvierzigsten Jahr endlich das siebente Paar. Und mit jedem Paar solcher Lebenssäulen tragen wir sicherer unsere ätherische Schädeldecke.

286-27
286-27

Brauchen Sie noch mehr, als sich vorzustellen, daß der Mensch anfängt zu leben, daß er das Leben durchwandert, und nach je sieben Jahren verschieden gestaltete Säulen in sich aufrichtet, die seine Schädeldecke tragen?! Brauchen Sie mehr? Sie brauchen nicht mehr. Wenn Sie das nehmen, haben Sie lebendig erfaßt die innere Form unseres Baues, was den größeren Rundbau betrifft. Sie gehen im Westen hinein und sagen sich: Jetzt ist es so bis zum ersten Säulenpaar, wie der Mensch sich entwickelt in seinen ersten sieben Lebensjahren; weiter ist es so bis zum zweiten Säulenpaar, wie der Mensch sich entwickelt bis zum vierzehnten Lebensjahr, noch weiter bis zum einundzwanzigsten Lebensjahr und so weiter, und immer haben Sie um sich die ätherische Decke Ihres Hauptes; Sie haben den lebendigen Menschen in die Formen ergossen, aber so, wie er ist, wie er lebt in seinem Ätherleibe.

Sehen Sie, das wird der Fortschritt von der Gotik zur geisteswissenschaftlichen Baukunst sein: In der Gotik war das Gebet: «O Vater der Welt, laß uns mit Dir in Deinem Geiste vereinigt sein!» So ist die Gotik geformt. Und diejenigen, die sich dazu bequemen werden, das anzunehmen, was diesem Gebet gewährt wird, die wirklich verstehen die lebendige Entfaltung der Geisteswissenschaft, die werden enträtseln das Rätsel des Menschen in seinem Werden. Und dann wird der Mensch - nachdem die Formen des baukünstlerischen Gedankens gestrebt haben, sich mit dem Geiste zu vereinigen, aber zunächst das Streben darstellend -, dann wird er fühlen, wie er als Mensch durchgeistigt wurde von dem verborgenen Geiste, und als Umhüllung ein Haus um sich haben kann, das unmittelbar das menschliche Wesen zum Ausdruck bringt, das menschliche Wesen in seinem inneren, seinem lebendigen Werden erfaßt.

«Wir leben in der Landschaft, aber der Geist ist unter uns» — so sagte der griechische baukünstlerische Gedanke.

«Wir leben im Hause, oder besser gesagt, wir im Hause, und der Geist kommt zu uns in unseren Raum», - das ist der christliche baukünstlerische Gedanke.

«Wir weilen im Hause, aber wir erheben die Seele dadurch, daß wir uns ahnend zum Geiste erheben», - das ist der gotische baukünstlerische Gedanke.

«Wir gehen in Verehrung in den Geist ein, auf daß wir eins werden mit dem Geiste, der sich ausgießt um uns herum in den Formen, weil um uns herum die Geister der Form sind, und der in Bewegung kommt, weil hinter den Geistern der Form die Geister der Bewegung stehen», - das ist der neue baukünstlerische Gedanke!

So schreitet das Dasein über die Erdenentwickelung hin, und der Mensch hat die Aufgabe, den inneren Sinn und die innere Bedeutung dieses Daseins zu erfassen. Er geht nur dann mit der wirklichen Entwickelung mit, wenn er sich bemüht, in jeder Zeit mitzuerleben das, was ihm die geistige Welt gerade für die Entwickelungsepoche seiner Zeit gibt.

Warum gehen wir als Seelen durch verschiedene Inkarnationen, durch die aufeinanderfolgenden Inkarnationen? Nicht deshalb, um immer dasselbe zu erfahren, nicht deshalb, um immer wiederum und wiederum Renaissance nach Renaissance zu erleben, sondern um immer das Neue, das aus den geistigen Welten sich ergießt, in unsere Seelen aufzunehmen. In dieser Beziehung stehen wir wirklich an einem Punkte der Menschheitsentwickelung - auch in künstlerischer Beziehung, und in mancher geistiger Beziehung -, in dem deutlich der Geist zu uns von neuen Rätseln spricht. Und so, wie sich in der Zeit der Renaissance der Mensch zunächst nur orientieren sollte an dem, was vergangen war, um sich hindurchzuarbeiten zu etwas Neuem, so ist es auch mit unserem äußeren Welterkennen und Weltenfühlen. Dasjenige, was die neuere Zeit seit dem 16. Jahrhundert gebracht hat, das war gerade die Vorbereitung nur zu dem Erfühlen der Welt in ihren Formen und in ihren Bewegungen, die jetzt wie Rätsel vor uns stehen.

Dies für heute. In einer nächsten Betrachtung werde ich versuchen, eine noch intimere Frage anzugreifen: was uns wird bezüglich des Verhältnisses der lebendigen Seele durch die ganze Natur hinurch, wenn wir die Farbe, und mit der Farbe die malerische Kunst ins Auge fassen.

German original of The New Conception of Architecture · ← Previous · Next →